10/30/15

Sterbliche Überreste der Verschwundenen aus dem Justizpalast gefunden

30.10.2015 | Von Regula Fahrländer

30 Jahre sind seit der Übernahme und der Rückübernahme des Justizpalastes vergangen. Ebenso lange sind elf Personen verschwunden. Nun sind die sterblichen Überreste von drei von ihnen gefunden worden, was aber neue Verschwundene impliziert. So werden einige Familien nach 30 Jahren endlich trauern können, bei anderen geht die Suche nach ihren Verschwundenen los. Damit teilen sie das Schicksal von Tausenden von Familien in Kolumbien.

Zwei Wochen bevor sich die Übernahme und die Rückübernahme des Justizpalastes am 6. und 7. November zum 30sten Mal jähren, wurden die sterblichen Überreste von Cristina del Pilar Guarín, Luz Mary Portela León und Lucy Amparo Oviedo gefunden. Erstere beide waren am Tag der Übernahme des Justizpalastes in der Cafeteria erwerbstätig. Ihre Überreste wurden auf einem Friedhof im Norden Bogotás gefunden. Die sterblichen Überreste von Lucy Amparo Oviedo, die sich an diesem Tag zufällig im Justizpalast aufhielt, wurden in Kisten, die 1998 von der Staatsanwaltschaft auf einem Friedhof im Süden Bogotás beschlagnahmt wurden und nun dank neuen genetischen Technologien identifiziert werden konnten, gefunden.

Die sterblichen Überreste der beiden Frauen im Norden Bogotás, befanden sich in Gräbern, die der angehenden Juristin Libia Rincón Mora und der Besucherin des Justizpalastes María Isabel Ferrer de Velásquez, zugeordnet waren. Ihre Angehörigen haben während 30 Jahren um falsche Tote getrauert. Weiter haben die neu aufgerollten Untersuchungen und die neuen technischen Möglichkeiten ergeben, dass sich in einigen Grabstätten zwei unterschiedliche genetische Profile befinden und sich in einem anderen Grab, wo eigentlich eine Frau begraben liegen sollte, männliche DNA befindet.  

Neue Fragen werden aufgeworfen
Damit scheint sich die Frage nach dem Wo in drei Fällen zu klären, und in anderen erst mit 30 jähriger Verspätung zu stellen. Nebst dem Verbleib der weiteren sieben Verschwundenen des Justizpalastes gibt es bei den eigentlichen Ereignissen noch immer viel zu klären. Die AnwältInnen der Opfer betonen, dass ein Jahr, nachdem der Interamerikanische Menschenrechtshof den kolumbianischen Staat im Falle des Justizpalastes schuldig gesprochen hat, das Urteil noch nicht erfüllt wurde. Besonders der Verpflichtung, die Vorkommnisse von Folter, Verschwindenlassen und extralegalen Hinrichtungen zu recherchieren, wurde nur mangelhaft nachgegangen. Auch haben die Familien der Angehörigen nach wie vor keine psychologische Betreuung erhalten, noch hat der kolumbianische Staat, namentlich Präsident Santos, die Ereignisse öffentlich anerkannt, wie dies das Urteil der internationalen Instanz festhält[1].

Auf anderer Ebene scheint aber plötzlich Bewegung in die Untersuchungen zu kommen. Die Staatsanwaltschaft hat Ende Oktober 14 einstige Militärangehörige vorgeladen. Dabei geht es um Fälle von Folter bei der Rückübernahme des Justizpalastes. StudentInnen und Angestellte, namentlich Eduardo Matson y Yolanda Santodomingo, wurden bei der Befreiung vom Militär abgeführt und daraufhin unter Folter zu ihrer vermeintlichen Partizipation in der Guerilla befragt[2].

Debatte über die Konsequenzen
Die Funde der Grabstätte haben sogleich eine Debatte über die Auswirkung auf die beiden verurteilten Militärgeneräle Plazas Vegas und Arias Cabrales ausgelöst. Einige befürchten, diese werden nun damit entlastet, andere hoffen, durch neue Beweise werde ihre Verantwortung klarer belegt. Obwohl keiner der Fälle der drei Frauen direkt zur Verurteilung von Plazas Vegas geführt hatte, nutzte dieser die Funde umgehend, um seine Unschuld zu beteuern. Damit sei bewiesen, dass er die Wahrheit gesagt hätte. Für das Verschwinden von Luz Mary Portela wurde der Militäroberst Jesús Armando Arias Cabrales verurteilt. Dennoch ändern die gefundenen sterblichen Überreste nichts an den Beweisen, auch Videoaufnahmen, die belegen, dass die Verschwundenen lebend aus dem Justizpalast flohen und dennoch nie zu Hause ankamen. Laut internationalen Normen definiert sich das Verbrechen des Verschwindenlassens über das Element der vorsätzlichen Verheimlichung des Verbleibes einer Person[3]. Wird die Grabstätte gefunden, läuft der Fall neu unter der Kategorie der Gefundenen, was aber nichts am einstigen Verschwinden ändert. Bestenfalls kommen durch die gefundenen Überreste weitere Informationen zu den Ereignissen vom November 1985 zutage. Noch unklar ist, ob die Erkenntnisse veröffentlicht werden und den Familien die Überreste übergeben werden.

