04/12/10

Reise durch Europa für den Frieden in Kolumbien

12.04.2010 | von Stephan Suhner

Bei ihrem Besuch in Bern am 12. April 2010 in Bern traf die kolumbianische Senatorin Piedad Córdoba den Schweizer Botschafter Thomas Greminger in Bern. Córdoba engagiert sich aktiv in der Bewegung Kolumbianerinnen und Kolumbianer für den Frieden (Colombianas y Colombianos por la Paz). Sie steht für den humanitären Dialog ein und ist Vermittlerin zwischen den FARC und der Regierung zur Freilassung von Geiseln und Gefangenen auf beiden Seiten. Ziel der Reise durch Europa ist die Werbung für Unterstützung für ein humanitäres Abkommen. In der Schweizer Hauptstadt informierte sie auf einem Pressegespräch über die Situation der Menschenrechte in Kolumbien und wirbt für ihre Idee des Friedensdialogs.

Dialog für den Frieden

Um den Krieg in Kolumbien zu beenden braucht es nach der Meinung von Piedad Cordoba und ihrem Begleiter Javier Calderón, dem Koordinator von Kolumbianerinnen und Kolumbianer für den Frieden, eine politische Verhandlungslösung. Die Schweizer Präsenz hält Córdoba dabei für wichtig, um beispielsweise eine Begegnungszone zu garantieren, die im Departement Vaupés an der Grenze zu Brasilien eingerichtet werden könnte. Sie plädiert für Sicherheitsgarantien für die Kommandanten der FARC. Bedingungen (der FARC) für diese Zone lägen seit einem Jahr auf dem Tisch. Natürlich seien diese auch immer mal wieder ergänzt und verschärft worden. Córdoba zeigt sich aber überzeugt, dass ein Abkommen mit den FARC möglich sei. Die beiden wichtigsten Gefangenen in den USA – Sonja und Simón Trinidad, die wegen Drogenhandel verhaftet und in die USA ausgeliefert wurden, sieht sie nicht als Hindernis. Strittig ist, was mit freigelassenen FARC – Kämpfern geschehen soll: Die Regierung besteht darauf, dass diese nicht mehr in die Reihen der FARC zurückkehren dürfen. Kaum ein Land wird aber bereit sein, sie aufzunehmen. Córdobas Vorschlag ist, die Freigelassenen in die Gesellschaft wieder einzugliedern, da viele gebildete Leute unter den Gefangenen seien, die der Gesellschaft nützlich sein könnten.

Die Vertreter des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) betonten in der Unterredung, dass sie nach wie vor bereit seien, in Verhandlungen zwischen den FARC und der Regierung eine Rolle zu spielen. Die Schweiz sei ebenfalls überzeugt, dass es eine Verhandlungslösung brauche, dass der Konflikt militärisch nicht zu beenden sei. Darum hätten sie ihre Präsenz in Kolumbien mit Projekten zur Friedensförderung auch aufrecht erhalten. Es brauche dazu aber die Einwilligung beider Seiten, ansonsten könne die Schweiz keine Vermittlung durchführen. Ebenso wäre eine Unterstützung der Kolumbianerinnen und Kolumbianer für den Frieden möglich.Die Bewegung Kolumbianerinnen und Kolumbianer für den Frieden möchte in Europa ein Unterstützungsnetz aufbauen, um Druck für ein humanitäres Abkommen aufzubauen. In jedem Land soll ein Unterstützungskomitee entstehen um analog „Europäer für den Frieden in Kolumbien“ ins Leben zu rufen. Zusammen mit dem Ex-Präsidenten Ernesto Samper stösst Piedad Córdoba zudem die „Koordination für den humanitären Austausch“ an.

Zwar muss Córdoba zugeben, dass bei der Regierung Uribe im Moment kein politischer Willen für ein solches Abkommen herrsche, sie zeigt sich dennoch zuversichtlich, ein solches noch unter dem amtierenden Präsidenten bis Anfang August zu unterzeichnen. Uribe könne es sich leisten, am Schluss seiner Amtszeit eine grosszügige Geste zu machen. Sie fürchtet, dass das Thema unter einer neuen Regierung erneut auf die lange Bank geschoben und Kontakte neu aufgebaut werden müssten. Um das Abkommen zu ermöglichen, brauche es aber eine dezidierte Aktion der internationalen Gemeinschaft. So sei beispielsweise Bedingung, dass auch anerkannt werde, dass in Kolumbien ein bewaffneter Konflikt herrsche. Uribe verneint dies, obwohl er eine Armee unterhält, die grösser ist als diejenige des flächenmässig fünfmal grösseren Nachbarlandes Brasilien. Die Sicherheits- und Verteidigungsausgaben Kolumbiens machen fast 10 Prozent des BIP aus – mehr als für Gesundheit und Bildung zusammengenommen ausgegeben wird.

