02/12/09

Der Krieg gegen die FARC und die Situation des internen bewaffneten Konfliktes

12.02.2009 | von Bruno Rütsche

Der interne bewaffnete Konflikt Kolumbiens war im Jahr 2008 in Bezug auf die FARC durch drei Elemente charakterisiert:

  1. Der Bruch des Mythos der Unverletzbarkeit des FARC-Sekretariats
  2. Der Änderung in der Strategie der Konfliktakteure
  3. Dem Sichtbarwerden von taktischen Allianzen der FARC mit bewaffneten Strukturen des Drogenhandels und neuen paramilitärischen Gruppen.

Die Führungsspitze der FARC musste im Jahr 2008 mit dem Tod von drei Mitgliedern des Sekretariats empfindliche Schläge hinnehmen. Am 1. März 08 wurde Raul Reyes, der internationale Sprecher der FARC, auf ecuadorianischem Territorium getötet. Für die Regierung Uribe war dies der grösste Erfolg in ihrem Kampf gegen die FARC und dementsprechend wurde er publizistisch ausgeschlachtet. FARC intern scheint der Tod von Reyes zumindest im militärischen Bereich keine gravierenden Auswirkungen gehabt und auch nicht zu einer Demoralisierung geführt zu haben. Anders verhielt es sich mit der nur wenige Tag später erfolgten Ermordung von Iván Ríos, dem Kommandanten des Bloque José María Córdoba und Mitglied des Sekretariats der FARC. Iván Ríos wurde zusammen mit seiner Partnerin vom eigenen Leibwächter Pablo Montoya ermordet. Dieser hackte dem Guerillaführer die Hand ab, entnahm ihm wichtige Papiere und den Laptop und stellte sich den Behörden. Dieser Verrat wirkte zweifellos höchst demoralisierend im Innern der FARC. Zudem löste die Bezahlung einer hohen Belohnung für einen Doppelmord eine heftige rechtliche Debatte aus. Schliesslich starb am 26. März 08 der legendäre Chefkommandant der FARC, Manuel Marulanda, mit 78 Jahren eines natürlichen Todes. Innert eines Monats hatte damit die FARC drei Mitglieder des Sekretariats unter verschiedensten Umständen verloren.

Am 18. Mai 2008 stellte sich „Karina“, FARC-Kommandantin der 47. Front, den Behörden. Am 26. Oktober 08 stellte sich ein Guerillero mit dem ehemaligen Kongressabgeordneten Oscar Tulio Lizcano nach tagelanger Flucht durch den Dschungel der Armee. Als Belohnung erhielt er zusammen mit seiner Partnerin Asyl in Frankreich. [1]

Den wohl härtesten Schlag mussten die FARC am 2. Juli 08 einstecken, als mit einem Täuschungsmanöver 15 wichtige Geiseln unversehrt von der Armee befreit werden konnten, unter ihnen Ingrid Betancourt und drei US-Amerikaner. Bei der Geheimdienstaktion, an der auch USAgenten und israelische Mossad-Agenten beteiligt waren, wurden die Embleme des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes IKRK missbraucht, eine schwerwiegende Verletzung des humanitären Völkerrechtes.[2]

Daraus zu folgern, die FARC stehe damit vor dem Aus, ist ein Trugschluss.[3] Die grösste Guerilla Kolumbiens hat auf die militärische Offensive der Armee mit dem „Plan Colombia“, dem „Plan Patriota“ und neu dem „Plan Consolidación“ militärisch geschickt reagiert und sich den neuen Umständen anzupassen versucht. Dies ist der FARC zu einem guten Teil auch gelungen, auch wenn sie empfindliche Verluste hinnehmen musste. Heute beträgt laut offiziellen Zahlen die Stärke der FARC 10‘800 Mann im Gegensatz zu den 18‘200 Mann, welche sie zu Beginn der Regierung Uribe gezählt haben soll. [4]

Die Armee hat seit dem Jahr 2000 wichtige Änderungen vorgenommen: Zentralisierung der Kommunikation und der Geheimdienstberichte; Erhöhung der Truppenstärke um rund 40% auf über 405‘000 Mann; Professionalisierung der Armee und Schaffung neuer Spezialeinheiten wie Gebirgsbataillone, Mobile Brigaden und Kontraguerillaeinheiten und Modernisierung der Luftwaffe. Zudem wurden seit 2002 von Uribe Strategien zur Involvierung der Zivilbevölkerung in den Konflikt konsequent umgesetzt. Die UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte und Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch verurteilten diese Strategien wiederholt als Verstoss gegen das Humanitäre Völkerrecht, welches das Recht der Zivilbevölkerung auf Nichtinvolvierung in den bewaffneten Konflikt festschreibt. Präsident Uribe stellt den internen bewaffneten Konflikt in Abrede und spricht von einer terroristischen Bedrohung, wobei sich die legitimen staatlichen Sicherheitskräfte gegen kriminelle terroristische Vereinigungen stellen und es Pflicht der BürgerInnen ist, den Staat bei seinem Feldzug gegen den Terror zu unterstützen.[5]

