11/28/17

Tumaco zwischen 2007 und 2017 – ein Erfahrungsbericht

28.11.2017 | Von Melanie Seeholzer
Strassenszene im Zentrum von Tumaco
Holzstege im Quartier

Im Jahr 2007 habe ich in Tumaco das dreimonatige HOPLAA-Praktikum der Bethlehem Mission Immensee (neu Comundo) gemacht. Dies erweckte meine Liebe zu Kolumbien und speziell zu Tumaco und seinen BewohnerInnen. Mir gefällt diese lebendige Stadt an der Pazifikküste und ich habe die herzlichen und fröhlichen Menschen sehr schnell in mein Herz geschlossen. Das Leben ist so ganz anders als in der Schweiz. Und genau dies zieht mich immer wieder an. 2009/10 habe ich im Gebiet Río Magdalena einen halbjährigen Einsatz mit Peace Watch Switzerland gemacht und zudem meine tumaqueñanischen Freunde und einsatzleistenden Fachpersonen in Tumaco besucht. Ein weiterer mehrwöchiger Besuch folgte im Jahr 2011 und nun wieder im Sommer 2017. Um am Thema Kolumbien dranzubleiben und mich mit Gleichgesinnten auszutauschen, bin ich seit 2010 Aktivmitglied der ask! (Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien). Kolumbien und speziell Tumaco lassen mich nicht mehr los. J

Hier schreibe ich über meine Eindrücke bei meinen Besuchen in Tumaco zwischen 2007 und 2017. Es sind persönliche Eindrücke, Erlebnisse und Beobachtungen, die ich bei meinen jeweils ein- bis dreimonatigen Aufenthalten aufgeschnappt und aus Gesprächen mit Menschen aus Tumaco erfahren habe. Die Situation in Tumaco ändert sich jedoch monatlich, wenn nicht wöchentlich. Und so war ich zum Teil in sozialpolitisch einfacheren oder schwierigeren Momenten vor Ort. Dadurch haben meine Wahrnehmungen und Veränderungen nicht nur mit dem jeweiligen Jahr zu tun, sondern wurden auch durch die jeweilige Situation während meines Aufenthalts beeinflusst. Bei meinen Besuchen habe ich zudem auch viele Informationen und politische Hintergründe von den einsatzleistenden Fachpersonen von Comundo, SMB, Laienmissionarinnen und Weiteren erhalten.

Tumaco – die Hafenstadt an der Pazifikküste

Nur zwei Strassen verbinden das übrige Kolumbien mit der Pazifikküste: Cali-Buenaventura und Pasto-Tumaco, im äussersten Südosten des Landes. Tumaco grenzt direkt an Ecuador und gehört zum Departement Nariño. Tumaco ist neben der einen Strasse zum Landesinneren noch über den Wasserweg mit Ecuador und Buenaventura verbunden, sowie per Flugzeug von Cali her erreichbar. Auf der Landkarte wirkt Tumaco wie eine Sackgasse und so abgelegen fühlt es sich auch an. Die Region an der Pazifikküste ist hauptsächlich von afro-kolumbianischen und einigen indigenen Gemeinschaften besiedelt. Die Gemeinde hat etwa 200’000 EinwohnerInnen, von denen ungefähr 115’000 direkt in der Stadt Tumaco leben.

 

Die Stadt besteht aus zwei Inseln und einem Gebiet auf dem Festland. Die beiden Inseln sind durch je eine Brücke miteinander und dem Festland verbunden. Die Häuser werden auf Holz- oder Betonpfählen ins Ebbe-Flut-Gebiet gebaut. Vieles ist durch Holzstege miteinander verbunden. Im Zentrum wurde mittlerweile alles aufgeschüttet, in den Stadtvierteln gibt es jedoch an vielen Orten nur Holzstege. Das Landschaftsbild rund um Tumaco und in den Flussgebieten wird durch Mangrovenbäume bestimmt.

