11/30/10

Bahia Portete ist nicht Geschichte

30.11.2010 | von Sylvia Meyer

Erst anfangs November wendeten sich die hinterbliebenen Wayuu-Frauen von Bahia Portete in der Guajira an die Öffentlichkeit, um neue Drohungen von Paramilitärs zu denunzieren. Nicht ganz zwei Wochen später, am 15. November, verbreiten sie auch freudige Nachrichten: Der Drahtzieher des Massakers im Jahr 2004, „Pablo“, ist gefasst.

Terror in der Guajira

Die Veröffentlichung der Studie „La masacre de Bahía Portete. Mujeres Wayuu en la mira“ am 30. September ist ein historischer Moment für die Frauen. Das Autorenkollektiv „Historische Erinnerung“ der Nationalen Kommission für Wiedergutmachung und Versöhnung (CNRR) zeichnet darin das Massaker vom 18. April 2004 als einen gezielten Angriff von Paramilitärs der Vereinigten Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens (AUC) auf die Frauen von zwei Wayuu-Clans. Die Veröffentlichung bleibt aber nicht ohne Folgen:

Die Leiterinnen der Hinterbliebenenorganisationen, Débora und Telemina Barros, denunzieren in einem Schreiben vom 02. November eine Reihe von Drohungen: Unter anderem sprühten Unbekannte jüngst das Zeichen der paramilitärischen Gruppierung AGC (Gaitanistische Selbstverteidigungskräfte Kolumbiens) an das Haus und raubten das Schild der Organisation Wayuu Munsurat. Sie verfolgten zudem Débora Barros auf der Strasse. Bereits im Juli gab es nach ihren Angaben einen Anschlag auf ihr fahrendes Auto. Wayuu Munsurat schlägt daher unter anderem vor, dass sich befreundete Organisationen an die kolumbianische Regierung wenden, um Schutz der Mitglieder der Organisation zu erbitten.

Der mutmassliche Anführer des Massakers in der Guajira, „Pablo“, war nach Angaben der *Reporteros de Colombia trotz einiger Bemühungen des nationalen Heers nach langer Suche bis Ende September dieses Jahres noch nicht gefasst. „Pablo“ soll auch der Kopf der verschiedenen bis heute aktiven paramilitärischen Gruppen in der Region sein. Am 15. November gaben Wayuu Munsurat jedoch in ihrem Blog dessen Festnahme bekannt. Durch seine Ergreifung können den Hinterbliebenen vermutlich bald viele Fragen beantwortet werden. Die am Massaker beteiligen 20 Männer sind nämlich bislang noch auf freiem Fuss.

Warum die Frauen von Bahia Portete?

Die Behauptung, dass das Massaker Resultat eines internen Konflikts zwischen verschiedenen Wayuu-Clans sei, wird in dem Bericht kritisch hinterfragt. Die Beteiligung eines Ipuana-Wayuu ist zwar unbestritten: „Chema Bala“ soll nach einigen Aussagen gar der intellektuelle Urheber
des Massakers sein. Allerdings kann die Hilfe von „Chema Bala“, der bereits im Oktober 2004 gefasst wurde, eher als eine für die Paramiitärs günstige Allianz angesehen werden. Der Wayuu wollte den zwei fremden Clans seine Macht demonstrieren und den Zugang zum für den Drogenhandel wichtigen Hafen sichern.
Die Opfer werfen auch Militärs Mittäterschaft vor, da einige Männer uniformiert waren und mit einem Fahrzeug des Heers nach Bahia Portete kamen. Zwar bestreiten ihrerseits die Hinterbliebenen bis heute die Beteiligung ihrer Familien an illegalen Geschäften, aber auch diese Version entspricht kaum der vollen Wahrheit. Die Rivalitäten und Interessenkonflikte greifen zur Erklärung des Massakers jedoch zu kurz. Ohne ein Verständnis für die Wayuukultur sind Ursache und Bedeutung des Massakers unverständlich.

Die Frau ist unantastbar

Laut Aussagen von Vertriebenen beginnt die Geschichte des Massakers bereits vor dem 18. April: Zwei Wayuu-Frauen entschlossen sich zur Aussage zu der Ermordung von zwei Polizisten durch Paramilitärs. Diese hatten klar gedroht, dafür zu töten. Trotz der Einschüchterungen sagten die Frauen aus. Mit Motorsägen wurden sie daraufhin massakriert. Für die kriegerischen Wayuu war dies eine unfassbare Tat, die sie laut einem Artikel der Reporteros de Colombia mit dem Mord an sechs bis elf Paramilitärs rächten.

Das Autorenkollektiv Memoria Historica betont in der Studie die besondere Bedeutung der Gewalt gegen Frauen in der Wayuukultur. Denn obwohl historisch Auseinandersetzungen zwischen Clans belegt sind, waren Frauen selbst auf demSchlachtfeld, wo sie Verwundete und Tote bargen, sicher.

Dass bei dem Massaker im April hauptsächlich Frauen und Kinder ermordet wurden, weist nach Meinung des Autorenkollektivs darauf hin, dass dadurch die Wayuukultur geschwächt werden sollte. Auch die gezielte Opferwahl – es gab Todeslisten – unterstreicht die starke symbolische Bedeutung. Zwei Getötete waren wichtige Repräsentantinnen der Gemeinchaft, wodurch ihre Ermordung den Charakter der Bestrafung der Öffentlichkeit annimmt. Die Entführung der beiden anderen weiblichen Opfer hingegen, deren Leichen nie gefunden wurden, erschütterte die Gemeinschaft bis heute zutiefst. Werden die Toten nicht rituell von den Wayuu-Frauen bestattet, können sie nicht in Frieden Ruhen, so der Glaube.
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26.10.2016

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