10/27/11

Die Indigenen von Puerto Gaitán

27.10.2011 | von Ann-Seline Fankhauser

Obwohl Puerto Gaitán die dritte Gemeinde Kolumbiens mit dem grössten Einkommen aus dem Ölgeschäft ist, ist die Sterblichkeitsrate indigener Kinder 3 mal grösser als im restlichen Kolumbien.[1]

 

Unterernährte Kinder

Nachdem die Wochenzeitschrift Semana die skandalöse Ziffer von 13 Todesfällen alleine im laufenden Jahr Ende September öffentlich machte, schickte das Instituto Colombiano de Bienestar Familiar (ICBF) Mitarbeiter nach Puerto Gaitán um den Anschuldigungen nachzugehen und kam zum Schluss, dass diese haltlos seien. Demnach seien in nur 3 Fällen von Kindersterben Zeichen der Unterernährung festgestellt worden, wobei diese aber letztendlich nicht die Todesursache war. Nicht erwähnt wird, dass gerade die Unterernährung die Kinder für vielerlei, normalerweise ungefährliche Krankheiten, enorm anfällig macht. Ein anderes Urteil seitens des ICBF hätte jedoch erstaunt, da dieses seit 2 Jahren zusammen mit der Lokalregierung ein Programm zur Nahrungs- und Ernährungssicherheit der indigenen Bevölkerung von Puerto Gaitán führt. Es scheint jedoch offensichtlich, dass die in verschiedenen Verträgen festgehaltenen Investitionen über mehrere tausend Millionen Pesos zur Bekämpfung der Unterernährung der indigenen Kinder in Puerto Gaitán nie bis in die indigenen Schutzgebiete gelangt sind.

Für die weitverbreitete Unterernährung der indigenen Kinder in Puerto Gaitán werden verschiedene Faktoren angeführt. Am stärksten betroffen sind Kinder der Ethnie der sikuani vormals Nomaden die mit der Ankunft der grossen Ölfirmen und den Agroindustriellen Grossunternehmen im Departement Meta in 9 sogenannten resguardos (indigene Schutzgebiete) angesiedelt wurden. Die resguardos bieten ungenügendes und oftmals unfruchtbares Land die zur landwirtschaftlichen Nutzung unbrauchbar sind. Dies führt dazu, dass die indigenen Schutzgebiete unter einer ständigen Hungerkrise leiden. Zudem sind Wasserquellen und Boden durch die Ölförderung und die agroindustrielle Bewirtschaftung des Landes verschmutzt. Unterernährung und verschmutztes Wasser führen zu einer erhöhten Anfälligkeit der Kinder für Krankheiten. Die Abgelegenheit der resguardos erschwert zudem den Zugang zu medizinischer Versorgung für die indigene Bevölkerung. Wenn traditionelle Heilmethoden nicht mehr helfen, ist es dann oftmals schon zu spät wenn die Eltern nach stundenlangen Fussmärschen mit ihren Kindern das Spital in Puerto Gaitán erreichen, in welchem auch nur eine medizinische Grundversorgung gewährleistet werden kann.

 

Die vergessene Hälfte der Bevölkerung

Das geringe Interesse, welches der indigenen Bevölkerung seitens der Behörden entgegen gebracht wird, manifestiert sich nicht nur in der Verleugnung der Unterernährung der indigenen Kinder. Gerade jetzt, kurz vor den Lokalwahlen, zeigt sich: „Los indígenas solo existen en época electoral en Puerto Gaitán.“[2] Nur in dieser Zeit verirren sich die Kandidaten in die Abgeschiedenheit der resguardos wo sie mit dem Verteilen von Essen und grossen Versprechen die Stimmen der Indigenen zu gewinnen suchen. Doch von all den Versprechen der letzten paar Jahre ist nicht viel übrig geblieben. Und wenn dann mal in den resguardos investiert wird, wird die indigene Bevölkerung nicht in die Entscheide mit einbezogen und nicht angehört. Dies führt zu unsinnigen, oftmals unbrauchbaren Investitionen. So geschah es denn auch mit den Programmen zur Bekämpfung der Unterernährung der indigenen Kinder welche die Ernährungsgewohnheiten der Indigenen nicht berücksichtigen. Anstelle ihrer traditionellen Nahrungsmittel erhalten sie Bohnen und Linsen, welche durch das Fehlen geeigneter Töpfe zudem nicht ordnungsgemäss verarbeitet werden können und somit unbrauchbar sind.

Mit der Ausbeutung der Ölressourcen in Puerto Gaitán wurde die indigene Bevölkerung ihrer Lebensgrundlage beraubt. Die Alternative die ihnen geboten wird ist ungenügend und hat zu einer andauernden Hungerkrise in den resguardos geführt. Von den hohen Einnahmen aus der Ölindustrie kriegt die indigene Bevölkerung, welche die Hälfte der im Departement Meta ansässigen Bevölkerung ausmacht, praktisch nichts zu Gesicht. Die wenigen Unterstützungs- und Hilfsprogramme die den Indigenen zu Gute kommen sollten, sind oftmals fehlgeleitet und nicht auf die Bedürfnisse der Bevölkerung abgestimmt.

Eine nicht korrekt funktionierend Gemeindeadministration, Fehlinvestitionen der enormen Gewinne aus dem Ölgeschäft und ein sesshaft gemachtes Nomadenvolk, das sich an die neuen Lebensumstände nicht genügend anpassen konnte sind der Ursprung der skandalös hohen Sterblichkeitsrate unter den indigenen Kindern von Puerto Gaitán. Im Auge des Sturms befindet sich der Bürgermeister Oscar Bolaños dem schwere Unregelmässigkeiten beim Umgang mit den Gewinnen aus dem Ölgeschäft vorgeworfen werden.

 

Mehr Informationen:

http://www.semana.com/nacion/fisica-hambre/164662-3.aspx

www.lasillavacia.com/historia/los-indigenas-solo-existen-en-epoca-electoral-en-puerto-gaitan-28431


[1] Kindersterblichkeitsrate: Puerto Gaitán, 61 Kinder auf 100'000 Einwohner; Kolumbien, 20 auf 100'000 Einwohner, siehe: http://www.semana.com/nacion/fisica-hambre/164662-3.aspx

[2] http://www.lasillavacia.com/historia/los-indigenas-solo-existen-en-epoca-electoral-en-puerto-gaitan-28431, Übersetzung: Die indigenen existieren in Puerto Gaitán nur während der Wahlen.

 

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26.10.2016

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