 

Die Pazifikküste blieb lange vom über 50 Jahre andauernden bewaffneten Konflikt in Kolumbien verschont. Mit dem Aufkommen vom Kokaanbau Ende der 1980er Jahre wurde jedoch auch diese Region vom Konflikt eingeholt und dafür umso heftiger. Seither ist die Pazifikküste und Tumaco eines der am stärksten vom Konflikt betroffenen Gebiete: Korruption, Macht und Gewalt bestimmen den Alltag. Das Hauptproblem liegt im illegalen Drogenhandel mit Kokain. Alle wollen vom grossen Geld profitieren – bewaffnete Gruppierungen wie auch Agenten des Staates selbst. Der Staat ist in der Region kaum präsent, er beschränkt sich trotz regelmässigen Versprechen bis heute auf die Sicherung der wichtigen Transportroute zum Pazifikhafen von Tumaco. Die Konsequenzen trägt die Bevölkerung. Menschenrechtsverletzungen werden nicht angeprangert, die Geschädigten haben Angst und stehen wirtschaftlich unter Druck. Über 85 Prozent der Bevölkerung sind arm. Die Kindersterblichkeit und Arbeitslosigkeit sind rekordhoch und die Lebenserwartung tief.

Arbeitssituation und Kreativität

Das erste was mir beim diesjährigen Besuch in Tumaco auffiel, waren die vielen Motos (Motorräder)! Die Strassen waren voll davon. Vor zehn Jahren, als ich das erste Mal in Tumaco war, gab es nur wenige Motos, dafür zwei Buslinien. Seither ist die Zahl der Motos stetig gestiegen und eine Buslinie wurde abgeschafft. Es gibt nun sogar Ampeln, um den Verkehr besser zu koordinieren. Wie viele sich daran halten, ist ein anderes Thema. Viele der Motos sind Moto-Taxis, einer der vielen Nebenverdienste vieler Tumaqueños/Tumaqueñas. Denn die Arbeitssituation hat sich in den zehn Jahren nicht verbessert. Die Arbeitslosigkeit liegt derzeit bei 72 Prozent. Es bestehen kaum legale Möglichkeiten, ein Auskommen zu finden, um sich und die Familie zu ernähren. So bleibt oft nur der Kokaanbau oder der Einstieg in den illegalen Drogenhandel. Dabei lockt oft auch das schnell Geld oder die Hoffnung nach einer besseren Zukunft.

 

Im Zentrum gibt es unzählige kleine Restaurants, Läden, den Markt und den Hafen mit seinem Handel sowie am Strand den Tourismus. Auch auf dem Bau oder beim Holzhandel gibt es Arbeit. In den Flussgebieten und entlang der Strasse leben viele Kleinbauern und an der Küste Fischer. All diese Jobs sind jedoch dem sich schnell verändernden Markt unterworfen. Zudem fehlt die Infrastruktur, ohne die der Handel mit der angebauten Ware nicht rentabel ist. Die Gebiete der Kleinbauern und Fischer liegen weit von Tumaco entfernt und sind oft nur mühsam per Boot oder über schlechte Strassen erreichbar. Alle Produkte müssen dadurch unter hohem persönlichem und finanziellem Aufwand nach Tumaco gebracht werden. Am Ende bleibt kaum ein Gewinn. Es gibt auch Arbeitsplätze an Schulen, Spitälern, dem kleinen Flughafen oder bei der Polizei. Doch dort sind die Verträge meist befristet und die Arbeitnehmenden müssen immer hoffen, dass der Vertrag verlängert wird.

 

Ein Studium kostet viel Geld. Ich habe zum Teil den gleichen Semesterpreis bezahlt, wie eine Person aus Kolumbien. Bei einem um einiges höheren Mindestlohn. Die Studienplätze oder Stipendien in kostengünstigen staatlichen Universitäten sind stark begrenzt. So bleibt gerade in Randregionen oft nur das Angebot teurer Privatinstitute, was für viele Menschen eine höhere Bildung unerreichbar macht. Zwar gibt es andere Bildungsmöglichkeiten, ähnlich einem Kurs oder einer Lehre, doch diese haben nie den gleichen Stellenwert. Auch nach einem Studium sind die Perspektiven auf einen (gut bezahlten) Job in einer Region wie Tumaco sehr klein.