Córdoba und Calderón betonen, dass sie eine weitere Regionalisierung des Konfliktes verhindern möchten. Kolumbien sei die Speerspitze zur Destabilisierung weiterer Länder in der Region.

So exportiere Kolumbien beispielsweise sein paramilitärisches Modell nach Venezuela, Honduras und sogar in Argentinien hätten Vertreter des „Narcoparamilitarismus“ aus Medellín Niederlassungen eröffnet. Nicht zuletzt bitten die Kolumbianerinnen und Kolumbianer für den Frieden auch um Unterstützung für ihre eigene Sicherheit, da sie bedroht und verleumdet werden und viele ebenfalls Verfahren am Hals haben.

Behinderungen des Dialogs für den Frieden

Piedad Córdoba geht bei ihrem Besuch mit der Regierung Uribe hart ins Gericht. Das Verhältnis zwischen der Senatorin und der Regierung ist sehr angespannt, da Uribe die Verhandlungen mit den FARC unterläuft. Es wird seitens der Regierung versucht, der 2009 für den Friedens-Nobelpreis nominierten Córdoba Verbindungen zur FARC zu unterstellen. Trotz widriger Bedingungen, die den Wahlkampf nach eigenen Angaben der Senatorin in einigen Regionen unmöglich machten, wurde sie bei den Wahlen am 14. März wiedergewählt. Trotz allem fordert Córdoba die Durchführung von Neuwahlen, da die Wahlen im März in einem nicht akzeptablen Masse korrumpiert worden seien. Es habe bereits mehrere Attentatsversuche auf sie gegeben, ausgeführt von Paramilitärs mit Deckung der Regierung, denunziert die Senatorin. Es gäbe Zeugenaussagen, dass von oberster Regierungsebene Anordnungen gegeben worden seien, sie zu beschatten und auch belastendes Material über sie zu sammeln. Carlos Franco, der präsidiale Beauftragte für Menschenrechte, behauptete jedoch nach einem Attentat auf ihr Fahrzeug, es habe sich um einen versuchten Fahrzeugdiebstahl gehandelt. Verleumdungen, die der Senatorin Beziehungen mit der FARC unterstellen, würden von Gegnern einer wie auch immer gearteten Friedenslösung in die Welt gesetzt. Córdoba erklärt, sie werde seit langem mit sogenannten Beweisen aus dem Laptop von Raul Reyes kompromittiert. Sie hält den Computer für massiv manipuliert und dies Beweise für nichtig. Sie könne dies Belegen, weil die Anschuldigungen teilweise jeglicher Logik widersprechen würden. So wurde behauptet, sie hätte sich in Argentinien mit hohen FARC – Vertretern getroffen, um die Freilassung von Ingrid Betancourt zu verhindern, um selber als Präsidentschaftskandidatin Chancen zu haben. Damit wollte man in den Augen von Córdoba ihre Glaubwürdigkeit als Vermittlerin untergraben und weitere Freilassungen verunmöglichen. Aktuell laufen auch wieder strafrechtliche Untersuchungen gegen sie, u.a. gestützt auf den Reyes – Computer. Ähnliche Anklagen wurden auch gegen Politiker der linken Sammelbewegung Polo Democrático erhoben. Mangels an Beweisen wurden die „Verfahren“ (oder was es waren) eingestellt. Córdoba meint, dass die von der Parapolitik betroffenen Kreise alles daran setzten, sie hinter Gitter zu bringen. Überspitzt gesagt ständen 60 Parapolitiker gegen eine FARC-Politikerin. Córdoba ist sich sicher, dass sie schon lange verurteilt worden wäre, wenn die Justiz irgendetwas gegen sie in der Hand hätte. Es sei auch ein Prozess gegen den Genfer Professor Gontard angestrebt worden, um die plötzlich unerwünschte Vermittlungsarbeit zu diskreditieren.

Anders als die internationale Gemeinschaft ist Córdoba nicht der Meinung, dass die Operation Jaque vom Juli 2008, mit der Ingrid Betancourt befreit worden sei, ein einmaliger Erfolg gewesen sei. Sie betont den Schaden für die Erreichung einer politischen Lösung. Damals habe die Vermittlung kurz vor einem Durchbruch für das humanitäre Abkommen gestanden, was durch diese Operation vereitelt worden sei. Das Misstrauen der FARC sei seither viel grösser, auch gegenüber dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), da bei der militärischen Befreiungsaktion deren Emblem missbraucht wurde. Die Freilassung des Soldaten Calvo und des Unteroffiziers Moncayo seien danach sehr schwierig zu bewerkstelligen gewesen.

