04/30/15

Friedensmarsch zeigt Polarisierung auf

30.04.2015 | Von Regula Fahrländer
Friedensmarsch in Bogotá, April 2015 © Prensa Latina

Hunderttausende Kolumbianerinnen und Kolumbianer gingen auch dieses Jahr am 9. April auf die Strasse, um für Frieden zu marschieren und den Opfern des Krieges zu gedenken. Zum Marsch aufgerufen haben die Linke und Präsident Santos, ist in den Medien zu lesen. Aber nicht nur Einheit, sondern auch Polarisierung wird am Gedenktag sichtbar.

Der 9. April ist tief in die Gedächtnisse der KolumbianerInnen eingeprägt. An diesem Tag im Jahr 1948 wurde der damalige linksliberale Präsidentschaftskandidat, Jorge Eliécer Gaitán ermordet. Viele sehen dies als Anfang des Bürgerkrieges. Auch an einem 9. April, nämlich 2011, wurde das Opfer- und Landrückgabegesetz verabschiedet. Und bedient sich dieses geschichtsträchtigen Datums, indem es anordnet, dass fortan an diesem Tag der Opfer des Krieges gedacht werden soll.
Wie bereits in vergangenen Jahren, wurde auch diesmal ein Friedensmarsch einberufen, an erster Stelle von der Bewegung Marcha Patriótica, mit Unterstützung aus diversen Lagern. Dazu zählen etwa Gewerkschaften und soziale und indigene Bewegungen. Aber auch die beiden Guerillas FARC und ELN haben ihre Unterstützung kundgetan und patriotische Grüsse an die Demonstrierenden geschickt. Präsident Santos und Bogotás Bürgermeister Gustavo Petro ihrerseits haben sich während des Marsches in Szene gesetzt. Er sei nach wie vor davon überzeugt, so der Präsident in seiner Ansprache, dass ein verhandelter Kriegsausgang der richtige Weg sei, um aus diesem absurden Konflikt herauszufinden. Es seien die Opfer des Krieges, die ihn täglich dazu veranlassen, diesen Kampf für Frieden weiterzumachen.[1] Die Angaben über die Menge der Teilnehmenden unterscheiden sich je nach Quelle. El Tiempo berichtete von 300 000 alleine in Bogotá[2]. Zur Massenmobilisierung kam es ferner in Medellín, Bucaramanga, Barranquilla, Cali, Popayán, Neiva, Cucutá, Buenaventura und weiteren Städten.

Das Thema „Frieden“ polarisiert
Von diversen PolitikerInnen, wie auch Medien, wird der 9. April dazu genutzt, die Einheit der KolumbianerInnen zu unterstreichen. Aber die BefürworterInnen für den Frieden sind längst nicht so vereint, wie es scheinen sollte. Dies wurde spätestens bei den Forderungen während der Umzüge offensichtlich.
Die Zivilbevölkerung ist klar in ihren Anliegen: Zwar unterstütze man den Friedensdialog mit der FARC, aber es brauche dringend ein solcher mit der ELN. Zweitens dürfe der bilaterale Waffenstillstand nicht länger auf sich warten lassen und drittens würde die Einberufung einer verfassunggebenden Nationalversammlung gefordert.[3] Dazu äusserte sich der Präsident nicht an seiner Rede. Hingegen legte er den Schwerpunkt seiner Rede auf die Opfer unter den Soldaten. Dass nationale Streitkräfte in Zivil an den Demonstrationen teilnahmen, löste eine Polemik aus. Anscheinend haben 1100 Staatsangestellte auf eine interne Anordnung der stellvertretenden Direktorin der Nationalen Polizei in Zivil mitdemonstriert. Laut Verfassungsgericht müssen sie aber von solchen Anlässen fern bleiben.[4]
Wenig überraschend ist, wer der Demonstration tatsächlich fern blieb: Allen voran die Rechte des Landes. Einige Zeitungen schreiben denn auch von einem Marsch der Linken. Der Koordinator der UNO in Kolumbien, Fabrizio Hochschild, äußerte gegenüber El Espectador sein Bedauern, dass die Idee des Friedens in Kolumbien so stark politisiert. Der Frieden sollte "über den politischen Parteien stehen", sagte Hochschild. Und vor allem müssten die Opfer des Konfliktes "Aufklärung und Würde" erhalten.[5]