 

Tumaco fehlt eine grössere Industrie mit Arbeitsplätzen. Über 60 Prozent der Exporte Kolumbiens wird über die beiden Häfen in Buenaventura und Tumaco abgewickelt, der grösste Teil davon jedoch über Buenaventura. Der Export in Tumaco beschränkt sich wohl mehrheitlich auf Koka. Vom daraus entstehenden Reichtum fällt für die Region kaum etwas ab. Zwar gibt es in Tumaco Anbau von Kakao und Kaffee sowie Fischfang, die Verarbeitung geschieht jedoch im Landesinnern. Tumaco bleibt im primären Wirtschaftssektor stecken.

 

Der Anbau von Ölpalmen ist ein Beispiel grossflächiger Produktion in Tumaco. 2007 sah man an der Strasse nach Tumaco unzählige solcher Monokulturen. Diese sind in den letzten zehn Jahren um einiges kleiner geworden, viele Palmen wurden krank und starben ab. Entweder wurden resistente Palmen gepflanzt oder das Land bleibt ausgelaugt und unfruchtbar zurück. Die Kleinbauern, die vor den Palmölplantagen das Land bearbeitet haben, wurden wie in vielen anderen Gegenden vertrieben oder mit einem kleinen Kaufpreis abgespeist. Don Roberto[1] arbeitete auf einer solchen Plantage. Er hatte lange und harte Arbeitstage und erhielt einen so kleinen Lohn, dass er seine Familie damit nicht ernähren konnte.

 

Auch Kakao und Kaffee werden in Tumaco angebaut. Diesen Sommer wurde ich von verschiedenen Kleinbauern voller Stolz darüber informiert, dass Tumaco in Paris einen Preis für den besten Kakao der Welt gewonnen habe. Yavier, ein Kleinbauer der selber Kakao anbaut, schwört auf die Mischung zwischen dem Kakao Criollo (der nicht mehr so oft anzutreffen ist) und einer neueren, resistenteren Sorte. Dadurch entstehe dieser tolle Geschmack. Im Internet ist zu lesen «Tumaco tauscht Koka gegen Kakao und gewinnt in Paris einen Preis»[2]. Es gibt viele Bauern, die neben ihrer Kokaplantage auch Kakao oder Kaffee anpflanzen. Dies auch weil der Staat mit finanziellen Unterstützungsprojekten den Kakaoanbau förderte. Schön wäre jedoch, wenn die Bauern auch vom Kakao leben könnten. Im gleichen Satz wurde mir nämlich gesagt, dass der Kakaopreis stark gesunken sei. Vor ein paar Jahren war der Preis noch doppelt so hoch. Durch den vermehrten Anbau ist der Verkaufspreis gesunken. Zudem drücken Zwischenhändler den Preis oder verlangen einen hohen Prozentsatz für die Vermarktung. Darunter leiden die kleinen Produzenten. Neben der dem Anbau und der Ernte sind die Fincas (Bauernhöfe) oft teure Bootsfahrten von mehreren Stunden weit entfernt. So wird der Kakao den Kokaanbau nicht so bald ersetzen.

 

Wer sein Auskommen oder den Drang nach schnellem Geld nicht im Drogenhandel sucht, der muss kreativ sein und verschiedene kleine Jobs haben. So kann man in Tumaco beispielsweise «Minutos» kaufen. Die oder der Minuto-VerkäuferIn kauft sich dazu ein Handyabo und verkauft Anrufe, die per Minute abgerechnet werden. Dies ist günstiger als Anrufe vom eigenen Handy. Mit WhatsApp und Co. nimmt dieses Geschäft jedoch ab. Frauen bieten Mani- und Pediküre mit den schönsten Nagellackkünsten an, es werden auf Provision Produkte aus Werbeheften verkauft und im Hinterhof werden Hühner aufgezogen und als Poulets verkauft. Kinder verkaufen am Strand selbstgemachte empanadas (gefüllte Teigtaschen), «bolos» (Glace) oder frittierte Kochbananenchips. Am Wochenende wimmelt es im Zentrum von Ständen mit frittierten Fleischspiessen, choclos (Maiskolben) oder salchipapa (Pommes mit Wurst) und frischen Fruchtsäften. In den Stadtvierteln werden lautstark frische Früchte und Fische angepriesen oder auf den Strassen Süssigkeiten und Zigaretten zum Einzelpreis verkauft. Und vom Boom der Mototaxis habe ich ja bereits berichtet.

