02/28/17

Kindersoldaten bekommen eine zweite Chance: die Wiedereingliederung bei Don Bosco in Medellín

28.02.2017 | von Stephan Suhner

Am 15. Januar 2017 weilten zwei ehemalige KindersoldatInnen, Catalina und Manuel, auf Einladung der Jugendhilfe Don Bosco aus Beromünster in der Schweiz. Die ask! hat die beiden Veranstaltungen in Beromünster und Luzern mitgetragen und die Gelegenheit genutzt, mit Catalina und Manuel ein Gespräch zu führen. Rafael Bejarano, der Direktor von Ciudad Don Bosco in Medellín, und James Alexander Areiza, einer der Teamleiter bei Ciudad Don Bosco, haben die beiden Jugendlichen begleitet und ebenfalls am Gespräch teilgenommen.

Ask!: Woher kommen die Jugendlichen, die bei Don Bosco aufgenommen werden?

Rafael Bejarano: Don Bosco nimmt sämtliche Jugendliche auf, die in den bewaffneten Konflikt verwickelt waren, also nicht nur ehemalige Mitglieder der Guerilla, sondern auch von paramilitärischen Gruppen oder kriminellen Banden. Die Jugendlichen, die dann zu Don Bosco kommen, konnten entweder fliehen respektive verliessen die bewaffnete Gruppe freiwillig, oder wurden im Rahmen von Kampfhandlungen gefangen genommen. Die erste Anlaufstelle für Jugendliche ist immer das Kolumbianische Familieninstitut ICBF, das ist im Gesetz über Kindheit und Jugend so geregelt. Dieses Gesetz und der Grundauftrag des ICBF sind sehr gut, mit Protokollen für die Aufnahme der Jugendlichen und wie im Einzelnen vorzugehen ist. In der Praxis gibt es jedoch viele Defizite, in der Verwaltung des ICBF oder wegen knappen Mitteln.

Ask: Wie kommt dann Don Bosco ins Spiel? Wie ist die Zusammenarbeit mit dem ICBF?  

RB: Das ICBF hat Partner wie Don Bosco, wir funktionieren mit einer Bewilligung des ICBF. Für ehemalige Kindersoldaten gibt es verschiedene Möglichkeiten: Die Erste ist der Hogar gestor, d.h. die Jugendlichen kehren zu ihrer Familie zurück und die Familie wird bei der Widereingliederung des Jugendlichen unterstützt, wirtschaftlich wie auch in der psychosozialen Betreuung des Jugendlichen. Häufig ist jedoch eine Rückkehr in die eigene Familie nicht möglich oder nicht angezeigt. Dann besteht die Möglichkeit des Lugar tutor, das heisst der Jugendliche kommt in eine Pflegefamilie, die dann ebenfalls gleich wie die leibliche Familie unterstützt wird. Daneben gibt es die Casas de Protección Especializadas oder wie sie heute genannt werden, die Casas de Atención Especializados, CAE. Dabei handelt es sich um Internate mit einer intensiven psychosozialen Betreuung sieben Tage die Woche 24 Stunden am Tag.

Ask!: Ich kann mir denken, dass der Bedarf an solchen Institutionen gross ist. Wie viele CAEs gibt es in Kolumbien?

RB: Heute gibt es leider nur noch drei CAEs in Kolumbien, davon zwei der Salesianer, in Cali und Medellín. Dann gibt es ein drittes CAE in Riosucio Caldas, das auf indigene Kinder und Jugendliche spezialisiert ist. Früher gab es bedeutend mehr solche Institutionen, aber aus finanziellen Gründen haben beinahe alle dicht machen müssen. Der Betrieb eines solchen Zentrums mit der umfassenden Betreuung der Jugendlichen ist sehr kostspielig, und die Beiträge des ICBF decken die Kosten bei weitem nicht. Wir bei Don Bosco haben das Glück, dass wir auf das weltweite Netzwerk der Salesianer zurückgreifen können, das uns finanziell unterstützt.

Ask!: Wenn nun ein Jugendlicher zu Don Bosco kommt, was für ein Programm durchläuft er dann?

