24.05.2018

Widerstandskämpfer oder geldgierige Drogenhändler? Dissidente FARC-KämpferInnen: Verbreitung, Ursachen und Auswirkungen

24.05.2018 | Von Fabian Dreher

Bereits während den Friedensverhandlungen haben zivilgesellschaftliche Organisationen und NGO auf das Risiko hingewiesen, dass nicht alle damaligen Mitglieder der FARC die Waffen abgeben könnten. Spätestens mit der Unterzeichnung des Friedensvertrags zeigte sich, dass das Abkommen auch in den Reihen der Guerilla nicht unumstritten war. Die Schätzungen gehen heute weit auseinander, es ist jedoch klar, dass ein bedeutender Teil der ehemaligen FARC-KämpferInnen sich dem Friedensprozess entzogen hat und weiterhin unter Waffen steht. Ihre Motive sind unterschiedlich und es gibt auch keine einheitliche Organisation mehr. Alle dissidenten FARC-Mitglieder als geldgierige Banditen zu bezeichnen greift jedoch zu kurz und hilft weder, das Phänomen zu verstehen, noch die einzelnen Fronten und Strukturen zu bekämpfen. Die NGO Fundación Ideas para la Paz (FiP) hat in einer Studie zwischen November 2016 und März 2018 auf Grund von Presseberichten, Interviews und Untersuchungen nachgezeichnet, wo und wie sich die dissidenten Gruppierungen entwickeln[1].

Mit Ausnahme kleiner Gruppierungen, die erst 2018 in Antioquia und Córdoba aktiv wurden, beschränken sich die Aktivitäten dissidenter FARC-KämpferInnen auf Departemente in südlichen Kolumbien. Betroffen sind insbesondere die Departemente Guaviare, Nariño, Cauca, Meta und Caquetá. Aber einzelne „Fronten“ bewegen sich auch in den Grenzregionen wie Arauca, Guainía, Putumayo und Amazonas und teilweise auch in den Nachbarländern Ecuador und Venezuela. Vereinfachend können zwei Regionen mit ausgeprägten Aktivitäten dissidenter FARC-KämpferInnen ausgemacht werden: der Südosten (Putumayo, Caquetá, Vaupés, Meta, Guaviare, Guainía, Vichada sowie Arauca) sowie der Südwesten (Nariño, Cauca und Valle del Cauca).

Regionale Unterschiede

In der Region Südosten geht der bewaffnete Konflikt beinahe weiter wie vor dem Friedensabkommen. Auch die organisierte Kriminalität hat durch die Demobilisierung der FARC keinen Einbruch erlitten. Dissidente FARC-Einheiten, ELN sowie kriminelle Gruppierungen wie der Clan del Golfo oder der Bloque Meta kämpfen um die lukrativen Drogenhandelsrouten entlang der grossen Flüsse der Region. Die verschiedenen dissidenten FARC-Gruppierungen sind miteinander in Kontakt und koordinieren ihre Aktivitäten und Einflussgebiete, es gibt jedoch keine gemeinsamen Kommandostrukturen. Teils kontrollieren die verschiedenen Fronten den Drogenanbau und -handel, teils handeln sie auch selbst direkt mit Drogen und Waffen. Die verschiedenen Fronten verwenden oft dieselben Kriegsmittel wie seinerzeit als FARC: Vertreibungen, Erpressung, Drohungen, Zwangsrekrutierung, soziale und territoriale Kontrolle der Bevölkerung. Sie profitieren davon, dass die lokale Bevölkerung oft nur die FARC als Ordnungsmacht kennen und unter ihrer Kontrolle von einer relativen Sicherheit profitieren. Insbesondere aber nicht nur in Arauca gefährden die dort aktiven FARC-Dissidenten die Wiedereingliederung der demobilisierten KämpferInnen. Gezielt bedrohen sie die ehemaligen KämpferInnen und Kommandeure in den Wiedereingliederungszonen, damit sich diese ihnen anschliessen.