 

Kreative Nischen erlauben vielen zu überleben. Victor habe ich vor acht Jahren am Hafen kennengelernt und er ist immer noch dort. Er verdient sein Geld, indem er Gepäck und Waren ein- und auslädt oder Auskunft zu den Fahrten von lanchas (Bootsfahrten) gibt. Er lebt vom Geld, das ihm die Menschen dafür geben. Don Alejandro verkauft sechs Tage die Woche im Zentrum an einem kleinen Stand seine „paparellenas“ (frittierte und gefüllte Kartoffelkugeln). Und dies seit über zwanzig Jahren. Er habe das Rezept in Cali von seiner damaligen Chefin gelernt und es seien die besten «papas» in ganz Tumaco. Inzwischen hilft auch seine Familie fleissig bei der Herstellung und dem Verkauf mit.

Gewalt und Sehnsucht nach Freiheit

Seit dem Friedensabkommen mit der FARC ist es in Tumaco leider nicht friedlicher geworden, im Gegenteil. Wie ich auch von den einsatzleistenden Personen von Comundo und BMI erfahren habe, ist die Zahl der Mordfälle sogar gestiegen. Bisher spricht man von über 190 Morden in Tumaco im Jahr 2017. Eine traurige Bilanz. Die Situation hat sich leider seit meinem Besuch im Juli und August 2017 weiter verschärft. Man spricht inzwischen von einem permanenten Ausnahmezustand mit heftigen Schiessereien und Toten. Schulen werden wochenweise geschlossen oder Grossveranstaltungen abgesagt. Der Drogenhandel geht über Leichen. Es geht um Informationen, Schweigen oder Rekrutierung von Jugendlichen (für jeden neu Rekrutierten gibt’s eine Million Pesos (300 Franken) plus Waffe). Der kolumbianische Staat stockt zwar die Zahl der Soldaten und Polizisten immer mehr auf, aber Resultate bleiben aus. Wie die tragischen Ereignisse im Dorf Llorente in der Gemeinde Tumaco zeigen, verfolgt die Regierung bei der Vernichtung von Kokapflanzungen eine Politik, die schnell Konflikte eskalieren lässt. Sie verspielt dabei in einem für den Friedensprozess kritischen Moment ihre Glaubwürdigkeit bei der ländlichen Bevölkerung[3].

 

Das Vertrauen der Zivilbevölkerung in die staatlichen Sicherheitsorgane wie Polizei und Militär ist nicht sehr gross. Kein Wunder, denn diese nutzen Ihre Macht zum Teil schamlos aus. Bei meinem Aufenthalt im Jahr 2017 habe ich selber erlebt, wie einem Mann bei einer Militärkontrolle an der Strasse nach Pasto sein Geld gestohlen wurde (Passagiere raus aus dem Bus, Militär rein und bei der Weiterfahrt fehlte dann das Portmonee).

 