James Alexander Areiza: Grundsätzlich sind alle Jugendlichen bei Don Bosco aus freien Stücken hier. Soweit möglich können die Jugendlichen beim ICBF wählen, in welches Modell sie möchten. Der Wiedereingliederungsprozess bei Don Bosco dauert mehrere Jahre und umfasst drei Phasen: Pädagogik des Vertrauens, Pädagogik der Hoffnung und Pädagogik der Allianzen. In der ersten Phase wird den Jugendlichen überhaupt mal wieder Vertrauen und Zuneigung geschenkt, sie sollen sich wie in einer Familie fühlen. Viele Kinder kommen mit Traumas zu uns, wurden gezwungen Dinge zu tun, die sie nie tun wollten. Sie haben eine verpasste Kindheit, leiden unter Verfolgungswahn und Depressionen. Sie denken militärisch, erwarten Befehle und wollen bei Fehlern bestraft werden. Es wird daher individuell abgeklärt, was für Unterstützung der Jugendliche braucht, um seine Persönlichkeit zu entwickeln. Die Phase der Pädagogik der Hoffnung ist die Phase, die am längsten dauert, es beinhaltet die ganze Ausbildung, d.h. häufig Nachholen der Schulbildung und dann eine Berufsausbildung. Es geht darum, den Jugendlichen wieder ein Lebensprojekt zu geben, ihre Persönlichkeit zu stärken. In dieser Phase arbeiten wir viel mit Kultur, leisten soziale und spirituelle Arbeit mit den Jugendlichen.  

Ask!: Worum geht es bei der Pädagogik der Allianzen?

JA: Dabei geht es um den Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen, dass sich die Jugendlichen als Mitbürger in die Gesellschaft einbringen können. Höhepunkt ist dann das Wiedersehen mit der Familie. Dabei verstehen wir die Familie in einem weiteren Sinn, als Beziehungsnetz. Sowohl der Jugendliche wie auch die Familie müssen auf das Wiedersehen intensiv und gut vorbereitet werden. Häufig ist einerseits das Verlangen nach einem Wiedersehen sehr gross, gleichzeitig sind aber auch Ängste und Verletzungen da. Die Trennung von der Familie geschah ja häufig unter traumatischen Umständen, weil der Jugendliche den Anschluss an eine bewaffnete Gruppe als einzigen Ausweg aus einer schwierigen Lage sah. Gerne möchte ich aber, dass Catalina und Manuel das selber schildern.

Catalina: Ich bin ja von zuhause weggelaufen, weil mein Stiefvater mich schlug, mich missbrauchen wollte. Meine Mutter glaubte mir damals nicht, was mich sehr verletzte. Ich hasste meine Familie, meine Mutter. Die Guerilla kam ins Dorf, und ich schloss mich ihr an, dachte das sei wie ein Traum. Meine Familie wusste zwar, dass ich bei der Guerilla war, hat mich aber die ganze Zeit über nie gesehen. Zu Beginn war es schwierig, sich wieder zu sehen. Die Treffen dauern eine ganze Woche, an einem speziellen Ort, und wir werden vom ganzen Team dabei begleitet und unterstützt. Durch die Hilfe von Don Bosco habe nicht nur ich mich verändert, auch meine Mutter hat sich verändert. Wir konnten viel austauschen, darüber reden. Heute liebe ich meine Mutter wieder, ich will auch in Zukunft meine Familie unterstützen können, vor allem meine beiden jüngeren Brüder. 

Manuel: Für mich war die Situation auch schwierig. Ich bin ja mit acht Jahren zusammen mit meinem Bruder von zuhause abgehauen, unsere Lage zuhause war schwierig, wir waren sehr arm. Ich habe dann länger auf der Strasse gelebt, bevor ich zusammen mit meinem Bruder mit 14 Jahren zur Guerilla kam, mehr so aus Neugierde. Mein Bruder wurde dann bei der Guerilla umgebracht, weil er sich nie den Regeln unterordnen konnte. Ich war danach ganz auf mich alleine gestellt, sehr verletzt. Die Familie wusste in alle den Jahren nicht, wo ich war. Erst als ich zum ICBF kam, wurde dann meine Familie benachrichtigt. Für mich war es denn auch das schwierigste am ganzen Prozess, überhaupt wieder menschliche Beziehungen einzugehen, wieder in Gesellschaft zu sein. Am Anfang war ich sehr aggressiv, schlug schnell zu wenn etwas nicht so war, wie ich es wollte.

