11/23/09

Frauen in Kolumbien - von Kriegsopfern zu Friedensstifterinnen

23.11.2009 | von Sabine Droz, Dominique Rothen, Bruno Rütsche

Frauen und Kinder sind von Kriegen weltweit am meisten betroffen. Sie bleiben mit den Familien zurück, wenn Väter und Söhne in den Krieg ziehen und oft nicht mehr zurückkehren. Sie müssen vor der Gewalt fliehen. Oft werden sie von Bewaffneten aus Rache und als Demütigung als Kriegsbeute behandelt, vergewaltigt oder umgebracht.

Viele Frauen verharren nicht in ihrem ungewollten Schicksal als Kriegsopfer. Sie organisieren das Überleben ihrer Familien. Sie leisten vielfältigen Widerstand gegen den Krieg und seine irre Logik. Sie machen sich stark für die Förderung des Friedens. Frauen sind wichtige und bedeutende Friedensstifterinnen – weltweit und auch in Kolumbien. Die oft ignorierte und bewusst zum Schweigen gebrachte Stimme kolumbianischer Friedensfrauen ist eine unverzichtbare Stimme für den Aufbau eines dauerhaften, gerechten Friedens mit sozialer Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.

Kolumbien: ein Land im Dauerkonflikt

Im kolumbianischen Konflikt stehen sich zwei Kontrahenten gegenüber: Die staatlichen Sicherheitskräfte und vom Staat geschaffene, verdeckte, verbrecherische paramilitärische Verbände auf der einen Seite und aufständische Organisationen wie die FARC und ELN auf der anderen Seite. Die Paramilitärs können nicht als dritter Akteur bezeichnet werden, wie der offizielle Diskurs besagt, da der Staat sie selber geschaffen, gefördert und ihnen Straffreiheit gegeben hat.

Seit vielen Jahrzehnten hat in Kolumbien eine kleine Elite die Macht ausgeübt und sich nie gescheut, auch Gewalt als Mittel einzusetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Formal ist Kolumbien die älteste Demokratie Südamerikas, doch de facto handelt es sich um eine „demokratische Herrschaft“, die im Dienst einer reichen Minderheit steht und dessen Hauptziel es ist, diese Verhältnisse aufrechtzuerhalten und die Privilegien der Elite auszubauen. Die Mehrheitsbevölkerung wird mit staatlicher Gewalt politisch, sozial und wirtschaftlich ausgeschlossen. Dies ist einer der Hauptgründe, weshalb in den 60er Jahren Guerillaorganisationen als revolutionäre Gegengewalt entstanden sind.

Die Aktionen der Guerilla wurden von der herrschenden Schicht aber jahrelang nur als Störung der öffentlichen Ordnung angesehen und deren Bekämpfung den staatlichen Sicherheitskräften überlassen. Als staatliche Repressionsmassnahmen nicht zum Erfolg führten, griff man schliesslich auf Anregung der USA hin zum Mittel des Paramilitarismus, der verdeckten Aktion durch rechte Killerbanden oder die Duldung ihrer Gewaltfeldzüge im Interesse der Privilegierten. Die Bekämpfung des bewaffneten Widerstandes, der sozialen Unruhen und der politischen Linksopposition entwickelte sich nun zu einem „schmutzigen Krieg“, in dem stets unbekannt bleibende „dunkle Kräfte“ auf widerständische, regimekritische Bewegungen und Personen Jagd machten. Paramilitärische Verbände halten Teile des Landes im Auftrag von Militär und Grossgrundbesitzern besetzt und zeitgleich gewinnt die Drogenmafia an wirtschaftlicher Macht, was seit Anfang der 90er Jahren zu einem Eingreifen der USA in den sogenannten Drogenkrieg führte.

