11/29/12

Friedensverhandlungen in Kuba angelaufen

29.11.2012 | von Ann-Seline Fankhauser

Am 19. November begann in La Habana, Kuba die erste offizielle Verhandlungsrunde im Friedensdialog zwischen der kolumbianischen Regierung und den Farc. Die Verhandlungen begannen mit einer einseitigen Ausrufung eines Waffenstillstandes durch die Farc und mit dem voraussichtlich schwierigsten Punkt auf der Verhandlungsagenda. 10 Tage gaben sich die Verhandlungspartner, um das so wichtige Thema einer umfassenden ländlichen Entwicklungspolitik, welches den historischen Landkonflikt beinhaltet, zu diskutieren.

Friedensgesten und Anschuldigungen

Iván Márquez, der Chef-Unterhändler der Farc überraschte am ersten Verhandlungstag mit der Ausrufung einer unilateralen Waffenruhe, die bis zum 20. Januar 2013 anhalten soll. Die kolumbianische Regierung anerkennt die Waffenruhe jedoch nicht an und wird weiterhin mit aller militärischer Härte gegen die Guerilla vorgehen. „Es sei die in der Verfassung verankerte Pflicht des kolumbianischen Militärs, alle Verbrecher zu verfolgen, die gegen die Verfassung verstoßen haben, so der kolumbianische Verteidigungsminister Juan Carlos Pinzón.“[1] Nur einen Tag nach der Ausrufung der Waffenruhe beschuldigte das kolumbianische Militär die Farc des Bruches. Demnach hätten Farc- Rebellen im Departement Cauca eine Militäreinheit angegriffen und ein Minenfeld aktiviert. Diese Vorfälle bestätigen die Regierung in ihrer Haltung, die militärischen Offensiven gegen die Guerilla aufrecht zu erhalten bis ein Übereinkommen zur Beendigung des Konfliktes erzielt wird.[2]

Der einseitige Waffenstillstand der Farc sollte dennoch als Zeichen der Kompromissbereitschaft der Guerilla und deren Verpflichtung gegenüber dem Friedensprozess anerkannt werden. Auch die Freilassung von vier Chinesen nach 17 Monaten Gefangenschaft Ende November gilt gemeinhin als weiterer Beweis für das Interesse der Farc, eine ihnen wohlwollende Meinung, sowie Vertrauen und Glaubwürdigkeit in den Friedensprozess zu schaffen.[3] Diese jüngsten Zugeständnisse stehen denn auch in einer Reihe von „Friedensgesten“, angefangen bei der Befreiung der letzten Militär- und Polizeiangehörigen aus der Geiselhaft der Farc vergangenen Januar und die darauffolgende Abschwörung weiterer Entführungen im März. Der Analyse von Arco Iris zu Folge, können die Handlungen der Farc als klare Anzeichen dafür verstanden werden, dass die Rebellen ihnen wohlwollende Bedingungen zu schaffen suchen, um den erwünschten Übergang ins Zivilleben und die Transformation hin zu einer politischen Kraft zu ebnen.[4]

Von Seiten der Regierung wird die Freilassung der vier Geiseln jedoch in ein weit weniger positives Licht gerückt, vielmehr dient der Fall dem Verteidigungsminister einmal mehr dazu, die Rebellen als „Lügner und Verräter“ zu betiteln. Die Freilassung erfolgt erst 9 Monate nachdem die Farc allen weiteren Entführungen abgeschworen und die Freilassung der sich in ihrer Gewalt befindenden Personen versprochen hatten. Die Ernsthaftigkeit der Aussage und die Glaubwürdigkeit der Farc, auch in der Öffentlichkeit, werden somit weiterhin stark angezweifelt.[5]

Die Landfrage als Knacknuss

Mit der Frage nach der künftigen ländlichen Entwicklung starteten die Friedensverhandlungen mit dem wohl wichtigsten und schwierigsten Thema in die erste Runde. Die Landfrage ist für die Guerilla von fundamentaler Bedeutung, steht doch die enorm ungleiche Landverteilung in Kolumbien am Ursprung des bald 50-jährigen Konfliktes. Durch die massiven Vertreibungen der Zivilbevölkerung, die unrechtmässige Aneignung von Land und das wachsende Interesse Multinationaler Unternehmen an den natürlichen Ressourcen des Landes ist die Landfrage heute brennender denn je. Es herrscht denn auch ein zivilgesellschaftlicher Konsens, dass der Konflikt ohne die Lösung der strukturellen Probleme, das heisst, ohne die Lösung der Landfrage nicht beendet werden kann. Um eine wirkliche Lösung im Landkonflikt zu erreichen, müssen alle Akteure in die Verhandlungen einbezogen werden, das heisst, nicht nur die Zivilgesellschaft und die Opfervereinigungen, sondern auch die Viehzüchter und Grossgrundbesitzer in deren Händen sich das Land konzentriert, sowie deren Interessenverteidiger, die paramilitärischen Gruppierungen.[6]

