02/27/15

Die schwierige Suche nach einer gemeinsamen Wahrheit

27.02.2015 | Von Stephan Suhner und Laura Knöpfel

Zwölf Wissenschaftler/innen schrieben je einen Essay über die Geschichte des Konfliktes in Kolumbien. Die Essays lesen sich so unterschiedlich, dass nicht von der Geschichte über den Konflikt sondern von zwölf unterschiedlichen Geschichtsversionen über die letzten Jahrzehnten in Kolumbien gesprochen werden muss. Anschaulich illustrieren die Erzählungen die komplizierte Suche nach einer Wahrheit oder einem gemeinsamen Geschichtsverständnis. So unterschiedlich die wissenschaftlichen und politischen Hintergründe der Essayisten/-innen sind, so unterschiedlich ihre Wahrnehmung und ihre Interpretation der Geschehnisse.

Der Auftrag für das Verfassen der Essays erteilte der Verhandlungstisch in Havanna. Zudem wurden Eduardo Pizarro, aktueller Botschafter Kolumbiens bei der UNO in Genf und Bruder vom M-19 Kommandanten und Ex-Präsidentschaftskandidaten Carlos Pizarro, sowie Víctor Manuel Moncayo, Professor und ehemaliger Rektor der Universidad Nacional gebeten, am Schluss einen zusammenfassenden Bericht zu erstellen. Nur waren die Erzählungen so unterschiedlich, dass sich die zwei Berichterstatter nicht auf ein gemeinsames Dokument einigen konnten und nun zwei Syntheseberichte vorliegen.
Die Gruppe der zwölf Essayisten/-innen bilden weder eine Wahrheitskommission im eigentlichen Sinne noch erfüllen sie die Kriterien für eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Vergangenheit. Vielmehr gewähren die Erzählungen tiefgründige Einblicke in das Geschehene und widerspiegeln die unterschiedlichen Forschungsschwerpunkte und politischen Heimaten der Wissenschaftler/innen. Die Essays gliedern sich nach den folgenden zentralen Fragen. Weshalb und wann entstand der Konflikt? Wieso zog er sich dermassen in die Länge und wie wirkt er sich auf das Land aus? Das Ausmass des Dissenses über diese drei Fragen überrascht. Trotz der Unterschiedlichkeit der Erzählungen sind sich die Autoren/-innen einig darüber, dass die immer wieder gescheiterten Landreformen, das ungelöste Agrarproblem und die schwachen staatlichen Institutionen den Konflikt massgeblich beeinflussten.  

1.    Wann begann der Konflikt?
Die Grupo de Memoria Histórica mit ihrem Bericht “Basta ya!” definiert das Jahr 1958 als Beginn des heutigen Konfliktes. 1958 bildeten die Liberalen und Konservativen die politische Koalition „„Nationale Front“¨“ mit dem Ziel, die Macht von General Rojas Pinilla zurück zu erobern. Der ganze Staatsapparat wurde mit liberalen und konservativen Parteimitgliedern besetzt und die Präsidentschaft alternierte alle vier Jahre zwischen den beiden Parteien. Anderen Parteien war die Teilnahme am Politbetrieb untersagt und die Kommunisten kandidierten zum Teil im linken Flügel der Liberalen Partei.
Einige der Essayisten/-innen führen die Entstehung des Konfliktes auf die 1920er Jahre zurück. Kapitalistische Wirtschaftsreformen starteten und wirkten sich drastisch auf das ländliche Leben aus. Landkonflikte entstanden und verschärften sich, was vierzig Jahre später zu der Gründung der FARC geführt hätte. Für diesen Teil der Autoren stellt sich die Frage, ob die FARC nicht auch Opfer der noch immer ungelösten Landfragen und den Ungerechtigkeiten in diesem Bereich sind. In ihren Essays zieht sich die Land- oder Agrarfrage als roter Faden durch die verschiedenen Phasen des Konfliktes.
Die FARC kritisiert die Grupo de Memoria Histórica für ihre Definition des Jahres 1958 als Ursprungsjahr für den Konflikt. Vielmehr führen sie die Entstehung des Konfliktes auf die Gewaltwelle namens Violencia, welche auf die Ermordung des linksliberalen Präsidentschaftsanwärters Gaitán im April 1948 folgte, zurück. In Übereinstimmung mit dieser Sichtweise führt ein Wissenschaftler die heutige Gewalt auf die damalige Phase der Violencia zurück und zieht damit eine kontinuierliche Linie zwischen den verschiedenen Epochen der Gewalt. Ein anderer Teil der Essayisten/-innen plädiert für die Unterschiedlichkeit zwischen der Violencia und der heutigen Gewalt. So weise die Violencia einen bürgerkriegsähnlichen Charakter auf, während der heutige Konflikt ganz im Zeichen der Aufstandsbekämpfung stehe. Eine weitere Gruppe der Essayisten/-innen interpretiert den Niedergang des Regierungspaktes der Nationalen Front als Startschuss für den Konflikt.
So unterschiedlich die Frage nach dem Ursprung des Konfliktes beantwortet wurde, so einig waren sich die Wissenschaftler/innen über die Rolle der Paramilitärs, welche in den 1980er Jahre den Konflikt enorm angeheizt und ihn bis heute geprägt hätten.