Im Jahr 2000 haben die Paramilitärs (AUC) die damaligen lokalen bewaffneten Gruppierungen in Tumaco gewaltsam abgelöst und – immer in bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Guerilla (FARC und ELN) – bis zu ihrer Demobilisierung die Region beherrscht. Nach dem nationalen Friedensschluss mit den AUC im Jahr 2004 machten sich paramilitärische Nachfolgeorganisationen untereinander sowie mit der Guerilla das Territorium streitig. Vorher fanden diese Kämpfe eher auf dem Land statt, nun zogen sie sich je länger je mehr bis in die Stadtviertel hinein. 2013 übernahm die FARC in Tumaco die Überhand und kontrollierte fortan das Territorium. Wo sich die FARC im Zuge des Friedensabkommens 2016 zurückgezogen hat, streiten heute neue Gruppierungen um das Territorium und die Kontrolle über den Drogenhandel. Die FARC hinterliess ein Machtvakuum, in das nun verschiedenste bewaffnete Gruppen (Drogenmafia, neoparamilitärische Gruppen, Dissidenten der FARC) hineindrängen. Dies macht die Lage unübersichtlich und unkontrollierbar. Man weiss nicht mehr, mit wem man sich noch verständigt oder wem man vertrauen soll. Und immer wenn bewaffnete Gruppierungen sich das Territorium streitig machen, steigen Gewalt und Anzahl der Toten dramatisch an.

 

Wenn ich so zurückdenke, war es bei meinem Aufenthalt 2007 einiges ruhiger. Ich konnte damals beispielsweise alleine in viele Stadtviertel (barrios) gehen und Bekannte besuchen. Mir wurde gesagt, dass es eine Zeit mit viel Gewalt und Toten wegen bewaffneten Gruppierungen in den Stadtviertel gab. Nun sei es zum Glück ruhiger. Als ich in den Jahren 2009 und 2011 wiederkam, war die Situation wieder angespannter. Ich konnte in einige Quartiere nicht mehr oder nur in Begleitung hineingehen. Dies hat sich bis heute weiter verstärkt. Viele Mototaxifahrer fahren ihre Gäste in gewisse Stadtviertel nicht einmal mehr rein. «Zu gefährlich», sagen sie. Meine tumaqueñanische Freundin Maria erzählte mir, dass es in ihrem Quartier vor ein paar Monaten fast täglich Tote gab. Sie seien eines Nachmittags vor ihrem Haus gesessen und hätten mit Erstaunen festgestellt «heute gab es noch gar keinen Toten». Sie erschraken dabei selber ob ihrer Abgestumpftheit und organisierten daraufhin mit anderen Menschen Widerstand gegen die Gewalt in ihrem Quartier. Es wurde dadurch eine Zeitlang besser. Leider hat sie mir grad vor ein paar Wochen geschrieben, dass sich die Situation wieder verschlimmert habe und sie nachts durch Schüsse wachgehalten werde.

 

Im Jahr 2007 wirkte ich in einem Schulprojekt für Kinder aus sehr armen und schwierigen Verhältnissen mit. Dieses Jahr hat mir Manuel, einer der damaligen Lehrer erzählt, dass inzwischen viele der ehemaligen SchülerInnen des Projektes ermordet wurden. Irgendwelche Verbindungen zum Drogengeschäft oder sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Das hat mich extrem traurig gemacht und zeigt die prekäre Situation auf, der die Menschen in Tumaco seit Jahrzenten ausgesetzt sind.

 

Eine ganz andere Frage beschäftigte mich lange: Wieso trägt hier eigentlich niemand einen Helm, bei all diesen vielen Motos? Ich hörte von schlimmen Unfällen, auch in meinem Freundeskreis. Zuerst dachte ich, dies sei so eine Eitelkeitsgeschichte. Ich sprach das Thema einige Mal an, erhielt aber erst nach einem Monat eine Antwort: Das Risiko wegen einem Helm getötet zu werden ist um einiges höher, als durch einen Unfall zu sterben. Vor ein paar Jahren trugen die Menschen auch in Tumaco Helme. In dieser Zeit schnellte die Mordrate in die Höhe. Durch den Helm konnte man quasi «maskiert» jemanden umbringen. Deswegen ist Tumaco nun helmlos tragischen Unfällen ausgesetzt.