Seit Amtsantritt von Präsident Uribe im 2002 steht die Regierungspolitik unter dem Motto der „Demokratischen Sicherheit“. Durch stark erhöhte Militärpräsenz sind die Grossstädte und Hauptverbindungsstrassen sicherer geworden, die Menschenrechtslage in den Konfliktgebieten hat sich aber nicht geändert, die Zahl der Menschenrechtsverletzungen ist gleich hoch wie vor 2002. Nachweislich sind staatliche Sicherheitskräfte verantwortlich für hunderte von aussergerichtlichen Hinrichtungen und Fälle gewaltsamen Verschwindenlassens. Doch was die Amtszeit von Uribe am meisten prägt, ist die systematische Negierung des Konflikts und der Diskurs der „terroristischen Bedrohung“ durch die Guerilla. Die juristische Konsequenz davon ist, dass die Armee und die staatlichen Sicherheitskräfte dadurch per definitionem nicht mehr Konfliktpartei und somit dem humanitären Völkerrecht nicht mehr unterstellt sind. Darüber hinaus vernebelt die stete Wiederholung des Slogans der terroristischen Bedrohung die enge Verflechtung der paramilitärischen Verbände mit der politischen Elite und der Regierung. So sind zur Zeit über 100 Strafprozesse gegen ParlamentarierInnen und regionale und lokale Regierungsfunktionäre wegen ihrer Zusammenarbeit mit den paramilitärischen Verbänden im Gange. Zahlreiche ParlamentarierInnen und Gouverneure wurden mit direkter Unterstützung der Paramilitärs in ihre Ämter „gewählt“.

Die Gewalt in Zahlen

Seit 1964 hat der kolumbianische Konflikt 200´000 Menschenleben gefordert. Allein seit dem Amtsantritt von Staatspräsident Álvaro Uribe im August 2002 „verschwanden“ 14‘000 KolumbianerInnen oder kamen gewaltsam ums Leben. Laut Untersuchungen der Kolumbianischen Juristenkommission CCJ war der Staat in 75 Prozent aller Fälle direkt oder indirekt involviert. 17,5 Prozent der Opfer wurden dabei direkt von den regulären Sicherheitskräften getötet. 57,5% wird den ultrarechten Paramilitärs angelastet. In 25% der Fälle ist die Guerilla verantwortlich. Zusätzlich kamen von 2002 bis 2008 12‘000 Menschen bei Kampfhandlungen ums Leben, so dass sich eine Opferbilanz von 26‘000 Menschen ergibt.

Frauen in Kolumbien

Die kolumbianischen Frauen haben bereits früh, seit der Kolonialisierung, am sozialen, ökonomischen und politischen Leben teilgenommen. Trotzdem waren sie oft nicht sichtbar im öffentlichen Leben. Frauenorganisationen mussten sich jahrelang für ihre Anliegen einsetzen, bevor ihre spezifischen Bedürfnisse wahrgenommen wurden. Für den lateinamerikanischen Kontext haben sie relativ spät das Frauenstimmrecht erhalten (1954) und konnten sich erstmals 1957 an Wahlen beteiligen. In die Exekutive wurden sie aber bereits früher miteinbezogen; so hat im Jahre 1954 die erste Ministerin ihre Arbeit aufgenommen. Auch durch den starken Einfluss der Kirche ist Kolumbien ein Land, welches noch lange stark von einem patriarchalen Wertesystem geprägt war. Männliche und weibliche Rollenbilder sind immer noch klar definiert.

Noch heute sind diese Hintergründe stark spürbar. Während auf der einen Seite die Präsenz von Frauen in einigen Lebensbereichen stark zugenommen hat, bleibt sie in anderen sehr marginal. So gibt es viele Frauen, die einer Lohnarbeit nachgehen (40% der arbeitenden Bevölkerung sind Frauen) und der Weg zu Kaderstellen in Firmen steht ihnen offen. Auch in der Exekutive sind sie oft anzutreffen. In der Legislative jedoch (im Senat, dem Repräsentantenhaus, den Gemeinde- und Stadtparlamenten) sind sie nach wie vor stark untervertreten. Es ist aber nach wie vor so, dass die Frauen häufig den traditionellen Frauenjobs nachgehen und entsprechend weniger verdienen.

Hinsichtlich Bildung haben sich die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in den letzten Jahren aufgehoben. So verfügen die Frauen inzwischen über die gleich gute Ausbildung wie die Männer. Die Unterschiede werden jedoch beim Berufseinstieg wieder spürbar, der für die Frauen mit derselben Ausbildung viel schwieriger ist als für ihre männlichen Kollegen.

