28.06.2019

Postkonflikt: hartnäckige geschlechtsspezifische Gewalt

28.06.2019 | Von Fabian Dreher

Das hartnäckige Fortbestehen geschlechtsspezifischer Gewalt ist ein Hindernis für den territorialen Frieden in Kolumbien. In den ehemals vom bewaffneten Konflikt betroffenen Gebieten ist die Reduktion von geschlechtsspezifischer und sexueller Gewalt ein entscheidender Faktor zur Verankerung des sozialen Friedens.

 

Zusammen mit den Frauen und LGBTI-Gemeinschaften von drei vom bewaffneten Konflikt betroffenen Regionen – Puerto Asís und San Miguel (Putumayo), Apartadó (Antioquia) und Tumaco (Nariño) – erarbeitete die Stiftung Fundación Ideas para la Paz (FIP) die Herausforderungen der geschlechtsspezifischen Gewalt für den Frieden. Der Bericht Las violencias de género en la transición: legados del conflicto armado y desafíos para la paz[1] fasst diese Herausforderungen zusammen und entwickelt Empfehlungen, um die Frauen und LGBTI-Personen in den Aufbau des territorialen Friedens in den Regionen einzubeziehen.

 

Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der Regierung Kolumbiens und den FARC hat sich die humanitäre Lage in den vom bewaffneten Konflikt betroffenen Gebieten verschlechtert. Damit einhergehend hat auch die geschlechtsspezifische Gewalt in diesen Regionen deutlich zugenommen. Insbesondere die bewaffneten Auseinandersetzungen illegaler Gruppierungen um die territoriale Kontrolle tragen zur Gewalt an Frauen und LGBTI-Personen sowie zur lokal verbreiteten Unsicherheit bei. Wie in ganz Kolumbien haben Sexualdelikte und häusliche Gewalt zwischen 2010 und 2018 mehr oder weniger kontinuierlich zugenommen.

 

Verschiedene Faktoren tragen zu dieser Entwicklung bei. Bei den Behörden geniesst die Bekämpfung der sexuellen und häuslichen Gewalt keinen hohen Stellenwert. In den vom bewaffneten Konflikt betroffenen Gebieten kommt hinzu, dass verschiedene staatliche Behörden schlicht gar nicht existieren oder kaum über eine Durchsetzungsmacht verfügen. Oder dass die lokale Bevölkerung ihnen auf Grund des Verhaltens der öffentlichen Sicherheitskräfte misstraut. Teils haben bewaffnete illegale Gruppierungen in den von ihnen kontrollierten Gebieten staatliche Funktionen (Sicherheit, Justiz, etc.) übernommen. Diese Gruppierungen richteten sich aber meist mindestens so stark wie die staatlichen Behörden nach Geschlechtsstereotypen. Autonomie und Sicherheit von Frauen sowie LGTBI-Personen wurden dadurch nicht gestärkt. Geschlechtsstereotypien sind kulturelle Phänomene, die unabhängig vom bewaffneten Konflikt die gesamte Gesellschaft Kolumbiens durchdringen. Illegale bewaffnete Gruppierungen machen sich jedoch die sexuelle Gewalt als Form der sozialen Kontrolle von Frauen und Kindern zu Nutze.

 

In den vom bewaffneten Konflikt betroffenen Gebieten überlagern sich physische und wirtschaftliche Gewalt. Da Frauen und von Frauen geführte Haushalte überdurchschnittlich wirtschaftlich verletzlich sind, können sie sich auch überdurchschnittlich schlecht vor Gewalt schützen. Besonders verletzlich sind dabei LGBTI-Personen, die oft am Rande der Gesellschaft leben und von ihren Familien sowie der lokalen Gemeinschaften ausgegrenzt werden. Ihre Marginalisierung macht sie besonders anfällig für gewaltsame Übergriffe.

 

Wie können nun Frauen und LGBTI-Personen besser in die Friedensförderung und die territoriale Entwicklung integriert werden? Erstens benötigt die Politik für Sicherheit und Zusammenleben (Política de Seguridad y Convivencia) der kolumbianischen Regierung eine Geschlechterperspektive. Im Zentrum stehen dabei Fragen zu den Auswirkungen militärischer Einsätze auf die geschlechtsspezifische Gewalt. Die Massnahmen des Verteidigungsministeriums zur Wiederherstellung der territorialen Kontrolle müssen unbedingt auf ihre Auswirkungen auf die sexuelle Gewalt und die Sicherheit von Frauen und LGBTI-Personen überprüft werden. Zweitens sollte die Regierung Kolumbiens sicherstellen, dass die Geschlechterperspektive nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch bei der lokalen Umsetzung des Friedensabkommens überall zur Anwendung kommt. Dazu gehören auch die Anliegen der LGBTI-Personen, die teils spezifischen Diskriminierungen ausgesetzt sind. So ist es gemäss Dekret 762 von 2018 auch Aufgabe der nationalen Regierung, die Mittel zum Schutz der sozialen Rechte von LGBTI-Personen zur Verfügung zu stellen. Drittens muss die kolumbianische Regierung für hindernis- und diskriminierungsfreien Zugang aller zum öffentlichen Raum sorgen. Dabei spielen die lokalen Aktionskomitees eine entscheidende Rolle in der Garantie von Sicherheit und Prävention von Gewalt, insbesondere in Gemeinschaften, in denen Frauen und LGBTI-Personen eine zentrale Rolle spielen.

 

Viertens muss der Zugang zur Justiz für alle, insbesondere auch für ökonomisch Schwache, Marginalisierte und LGBTI-Personen sichergestellt werden. Dies trägt stark zum Sicherheitsgefühl der von Gewalt betroffenen Bevölkerung bei. Generell müssen Frauen und LGBTI-Personen in alle Entscheide, die sie betreffen einbezogen werden. Wirtschaftliche Unabhängigkeit trägt dabei überproportional zur Sicherheit von Frauen und LGBTI-Personen und zur Bekämpfung sexueller und häuslicher Gewalt bei. Auch der privatwirtschaftliche Sektor sollte in diese Entwicklungen eingebunden werden. Als ökonomische Subjekte tragen Frauen in zunehmendem Masse zu einer starken lokalen Wirtschaft bei.

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22.08.2019

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Sie organisierte Film- und Diskussionsabende, Pubquizze und ein Jass- und Tichuturnier und hielt anlässlich des Internationalen Menschenrechtstags Predigten in katholischen und reformierten Kirchen.

Sie lobbyierte im Rahmen der Konzernverantwortungsinitiative für eine verbindliche Sorgfaltsprüfungspflicht für Unternehmen, verfasste und unterstützte verschiedene offene Briefe und Petitionen an die Regierungen der Schweiz und Kolumbiens. Elf Mal versandte die ask! 2018 einen umfassenden Newsletter mit Monatsbericht zur Lage der Menschenrechte in Kolumbien und aktuellen Entwicklungen.

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