JA: Ich möchte noch etwas detaillierter ausführen, wie aufwändig die Familienzusammenführungen zum Teil sind. Häufig ist es schon schwierig, die Familie überhaupt zu lokalisieren. Manchmal wurde die Familie ja vertrieben, oder gerade im Falle von Indigenen ziehen sie herum und leben sehr abgelegen. Das IKRK hilft dabei, die Familien zu finden. Sobald ein Jugendlicher beim ICBF angekommen ist, wird wenn immer möglich die Familie informiert. Nebst der Vorbereitung der Familie muss diese auch zum Ort des Treffens gebracht werden, was manchmal ein aufwändige Logistik und lange Reisen benötigt. Das ist sehr kostspielig und könnte ohne den finanziellen Rückhalt der Salesianer nicht ohne weiteres geleistet werden. Zum Glück haben wir aber auch sehr eingespielte Netzwerke.       

Ask!: Catalina und Manuel, könnt ihr uns euren Werdegang bei Don Bosco mal schildern?

Catalina: Ich ging mit 13 Jahren zur Guerilla, und blieb bis 16-jährig dort. Ich hatte nur eine sehr geringe Schulbildung, und etwas vom schwierigsten für mich war es, wieder zu lernen, den Schulbesuch wieder aufzunehmen. Nun konnte ich aber den Schulabschluss nachholen und nun auch einen Beruf als Grafikdesignerin lernen. Ich bin seit gut drei Jahren bei Don Bosco. Später möchte ich gerne weiter studieren, z.B. für Krankenschwester und dann meine Familie, meine jüngeren Geschwister unterstützen können.

Manuel: Ich war von 14 bis 15 Jahren bei der Guerilla, heute bin ich 19. Als ich zu Don Bosco kam, war ich praktisch Analphabet, konnte knapp meinen Namen schreiben. Ich verbrachte etwa vier Jahre bei Don Bosco, konnte die Schule nachholen. Heute lebe ich nicht mehr im CAE, sondern alleine in einer Wohnung, bezahle meine Miete, habe eine Arbeitsstelle und lerne, mit dem Geld umzugehen. Ich arbeite in der Metallverarbeitung, konnte dort zuerst ein Praktikum machen und dann weiter dort arbeiten. 

Ask!: Catalina und Manuel haben jetzt von der Berufsausbildung gesprochen. Wie funktioniert dieses System genau?

RB: Don Bosco verfügt über mehrere Werkstätten, wo verschiedene Berufe gelernt werden können, so z.B. eine Schneiderei, Metallverarbeitung, eine Schreinerei, Automechaniker und graphisches Gewerbe, und so weiter. Nach der Ausbildung unterstützt Don Bosco die Jugendlichen bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Don Bosco unterhält eine Stellenbörse und vermittelt Praktikumsplätze. Ein Praktikum dauert sechs Monate, die ersten drei Monate werden die Teilnehmenden eng begleitet vom Don Bosco Team. Viele Praktikanten werden dann direkt im Betrieb, wo sie das Praktikum absolviert haben, angestellt. Mittlerweile hat sich herum gesprochen, dass die Jugendlichen von Don Bosco gute Berufsleute mit menschlichen Qualitäten sind. Das kolumbianische Berufsbildungsinstitut SENA hat viel von unserem Programm übernommen. 

Ask!: Im Film hat man ja einiges aus eurem Alltag bei Don Bosco gesehen, wie sieht ein typischer Tag aus?

