11/30/15

Paramilitärische Gruppierungen im Aufschwung

30.11.2015 | Von Regula Fahrländer

In der Region Urabá im Nordwesten Kolumbiens melden Gemeinschaften und Menschenrechtsorganisationen eine Verstärkung der Präsenz von paramilitärischen Gruppierungen. Vielerorts tauchen diese nach Jahren erneut auf. Eine Analyse der kolumbianischen Menschenrechtsorganisation Indepaz kommt zum Schluss, dass in jeder dritten Gemeinde Kolumbiens paramilitärische Strukturen präsent sind - eine grosse Herausforderung für den Friedensprozess.

Die Region Urabá liegt im Nordwesten Kolumbiens und ist seit Jahrzehnten ein Brennpunkt im kolumbianischen Bürgerkrieg. Traurige Bekanntheit erlangte Urabá in den 90er Jahren durch die Massaker an den ArbeiterInnen auf den Bananenplantagen und später durch die Operación Genesis, einer gemeinsamen Offensive von Militär und Paramilitär, die 1997 5‘000 Menschen zur Flucht von ihrem Grundstück zwang. Nun alarmieren diverse ländliche Gemeinschaften erneut über vermehrte Präsenz von neoparamilitärischen Gruppierungen in ihrem Lebensraum. Besonders die BewohnerInnen der Flussbecken Jiguamiandó und Cacarica sowie der schlecht erschlossenen Region Alto Guayabal, die hauptsächlich von Indigenen bewohnt wird, sind besorgt. Auch die Friedensgemeinschaft von San José de Apartadó schlägt Alarm.
In den letzten Jahren war es vielerorts ruhiger geworden bezüglich der Präsenz illegaler Bewaffneter. In Jiguamiandó ist es gar das erste Mal nach drei Jahren, dass wieder derartige Vorkommnisse gemeldet werden[1]. Mancherorts, berichten die Gemeinschaften, mache es den Anschein, die Bewaffneten seien gekommen, um sich dauerhaft zu installieren, sie bauen Camps auf und patrouillieren in der Gegend. Dazu mussten sie Militär- und Polizeiposten passieren. Der Staat schweigt sich zur Lage aus.

Vertreibungen in der Friedensgemeinschaft in San José de Apartadó
Besonders betroffen sind die abgelegenen Weiler der Friedensgemeinschaft von San Jose de Apartadó. Mehrfach denunzierten die AnwohnerInnen dort die erhöhte Präsenz von paramilitärischen Gruppierungen seit Mitte Oktober, obwohl in denselben Weilern die nationale Armee vor Ort ist. Dabei kam es zu Vorfällen von Bedrohung der Bevölkerung, Einschüchterungen, Verhaftungen, Wegsperren und unerlaubtes Kampieren auf den Grundstücken der Friedensgemeinde. Die Situation spitzte sich dermassen zu, dass sich am 1. November 150 Personen aus dem Weiler La Esperanza gezwungen sahen, aus Angst ihre Höfe zu verlassen und in der Schule Zuflucht zu finden. Nun wird die Regierung dringend dazu aufgerufen, humanitäre Massnahmen zu ergreifen und gegen die Präsenz der paramilitärischen Strukturen vorzugehen[2]

Paramilitärische Strukturen operieren in jeder dritten Gemeinde Kolumbiens
Ähnliche Tendenzen werden in vielen Teilen Kolumbiens verzeichnet. Laut der anfangs November publizierten, zehnten Ausgabe, der Studie von Indepaz zum Verlauf der Präsenz von narcoparamilitärischen Gruppierungen wird ersichtlich, wie gross deren Einflussgebiet ist[3]. Demnach bewegen sich 17 paramilitärische Gruppierungen in insgesamt 338 Gemeinden, in 298 davon bereits konstant seit sechs Jahren. Das entspricht jeder dritten Gemeinde Kolumbiens.
Auffällig ist, dass die meist betroffenen Regionen dieselben sind, in denen die 2006 demobilisierten AUC besonders aktiv waren, namentlich Antioquia, die karibische Küste, Cesar, das Amazonasgebiet, die Pazifikregion und Orinoquia. Die Frage, in wie fern es sich dabei um dieselben Paramilitärs handelt wie vor der Demobilisierung, liegt auf der Hand. Klar ist, dass die neuen Gruppierungen diverse identische Merkmale mit ihren Vorgängern aufweisen. Laut der Studie hat die lückenhafte Demobilisierung, besonders von einstigen Paramilitärs mittlerer Rangordnung, die Formierung neuer Gruppen begünstigt, genauso wie die Mängel in der Umsetzung der sozialen Reintegration und der Amnestiegesetzgebung.
Das Ziel der neu formierten Gruppierungen ist laut Studie der finanzielle Gewinn mittels Gewaltanwendung. Dafür brauchen sie territoriale Kontrolle und die Duldsamkeit von Militärangehörigen und anderen Staatsangestellten. Doch es geht nicht um die territoriale Kontrolle an sich, sondern darum, sich erstens als bewaffnete Gruppe zu etablieren, zweitens mittels Verbindungen zu politischen Führungspersonen an staatliche Gelder zu kommen und drittens um illegale Machenschaften wie Drogenhandel, sonstiger Handel und Erpressungen abwickeln zu können.