Gewalt gegen Frauen

Unter Gewalt gegen Frauen versteht man jeden Gewaltakt, der auf der Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht basiert, welcher einen physischen, sexuellen oder psychologischen Schaden für die Frau verursacht, sowie die Androhung solcher Akte, die Nötigung oder willkürliche Freiheitsberaubung, sowohl im öffentlichen wie auch im privaten Raum. (Art. 1 der UN-Erklärung über die Eliminierung der Gewalt an Frauen)

Unter dem nun schon seit über 40 Jahre andauernden internen Konflikt in Kolumbien leidet in erster Linie die Zivilbevölkerung. Einerseits, weil sie sich zwischen den Fronten befindet, aber andererseits auch, weil die bewaffneten Akteure sie verdächtigen, mit dem „Feind“ verbündet zu sein und nicht zuletzt im Rahmen der zahlreichen Vertreibungen. Von den über 70´000 Toten, die der Krieg in Kolumbien in den letzten 20 Jahren gefordert hat, sind nur die wenigsten bewaffnete Akteure, die im Kampf gefallen sind. Überaus die meisten davon sind zivile Opfer ausserhalb des Konflikts. Berichte über das Thema „Gewalt an Frauen“ sind sich einig darin, dass die Frauen in Kriegs- und Konfliktzeiten einem höheren Gewaltrisiko ausgesetzt sind.

Die Gewalt gegen Frauen, im Speziellen die sexuelle Gewalt, ist zu einem integralen Bestandteil der Kriegsführung geworden und zu einem strategischen Mittel, um militärische Ziele zu verfolgen. Dies nicht nur im kolumbianischen Konflikt; seit den 90er Jahren hat sich die Vergewaltigung in vielen Konflikten auf der ganzen Welt als ein neues Mittel in der Kriegsführung verbreitet. „Diese Gewaltakte sind nicht zufällig; sie werden systematisch und vorsätzlich begangen“ .

Zwischen Januar 2002 und Juni 2006 starb in Kolumbien durchschnittlich eine Frau pro Tag aufgrund der sozialpolitischen Gewalt. 63,48% dieser Menschenrechtsverletzungen und Verstösse gegen das Humanitäre Völkerrecht werden staatlicher Verantwortung zugeschrieben: 12,52% werden direkt durch Staatsbeamte verübt und 50,96% aufgrund von Unterlassung, Tolerierung, Zustimmung oder Unterstützung von Verletzungen, welche von paramilitärischen Gruppen verübt wurden. Für die restlichen 36,53% wird die Guerilla verantwortlich gemacht.

Olga Amparo Sánchez von der Ruta Pacífica de las Mujeres, sieht den Grund für die massive Gewalt an Frauen im bewaffneten kolumbianischen Konflikt im Gesellschaftssystem des sozio-sexuellen Patriarchats: die Gewalt gegen Frauen in der kolumbianischen Gesellschaft sei Ausdruck der patriarchalen Macht und deren Fortbestehen. Mord und Vergewaltigung an
Frauen sei nicht Zufall, sondern Resultat von tiefsitzenden Macht- und Unterwerfungsbeziehungen,welche durch die Gesellschaft mit ihrer Frauenfeindlichkeit hervorgebracht werden. Die Frau wird zum Opfer, weil sie eine Frau ist. In der Konfliktsituation steigere sich dieses Verhaltensmuster zu extremen Ausmassen.

Auch Männer werden Opfer sexueller Gewalt im bewaffneten Konflikt in Kolumbien. Aber der Missbrauch und die sexuelle Ausbeutung, welche die Frauen und Mädchen erleben, wurde lange Zeit nicht beachtet, nicht nur, weil die Gewalt gegen sie als dem privaten Raum zugehörig angesehen wurde, sondern auch, weil die Angst und die Scham, die mit sexuellem Missbrauch einhergehen, viele Frauen davon abgehalten haben, darüber zu sprechen (AI 2004). So ist der Akt der Vergewaltigung zwar seit den 50er Jahren illegal und wird als Verbrechen gegen die Ehre betrachtet, wurde aber erst 1996 neben Mord, Folter und Verstümmelung unter die „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ eingeordnet. Um so mehr legitimiert sich, zu thematisieren, wie im Speziellen die Frauen in Kriegszeiten zu Gewaltopfern werden. Frauen erfahren in bewaffneten Konflikten auf verschiedene Weise Gewalt. Die Vergewaltigungen und gewaltsamen Vertreibungen sind im kolumbianischen Konflikt zwei besonders oft auftretende Formen.

