10/05/11

Mit gekreuzten Beinen für eine bessere Strasse

05.10.2011 | von Julia Bangerter

Barbacoas im Departement Nariño im Südwesten Kolumbiens: Die einzige Strasse, welche diesen Ort mit der Aussenwelt verbindet, ist in schier unbefahrbarem Zustand und die Lebensbedingungen für die Menschen durch die Isolation unwürdig. Um dieser unerträglichen Situation endlich ein Ende zu bereiten, gründete der Familienrichter Diego Fernando Enríquez Gómez das „Movimiento de las Piernas Cruzadas“.

Barbacoas: abgeschieden von der Aussenwelt

Auf den Ufern des Río Telembi war einst Symbol von Moderne: das erste Klavier und das erste Auto aus dem fernen Europa fanden über diesen Fluss den Weg nach Kolumbien. Die Entdeckung von Goldvorkommen vor mehr als 150 Jahren erschloss das Landesinnere mit einer Strasse. Noch heute ist die Region die bedeutendste Goldgrube Kolumbiens – die Verbindung von Barbacoas zu umliegenden Ortschaften bleibt aber unerträglich mühsam.

Für die ersten 57 Kilometer bis nach Pasto, der Departementshauptstadt, benötigt ein Fahrzeug gute zehn Stunden, die Hälfte des Weges muss mit 13 km/h und im ersten Gang bewältigt werden. Von einer Strasse zu sprechen ist übertrieben: eher gleicht die Strecke einem ausgetrockneten Flussbett, welches so eng ist, dass dem Gegenverkehr nur an einer Stelle ausgewichen werden kann.

Unter der Präsidentschaft von Álvaro Uribe wurde die Asphaltierung der Strasse zweimal in Angriff genommen und im November 2009 sogar vertraglich unter anderem zwischen dem Transport- und dem Verteidigungsministerium geregelt. Bis heute ist aber nur der Abschnitt Pasto - Junín ausgebessert.

Zumindest teilweise lähmten die in der Region einflussreichen bewaffneten Gruppierungen den Ausbau der Strasse. Sowohl der Paramilitarismus wie auch die Guerrilla kontrollieren die Zone; regelmässig kommt es zu Gewaltausbrüchen und Vertreibungen, denen die Bevölkerung schutzlos ausgeliefert ist. In Barbacoas, einer Gemeinde, in der 50% unter 18 Jahren sind, herrscht durch die Abgeschiedenheit eine alarmierende Perspektivlosigkeit und das Aufgleisen von Projekten aus Eigeninitiative ist erschwert. Vor allem für die Jugendlichen werden illegale Gruppen so zu trügerischen Alternativen aus der Misere (siehe Kasten) und der Drogenschmuggel kann Einkommen generieren, w elches die Bevölkerung bitter nötig hat. Denn die Löhne sind ein x-Faches tiefer, die Lebenskosten umgekehrt proportional höher als in besser erschlossenen Ortschaften: 1 Ei kostet dreimal mehr in Barbacoas. Früchte und Gemüse verfaulen bevor sie einen Markt erreichen. Die Bildung der Kinder wird sehr teuer wegen der hohen Transportkosten; konsequenterweise ist die Analphabetenrate auffallend hoch. Wegen der miserablen Strasse haben Barbacoanos ihr Leben verloren: Der 18 jährige Hernando Jorge Valencia mit Herzleiden, zum Beispiel, erreichte das Spital in Pasto nicht rechtzeitig und kürzlich erlag eine Frauen auf der Strecke ihren Schwangerschaftskomplikationen.

Die Isoliertheit spürt die afrokolumbianischen Gemeinde auf sozialer, wirtschaftlicher und gesundheitlicher Ebene. Dass heute beinahe die Hälfte der Bevölkerung unter verheerendsten Umständen lebt, steht in direktem Zusammenhang mit der katastrophalen Zufahrtsstrasse. Umgekehrt wäre eine ausgebaute Route der Beginn von Fortschritt und Lebensqualität.

Ein Streik der besonderen Art

„Por un nuevo amanecer nos abstenemos del placer“ oder „Aunque el sexo es placentero, la dignidad está primero“1 haben Frauen des Ortes auf Karton geschrieben. Unwürdige Lebensbedingungen veranlassten sie, ihre Beine zu kreuzen, bis der erste Stein einer gutbefahrbaren Strasse gelegt sein wird. Mit diesem Sex-Streik demonstrieren sie für fundamentale Menschenrechte.

Denn: durch den lamentablen Zustand der Strasse werden tatsächlich grundlegende Rechte der Bevölkerung verletzt: Das Recht auf ein würdevolles Leben, das Recht auf Gesundheit, auf Bildung,… Der Familienrichter Diego Fernando Enriquez Gomez, der seit etwas mehr als eineinhalb Jahren im Ort Sensibilisierungsarbeit zu Bildung und Menschenrechte leitet, meint dazu:

„A mí, siempre me inquietó el problema de la carretera porque es el problema más grande e inhumano que tiene esta población. Son cerca de 35 mil habitantes que se ven diezmados, manipulados a causa de una carretera“2.

Seine Workshops und Diskussionsforen, welche sich besonders an Frauen richteten, standen zu Beginn aber nicht in einem direkten Zusammenhang mit der Strasse. Sie thematisierten die im Ort leider verbreiteten intrafamiliären Gewaltübergriffe, die Rechte der Frauen, Pflichten ihrer Ehemänner, etc. Die gravierenden Probleme, welche der desaströse Zustand der Zufahrt zu Barbacoas mit sich bringt, wurden auch für den zugewanderten Diego Enríquez immer augenfälliger und so war es von der Aufklärungsarbeit über Frauenrechten nur ein kleiner Schritt zur Mobilisierung für eine bessere Strasse.

