11/01/12

Erstarkte soziale Bewegungen fordern Partizipation am Friedensprozess

01.11.2012 | von Ann-Seline Fankhauser

Der Friedensprozess gehe über die Friedensverhandlungen hinaus und müsse sich den strukturellen Problemen sozialer Ungleichheiten annehmen, meint die Sprecherin des Congreso de los Pueblos und Bauernführerin Marylén Serna Salinas. In verschiedenen Organisationsprozessen suchen lokale Initiativen, Studentenvereinigungen, indigene und afrokolumbianische Gemeinschaften, soziale Organisationen, Menschenrechtsverteidiger, Opfervereinigungen usw. eine Sozialagenda zu konstruieren, die die Forderungen und Vorschläge unterschiedlicher gesellschaftlicher Sektoren zusammenbringt, um damit aktiv an der Konstruktion eines nachhaltigen Friedens mit sozialer Gerechtigkeit teilzunehmen.[1]

Organisationsprozess von unten[2]

Mit dem Ziel einen alternativen Staat für alle Kolumbianer und Kolumbianerinnen zu malen, der ein würdevolles Leben ermöglicht, konstituierte sich im Oktober 2010 der Congreso de los Pueblos (Kongress der Völker) in Bogotá. Der Congreso de los Pueblos versteht sich als ein sozialer, gemeinschaftlicher und demokratischer Prozess der bestehende soziale und politischen Dynamiken, Prozesse und Bewegungen vereint, die bereit sind, gemeinsam an einem breit abgestützten Staatsmodell für die Gegenwart und die Zukunft zu arbeiten.[3] Viele Kolumbianer fühlen sich von der aktuellen Regierung in ihren Interessen nicht vertreten und sehen ihre Lebensgrundlagen bedroht. In einem kollektiven Aushandlungsprozess in dem die unterschiedlichesten Vorschläge und Anliegen der Basisorganisationen aufgenommen und diskutiert werden, sieht der Congreso de los Pueblos die einzige Möglichkeit einer legitimen Interessensvertretung der Basisgesellschaft.Während der mehrtägigen Zusammenkunft in Bogotá handelten verschiedene lokale und regionale Initiativen und soziale Bewegungen in einem kollektiven und konsensuellen Prozess sogenannte Mandate aus, an welchen sich die Arbeit in den Gemeinschaften künftig richten sollte. Die dringendsten Themenbereiche für die verschiedenen sozialen Bewegungen wurden festgelegt: 1) Land und Territorium, 2) Rechte der Völker, 3) Frieden und 4) das ökonomische Modell.

Aufgrund der Dringlichkeit der Landfrage, in der sich verschiedenste Konfliktbereiche des kolumbianischen Entwicklungsmodells verdichten, fand 2011 dann der erste thematische Kongress unter dem Titel Territorium, Land und Souveränität in Calí statt. Rund 15’000 AktivistInnen analysierten und debatierten rund um die Themen Land, Ökonomie der Bauern, Wasser, Bergbau- und Energiepolitik, Wissen/Kultur/Identität, urbane Böden und Gebiete sowie Krieg/bewaffneter Konflikt und erarbeiteten einen Aktionsrahmen mit konkreten Mandaten.[4] Diese Mandate sollen den sozialen Organisationen und Bewegungen als Handlungsorientierung dienen und im Rahmen der Möglichkeiten lokal umgesetzt werden. Für Anfang 2013 ist ein weiterer solcher Volkskongress zum Thema Frieden geplant. In regionalen und thematischen Vorbereitungstreffen wird die grundlegende Vorarbeit zum  Friedenskongress gemacht, der noch grösser werden soll als der Kongress in Calí. Der Friedenskongress hat drei Ziele: definieren, welcher Friede will man, was heisst das, ein Land in Frieden; erarbeiten einer sozialen Agenda für den Frieden, die über die eigentliche Friedensverhandlung hinausgeht; Differenzen überwinden um zu einem Mionmimalkonsen zu gelangen.

Der Congreso de los Pueblos wird von der Idee geleitet, dass politische Macht von der Basis her und auf lokaler Ebene konstruiert werden muss. Der Volkskongress versteht sich als kollektiver Organisationsprozess in der Diversität. Indem einem breiten Spektrum der kolumbianischen Gesellschaft, welches von der politischen Entscheidfindung normalerweise ausgeschlossen bleibt, die Partizipation an der Ausarbeitung von Mandaten ermöglicht wird, erhalten diese die nötige gesellschaftliche Legitimität. Durch die Mobilisierung im Namen dieser legitimen Forderungen soll die öffentliche Meinung gewonnen werden und ein gesellschafts-politischer Wandel in Bewegung gebracht werden. „Diese Volkskongresse stellen in der kolumbianischen Realität eine wichtige Bewegung dar, sie schaffen es, viele verschiedene Organisationen und Bewegungen an einen „Tisch“ zu bringen, sich über die zentralen Themen auszutauschen und den kleinsten gemeinsamen Nenner zu suchen. Sie leisten so einen grossen Beitrag zu einem Friedensaufbau von unten.“[5]