Vier Strategien ziehen die Zivilbevölkerung in direkter Weise in den Konflikt hinein:

  1. Die Schaffung eines Informantennetzes, dieses soll mehr als 2 Mio. Menschen umfassen
  2. 22‘000 Bauernsoldaten leisten ihren Militärdienst direkt in ihrem Dorf und wohnen teilweise bei ihren
    Familien
  3. Im Rahmen des „Programms der Waldhüter-Familien“ wurden 66‘000 Familien in
    ehemaligen Kokaanbaugebieten angesiedelt;
  4. Das „Programm zur sozialen Rückeroberung des Territoriums“ setzt soziale Investitionen in eine Aufstandsbekämpfungsstrategie und gibt der Armee Kompetenzen, welche den gewählten Behörden übergeordnet sind. Damit sollen im Rahmen einer Aufstandsbekämpfungs- und Entwicklungsstrategie von oben Gebiete nicht nur unter die permanente Kontrolle der Armee gestellt, sondern auch ein Entwicklungsmodell umgesetzt werden, das den Interessen der Grossunternehmer, der Agroindustrie und multinationalen Konzernen entspricht.

 

Die FARC hat auf die Offensive und diese Veränderungen in der Armee mit einem taktischen Rückzug, einer Neuformierung ihrer Einheiten und der Schaffung von mehr mobilen Einheiten, anderer Kommunikationswege und einer neuen Vernetzung ihrer Einheiten reagiert. So haben sich die FARC aus verschiedenen Territorien zurück gezogen, haben aber in anderen wieder neu Fuss gefasst, so z.B. in Urabá und dem Bajo Cauca (Dep. Antioquia). Dieser Rückzug zeigt sich auch in den Daten über die Art der Kriegführung. Während im Jahr 1998 die FARC 634 Gefechte mit der Armee führte und 63 Angriffe auf Dörfer lancierte, kam es im Jahr 2008 zu 171 Gefechten und zu keinem einzigen Angriff auf Dörfer.[6] Drastisch zugenommen hat die Verminung von Territorien, dies um Rückzugsoder auch Kokaanbaugebiete abzusichern. So stieg die Zahl der neu angelegten Minenfelder von 32 im Jahr 1998 auf 221 im Jahr 2008. Die Verminung trifft in grossem Masse die Zivilbevölkerung, meist bäuerliche, indigene oder afrokolumbianische Gemeinschaften, welche dadurch den Zugang zu Jagdund Erntegebieten verlieren und oft zur Flucht gezwungen sind. Kolumbien ist inzwischen weltweit eines der Länder mit am meisten Minenopfern. Zudem setzt die FARC zunehmend ferngezündete Sprengsätze gegen die Armee ein und operiert generell in kleineren Einheiten.

Die FARC sah sich gezwungen, in unwegsamere, vom Staat kaum kontrollierbare Gebiete zurück zu ziehen. Die Politik der demokratischen Sicherheit hat bisher nicht zu einer Verminderung der politischen Gewalt geführt, wohl aber zur Kontrolle des Staates über die grossen Produktions- und Handelszentren, in denen 70% der Bevölkerung wohnen. Dies erklärt auch das klar gestiegene „Sicherheitsgefühl“ der städtischen Bevölkerung.

Die FARC sah und sieht sich auch mit einer massiven Zunahme von Deserteuren konfrontiert. Waren es zwischen 2002 – 2008 vor allem neu rekrutierte Kämpfer, welche zwischen drei und sechs Monaten bei der Guerilla waren, hat in jüngster Zeit die Zahl von Deserteuren aus mittleren Kommandorängen und mit mehr als 10 Jahren bei der FARC zugenommen. Trotzdem gilt es zu beachten, dass im Jahr 2008 nur drei von zehn Deserteuren den eigentlichen bewaffneten Strukturen der FARC angehörten, die restlichen sieben waren Sympathisanten oder unbewaffnete Kollaborateure.

