11/27/14

Angst in Las Mercedes

27.11.2014 | Von Regula Fahrländer

Die Nachricht, dass in Kolumbien die Friedensverhandlungen auf Eis gelegt wurden, ging um die Welt. Genau auf das zweijährige Jubiläum des Dialogs hin kam die Krise. Auslöser war das Verschwinden des Brigadegenerals Rubén Darío Alzate Mora am 16. November durch die FARC. Seiter jagen sich die Spekulationen um die Ereignisse, das Dorf Las Mercedes ist in aller Munde. Und dies nicht nur im Guten.

Seit dem Bekanntwerden der Ereignisse wird spekuliert und diskutiert. Sind die Friedensverhandlungen ernsthaft in Gefahr? Handelt es sich um eine Entführung oder eine Kriegsgefangenschaft? Wird es nun zu einem bilateralen Waffenstillstand kommen? Warum war der General in Zivil unterwegs? Was haben er und seine BegleiterInnen in dieser Region, 30 km nördlich von Quibdó, in einer von der Guerilla kontrollierten Gegend am Atrato-Fluss, gemacht? Wie genau kam es zum Verschwinden des Brigadegenerals?
Vieles bleibt unklar. Sicher war für die Medien aber bald, dass die Aufständischen aus den Häusern des kleinen Dorfes kamen. Daran gab es anscheinend keine Zweifel. Der Verteidigungsminister Juan Carlos Pinzón verkündete, dass sie sich unter die DorfbewohnerInnen gemischt und auf die Ankunft der Militärs gewartet hätten[1]. Anschuldigungen mit schwerwiegenden Folgen für ein kleines Dorf.

Stigmatisierung, eine Todesursache in Kolumbien
Solche Aussagen verbreiten in der betroffenen Region Angst und Schrecken. Zu oft schon musste die Bevölkerung erleben, wie darauf Gewalt und Menschenrechtsverletzungen folgten. Deshalb haben sich die zivilgesellschaftlichen Organisationen der Region zu den Vorfällen geäussert. In einer gemeinsamen Mitteilung nehmen die Bauernvereinigung des Atrato-Flusses Cocomacia, der afrokolumbianische Gemeinschaftsrates der COCOMOPOCA (Consejo Comunitario Mayor de la Organización Popular Campesina del Alto Atrato), die Mesa de Diálogos de Concertación de los Pueblos Indígenas del Chocó, das interethnische Forum für Solidarität im Chocó und die Diözese des Chocó Stellung[2]. Es wird betont, dass weder die ethnischen Autoritäten noch die lokale Bevölkerung vom Besuch des Generals wussten. Ferner bitten sie die nationalen Streitkräfte, die Sicherheit aller BewohnerInnen der Region zu garantieren und sie nicht durch militärische Grossoffensiven in Gefahr zu bringen. Jeder Versuch, die Militärangehörigen mit kriegerischen Mitteln zu befreien, würde Anwohner und Anwohnerinnen in Lebensgefahr bringen.
Stigmatisierungen sind in Kolumbien lebensgefährlich. Das Denken ist stark polarisiert, und für Zivilisten ist es extrem kompliziert, sich aus dem Kriegsgeschehen herauszuhalten. Immer wieder wird gerade die ländliche Bevölkerung mit einem Kriegslager assoziiert. Entweder ist man auf der einen oder anderen Seite der Akteure, eine Unparteilichkeit ist fast unmöglich. Sobald der eine Akteur weg ist, taucht der andere auf und bezeichnet die Menschen als Kollaborateure der anderen. Aus diesen Anschuldigungen gibt es nur selten ein Entkommen, oftmals werden sie teuer bezahlt oder enden gar mit dem Tod.
Mit der öffentlichen Mitteilung versuchen die zivilen Organisationen im Chocó, sich genau davor zu schützen. Die Bürgermeisterin von Quibdó, Zulia Mena, hat bereits bekannt gegeben, dass ihr Information zugetragen wurden, laut der das Verschwinden der Militärs zu massenhaften Zwangsvertreibungen in der Region führen könnte. Menschenrechtsorganisationen und die Ombudsstelle für Menschenrechte weisen einmal mehr darauf hin, wie wichtig eine bilaterale Waffenruhe wäre. Dies würde den humanitären Schaden begrenzen und mehr Vertrauen in die Friedensverhandlungen generieren.

