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Bedeutungsvolle Einigung erzielt: KindersoldatInnen werden nach Hause entlassen

31.05.2016 | Von Cornelia Britt
Foto: Infobae

VertreterInnen der kolumbianischen Regierung und der Farc haben sich über einen wichtigen Punkt geeinigt: Die teils straffreie Entlassung von KindersoldatInnen aus den Lagern der Farc. Die Einigung ist Teil der Friedensgespräche. Bereits im Februar hatten die Farc angekündigt, keine unter 18-Jährigen mehr zu rekrutieren. Zuerst sollen alle unter 15-Jährigen entlassen werden und nach Möglichkeit nach Hause zu ihren Familien zurückkehren. Dies soll noch vor Unterzeichnung eines endgültigen Abkommens geschehen.

"Wir haben ein historisches Abkommen erzielt, um die Kinder aus dem Krieg zu holen", verkündete der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos über den Kurznachrichtendienst Twitter. Am 15. Mai 2016 einigten sich die Farc und die Regierung Kolumbiens im Rahmen der Verhandlungen auf Kuba auf die Entlassung von minderjährigen Mitgliedern der grössten Guerillagruppe Farc. Zuerst sollen alle unter 15-Jährigen die Lager der Farc verlassen und nach Möglichkeit nach Hause zu ihren Familien zurückkehren. Die kolumbianische Regierung versprach Straffreiheit für alle KindersoldatInnen unter 14 Jahren. Farc-Mitglieder zwischen 14 und 18 Jahren sollen unter anderem vom Vorwurf der Rebellion freigesprochen werden. Um wie viele KindersoldatInnen es sich dabei handelt, ist nicht bekannt. Die grösste Guerilla-Gruppe versprach ausserdem, bei der Identifizierung von Opfern mitzuwirken. Dies kann als Zeichen der Anerkennung der verübten Verbrechen und der Bereitschaft zu deren Aufarbeitung interpretiert werden.[1] Die Farc hatten bereits im Februar angekündigt, keine Minderjährigen mehr zu rekrutieren. Sie ersuchten die kolumbianische Regierung ihrerseits, der Rekrutierung von Minderjährigen in den Dienst der kolumbianischen Streitkräfte und dem obligatorischen Militärdienst ein Ende zu setzen. Es seien die Kinder von Familien aus ärmlichen Verhältnissen, welche in Konfliktzonen geschickt werden, zum Beispiel zum Schutz von multinationalen Unternehmen.[2]

Rekrutierung von Minderjährigen: Menschenrechtsverletzung und Kriegsverbrechen
Die Rekrutierung von Kindern zu Kriegszwecken gehört zu den schwerwiegendsten Formen von Kinderarbeit und ist eine schwere Menschenrechtsverletzung. Die Rekrutierung von unter 15-jährigen KindersoldatInnen zählt gemäss der „Kinderrechtskonvention betreffend die Beteiligung von Kindern in bewaffneten Konflikten“ als Kriegsverbrechen. Der UN-Sicherheitsrat zeigt sich in seinem Bericht zur Umsetzung der Konvention in Kolumbien besorgt darüber, dass die Rekrutierung und der Missbrauch von Kindern durch illegale bewaffnete Gruppen weitergehen. Trotz gegenteiliger Versprechen hätten dies sowohl die Farc als auch die ELN zum Zeitpunkt des Berichts weiterhin praktiziert. Kinder, welche sich einer Rekrutierung widersetzt hätten, würden getötet oder zwangsvertrieben. Am meisten betroffen davon seien Kinder aus afrokolumbianischen und indigenen Gemeinschaften. Der Sicherheitsrat zeigt sich ausserdem besorgt darüber, dass gemäss neusten Angaben auch die neuen paramilitärischen Gruppen, welche nach der offiziellen Demobilisierung der Paramilitärs entstanden, Kinder zwangsrekrutieren und für kriegerische Zwecke missbrauchen würden.[3]

Exakte Angaben darüber, wie viele Kinder im bewaffneten Konflikt beteiligt sind, sind sehr schwierig zu erhalten. Schätzungen zufolge wurden in den letzten drei Jahren 1‘000 Kinder von bewaffneten Gruppen und Milizen rekrutiert. Diese Angaben beruhen auf nationalen Quellen und verifizierten Zahlen der UNO. Die tatsächlichen Zahlen sind möglicherweise viel höher. Verlässliche Zahlen über Zwangsrekrutierung von Kindern in nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen erhält man einzig, wenn die Betroffenen fliehen, befreit oder aus dem Militärdienst entlassen werden. Gemäss dem kolumbianischen Familienwohlfahrtsinstitut (Instituto Colombiano de Bienestar Familiar ICBF) sind seit 1999 6’000 KindersoldatInnen von nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen desertiert oder aus dem Militär entlassen worden.