Aufgrund des Rückzuges in unwegsame Gebiete kommt es nicht selten zu einem Kontakt zu dort bereits vorhandenen illegalen Strukturen der Drogenproduktion und des Drogenhandels. Es sind zahlreiche Fälle von taktischen Allianzen der FARC mit Strukturen des Drogenhandels, ja selbst mit neu formierten paramilitärischen Gruppen bekannt. Auch Amnesty International macht im Bericht vom Oktober 2008 wiederholt auf solche Allianzen aufmerksam. [7]

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die FARC schwere Schläge hinnehmen musste, politisch an Einfluss auf dem Tiefpunkt steht und durch die Zusammenarbeit mit mafiösen und kriminellen Strukturen riskiert, dass ihren politischen Erklärungen der letzte Rest an Glaubwürdigkei tverloren geht. Die neuen Kriegstaktiken werden der Guerilla jedoch ihr eigenes Überleben sichern, dies mit immer grösseren Kosten für die Zivilbevölkerung, welche Hauptleidtragende dieser neuen Formen des Krieges von Seiten aller Kriegsakteure ist. Auf eine militärische „Lösung“ zu setzen oder bereits das „Ende der Guerilla“ zu verkünden, trägt den Tatsachen nicht Rechnung, sondern führt letztlich nur zu einer Verlängerung des Krieges. Zu begrüssen ist daher die Aufnahme eines öffentlichen Briefwechsels zwischen der nationalen und internationalen Zivilgesellschaft und der Führung der FARC. Darin wird u.a. der FARC klar und unmissverständlich bedeutet, dass die Respektierung des humanitären Völkerrechtes und damit die Einstellung von Entführungen, wie auch die bedingungslose und sofortige Freilassung der Entführten, obligatorische internationale Normen sind.

Während in der Öffentlichkeit die FARC die alleinige Aufmerksamkeit auf sich zieht, sind aus den angeblich „demobilisierten“ paramilitärischen Verbänden AUC neue bewaffnete Strukturen entstanden, die heute rund 10‘200 Bewaffnete in 102 verschiedenen Gruppen vereinen, die in 246 der 1120 Gemeinden des Landes präsent sind. Rund die Hälfte der Bewaffneten stammen von den früheren paramilitärischen Verbänden

[1] Präsident Uribe hatte Guerilleros, welche sich mit Geiseln den Behörden stellten, Asyl in Frankreich versprochen. Am 6. Jan. 2009 flüchtete eine weitere Guerillera mit Juan Fernando Samudio Vergara.

[2] Die FARC liess kurze Zeit später verlauten, dass medizinische Missionen mit dem IKRK-Emblem von ihr nicht mehr respektiert würden. Tatsächlich gab es in Kolumbien schon seit einigen Jahren von Seiten aller Kriegsakteure immer wieder massive Übergriffe gegen die humanitäre und medizinische Mission.

[3] So titelte die Neue Luzerner Zeitung vom 22. Januar 2009: „Die Guerilleros stehen vor dem Aus“

[4] Dies sind offizielle Zahlen des Verteidigungsministeriums. Dass diese Zahlen nicht aufgehen, zeigt allein schon die Tatsache, dass laut den offiziellen Angaben zwischen August 2002 und September 2008 insgesamt 114‘259 Mitglieder illegaler bewaffneter Gruppen sich demobilisiert haben oder getötet, verwundet oder verhaftet wurden. Siehe auch „Las cifras no cuadran“.

[5] Einflussreiche „Denkfabriken“ wie die Konrad Adenauer Stiftung haben letztlich diesen Diskurs übernommen. In dem Dokument „Zehn Thesen über den Wandel des Konflikts in Kolumbien“ wird die These einer Auseinandersetzung eines legitimen Staates gegen den Terror übernommen und damit die „Politik der demokratischen Sicherheit“ gerechtfertigt.

[6] Zahlen aus „Arcanos 2008: En que está la guerra“, „FARC: Dinámica reciente de la guerra“ der Corporación
Nuevo Arco Iris
.

[7] „Im Verlaufe des Jahres sind fundierte Hinweise aufgetaucht, dass die FARC ‚strategische Allianzen‘ mit paramilitärischen Gruppen in verschiedenen Teilen des Landes eingegangen sind, um so besser ihre Drogengeschäfte abwickeln zu können.“ Quelle: „Dejenos en paz! La población civil, víctima del conflicto interno de Colombia“, ai 2008 (Übersetzung ask)

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

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