Die Forderung nach Einbindung in den Friedensprozess

In Anbetracht der Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der Guerillaorganisation FARC wurde am 8. Oktober eine weitere Allianz zivilgesellschaftlicher Organisationen lanciert in der der Congreso de los Pueblos mitvertreten ist, und zwar die Ruta social común para la paz. Die in dieser Allianz organisierten Basisbewegungen, Organisationen und Initiativen eint die Überzeugung, dass nur eine politische Lösung das Ende des Konfliktes bringen kann. Das Ziel ist es, mit einer eigenen Sozialagenda an den Verhandlungen teilzunehmen, denn die Zivilgesellschaft sieht sich mit ihren Anliegen weder durch die Regierung noch durch die Aufständischen vertreten. Indem die Zivilgesellschaft mit ihren Anliegen Teil des Friedensprozesses ist, erhält dieser wiederum eine erhöhte Legitimität.[6] Weiter ist die Allianz überzeugt, dass einzig die Auseindandersetzung mit den strukturellen Problemen und der sozialen Ungleichheit und der ehrliche Wille auf deren Lösung hinzuarbeiten zu einem nachhaltigen Frieden in Kolumbien beitragen kann.

Bislang hat sich die Regierung zur Einbindung der sozialen Bewegungen in den Friedensprozess einzig dahingehend geäussert, den institutionellen Rahmen des Consejo Nacional de Paz nutzen zu wollen. Doch die Ruta social común para la paz distanziert sich von dieser Partizipationsmöglichkeit mit dem Argument, dass die sozialen Bewegungen darin höchstens eine marginale Rolle spielten, denn mit einer einzigen Stimme sei es nicht die Anliegen der breiten und diversen Zivilgesellschaft zu vertreten. Seitens der FARC kamen bei den letzten Stellungnahmen jedoch hoffnungsvolle Signale, dass ihnen eine Teilnahme des Volkes wichtig sei. Wichtig seien auch die Eingeständnisse der Guerillas, dass sie nicht für die ganze Zivilbevölkerung sprechen und dass es die zivgesellschaftlichen Stimmen in den Verhandlungen brauche. Doch Marylén Serna ist überzeugt, dass ein möglicher Konflikt in dieser Hinsicht alleine durch die Mobilisierungskraft der zivilgesellschaftlichen und sozialen Bewegungen zu ihren Gunsten und somit für eine breite Partizipation der sozialen Bewegungen entschieden würde.[7]

Die erwähnten Entwicklungen zeugen somit von erstarkten sozialen Bewegungen in Kolumbien, die einen klaren Willen zur Geschlossenheit bekunden. Und doch ist Marylén Serna sich der Schwierigkeit der Aufgabe bewusst, wenn sie sagt: „ Unser Dilemma ist es, wie können wir partizipativ, divers und einbindend wirken und gleichzeitig reale, konkrete, systematische und konsensuelle Beiträge sicherstellen.“[8]

In der momentanen Phase der Verhandlungen, die Anfang Oktober in Oslo angelaufen sind, fordert die soziale Bewegung einen sofortigen Waffenstillstand, Garantien für eine effektive Teilnahme der sozialen Bewegung am Friedensprozess und dass auch die zweite Guerillaorganisation ELN in die Verhandlungen einbezogen wird. In einem Appell an die Regierung fordert die Zivilgesellschaft zudem klare Sicherheiten damit sich die Geschichte von Stigmatisierung, Drohung, Verfolgung und Mord nicht wiederholt. In diesem Sinne appelliert Marylén Serna auch an die internationale Gemeinschaft, insbesondere an die Schweiz, die Dynamik der sozialen Bewegungen zu unterstützen und sich zu solidarisieren und so zu einem Rahmen beizutragen, der die Konstruktion eines Friedens mit sozialer Gerechtigkeit für Kolumbien ermöglicht.

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[1] Ferrari, Sergio. 27.10.2012. „Que no se reptia la historia de nogociación seguida de represión contra el pueblo.“ http://connuestraamerica.blogspot.ch/2012/10/colombia-que-no-se-repita-la-historia.html

[2] Die folgenden Ausführungen basieren, sofern nicht anders angegeben, auf dem Vortrag von Marylén Serna Salinas vom 25. Oktober 2012 an der Universität Bern.

[3] ¿Qué es el Congreso de los Pueblos?, 06.10.2006. http://congresodelospueblos.org/sitio/index.php?option=com_content&view=article&id=25&Itemid=28

[4] Grob, Annina und Dominique Rothen. 27.10.2011. Congreso Tierra, Territorios y Soberanía in Cali, vom 30. September bis 3. Oktober 2011. http://www.askonline.ch/themen/friedensfoerderung/frieden-von-unten/congreso-tierra-territorios-y-soberania-in-cali-vom-30-september-bis-3-oktober-2011/  

[5] Grob, Annina und Dominique Rothen. 27.10.2011. Congreso Tierra, Territorios y Soberanía in Cali, vom 30. September bis 3. Oktober 2011. http://www.askonline.ch/themen/friedensfoerderung/frieden-von-unten/congreso-tierra-territorios-y-soberania-in-cali-vom-30-september-bis-3-oktober-2011/ 

[6] Manifiesto Ruta Social Común para La Paz. 19.10.2012. Vamos por la paz con una agenda social en movilización! http://rutasocialcomunpaz.blogspot.ch/2012/10/vamos-por-la-paz-con-una-agenda-social.html

[7] Ferrari, Sergio. 27.10.2012. „Que no se reptia la historia de nogociación seguida de represión contra el pueblo.“ http://connuestraamerica.blogspot.ch/2012/10/colombia-que-no-se-repita-la-historia.html

[8] Ibid.

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

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www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com