Vergewaltigung

Sexuelle Gewalt ist in Kolumbien keineswegs ein neues Phänomen, sondern bildet vielmehr eine Konstante in der Geschichte und ein Merkmal des Konflikts. Es geht dabei oftmals nicht darum, den betroffenen Frauen Schmerz zuzufügen, sondern darum, den „Feind“ zu dominieren, zu quälen und zu erniedrigen. Die Frauen werden zu Kriegsführungswecken instrumentalisiert. Gemäss Sánchez ist eine vergewaltigte Frau "...ein entwertetes Eigentum und markiert die Niederlage für die Männer, welche sie nicht schützen konnten. [...]. Die Vergewaltigung ist ein Verbrechen der Dominierung, und genau darum geht es im Krieg: offensichtlich hat eine Vergewaltigung nichts mit Prostituierten oder anderen verfügbaren Frauen zu tun, was zeigt, dass sie nicht im Zusammenhang steht mit sexuellen Begierden.

Frauen und Mädchen werden von den bewaffneten Akteuren vergewaltigt – oft in Gegenwart der anderen Familienmitglieder – um damit ihre Überlegenheit über den Feind zu de monstrieren, dem es nicht möglich war, seine Frau oder Tochter zu schützen. In den Worten von Radhika Coomaraswamy, ehemalige UNO-Sonderberichterstatterin zur Gewalt an Frauen ist es „(...) eine Schlacht zwischen Männern, die auf den Körpern der Frauen ausgetragen wird“.  Gewalt an Frauen im bewaffneten Konflikt wird auch dafür eingesetzt, um die Bevölkerung einzuschüchtern, Massenfluchten zu provozieren oder angenommene oder reale Verbindungen zwischen den Dorfgemeinschaften und der Guerilla zu zerstören. „Indem sie Terror verbreiten und die Frauen ausnützen, um militärische Ziele zu erreichen, haben sie ihre Körper in Schlachtfelder verwandelt“ .

Frauen, die sexuelle Gewalt durch bewaffnete Kriegsakteure erlitten haben, leiden noch ein Leben lang unter den Nachwirkungen. Da ist die physische Versehrtheit, wie mögliche Infektionen (z. B. mit HIV/AIDS), Unfruchtbarkeit und Verstümmelungen. Die Überlebenden werden oftmals von der eigenen Gemeinschaft stigmatisiert und isoliert, ebenso Kinder, die von Vergewaltigern gezeugt werden. Schliesslich ist es eine Gewaltform, die entgegen jeder Logik das Opfer beschämt, und nicht den Täter. Dies führt dazu, dass die sexuelle Gewalt gegen Frauen im bewaffneten Konflikt ein kaum angesprochenes Tabu bleibt, verborgen hinter der Mauer der Diskriminierung und der Straflosigkeit.

Es war Nacht. Zwei bewaffnete Männer in Militäruniform kamen, maskiert, und nannten sich Paramilitärs. Sie nahmen meinen Ehemann mit hinaus und zielten die ganze Zeit mit den Waffen auf ihn. Das Kind weinte. Ich schloss die Türe. Einer der Männer drehte sich um und schrie, ich soll die Tür öffnen oder er trete sie ein. (...) Ich schaffte es, die Kleine zu beruhigen und wiegte sie, bis sie schlief. Da zog mich der Mann aus dem Zimmer und brachte mich in den Flur um mich zu befragen. Dort, auf einer Bank die im Flur stand, bedrohte er mich mit dem Tod, wenn ich mich nicht fügte. Er riss mir die Kleider weg, hielt mir den Mund zu und nötigte mich. Er vergewaltigte mich. Dann sagte er, ich solle mich anziehen und meinte: „Hier ist nichts geschehen. Die Frauen sind schliesslich dafür da“. (Aussage einer Frau in Cali, 2002)