Catalina: wir haben sehr lange Tage. Um 5 Uhr ist Tagwache, um sechs Uhr gibt es Frühstück. Bis 7 oder 7.30 Uhr putzen wir und räumen auf. Dann holt uns um 7.30 Uhr der Bus ab, der uns zu den Werkstätten bringt. Wir leben ja in Aussenstationen, der Bus bringt uns zum zentralen Sitz, wo die Werkstätten für die Berufsbildung liegen. Danach bringt uns der Bus nach Hause zum Mittagessen, und danach zur Schule. Schule haben wir an drei Tagen die Woche, von 14 Uhr bis 16.45. An den anderen Tagen erhalten wir psychologische Unterstützung, Vorbeugung von Drogenkonsum, sexuelle Erziehung, Meditation etc. Am Abend gibt es manchmal Hausaufgaben oder erneut aufräumen und putzen.    

Manuel: Vor allem wenn man arbeitet, z.B. im Rahmen des Praktikums, sind die Tage sehr lang, da die Arbeitsstellen manchmal weit weg vom Internat liegen. Ein wichtiger Teil sind auch die Freizeitaktivitäten wie Sport, Tanzen, es gibt Ausflüge. Auch das ganze Zusammenleben, aufeinander Rücksicht nehmen, Aufgaben und Verantwortung wahrnehmen, will wieder gelernt sein. Ich bin sehr stolz auf meinen Weg und was mir Don Bosco dabei mitgegeben hat. Ich lebe heute selbstständig, habe eine eigene Wohnung sowie einen festen Job mit allen Sozialleistungen.

Catalina: Für mich war es sehr wichtig, Toleranz zu erlernen. Ich wurde als Person ernst genommen und konnte mich als Persönlichkeit entwickeln. Als ich zu Don Bosco kam, hatte ich ein militärisches Verhalten, auch männliche Verhaltensweisen. Ich glaubte nur was ich mit eigenen Augen sah, war sehr misstrauisch der Umwelt gegenüber. Ich habe Kriegsverletzungen, musste einen „Kriegsrat“ über mich ergehen lassen. Daher war auch die Ausbildung bei Colombia no violenta (Gewaltfreies Kolumbien) sehr wichtig für mich. Heute fühle ich mich als Friedensbotschafterin, will mich für ein Kolumbien in Frieden engagieren, für ein Land das man ohne Angst bereisen kann, wo man sich an den kleinen Dingen freuen kann. Es ist mir wichtig, etwas von dem, was mir Don Bosco gegeben hat, weiterzugeben, weshalb ich mich auch gerne für Kinderrechte engagieren möchte.     

Ask!: Vor kurzem wurde in Kolumbien ein Friedensabkommen zwischen den FARC und der kolumbianischen Regierung unterzeichnet. Was bedeutet das für euch?

Catalina: Ich verbinde viel Hoffnung damit, dass ich wieder nach Hause kann, meine Familie besuchen kann, ohne Angst haben zu müssen. Ich hoffe, dass wir in Kolumbien nie mehr die Waffen aufeinander richten, Waffen die uns so viel Leid zugefügt haben. Vor allem wir Kinder haben in diesem Konflikt nichts zu suchen, ich hoffe dass keine weiteren Kinder und Jugendlichen dasselbe Schicksal wie wir erleben müssen.

Manuel: Ich hoffe auch, dass wir Kollegen wieder treffen können, mit denen wir in den Bergen zusammen waren, wissen was aus ihnen geworden ist. Ich hoffe, dass keine weiteren Jugendlichen Opfer dieses Konfliktes werden. Ich habe gelernt, ein anderer Mensch zu werden, zu vergeben. Wir alle müssen vergeben, um Frieden zu haben, wir als ehemalige Kämpfer müssen der Gesellschaft vergeben, wie auch die Gesellschaft uns vergeben muss. Viele Leute reden von Frieden, aber das ist oft nur ein Wort. Wir haben die Gewalt direkt gelebt, wir wissen, wovon wir sprechen. Vergebung und Frieden muss von innen, mit Überzeugung kommen. Das ist unsere Botschaft.         

Ask!: Catalina und Manuel, wir danken euch für dieses Gespräch und wünschen euch für die Zukunft alles Gute!

Weiterführende Infos:

http://www.ciudaddonbosco.org/

http://jugendhilfe.donbosco.ch/aktuelles/bericht-ehemalige-kindersoldaten-kolumbien/ fileadmin/user_upload/documents/Monatsberichte/MB_2-2017_Kindersoldaten_Don_Bosco.pdf

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com