Spontan kam ihm die Idee eines Hungerstreiks. Von dieser liess er aber wieder ab Angesichts der Isoliertheit des Dorfes: Bis der Staat davon Notiz genommen hätte, hätten wahrscheinlich einige Streikende sterben müssen. Weniger risikoreich, aber ebenso friedlich ist die Variante des Sex-Streiks, welche Aristophanes in Lysistrata beschreibt. Das Theaterstück inspirierte den jungen Richter und unter den Frauen stiess er auf Begeisterung für die Bewegung.

Das „Movimiento de las Piernas Cruzadas“ ist jedoch ein Produkt einer intensiven Vorbereitungsphase: Voraussetzung für einen erfolgreichen Streik, der auf der absoluten Überzeugung der Teilnehmerinnen basiert, war das Bewusstsein für die eigenen Rechte. Dass diese Rechte zwar auch durch ihre Ehemänner, prinzipiell aber durch den Staat und dessen Passivität verletzt werden, ist zentral.

Offensichtlicherweise liegt dem Streik ein philosophisch-sozialer Gedanken zu Grunde. Der Verzicht auf die Befriedigung der körperlichen Lust ist das Mittel um einer viel tiefergehenden Einsicht Ausdruck zu verleihen:

„Las mujeres de Barbacoas no seguiremos pariendo hasta que la vía esté buena. Para qué traemos hijos a sufrir en estas condiciones, para que se mueran en la vía por falta de atención médica? Por eso decidimos cruzar las piernas“3.

Medienaufmerksamkeit als Druckmittel

Eine Möglichkeit, Druck auf den Staat auszuüben ist mittels öffentlicher Meinung. Dieser Strategie bedient sich auch das „Movimiento de las Piernas Cruzadas“, denn der Sex-Streik ist medienwirksam, etwas kurios, etwas skandalös – und er generiert Interesse. Radio und Fernsehen fragen nach dem Warum und Wieso und Bilder und Geschichten hinterlassen einen Eindruck. Die Regierung sieht sich gezwungen zu reagieren.

Tatsächlich scheint der Streik nun Früchte zu tragen! Dass sogar ein internationales Echo ausgelöst werden würde, damit hatte Diego Enríquez nicht gerechnet und das Zustandekommen einer mesa redonda mit Regierungsvertretern zeigte den Erfolg der Bewegung an. Denn dort wurde erreicht, dass sich die Regierung öffentlich verpflichtete am 11. Oktober dieses Jahres endlich mit dem Bau der Strasse zu beginnen. In Bogotá konnte sich Diego Enríquez vergewissern, dass den Worten dieses Mal auch Taten folgen werden: Maschinen zum Bau der Strasse sind einsatzbereit und ein Budget von 40 000 Millionen Pesos (ca. 20 Mio Franken) steht zur Verfügung.

Für Diego Enríquez ist der Erfolg des friedlichen „Movimiento de las Piernas Cruzadas“ der Beweis für die Kraft, welche von einer über ihre Rechte aufgeklärten und gebildeten Bevölkerung ausgehen kann.

Weiterführende Links:
infobae.com América
El Tiempo
Youtube 1 - 2 - 3

1 Sinngemäss: „Für einen neuen Anfang enthalten wir uns der Lust“ oder „Sex ist zwar ein Genuss, aber zuerst kommt die Würde“.

2 Sinngemäss: „Mir hat das Problem der Strasse immer zu schaffen gemacht, da es das grösste und unmenschlichste Problem dieser Gemeinde ist. Es handelt sich um ca. 35 tausend Anwohner, die wegen dieser Strasse leiden in ihren Rechten eingeschränkt sind“.

3 „Erst wenn die Strasse in gutem Zustand ist, werden die Frauen von Barbacoas wieder gebären. Wozu setzen wir Kinder in die Welt, wenn sie schliesslich unter diesen Bedingungen leiden und wegen fehlender ärztlicher Hilfe auf der Strasse sterben? Darum haben wir uns entschlossen die Beine zu kreuzen“.

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Escuela de Formación Deportiva Barcelona

Im Kampf der Paramilitärs und Guerillas um Territorium und Einfluss gerät die Lokalbevölkerung zwischen die Fronten. Besonders die Kinder und Jugendlichen leiden unter den Konsequenzen wie Vertreibung und werden in einer Lebensphase, in der sie speziell auf Stabilität und ein vertrauensvolles Umfeld angewiesen wären, aus einer bekannten Umgebung herausgerissen oder geraten selbst in den verhängnisvollen Strudel der Gewalt.

Die von Diego Enriquez gegründete Sportschule fördert durch körperliche Aktivität die soziale Integration der Jugendlichen und das Gemeinschaftsbewusstsein. Sie weckt Talente und Kreativität und gibt Selbstwertgefühl und Perspektive für eine sichere Zukunft zurück. Die sinnvolle Freizeitgestaltung wirkt als Prävention gegen das Abdriften in die Illegalität. So ist in der Philosophie des Vereins der Sport an sich nicht das Ziel sondern das Mittel, um aus den jungen Menschen verantwortungsvolle Menschen mit hoffnungsvollen Zukunftsaussichten zu formen.

Diego ist selbst Trainer und Lehrer in Sachen Lebensfragen und Menschenrechte und finanziert sein Projekt aus eigener Tasche. Stolz weist er darauf hin, dass seit der Gründung der Schule im Mai vergangenen Jahres die Zahl seiner Schützlinge von 10 auf 107 gewachsen ist. Daneben engagieren sich etliche ältere Jugendliche im Projekt oder profitieren von Aktivitäten.

Aktuell

08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

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www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com