Vertreibungen

Nebst den physischen Gewaltakten leiden insbesondere die Frauen unter den – v. a. von den Paramilitärs – immer wieder verübten gewaltsamen Vertreibungen. In Kolumbien gibt es laut UNHCR weltweit am meisten intern Vertriebene: offizielle staatliche Stellen sprechen von 3,27 Millionen (die Menschenrechts-NGO Codhes spricht von 4,7 Mio.) Menschen. 80% der
intern vertriebenen Bevölkerung in Kolumbien sind Frauen und Kinder. Meist ist davon die ländliche Bevölkerung betroffen, weil die bewaffneten Akteure sich das Land der Bauern aneignen wollen. Die Vertreibungen sind somit mit dem Verlust des gesamten Besitzes der Familien verbunden, wie Haus, Land, Vieh und Pflanzungen. Die Familien fliehen entweder in den Urwald, wo sie verzweifelt ums Überleben kämpfen oder aber in die städtischen Slums. Die Frauen, die von in den Krieg gezogenen Männern zurückgelassen wurden, sind dort ohne Bildung, der Voraussetzung für den Konkurrenzkampf in der städtischen Ökonomie. Damit sind sie unweigerlich mit Hunger und Armut konfrontiert. Sie müssen sich als billigste Arbeitkräfte verdingen, um ihre Kinder am Leben erhalten zu können.

Als Folge von Vertreibungen und Armut schliessen sich etliche junge Frauen und Mädchen freiwillig als Kombattantinnen den bewaffneten Gruppen an, andere werden verschleppt und dazu gezwungen. Die Vorstellung der jungen Frauen, dass sie als bewaffnete Akteurinnen zu gleichen Rechten wie die Männer kommen, erweist sich meistens als falsch. Vielmehr werden sie oft zu Opfern sexueller Ausbeutung und werden zu Abtreibung und Empfängnisverhütung gezwungen.

Von Kriegsopfern zu Friedensstifterinnen

Die lange Geschichte der Gewalt in Kolumbien und insbesondere die Eskalation ab Mitte der 80er Jahre hat zur Bildung zahlreicher ziviler Bewegungen geführt, welche das Recht der Zivilbevölkerung, nicht in den bewaffneten Konflikt involviert zu werden, einfordern. Daraus sind auch Bewegungen entstanden, die sich bewusst auf die aktive Gewaltlosigkeit berufen. Die Ziele all dieser Bewegungen waren und sind es, die Auswirkungen des Konfliktes zu minimieren und sich für einen verhandelten Frieden mit sozialer Gerechtigkeit einzusetzen.

Anliegen und Forderungen der Ruta Pacifica

Die Ruta Pacífica ist eine feministisch-politische Bewegung, deren Hauptanliegen sind, die Friedensverhandlungen zwischen den bewaffneten Akteuren in Gang zu bringen, die Anwendung des internationalen humanitären Rechts einzufordern, sowie die Auswirkungen des Kriegs und der Gewalt im Leben der Frauen sichtbar zu machen. Die Mitglieder dieser Bewegung sehen sich als Pazifistinnen, Antimilitaristinnen und Schöpferinnen einer Ethik der Gewaltlosigkeit, deren Hauptprinzipien die Gerechtigkeit, Frieden, Gleichheit, Autonomie, Freiheit und Respekt gegenüber Andersartigkeit sind. Sie arbeiten darauf hin, dass die Frauen sich nicht nur als Gewaltopfer sehen, sondern sich auch als soziale und politische Akteurinnen im Friedensverhandlungsprozess und einbringen.

Die Gründung der Frauenfriedensbewegung Ruta pacífica

Die zahllosen, abscheulichen Massaker der paramilitärischen Verbände - direkt gegen die wehrlose Zivilbevölkerung gerichtet, da diese unter dem Generalverdacht der Zusammenarbeit mit der Guerilla steht – führten 1996 zu einer einzigartigen Mobilisierung von Frauen.

Bereits ein Jahr zuvor entstand zwischen dem Frauenhaus von Bogotá, dem Gewerkschaftlichen Bildungs- und Forschungszentrum ENS und dem Gewerkschaftsdachverband CUT die Idee, die Frauen in Urabá in ihrem Schmerz zu begleiten und die Solidarität mit ihnen zum Ausdruck zu bringen. Das Bananenproduktionsgebiet Urabá wurde in den 90er Jahren unter unsäglicher Gewalt von Armee und den mit ihr verbündeten paramilitärischen Verbänden und dank der Finanzierung durch Unternehmer und multinationale Bananenkonzerne wie Chiquita unter die absolute Kontrolle der Paramilitärs gebracht. Mehrere Tausend Menschen fielen dieser Gewalt zum Opfer, Zehntausende wurden gewaltsam vertrieben. Die Region Urabá wurde zum Synonym für Gewalt, Schrecken und offenen Terror. Dies ging so weit, dass Angehörige und Befreundete von Ermordeten nicht mehr wagten, an Beerdigungen zu gehen – um nicht selber ins Visier der Mörder zu gelangen.