Doch gerade die Frage nach der Beteiligung der Zivilgesellschaft, die eine aktive Partizipation im Friedensprozess einfordert, blieb lange unklar. Bislang war die Regierung Santos zu keiner weiter reichenden Partizipation der Zivilgesellschaft bereit, als über die Mechanismen innerhalb des institutionellen Rahmens der Comisión de Paz (Friedenskommission), die dem Kongress unterstellt ist. Zivilgesellschaftliche Vereinigungen wie die Ruta social común para la paz distanzierten sich von dieser Partizipationsmöglichkeit mit dem Argument, dass die sozialen Bewegungen darin höchstens eine marginale Rolle spielten, da es nicht möglich sei, mit einer einzigen, der Zivilgesellschaft zugesprochenen Stimme, die Anliegen der breiten und diversen Zivilgesellschaft zu vertreten.[7] Nichtsdestotrotz wurden anlässlich von sieben regionalen, durch die Friedenskommission organisierten Arbeitstischen (Mesas Regionales de Paz) die Vorschläge von mehr als 800 sozialen Organisationen zusammengetragen, welche den Verhandlungsparteien unterbreitet werden sollten. Dem Ko-Präsidenten der Friedenskommission, Iván Cepeda zu Folge bewegten sich einige der Vorschläge im Rahmen eines Entwicklungsmodells, das die Ernährungssicherheit garantiere und die bäuerliche Entwicklung unterstütze.[8] Die Aussage von Präsident Santos dass „die fundamentalen Aspekte des kolumbianischen Entwicklungsmodells nicht zur Disposition stehen“[9], steht dazu in krassem Gegensatz.

Öffnung gegenüber der Zivilgesellschaft?

In einem ersten gemeinsamen Kommuniqué kündigten die Farc und die Regierung am 25. November die Installierung eines Forums zur umfassenden ländlichen Entwicklungspolitik (Foro de Política de Desarrollo rural integral) in Bogotá vom 17.-19. Dezember an. Das Forum soll den Rahmen bieten für die erste Möglichkeit zur zivilgesellschaftlichen Partizipation am Friedensprozess. Das Ziel ist es, dass durch die Zivilgesellschaft Vorschläge und Inputs zum ersten Punkt der Verhandlungsagenda erarbeitet und diese am 8. Januar dem Verhandlungstisch in La Habana überreicht werden. Am Forum werden weder die Regierung noch die Farc anwesend sein. Für die Durchführung wurde die UNO in Kolumbien und das Centro de Pensamiento y Seguimiento al Diálogo de Paz der Nationaluniversität beauftragt.[10]

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[1] Amerika21, 20.11.2012, Kolumbiens Friedensdialog beginnt mit FARC-Waffenruhe, http://amerika21.de/meldung/2012/11/68396/offizieller-beginn-der-frieden

[2] El Universal, 21.11.2012, Ejército de Colombia acusa a FARC de incumplir tregua unilateral, http://playball.eluniversal.com/internacional/dialogo-en-colombia/121121/ejercito-de-colombia-acusa-a-farc-de-incumplir-tregua-unilateral

[3] Arco Iris, 23.11.2012, La liberación de los ciudadanos chinos y la voluntad de paz de las Farc, http://www.arcoiris.com.co/2012/11/la-liberacion-de-los-ciudadanos-chinos-y-la-voluntad-de-paz-de-las-farc/ 

[4] Arco Iris, 23.11.2012, La liberación de los ciudadanos chinos y la voluntad de paz de las Farc, http://www.arcoiris.com.co/2012/11/la-liberacion-de-los-ciudadanos-chinos-y-la-voluntad-de-paz-de-las-farc/ 

[5] Arco Iris, 23.11.2012, La liberación de los ciudadanos chinos y la voluntad de paz de las Farc, http://www.arcoiris.com.co/2012/11/la-liberacion-de-los-ciudadanos-chinos-y-la-voluntad-de-paz-de-las-farc/ 

[6] Instituto Popular de Capacitación, 19.11.2012, Expectativa: inician los diálogos de paz, http://reliefweb.int/report/colombia/expectativa-inician-los-di%C3%A1logos-de-paz

[7] ask!, 01.11.2012, Erstarkte soziale Bewegungen fordern Partizipation am Friedensprozess, http://www.askonline.ch/themen/friedensfoerderung/frieden-von-unten/soziale-bewegungen-fordern-partizipation-am-friedensprozess/

[8] El Tiempo, 11.11.2012, Sociedad civil alista propuesta para La Habana, http://www.eltiempo.com/politica/proceso-de-paz-sociedad-civil-alista-propuesta-para-la-habana_12373048-4

[9] DW, -, Diálogo Colombia-Farc: entre el escepticismo y la esperanza, http://www.dw.de/di%C3%A1logo-colombia-farc-entre-el-escepticismo-y-la-esperanza/a-16390559

[10] Semana, 25.11.2012, Gobierno y Farc abren espacio a la sociedad civil, http://www.semana.com//nacion/gobierno-farc-abren-espacio-sociedad-civil/188761-3.aspx

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

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www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com