Demobilisierung als Herausforderung für den Frieden
Bis März 2016 soll ein Abkommen auf Kuba unterschrieben werden, zwei Monate danach die Waffen seitens der FARC niedergelegt sein, so Präsident Santos. Diese Eile kann durchaus positive Aspekte aufweisen. Laut dem Bericht Desmovilización y reintegración paramilitar: panorama postacuerdo con las AUC[4] vom Centro Nacional de Memoria Histórica, welcher die Demobilisierung der AUC analysiert, entstanden die neuen paramilitärischen Strukturen auch aufgrund der zu langen Phase der Demobilisierung. Des Weiteren war die mangelnde Transparenz auf beiden Seiten das grösste Problem, etwa betreffend der tatsächlichen Anzahl Kämpfender bei den Paramilitärs oder die unklare öffentliche Politik auf Regierungsseite. Dies führte zu einer Rückfallquote von 20-30%, kein erstrebenswertes Ergebnis und eine ernsthafte Gefahr für den angestrebten Frieden.
Eine erneute Auseinandersetzung mit den paramilitärischen Strukturen ist also unabdingbar. Während die Regierung und die nationalen Streitkräfte nach wie vor die Existenz von paramilitärischen Gruppierungen ignorieren, meint der FARC-Chef, sie seien bereit, von den Waffen abzusehen und sich in einer legalen Partei zu organisieren, sofern der Staat die Notwendigkeit anerkenne, die Bekämpfung der paramilitärischen Gruppierungen ernsthaft anzugehen[5]. Laut FARC gab es nie eine Demobilisierung der AUC. Auch Iván Cepeda, Mitglied des Frente Amplio und Senator im Kongress, äussert seine tiefste Besorgnis über „das Wachstum und die Vermehrung von paramilitärischen Strukturen sowie die Beweise, welche die Vorbereitung des sognannten Post-Konflikt-Paramilitarismus belegen”[6]
Umso dringender sind Einsicht und konkrete Massnahmen der Regierung, gerade für die Friedensbestrebungen. Ohne sie wird nicht nur die Demobilisierung der Guerilla bedroht, sondern vor allem die friedlichere Zukunft für die Zivilgesellschaft, deren Anspruch auf Wiedergutmachung konträr zu den Interessen der paramilitärischen Gruppierungen steht

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[1] Comisión Intereclesial de Justicia y Paz, 03.11.15, Cerco paramilitar a comunidades negras e indígenashttp://justiciaypazcolombia.com/Cerco-paramilitar-a-comunidades

[2] Asociación Campesina de San José de Apartadó, 04.11.15, Riesgo de masacre en Urabá antioqueño,  http://prensarural.org/spip/spip.php?article18101

[3] INDEPAZ, X Informe de seguimiento a la presencia de los grupos narcoparamilitares, actividad que viene realizando desde 2006,http://www.indepaz.org.co/wp-content/uploads/2015/11/X-Informe-Indepaz-Final-.pdf

[4] Verdad Abierta, 08.11.15, Las amargas lecciones que dejó la desmovilización de las Auc,http://www.verdadabierta.com/justicia-y-paz/10-anos-de-justicia-y-paz/6061-las-amargas-lecciones-que-dejo-la-desmovilizacion-de-las-auc

[5] El Espectador, 05.11.15, Temor por crecimiento paramilitar,  http://www.elespectador.com/noticias/politica/temor-crecimiento-paramilitar-articulo-597795

[6]  Agencia Prensa Rural, 08.11.15, Desde Cuba, alertan sobre “paramilitarismo del posconflicto”,http://prensarural.org/spip/spip.php?article18123

 

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

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Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com