Im Südwesten sind FARC-Dissidente vor allem in zwei Gebieten verbreitet. Erstens in den ländlichen Gebieten von Nariño, insbesondere entlang der Grenze zu Ecuador, sowie im urbanen Gebiet von Tumaco. Zweitens an der Grenze der Departemente Cauca und Valle del Cauca. Neben den dissidenten FARC-KämpferInnen, die verschiedenen Nachfolgeorganisationen angehören, sind auch das Nationale Befreiungsheer ELN sowie der Clan der Golfo (AGC) in der Region aktiv. Die Front des Anführers „Guacho“ im ländlichen Nariño war in den letzten Monaten wegen der Entführung und Ermordung von Journalisten und Touristen aus Ecuador in den Medien stark präsent. Während die dissidenten FARC-Gruppierungen im Südosten oft ihre Aktivitäten und Einflussgebiete koordinieren, bekämpfen sich im Südwesten oft verschiedene aus FARC-Einheiten hervorgegangene Strukturen. Auch berufen sich die Gruppierungen in dieser Region weniger auf die sozialen und politischen Beweggründe der FARC. Es handelt sich mehrheitlich um kriminelle Organisationen, die den wirtschaftlichen Gewinn suchen und die lokale Bevölkerung zu strategischen Zwecken unter Kontrolle halten. Im Zentrum der Auseinandersetzungen steht Tumaco, wo neben dem Clan del Golfo, La Empresa und mexikanischen Drogenkartellen gleich drei aus den FARC hervorgegangene Gruppierungen um lukrative Schmuggelrouten und Anbaugebiete kämpfen (Guerillas Unidas del Pacífico, Frente Oliver Sinisterra, La Gente del Orden).

Erst Anfang 2018 in Erscheinung getreten ist eine neue, grössere Gruppe von Dissidenten in Antioquia. Hier handelt es sich Medienberichten zu Folge um eine Reaktion auf die Ausbreitung krimineller Organisationen wie der AGC in ehemals von den FARC kontrollierte Gebiete.

Ursachen und Motive der Dissidenz

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Abspaltung dissidenter Fraktionen von bewaffneten Gruppierungen ein normaler Prozess in bewaffneten Konflikten ist. Die Meinungen über Ideologie, Strategie und konkrete Aktionen gehen auch in straff hierarchisch geführten Organisationen auseinander. Insbesondere wenn die Organisation einen Strategiewechsel beschliesst, wie die Aufnahme von Friedensverhandlungen oder der Druck von aussen zunimmt, wie nach der Demobilisierung. Dies kann Unsicherheit, Misstrauen und Ängste unter den Mitgliedern schüren. Wird die Unsicherheit und das Misstrauen gegenüber den anderen Mitgliedern, der Organisation oder der Strategie zu gross, entstehen schnell Brüche und Spaltungen innerhalb der Organisation.

Viele Ursachen tragen schlussendlich dazu bei, ob sich Abspaltungen gründen und durchsetzen. Diese können politisch, sozial oder wirtschaftlich begründet sein und hängen von vielen internen und externen Faktoren ab. Interne Faktoren sind zum Bespiel die Gruppendynamik und gemeinsame Identität, Führungspersönlichkeiten oder strategische Diskussionen und Entscheide. Externe Faktoren sind unter anderem die Unterstützung (oder Ablehnung) der Gemeinschaft und Gesellschaft, internationaler Druck, politische und militärische Aufstandsbekämpfung, Präsenz und Stärke (resp. Schwäche) staatlicher Institutionen, etc. Dies zeigt auch ein internationaler Vergleich mit Friedensprozessen in anderen bewaffneten Konflikten wie Nordirland, Burundi, Sudan und der Demokratischen Republik Kongo.

Die Untersuchung der dissidenten FARC-KämpferInnen zeigt den grossen Einfluss politischer, militärischer und „mafiöser“ Führungspersonen wie „Gentil Duarte“ (Südosten) oder „Guacho“ (Nariño) auf. Verschiedene dissidente Gruppierungen haben sich nach der Abkehr vom Friedensprozess kriminellen Geschäften zugewandt. Andere Teile der ehemaligen FARC haben sich aus politischen Gründen während dem Friedensprozess abgespalten und befinden sich heute in der Dissidenz. Dabei spielte auch die gesellschaftliche Unterstützung in den kontrollierten Gebieten eine Rolle. Die Probleme bei der Umsetzung des Friedensabkommens wie die Verzögerungen bei der Entwaffnung und Wiedereingliederung sowie fehlende Sicherheitsgarantien für die ehemaligen KämpferInnen und Familienangehörige tragen seit November 2016 dazu bei, dass weitere ehemalige FARC-Mitglieder sich der Dissidenz anschliessen und den Friedensprozess verlassen.