2.    Worin liegen die Gründe für den Konflikt?
Grosse Uneinigkeiten manifestieren sich bei der Beantwortung der Frage nach dem „warum und weshalb“ des Konfliktes. Ein Teil der Wissenschaftler/innen betont die schädliche Rolle des Kapitalismus und der sozialen Ungleichheit und zieht einen kausalen Zusammenhang zwischen der Ungerechtigkeit und dem gewalttätigen Konflikt. Ein anderer Teil akzentuiert die politischen und ideologischen Entscheidungen verschiedentlichster Akteure, welche zum Griff zu den Waffen führte.
Ein weiterer sehr umstrittener Punkt ist die Rolle der Koalition der „Nationalen Front“¨ im Konflikt. Einige Autoren sehen den mangelnden Parteienpluralismus während dieser Phase als mitschuldig für den bewaffneten Aufstand. Andere vertreten die Meinung, dass die Politiker/innen der „Nationalen Front“ die Gewalt erfolgreich eingedämmt und wichtige Reformen durchgeführt hätten. Einigkeit herrscht darüber, dass die „Nationale Front“ Probleme wie Wahlabstinenz und Klientelismus förderte. Tatsache ist, dass während der politischen Herrschaft der „Nationalen Front“ das Gewaltniveau am niedrigsten war, und die Gewalt mit der politischen Öffnung deutlich zunahm.

3.    Wer trägt die Hauptschuld am Konflikt?
Es erstaunt kaum, dass die Meinungen bei der Schuldfrage sehr auseinandergehen. Relativ ausgewogen schieben die Wissenschaftler/innen die Hauptschuld den Guerillas, den Paramilitärs oder dem Staat zu. Einige Autoren/-innen bringen bei der Frage nach den schuldigen Akteuren die USA ins Spiel und weisen wiederholt darauf hin, dass die USA kolumbianische Streitkräfte ausbilden und in verschiedenen Bereichen die Autonomie Kolumbiens stark einschränken.
Dissens besteht auch über die Frage, ob die FARC hauptsächlich aus altruistischen oder machtpolitischen Gründen gehandelt haben und immer noch handeln. Während alle Essayisten/-innen den politischen Charakter des Konfliktes anerkennen, gesteht nur einen Teil der Autorenschaft den FARC noch heute politische Motive bei ihren Handlungen zu.
Interessant erscheint die unterschiedliche Charakterisierung des Konfliktes. So beschreiben die Wissenschaftler/innen diesen entweder als einen bewaffneten sozialen Konflikt, als einen Bürgerkrieg, als einen irregulären Konflikt oder als einen Krieg.

4.    Weshalb dauert der Konflikt noch immer an?
Auch die Frage nach den Gründen für die lange Dauer des Konfliktes, wurde sehr unterschiedlich beantwortet. Für manche hat das Wirtschaftssystem des Neoliberalismus den Konflikt verschärft und am Leben erhalten, für andere liegen die Gründe in der institutionellen Schwäche des Staates, in der Privatisierung der Sicherheitsdienste, im Klientelismus oder in der ungeklärten Landfrage. Die meisten Autoren/-innen erwähnen einhellig die Rolle des Drogenhandels als Hauptantrieb des Konfliktes. Ohne dieses illegale Wirtschaften wäre der Konflikt wohl kaum so beharrlich gewesen.
Die zwölf Essays veranschaulichen eindrücklich, wie unterschiedlich der Konflikt wahrgenommen und die Vergangenheit interpretiert wird. Dies wirft die Frage auf, wie künftig ein Modus des friedlichen Zusammenlebens gefunden werden kann und welche Rolle die Suche nach einer gemeinsamen Wahrheit und Geschichtsschreibung dabei spielen wird.

Quelle
Verdad Abierta, 11.02.15, Desacuerdos sobre la guerra, http://www.verdadabierta.com/procesos-de-paz/farc/5613-desacuerdo-sobre-la-guerra

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

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