 

2007 sah ich auch abends viele Menschen im Zentrum, die dort ihren Feierabend verbrachten. Als ich 2009 wiederkam gab es mehr Gewalt und mir wurde eingebläut, zuhause zu sein, sobald es dunkel wird. Viele Menschen gingen ab 18 Uhr nicht mehr aus dem Haus. Dies war auch 2011 noch so. Ich war deshalb diesen Sommer erstaunt, dass ich draussen wieder mehr Menschen antraf. Die Situation hat sich ja nicht wirklich verbessert. Mein Eindruck ist, dass die Menschen müde über die anhaltende Gewalt sind. Sie möchten am Leben teilhaben und gehen trotz allem Risiko wieder öfter raus. Der Drang nach Flexibilität ist auch gestiegen, dies erklärt ebenfalls den rasanten Anstieg der Motos. Um sich in Tumaco zu bewegen, muss man mobil sein. Ein eigenes Moto bedeutet Freiheit. Es müssen nicht mehr für die ganze Familie Transportkosten bezahlt werden. Denn auf so ein Moto passen in Tumaco schnell mal 3-4 Personen, wenn man schön zusammenrückt. Ich war sehr überrascht, als ich erfahren habe, dass Laura, meine comadre (Mutter meiner zwei Göttibuben) seit ein paar Monaten ein eigenes Moto besitzt und zwei ihrer Brüder sogar ein Auto. Davon war 2011 oder geschweige denn 2007 noch nicht einmal die Rede.

 

Man kann in Tumaco vieles in Raten zahlen. Dass es dadurch insgesamt teurer wird, hält die Menschen nicht vom Kauf eines Motos oder Smartphones ab. Gesellschaftlicher Wandel, Technik und das Bedürfnis daran teilzuhaben machen auch vor Tumaco nicht halt. Das Geld fehlt dann halt einfach woanders. In «meiner Familie» besitzen inzwischen fast alle ein Smartphone. Noch 2011 war meine kleine Digitalkamera voll der Renner. Alle wollten, dass ich Fotos von ihnen knipse. Nun hat die «Selfiekultur» auch in Tumaco Einzug gehalten. Ein Fernseher stand schon vor zehn Jahren in praktisch allen Haushalten. Das viele Fernsehen hat gute Gründe. Einer davon ist, dass es sicherer ist, wenn die Kids zuhause fernsehschauen, anstatt auf der Strasse rumzuhängen (apropos Rekrutierung von Jugendlichen).

Wasser- und Abfallthematik

Die Infrastruktur in Tumaco ist äusserst schlecht ausgebaut. So geniesst nicht einmal die Hälfte der BewohnerInnen von Tumaco sauberes Trinkwasser. Wasser ist seit jeher eines der Dauerthemen in Tumaco, sei es zum Trinken, Waschen oder Kochen. Viele Häuser an den Hauptstrassen sind zwar an die Wasserversorgung angebunden, welche in den Randzonen aber nur sporadisch (ca. alle 15-20 Tage) Wasser liefert. Bis zu den Friedensverhandlungen kappten die FARC oft die Stromversorgung, indem sie Masten in die Luft sprengte, wodurch kein Wasser mehr gepumpt werden konnte. Oder das völlig überalterte Röhrensystem hat irgendwo einen Defekt und die Stadt kein Geld, um es zu flicken (die Korruption lässt grüssen). So kann es vorkommen, dass es über Wochen kein Wasser gibt. Zudem weiss man nie, wann es kommt.

 

Doña Luisa, bei der ich diesmal gewohnt habe, hat täglich am Wasserschlauch gesogen und geschaut, ob Wasser kommt. Falls es kam, hat sie die nächsten Stunden mit Wasserfüllen all ihrer Tanks verbracht, regelmässig auch bis nach Mitternacht. Da sie alleine lebt, hat sie einen grossen Teil dieses Wassers an andere Quartierbewohnende verschenkt. Sobald die Neuigkeit des Wassers bei ihnen ankam, schickten sie ihre Kinder mit Wasserkanistern ausgerüstet zu ihr. Denn viele Häuser, die weiter hinten gebaut sind, sind nicht an die Wasserversorgung angeschlossen. Einige haben Regenwassertanks, die durch die Trockenzeiten jedoch oft leerbleiben. In Pozos (Erdwasserlöcher) kann wenigstens Wasser zum Waschen und Duschen geholt werden. Als Trinkwasser ist es jedoch ungeeignet, da es einen zu hohen Salzgehalt aufweist oder von Fäkalien und Müll verschmutzt ist. Trinkwasser wird in grossen Wassertanks verkauft, doch dies können sich natürlich nicht alle leisten. So sind viele Menschen auf Nachbarn wie Doña Luisa angewiesen.