Die schwierige Lage der Opfer
Zweifelsohne verdienen die Opfer in Kolumbien, dass ihnen gedacht wird. Die Frage ist, wie glaubhaft die Unterstützung der Regierung ist, wenn keine ernsthaften Taten folgen. Orlando Burgos, Vorstandsmitglied der Mesa Departamental de Víctimas in Santander, kritisiert zudem, dass der 9. April von der Regierung bestimmt wurde, ohne die Opfer zu fragen. Und so ginge es mit allem: schön als Idee, mangelhaft in der Umsetzung.[6] Internationale Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International veranschaulichen diese Aussagen, indem sie die Implementierung des Opfer- und Landrückgabegesetzes kritisieren. Erst einem Bruchteil der betroffenen Familien konnte ein Landtitel zugesprochen werden, die Zahl der Familien, die auch effektiv auf ihr Land zurückkehren konnten, ist verschwindend klein. Einige der Opfer, die letztes Jahr in fünf Delegationsreisen an je 12 Teilnehmenden nach Havanna gereist sind, wurden bereits bedroht.
Gleichentags wurde an einem öffentlichen Anlass der Ort, an dem das künftige Nationale Gedenkmuseum gebaut wird, bekannt gegeben. Auf 14 000 Quadratmetern soll dieses 2018 an zentraler Lage die Türen öffnen. Das Opfer- und Landrückgabegesetz hatte auch den Bau eines solchen angeordnet[7]. Anders als dies etwa in vielen Ländern Europas der Fall ist, findet man in Kolumbien bislang kaum Gedenkstätten für geschichtlich relevante Ereignisse. Eine besondere Herausforderung dabei ist in Kolumbien der noch andauernde Konflikt und das mangelnde universell gültige Geschichtsverständnis, wie dies kürzlich die zwölf unterschiedlichen Geschichtsversionen der ExpertInnen der Wahrheitsfindungskommission veranschaulicht haben.[8] Insofern stellt sich auch beim Gedenkmuseum die Frage, wer die Geschichte der Opfer bestimmen und erzählen wird. Und wer dies dem Anschein nach tut.

Eine Woche nach dem Friedensmarsch kam es im Cauca zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Militär und FARC, bei der mindestens elf Soldaten und zwei Aufständische den Tod fanden und den Friedensdialog in eine Krise stürzte. Seither fliegt das Militär wieder Luftangriffe. Die FARC betonen die Weiterführung der Waffenruhe mit Ausnahme der Selbstverteidigung. Die Friedensverhandlungen auf Kuba werden weitergeführt.

Download PDF


[1] Presidencia de la República de Colombia, 09.04.2015, Presidente Santos en el homenaje a las víctimas de las Fuerzas Armadashttps://www.youtube.com/watch?v=1Tpi0_CKRrI

[2] El Tiempo, 09.04.2015, Marcha por las víctimas fue un espaldarazo a la paz de Colombiahttp://www.eltiempo.com/politica/proceso-de-paz/marcha-por-las-victimas-y-la-paz/15545055

[3] Marcha Patriótica, 09.04.2015, Inicia la jornada por la paz del 9 de abril  http://www.marchapatriotica.org/index.php?option=com_content&view=article&id=2617:inicia-la-jornada-por-la-paz-del-9-de-abril&catid=94&Itemid=475

[4] Semana, 14.04.2015, ¿Quién ordenó a policías asistir de civil a Marcha por la paz?,http://www.semana.com/nacion/articulo/policias-asisitieron-de-civil-marcha-por-la-paz/424084-3

[5] Portal Amerika 21, 14.04.2015, Hunderttausende bei Friedensmarsch in Kolumbien  https://amerika21.de/2015/04/118145/friedensmarsch-kolumbien

[6] Semana, 08.04.2015, Colombia rinde homenaje a las víctimas del conflicto armado,  http://www.semana.com/nacion/articulo/nueve-de-abril-dia-por-las-victimas-del-conflicto/423434-3

[7] Semana, 09.04.2015, El Museo de la Memoria del conflicto armado http://www.semana.com/nacion/articulo/porque-recordar-la-violencia-con-un-museo-de-la-memoria/422880-3

[8] Siehe dazu: Die schwierige Suche nach einer gemeinsamen Wahrheit, http://www.askonline.ch/themen/friedensfoerderung/wahrheit-wiedergutmachung-und-gerechtigkeit/die-schwierige-suche-nach-einer-gemeinsamen-wahrheit/

Aktuell

08.12.2016


Spenden an die ask!

Wir leisten unsere Arbeit für die kolumbianische Zivilgesellschaft mit viel Herzblut. Um unsere Kosten zu decken, sind wir auf Spenden angewiesen.

Wir freuen uns entsprechend über eine Spende auf:
PC-Konto 60-186321-2
(
IBAN CH33 0900 0000 6018 6321 2)

26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com