Erzwungenes Verschwindenlassen auch Thema auf Kuba
In der gemeinsamen Mitteilung Nr. 62 vom 17. Oktober haben sich auch die Delegationen der FARC und der Regierung der Problematik des Verschwindenlassens angenommen[4]. Darin geben sie bekannt, dass sie sich auf ein gemeinsames Vorgehen bei der Suche nach Vermissten geeinigt haben. Konkret sollen zum einen humanitäre Massnahmen zur Suche, Lokalisierung, Identifizierung und würdigen Übergabe von Überresten der Opfer vorangetrieben werden, zum anderen eine Spezialeinheit zur Suche der vermissten Personen ins Leben gerufen werden. Bei der ersten Aufgabe wird das Internationale Rote Kreuz mitwirken. Staatliche Stellen verpflichten sich zur Beschleunigung ungeklärter Fälle, die FARC zur Bekanntgabe von hilfreichen Informationen. Organisationen von Angehörigen von Verschwundenen begrüssen diesen Entscheid und betonen, dass dies zur Wahrheitssuche beitragen werde.

Das Verschwindenlassen begann in Kolumbien unter der Doktrin der nationalen Sicherheit in den 60er Jahren. In den 80er und 90er Jahren wurde das Phänomen zu einem systematischen und flächendeckenden Repressionsmechanismus gegen die Opposition. Anders als im Süden Lateinamerikas, wo die Praktik des Verschwindenlassens während den Diktaturen in Chile, Paraguay und Argentinien heute allgemein bekannt ist, wird die Problematik in Kolumbien selten thematisiert. Bis anhin mangelt es an sozialer und öffentlicher Anerkennung, obwohl davon ausgegangen werden muss, dass das Ausmass wesentlich verbreiteter sein könnte. Das Registro Único de Víctimas von der Unidad de Atención y Reparación Integral a las Víctimas geht von 25‘007 verschwundenen Personen aus. Im Rahmen der Thematisierung der Problematik am Verhandlungstisch, sagte Carlos Eduardo Valdés, Direktor der Rechtsmedizin, bis anhin hätten sie 23‘000 Verschwundene registriert. Denkbar sei aber durchaus, dass die Zahl auf über 40‘000 steige[5]. Generell herrscht in Kolumbien viel Ungewissheit über das Ausmass. Andere Quellen, etwa das nationale Register von Verschwundenen, zählt gar 89‘736[6].

2016 muss der kolumbianische Staat erstmals vor dem UN-Ausschuss für erzwungenes Verschwindenlassen Bericht ablegen. Bestenfalls wird auch dies zur vermehrten Thematisierung der Problematik beitragen.

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[1] Colectivo de Abogados CAJAR, 21.10.2015, Estado colombiano debe saldar deuda histórica con víctimas del caso Palacio de justicia http://www.colectivodeabogados.org/?Estado-colombiano-debe-saldar-deuda-historica-con-victimas-del-caso-Palacio-de

[2] El Espectador, 22.10.15, ¿Quiénes son los militares llamados a indagatoria por torturas en el Palacio de Justicia? http://www.elespectador.com/noticias/judicial/quienes-son-los-militares-llamados-indagatoria-torturas-articulo-594370

[3] ContagioRadio, 21.10.15, Sentencia contra Plazas Vega es “una decisión en firme”http://www.contagioradio.com/sentencia-contra-plazas-vega-es-una-decision-en-firme-articulo-16049/

[4] Mesa de Conversación, 17.10.15, Comunicado conjunto # 62,   https://www.mesadeconversaciones.com.co/sites/default/files/comunicado-conjunto--1445137230.pdf

[5] El Espectador, 18.10.15, 23 mil casos de desaparición forzada han sido registrados por Medicina Legal, http://www.elespectador.com/noticias/judicial/23-mil-casos-de-desaparicion-forzada-han-sido-registrad-articulo-593512

[6] El Espectador, 18.10.15, La búsqueda de miles de desaparecidos,  http://www.elespectador.com/noticias/politica/busqueda-de-miles-de-desaparecidos-articulo-593539  

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

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Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com