Am 25. November 1996 – dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen – durchbrachen über 1000 Frauen die Mauer des Schweigens und Wegsehens und reisten aus dem ganzen Land nach Mutatá, im Herzen Urabás. Indigene, schwarze, alte und junge, gebildete und ungebildete, arme und besser gestellte, Land- und Stadtfrauen drückten in einem kollektiven Ritual ihre Verbundenheit mit den Opfern und ihre Entschlossenheit aus, sich als Frauen gewaltfrei, engagiert und aus einer feministischen Perspektive gegen jegliche Form von Gewalt, Militarisierung der Gesellschaft und für eine politische Verhandlungslösung des internen bewaffneten Konfliktes und einen Frieden mit sozialer Gerechtigkeit und Gleichberechtigung der Frauen einzusetzen. Dies war die Geburtsstunde einer neuen Frauenfriedensbewegung, der Ruta pacífica de las mujeres – dem friedlichen Weg der Frauen.

Neue Formen des Ausdrucks und der Identität

Bereits in dieser ersten Mobilisierung nach Mutatá wurden neue Symbole des Widerstandes gegen Gewalt und für den Ausdruck der Verbundenheit mit den Opfern verwendet: Tausende von Lichtern wurden am Abend dem Fluss Mutatá übergeben und strömten langsam, feierlich und still den Fluss hinunter in Erinnerung und Solidarität mit den Opfern und als stummes Zeichen des Lichtes im Dunkeln. Symbole, welche die Vereinigung von Widerstand mit Solidarität und Schwesterlichkeit zum Ausdruck bringen sollen, wurden kreiert. Und die kollektive Mobilisierung an die Orte des grössten Schreckens wurden zu einem der Merkmale der Ruta pacífica und anderer engagierter Organisationen von Friedensfrauen.

1997 solidarisierte sich die Ruta pacífica mit den Frauen im Südwesten des Departements Antioquia und eine Delegation der Ruta begleitete im gleichen Jahr die Flüchtlinge aus 49 Gemeinden des Unterlaufes des Atrato-Flusses, welche in einem Flüchtlingslager hinter Stacheldraht und bewacht von Armee und Paramilitärs in Pavarandó (Urabá) unter unmenschlichen Bedingungen litten. Später folgten Mobilisierungen u.a. in den Chocó, in die Erdölförderstadt Barrancabermeja und in den Putumayo.

Neue Symbole wurden geschaffen, welche den Widerstand gegen jegliche Gewalt, die aktive Gewaltlosigkeit – in bewusster Berufung auf Gandhi und Martin Luther King – und für eine politische Verhandlungslösung und einen Frieden in Gerechtigkeit zum Ausdruck brachten: Farben, Blumen, Gesang und Tänze, Chöre und choreographische Elemente, leere Kochtöpfe, die als Trommeln dienen und Symbole gegen Waffen und Krieg – diese neuen Ausdrucksformen prägen die Mobilisierungen und verleihen ihnen einen unverwechselbaren, einzigartigen und kraftvollen Charakter.