 

Eine erfreuliche Veränderung gibt es beim Thema Abfall, zumindest in der Stadt Tumaco selbst. 2007 gab es keine Abfallentsorgung. Der Abfall wurde in den Ebbe- und Flutgebieten einfach aus dem Fenster geworfen oder zum Teil verbrannt. Nun gibt es schon seit mehreren Jahren eine gut funktionierende Abfallentsorgung. Auch stehen im Zentrum nun Abfalleimer und die Menschen scheinen sensibilisierter zu sein. Im Jahr 2007 sah ich überall junge wie ältere Menschen, die Plastik, Glas und Papier einfach auf die Strasse oder ins Wasser warfen. Heute wird doch ziemlich oft ein Abfalleimer gesucht. Leider gibt es auch beim Thema Abfall ein «aber». Zum einen spült das Meer ziemlich viel Abfall an die Küste und zum anderen gibt es in den abgelegenen Dörfern kein solches Abfallsystem. Dieser wird nach wie vor in irgendeine Ecke geworfen und bleibt dort liegen. Was sich dabei an Gestank und Krankheiten entwickelt, kann man sich gut vorstellen.

Tourismus und Aufwertung

Der Morro – der grösste Strand in Tumaco – ist seit meinem letzten Besuch extrem gewachsen. Sprich, es werden viele Hotels gebaut und am Strand stehen sicher zehnmal so viele Strandbars und zeltbedachte Sitzgelegenheiten wie noch vor ein paar Jahren. Der Tourismus scheint zu boomen. Die TouristInnen kommen dabei hauptsächlich vom kolumbianischen Landesinnern wie z.B. Pasto, Cali und Popayán. Der Tourismus beschränkt sich jedoch auf den Morro. Dort ist alles ein bisschen teurer und herausgeputzter als im restlichen Tumaco. Ausserhalb von Tumaco gibt es noch einige Orte am Fluss (an der Strasse Richtung Pasto) und auf Inseln nahe von Tumaco, die auch immer beliebter werden.

 

Es fällt auf, dass in bauliche Aufwertungen investiert wurde und wird. Vor zehn Jahren bestand beispielsweise die Strasse zum «Union Victoria» – «meinem Quartier» auf dem Festland – nur aus sandigem Boden. Erst vor ungefähr fünf Jahren wurde diese Hauptquartierstrasse gepflastert. Die dahinterliegenden Strässchen und Verbindungen sind jedoch nach wie vor naturbelassen. Nach und nach wird auch in hinteren Quartiergebieten mit Grundmaterial (Abfall, Schutt, Holzschnitzel, Sand) aufgefüllt, wodurch bei Flut weniger überschwemmt wird und die Holzstege durch Wege ersetzt werden.

 

Auch im Zentrum wird saniert. Diesen Sommer wurde ein Teil der langen Brücke «Puente del Morro», die die beiden Hauptinseln verbindet, saniert. Es gab hübsche Sitzbänke, ein neues Geländer und sogar Sonnensegel und sieht wirklich hübsch aus. Auch der «Parque Colon» wurde einer Aufwertung unterzogen. Die Baustellen dauerten jedoch über Monate und die Menschen konnten nicht einmal mehr über die Brücke laufen, ohne auf der viel befahrenen Strasse gehen zu müssen. In Anbetracht anderer wesentlicher Grundausstattungen, die in Tumaco fehlen (wie z.B. Wasser für alle), kann hier wohl eher von einer Oberflächenkosmetik als von einer richtigen Aufwertung gesprochen werden.