Insgesamt konnte die Studie von FiP 18 dissidente Strukturen oder Gruppierungen identifizieren, wobei viele immer noch unter der Bezeichnung ihrer ehemaligen FARC-Front agieren, während andere wie die Guerillas Unidas del Pacífico oder die Resistencia Campesina sich einen neuen Namen gegeben haben. Fronten resp. Gruppierungen unter anerkannten und erfahrenen politischen und militärischen Anführern berufen sich oft auf die historischen Beweggründe der FARC und führen auch die soziale Arbeit und politische Organisation der „Massen“ (KleinbäuerInnen, Landlose, etc.) weiter. Andere führen zwar den Namen ihrer Front weiter, setzen aber die Bevölkerung ihrer Einflussgebiete unter Druck, liefern sich Gefechte mit anderen bewaffneten Gruppierungen wie dem ELN oder neoparamilitärischen Gruppierungen und kontrollieren Drogenproduktion und -handel. Wobei eigentlich alle aus den FARC hervorgegangenen Strukturen sich mittels Drogenhandel, Schmuggel und illegalem Bergbau finanzieren.

Ausmass und Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung

Die militärische Kraft der einzelnen Gruppierungen ist unterschiedlich, bleibt jedoch weit hinter den Mitteln der ehemaligen Guerilla der FARC zurück. Ihre Aktivitäten haben jedoch grosse Auswirkungen insbesondere auf verletzliche Teile der Zivilbevölkerung wie indigene und afrokolumbianische Gemeinschaften. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind durch verbreitete Zwangsrekrutierungen und Vertreibungen ebenfalls übermässig betroffen.

Die Zahlen zum Ausmass der Dissidenz der ehemaligen FARC-KämpferInnen gehen weit auseinander. Allen Schätzungen gemeinsam ist, dass sie eine deutliche Zunahme zwischen 2016 und 2018 feststellen. War Anfang 2017 noch von wenigen hundert Dissidenten die Rede, gehen aktualisierte Schätzungen gegenwärtig von 1200 bis 1500 Dissidenten aus. Es bleibt schlussendlich einfach schwierig zu zählen, wie viele KämpferInnen sich irgendwo im Dschungel gegenseitig bekämpfen oder gegen den Staat kämpfen. Der Bericht der FiP schreibt zwischen Juni 2016 und März 2018 insgesamt 147 Aktivitäten verschiedenen dissidenten Gruppierungen zu. Die Grafik zeigt eine deutliche Zunahme mit Spitzen im April und Oktober 2017 sowie in den ersten Monaten 2018.

In ihrem Vorgehen und ihren Aktivitäten weisen alle Gruppierungen eine Tendenz zur Weiterführung der bereits als FARC-Fronten angewandten Taktiken auf, sei dies die Form der Gewaltausübung, die soziale und politische Kontrolle von Personen, Gemeinschaften und Territorium, Bewegungsmuster, wirtschaftliche Aktivitäten (illegaler Bergbau, Anbau und Handel von Drogen, Kontrolle von Schmuggelrouten, etc.). Auch die internationale Vernetzung mit mafiösen und kriminellen Organisationen wird grenzüberschreitend weitergeführt (Schmuggelrouten nach Venezuela, Brasilien, Ecuador sowie Zentral- und Nordamerika).

Staatliches Versagen

Die Reaktion des kolumbianischen Staates beschränkt sich bis heute auf die militärische Aufstandsbekämpfung und vor allem die Verfolgung der Führungspersonen der dissidenten Strukturen. Diese Form der Aufstandsbekämpfung hat sich jedoch in der Vergangenheit bereits als wirkungslos erwiesen. Dabei ist der mangelnde Wille der kolumbianischen Regierung zum Frieden, die zögerliche Umsetzung des Friedensabkommens sowie die Verwässerung und Verschleppung vieler Massnahmen zur Umsetzung des Friedensabkommens in hohem Grade mit verantwortlich für den aktuellen Zulauf der dissidenten FARC-Gruppierungen.

Und nicht zuletzt steht am Ursprung des bewaffneten Konflikts das Versagen des kolumbianischen Staates, gesellschaftliche Konflikte unterschiedlicher Interessengruppen friedlich zu regeln und allen BewohnerInnen des Landes eine Zukunftsperspektive zu bieten. Gepaart mit institutioneller Schwäche sowie der Unfähigkeit, das eigene Territorium zu kontrollieren und sichern. Aber eine militärische Lösung lässt sich wohl der Bevölkerung besser verkaufen als strukturelle Veränderungen.

 

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[1] Studie: http://ideaspaz.org/media/website/FIP_Disidencias_Final.pdf;

Resumen ejecutivo: http://cdn.ideaspaz.org/media/website/document/5ad26d9a90c6f.pdf

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