Friedensfrauen bringen sich in die Verhandlungen mit der Guerilla ein

Als unter Präsident Pastrana (1998-2002) mit der Guerilla Friedensverhandlungen aufgenommen wurden, liessen auch die Friedensfrauen ihre Stimme vernehmen. Sie reisten u.a. in den Caguán, wo sie gegenüber der FARC-Guerilla ihre Haltung klar machten. So vehement und kompromisslos sich die Ruta pacífica für eine politische Verhandlungslösung mit der Guerilla einsetzt, so vehement und deutlich brachte sie auch ihre Haltung gegenüber der Guerilla zum Ausdruck, dass „keine Gewalt gerechtfertigt ist“. Sie thematisierte auch die Zwangsrekrutierung von Mädchen und Frauen durch die FARC, die Zwangsabtreibungen und die erzwungene Empfängnisverhütung, zu denen Guerilleras gezwungen werden. Sie machten der FARC-Führung klar, dass es für die Ruta pacífica keinerlei Rechtfertigung für Gewalt gibt und die sexuelle Ausnützung und die Frauenfeindlichkeit der FARC für sie nicht tolerierbar sind. Die Ruta-Vertreterinnen zeigten sich ernüchtert über die Frauenfeindlichkeit in der FARC und das fehlende Frauenbewusstsein, selbst bei Kämpferinnen. Mit aller Deutlichkeit machte die Ruta pacífica klar, dass ihr Hauptslogan „Las mujeres no parimos hijos e hijas para la guerra“ – „Wir Frauen gebären weder Söhne noch Töchter für den Krieg“ für alle bewaffneten Akteure gilt, auch für die Guerilla.

Als im Februar 2002 die Friedensverhandlungen zwischen Regierung und der FARC abgebrochen wurden, mobilisierte die Ruta pacífica zusammen mit anderen Frauenfriedensorganisationen alle Kräfte, um öffentlich zum Ausdruck zu bringen, dass der Krieg keine Lösung ist. Kein Weg führt an Verhandlungen vorbei – und „keine Gewalt hat Berechtigung“ – auch nicht die Gewalt des Staates. Mitten in der breiten Zustimmung zum Krieg bereiteten die Frauenfriedensbewegungen ihren Marsch nach Bogotá vor, um dort ihre Stimme für den Frieden zu erheben.

Die Mobilisierung zum Amtsantritt von Präsident Uribe – ein Vermächtnis der Frauen

"Nicht einen Tag mehr, nicht einen Peso mehr, nicht einen Mann mehr, nicht eine Frau mehr für den Krieg. Alles für das Leben!“ Dies war einer der Slogans, welchen rund 40‘000 Frauen auf dem Bolívar-Platz in Bogotá am 25. Juli 2002 mit vereinten Kräften riefen. 20‘000 Frauen waren erwartet worden. Mehr als doppelt so viele kamen. Und sie wollten schreien, so laut, dass die am Krieg interessierten ihren Schrei zur Kenntnis nehmen mussten.
Die Frauen kamen aus allen Ecken des Landes. Viele Frauen waren bis zu 28 Stunden mit dem Bus unterwegs. Aber auch alle Altersstufen und die verschiedensten Sektoren waren vertreten: es gab Familienangehörige von politischen Gefangenen, von Verschwundenen, von Entführten, es gab Vertriebene, Indigene, Campesinas, Gewerkschafterinnen, Afrokolumbianerinnen, Hortleiterinnen, fliegende Verkäuferinnen, Menschenrechtsverteidigerinnen und viele andere.

Sie waren schwarz gekleidet oder trugen ihre typischen Kleider, wurden von einem grossen Gefolge, von Musikgruppen und solidarischen Männern begleitet. Sie waren müde, aber das war ihnen egal. Sie kamen nach Bogotá, um ihre Vorschläge auszudrücken: gegen den Krieg, für politische Verhandlungen, für die Entmilitarisierung des zivilen Lebens, für die direkte und unabhängige Teilnahme der Frauen an den Verhandlungen und am Friedensprozess. Es war der Schrei und das historische Vermächtnis der Frauen an den künftigen Präsidenten Alvaro Uribe Vélez: „Wir wollen Investitionen und ein würdiges Leben und nicht noch mehr Tote!“
Die Frauen waren von der Bedeutung ihrer Botschaft überzeugt. Darum war es ihnen auch egal, die Strapazen einer langen, beschwerlichen Reise auf sich genommen zu haben und in derselben Nacht, nach Ende der Kundgebung, wieder völlig übermüdet in die Busse zu steigen und die Rückkehr anzutreten. Ihre Gesichter strahlten die Zufriedenheit aus, einer wichtigen Verpflichtung gefolgt zu sein und gleichzeitig die Hoffnung, dass ihr eindringlicher Aufruf zum Frieden und gegen den Krieg von der kolumbianischen Gesellschaft gehört wurde.

Enttabuisierung eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit

Frauen, die irgendeine Form von körperlicher Gewalt, Versklavung oder Vertreibung durch bewaffnete Kriegsakteure erlitten haben, leiden oft ein Leben lang unter den Nachwirkungen.