Musikalische Unterhaltung

Die Musik in Tumaco war schon immer sehr laut und vor allem überall und jederzeit. Dies gehört irgendwie zu Tumaco und seinen Bewohnenden und hat auch etwas sehr Lebendiges. Doch dieses Mal empfand ich die Musik als noch viel lauter als je zuvor. Und dies war nicht nur mein persönliches Empfinden als Schweizerin. Auch einige Tumaqueños/Tumaqueñas empfanden diese Lautstärke und Beschallung zu jeder Tages- und Nachtzeit als Respektlosigkeit gegenüber der Nachbarschaft. Wenn jemand seine eigene Musik hören möchte, muss er so laut aufdrehen, bis er den Nachbarn überschallt. Miteinander sprechen geht dann nur noch mit Schreien. Auch ist die Musik vielfältiger geworden. Es schleichen sich italienische Schnulzen oder amerikanische Popmusik ein. Der neueste Schrei nennt sich jedoch «salsa-choque» der den Ursprung in Tumaco hat. 2009 haben alle „choque“ getanzt, nun wurde dieser mit Salsa verbunden! Lohnt sich mal reinzuhören oder gar mitzutanzen. J

Solidarität

Zum Abschluss möchte ich noch über ein ganz anderes Thema schreiben: über die Solidarität der Tumaqueños und Tumaqueñas. Was mir am Leben in Tumaco – neben den so herzlichen Menschen – sehr gefällt, ist die familiäre Solidarität. Ohne ein funktionierendes staatliches Sozialsystem, wie wir es in der Schweiz kennen, ist die Familie in Tumaco als wichtigster sozialer Halt überlebensnotwendig. «Familie» wird dabei viel offener definiert als bei uns, Freunde und gute Bekannte werden da sehr schnell mit eingeschlossen.

 

Spannend finde ich dabei auch ihren Umgang mit dem Grossziehen von Kindern. Oft werden die Kinder innerhalb der Familie je Platzbedarf «umquartiert» und leben dann eine Zeitlang bei der Tante oder dem Onkel. Ein etwas anderes Beispiel habe ich diesen Sommer vernommen. Doña Tirsa, die Mutter «meiner tumaqueñanischen Afrofamilie Pinzó» konnte nicht mitansehen, wie eine indigene depressive Frau ihre Tochter Carolina vernachlässigte. Sie schlug ihr vor, Carolina grosszuziehen. So lebte Carolina seit drei Jahren bei ihr. Leider ist Doña Tirsa dieses Jahr mit 75 Jahren an einem Herzversagen gestorben. Die Familie Pinzó schaute deshalb, wer in der Familie die Möglichkeit hat, Carolina bei sich aufzunehmen. Die kinderlose Nichte Maria José und ihr Mann erklärten sich bereit dazu. Auf Facebook habe ich bisher sehr schöne Einträge gelesen, in denen sie sich bei Carolina bedankt, dass sie erfahren darf, wie es ist, Mutter zu sein.

 

Ich finde diesen «unkomplizierten» solidarischen Umgang einfach schön. Hier in der Schweiz läuft in meinen Augen vieles sehr bürokratisch. Es gibt bestimmt viele Berechtigungen für unser System. Doch manchmal glaube ich, dass wir vieles verkomplizieren und es oft viel einfachere Lösungen gäbe, wenn man es zulassen würde. Jedes Mal wenn ich wieder Schweizer Boden vom Flugzeug aus sehe, spüre ich eine Enge in mir. Dieses Gefühl überkommt mich bei jeder Rückkehr. Was es an geregeltem Leben in Tumaco für mich zu wenig hat, hat es in der Schweiz zu viel. In Tumaco muss man kreativ sein um zu überleben. In der Schweiz wird echte Kreativität durch unser übergeregeltes Leben abgewürgt. Mir tut es immer wieder gut zu erfahren, dass es auf dieser Erde so viele unterschiedlichen Lebensweisen und Lebensformen gibt, die alle auch funktionieren und das Leben bereichern.

 

Quellen:

Gespräche vor Ort mit Menschen aus Tumaco

Gesprächen mit einsatzleistenden Fachpersonen von Comundo, SMB, usw.

Informationen aus Berichten der ask! und Comundo

Aktuell

08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com