Die Glaubwürdigkeit von Piedad Córdoba und der Bewegung der Kolumbinaerinnen und Kolumbianer für den Frieden sei sehr tief gewesen. Aber die Freilassung habe über ein Jahr gedauert und deshalbsei sie als Vermittlerin kritisiert worden. Die Freilassung hätte zwar schneller geschehen können, aber Uribe habe die Verhandlungen immer wieder behindert. Die Schuld mangelnden politischen Willens habe er der FARC in die Schuhe geschoben und damit auch die Anstrengungen von Córdoba hinterfragt. Mit der Freilassung unter schwierigen Umständen hätten die FARC aber politischen Willen demonstriert, um auch ein grösseres Abkommen auszuhandeln.

Nun wird die unilaterale Freilassung von weiteren 13 Personen durch die FARC verlangt, die Senatorin will sich aber nicht für weitere unilaterale Freilassungen einsetzen. Es brauche ein breiteres Abkommen, wo auch die Gefangenen der Regierung enthalten seien, wo Fragen des humanitären Völkerrechts und der Menschenrechte aufgenommen werden. Es gehe nicht nur um die gefangenen FARC-Mitglieder, sondern auch um die vielen unschuldig inhaftierten sozialen Führungspersonen. Die Situation in den Gefängnissen sei schrecklich.

Zur Situation in Kolumbien

Mit ihrer Reise durch Europa will Piedad Córdoba auch die europäische Mitverantwortung an der humanitären Krise Kolumbiens in Erinnerung rufen.Sie beklagt sich aber darüber, dass ihr der Zugang zu vielen Botschaften und Regierungen versperrt sei, da sie durch die oben beschriebenen Verleumdungen als Terroristin und FARC-Botschafterin gelte.

Piedad Cordoba und Javier Calderón betonen die grosse Armut und die schlechte wirtschaftliche Lage als grosse Probleme, die angegangen werden müssten. Kolumbien habe die höchste Arbeitslosenrate der Region. Die Senatorin geht von sicher 20% aus, und dies trotz zwei tiefgreifenden Reformen des Arbeitsmarktes, die zur Schaffung von Arbeitsplätzen beitragen sollten. Es seien aber nicht viele neue Arbeitsplätze geschaffen worden, die Einkommen der Arbeiter seien gesunken, während die Gewinne insbesondere der Banken stark angestiegen seien. Gravierend sein auch die Rolle gewisser (multinationaler) Unternehmen in Menschenrechtsverletzungen, z.B. im Goldbergbau im Departement Cauca. In Zaragoza in der Nähe von Buenaventura kam es zu vielen Morden und zu gewaltsamem Verschwindenlassen von sozialen Führungspersonen und unabhängigen Bergmännern. Viele auch illegale Unternehmer würden den freischaffenden Bergarbeitern die Minen streitig machen. Flüsse seien durch Baggerarbeiten bedroht. Häufig stünden hinter Menschenrechtsverletzungen auch Interessen von Multis wie Anglo Gold Ashanti.

Piedad Córdoba meint, dass wirtschaftliche Interessen dazu führen, dass so viele auch europäische Länder den internen bewaffneten Konflikte und die schwere humanitäre Krise gerne ausblenden.

Verbrechen unter der Regierung Uribe

Für Córdoba sind der amtierende Präsident Uribe und sein Zögling Juan Manuel Santos, Ex-Verteidigungsminister, Verbrecher. Calderón erinnert an Verbindungen des Präsidenten mit dem Medellinkarten und dem Drogenhandel in den 80-er Jahren. Córdoba klagt vor allem die Fälle der so genannten falsos positivos und auch aussergerichtliche Hinrichtungen sowie den Angriff auf ein Lager der FARC in Ecuador an. Im Departament Meta sei jüngst ein Massengrab mit 2000 Leichen gefunden worden.

Für Córdoba ist es unverständlich, dass angesichts dieser Tatsachen kein Aufschrei durch die kolumbianische Gesellschaft gehe und dass Santos als legitimer Präsidentschaftskandidat gehandelt werde.

Auch die Darstellung der Lage in Bezug auf die Paramilitärs weichen von den Verlautbarungen der Regierung ab. Nach Aussagen der Senatorin, die selber von der AUC als Geisel gehalten und nur dank der Intervention des damaligen Schweizer Fazilitators Jean Pierre Gontard der Hinrichtung entging, existierten in der Region Catatumbo im Nordosten an der Grenze zu Venezuela Krematorien, die an Konzentrationslager erinnern. Opfer wurden zur Abschreckung teilweise lebendig hineingeworfen. Córdoba ist sich sicher, dass noch lange nicht die ganze Wahrheit über die Parapolitik und die Verfilzung zwischen der Elite und den Paramilitärs bekannt sei. Eine Ad-hoc Kommission, die die Prozesse der Paramilitärs in den USA verfolgt und der Piedad angehört, werde nach den Wahlen einen Bericht veröffentlichen, der viele erschüttern werde. Dieser Bericht stütze sich unter anderem auf die Aussagen der paramilitärischen Kommandanten in US – Gefängnissen.

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

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