Zwangsrekrutierung und Drohungen sind nicht die einzigen Gründe, weshalb Minderjährige für bewaffnete Gruppen zu kämpfen beginnen. Auch häusliche Gewalt, fehlende Perspektiven, schwierige ökonomische Bedingungen oder der Wunsch nach Rache können Kinder und Jugendliche dazu bewegen, sich Kriegsakteuren anzuschliessen. In den bewaffneten Gruppen übernehmen die Kinder unterschiedliche Aufgaben, beispielsweise in der Hausarbeit, als InformantInnen, beim Aufspüren von Antipersonenminen, als Wachen oder um andere Kinder zu rekrutieren. Auch die Teilnahme an Kampfhandlungen und Entführungen gehört dazu. 30% der registrierten befreiten KindersoldatInnen waren Mädchen. Geschlechtsspezifische Gewalt ist auch im bewaffneten Konflikt Kolumbiens verbreitet. Mädchen werden von ihren Kommandanten für sexuelle Zwecke missbraucht. Viele von ihnen werden zur Abtreibung gezwungen, wenn sie schwanger werden oder die Kinder werden in Pflegefamilien gegeben. Kinder, welche bewaffneten Gruppen oder Streitkräften entflohen sind, sind dem Risiko einer wiederholten Rekrutierung ausgesetzt, wenn ihnen nicht die notwendige Unterstützung zukommt.[4]

Reintegration in die Zivilgesellschaft und Schaffung von Perspektiven
Sollen die Rechte von Kindern in bewaffneten Konflikten geschützt und die Rekrutierung von KindersoldatInnen verhindert werden, kann es nicht nur darum gehen, die Kinder nach Hause zu entlassen. Ein wichtiger Schritt wird es sein, die Minderjährigen wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Die Diskussion müsse jedoch breiter geführt werden, meint die kolumbianische Parlamentarierin Angela María Robledo. Die Rechte von Kindern müssten bei den Verhandlungen auf Kuba umfassend diskutiert und geschützt werden. Es könne nicht sein, dass Jugendlichen beispielsweise verwehrt bleibt, ihre Schulbildung abzuschliessen. Fehlende Perspektiven seien eines der unbefriedigten Bedürfnisse, worunter die Gesellschaft am meisten leide. „Die Forderung der Jugendlichen in Kolumbien ist es, nicht zwischen dem Gewehr des Militärs und dem Gewehr von illegalen Gruppierungen wählen zu müssen“, meint die Parlamentarierin.[5]

Im Communiqué der beiden Verhandlungsparteien Farc und kolumbianischer Staat ist von Sozial- und Bildungsprogrammen für die Betroffenen die Rede.[6] Um die erneute Rekrutierung in bewaffnete Gruppierungen zu verhindern, müssen die Rechte von Kindern jedoch umfassend geschützt werden. Die prekären humanitären Zustände in Kolumbien müssen angegangen und Kindern und Jugendlichen Perspektiven und eine sichere Zukunft geboten werden.

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[1] Razonpublica,  23. Mai 2016, Salida de niños y niñas de la guerra: un paso significativo y retador,http://www.razonpublica.com/index.php/economia-y-sociedad/9461-salida-de-ni%C3%B1os-y-ni%C3%B1as-de-la-guerra-un-paso-significativo-y-retador.html

[2] Contagioradio, 11. Februar 2016, FARC-EP anuncian que no reclutarán más menores de edad, http://www.contagioradio.com/farc-ep-anuncian-que-no-reclutaran-mas-menores-de-edad-articulo-20271/

[3] United Nations Committee on the Rights of the Child, Juni 2010, Consideration of reports submitted by States parties under article 8 of the Optional Protocol to the Convention on the Rights of the Child on the involvement of children in armed conflict Concluding observations: Colombia, http://tbinternet.ohchr.org/_layouts/treatybodyexternal/Download.aspx?symbolno=CRC%2fC%2fOPAC%2fCOL%2fCO%2f1&Lang=en

[4] UNICEF, März 2016, Childhood in the time of war,http://www.unicef.org/media/files/UNICEF_Colombia_Child_Alert2%282%29.pdf

[5] Contagioradio, “El problema de la infancia y la adolescencia en Colombia es estructural”,http://www.contagioradio.com/el-problema-de-la-infancia-y-la-adolescencia-en-colombia-es-estructural-articulo-4683/

[6] Presidencia de la República, 15. Mai 2016, Comunicado Conjunto No. 70,http://es.presidencia.gov.co/noticia/160515-Comunicado-Conjunto-No-70

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com