Doch es gibt viele, welche nicht in der Rolle des Opfers verharren. Sie fangen an, sich mit Leidensgefährtinnen und Nichtbetroffenen – aber solidarisch Empörten – zusammen zu schliessen. Sie wollen dass ihr Körper nicht mehr als Schlachtfeld missbraucht, sondern als ein „Territorium des Friedens“ respektiert wird. Ein erster Schritt auf ihrem Weg aus der Opferrolle heraus, besteht darin, das Thema erst einmal zu enttabuisieren. Viel Schreckliches geschieht nämlich hinter der Mauer des Verschweigens.

Die Opfer beginnen untereinander auszutauschen, einander zu erzählen, was ihnen geschah. Sie erfahren, dass das Geschehene weder Einzelschicksal noch Selbstverschulden ist, sondern Teil der zerstörerischen Logik des männlich dominierten Krieges. Der nächste Schritt führt dann in die Öffentlichkeit, um aufzuzeigen, welche speziellen Folgen der bewaffnete Konflikt auf ihr Leben und ihren Alltag hat. Diese Enttabuisierung hat auch präventive Folgen. Sie trägt dazu bei, diesem Kriegsdelikt den Schweregrad beizumessen, den es in sich trägt und die Hürde hoch anzusetzen für diejenigen, welche dieses Delikt begehen. „Die Verletzung unseres Territoriums ‚Körper’ ist kein Kavaliersdelikt, wie dies oft in unserer frauenfeindlichen Gesellschaft bewertet wird, sondern ganz klar ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie das internationale Recht festlegt!“ (Aussage einer Frau aus dem Departement Antioquia, 2008).

Einsatz für die Rechte und den Schutz der Frauen als Teil des Friedensaufbaus

Wir wollen weder einen Krieg, der uns tötet, noch einen Frieden, der uns unterdrückt!“ Dieser Slogan der Ruta pacífica drückt ihre ganzheitliche Sicht von Frieden aus. Frieden heisst nicht nur das Schweigen der Gewehre, sondern auch der Aufbau einer wirklich demokratischen, sozial gerechteren Gesellschaft, in der auch die Gleichberechtigung der Geschlechter weitestmöglich verwirklicht wird.

Die Frauenfriedensbewegungen fordern vom Staat die strikte Erfüllung der internationalen Normen über die Rechte der Frauen, insbesondere die Befolgung der Empfehlungen der Konvention gegen jegliche Form von Unterdrückung gegen Frauen, der interamerikanischen Konvention und der Konvention von Belem do Pará über die Vorbeugung, die Sanktionierung und die Ausmerzung der Gewalt gegen Frauen.

In Bezug auf den bewaffneten Konflikt ist es dringend angezeigt, die unterschiedlichen Folgen der Verletzungen der Menschenrechte und des Humanitären Völkerechtes auf die Frauen anzuerkennen.

Besonders sollte dabei den sexuellen und reproduktiven Rechten der Frauen Beachtung geschenkt und Methoden und Verfahren zur Vorbeugung, zur Untersuchung, Sanktionierung und Wiedergutmachung von Gewaltakten entwickelt werden. Zudem muss der Staat die Mitbestimmung der Frauen bei Entscheiden in Bezug auf den bewaffneten Konflikt und bei politischen Verhandlungen garantieren. Besonderes Augenmerk wird auf die Situation vertriebener Frauen gelegt, wo vom Staat ein differenzierter und positiver Ansatz gegenüber den Frauen und die Berücksichtigung ihrer ethnischen und kulturellen Bedürfnisse gefordert werden. Vehement wird auch die dringliche und vorbehaltlose Unterzeichnung und Ratifizierung der internationalen Instrumente zum Schutz der Rechte der Frauen gefordert.

Mittels dieser ganzen Palette von politischen Ausdrucksformen diskutieren und erarbeiten die Frauenfriedensbewegungen klare Vorstellungen für einen nachhaltigen Frieden. Sie wollen diese bei politischen Friedensverhandlungen einbringen. Allerdings sind solche Verhandlungen zurzeit nicht in Sicht. Sie sind der festen Überzeugung, dass ein echter Friede die spezifischen Bedürfnisse der Frauen mit berücksichtigen muss.



Aktuell

08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com