Die abgelegenen Dörfer des Chocós
Bis anhin war Las Mercedes ein Dorf wie unzählige andere im Chocó, von dessen Existenz kaum jemand wusste: Vergessen von der Welt, fernab in einer ländlichen, schlecht erschlossenen Gegend gelegen und von der Abwesenheit des Staates geprägt. Die BewohnerInnen solcher Dörfer im Chocó leben oftmals ein abgeschiedenes, im besten Falle selbstversorgendes Leben in einfachen Verhältnissen. Die Tradition von Landwirtschaft und Fischerei ist viele Generationen alt, aber immer weniger existenzsichernd. Das Departement Chocó ist die ärmste Region Kolumbiens und hat eine ähnliche Anzahl an Kindersterblichkeit, Unterernährung und Analphabetismus wie das subsaharische Afrika.
Seit dem Verschwinden des Generals teilen sich die 400 BewohnerInnen ihren Lebensraum mit 15 stark bewaffneten Soldaten[3]. Durch die Militarisierung – sei diese von Seiten der Staatskräfte oder der Guerilla – kommen neue Probleme hinzu. Durch die Präsenz der bewaffneten Akteure nimmt die Gewalt in der Region zu, und damit die Übergriffen auf die lokale Bevölkerung, deren Kriminalisierung, Stigmatisierung und Zwangsrekrutierung. Auch schränkt sich ihre Bewegungsfreiheit ein, was wiederum die Nahrungssicherheit gefährdet. Für die Menschen im Chocó bedeutet Frieden nicht die Unterschrift eines Papiers in Havanna, sondern der Respekt ihrer wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Rechte. Sie wollen den Staat in ihrer Region in Form von Schulen und Medizinzentren sehen, nicht mit Helikoptern und Unterwasserbooten[4]
2002 erlangte das Dorf Boyayá etwa 100km nördlich vom Las Mercedes traurige Bekanntheit, als es Schauplatz einer kriegerischen Auseinandersetzung wurde. Die DorfbewohnerInnen retteten sich in die vermeintlich sichere Kirche, wenig später fiel eine Zylinder-Bombe der Guerilla. Die Explosion forderte 79 Tote, viele Verletzte und massenhaft Vertreibungen. Seither wissen die meisten KolumbianerInnen, dass im Chocó ein Dorf namens Boyayá existiert.

Am Verhandlungstisch geht’s weiter, Las Mercedes bleibt zurück
Über die Ereignisse in Las Mercedes gibt es diverse Versionen. Laut einigen BeobachterInnen sei der General auf drei Wartende zugegangen, habe mit ihnen gesprochen und zusammen seien sie in ein Boot gestiegen. Laut dem Soldat, der den General und seine BegleiterInnen ins Dorf gebracht hatte, wurden sie von bewaffneten Männer überrascht und mitgenommen. Die Hypothesen in den Medien reichen von einer Verschwörung des rechtsradikalen Sektors gegen die Friedensverhandlungen bis zu einer Liebschaft des Generals.
Spannende Analysen argumentieren, dass gerade in diesem Moment der Krise klar wird, wie wichtig beiden Parteien die Friedensverhandlungen seien und diese durch die Ereignisse neuen Schwung erleben würden. Beide Kriegsparteien haben politisch geschickt von den Vorfällen profitiert: Die Regierung hat Wille, Stärke und eine rote Linie gezeigt, die FARC konnten einmal mehr ihre Forderung nach einer bilateralen Waffenruhe untermahlen und mit der raschen Zustimmung zur Befreiung der Militärs eine Geste für den Frieden demonstrieren, auf die das kolumbianische Volk seit zwei Jahren wartet[5]. Dass der gänzliche Abbruch der Friedensverhandlungen droht, scheint eher unwahrscheinlich. Den neusten Gerüchten zufolge, ist mit der Freilassung von General Alzate Mora und seinen BegleiterInnen noch vor Ende November zu rechnen. Danach dürfte es in La Havanna weitergehen. Nur Las Mercedes bleibt für immer das Dorf, dass mit den Ereignissen und der Guerilla in Zusammenhang gebracht wird. 

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[1] Caracol, 16.11.14, Uribe revela detalles del secuestro del General Álzate en el Chocó,  http://www.caracol.com.co/noticias/actualidad/uribe-revela-detalles-del-secuestro-del-general-alzate-en-el-choco/20141116/nota/2510485.aspx

[2] Las 2Orillas, 19.11.14, Organizaciones del Chocó se pronuncian ante la crisis  http://www.las2orillas.co/organizaciones-del-choco-se-pronuncian-ante-la-crisis/

[3] El Tiempo, 19.11.14, Habitantes de Las Mercedes aseguran que no conocían al general Alzate,http://www.eltiempo.com/politica/justicia/testigos-narran-secuestro-del-general-ruben-dario-alzate-/14850616

[4] Observatorio Pacífico y Territorio, 18.11.14, Colombia y el mundo ya saben que existen Las Mercedes, http://www.colectivodeabogados.org/noticias/noticias-nacionales/article/colombia-y-el-mundo-ya-saben-que

[5] Semana, 22.11.14, ¿Qué sigue después del secuestro del general Alzate?, http://www.semana.com/nacion/articulo/que-sigue-despues-del-secuestro-del-general-alzate/409793-3

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08.12.2016


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26.10.2016

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