12/21/17

Die Frauen und der Friede in Kolumbien

21.12.2017 | Von Ann-Seline Fankhauser

Die kolumbianischen Friedensverhandlungen zwischen der Regierung von Juan Manuel Santos und den FARC-Rebellen werden auch schon als Meilenstein betreffend des Einbezugs der Frauen und der Berücksichtigung der Genderperspektive[1] in den Verträgen bezeichnet. Gemäss akademischen Kreisen und der internationalen Gemeinschaft handelt es sich um das weltweit fortschrittlichste und innovativste Friedensabkommen was die Berücksichtigung marginalisierter gesell-schaftlicher Gruppen, insbesondere der Frauen angeht[2]. Von den Fundamental-opponenten des Friedensabkommens um den Expräsidenten Alvaro Uribe und weiteren erzkonservativen und religiösen Kreisen wurde der Genderaspekt im Vorfeld des Plebiszites (Referendums), in welchem die Kolumbianerinnen und Kolumbianer am 2. Oktober 2016 das Friedensabkommen hauchdünn ablehnten, als Angriff auf die traditionellen gesellschaftlichen Werte bezeichnet. Die Gefahr der sogenannten „Gender-Ideologie“[3] für die Gesellschaft, die mit dem Abkommen eingeführt und das traditionelle Familienmodell in Frage stellen würde, war neben der angeblichen Straflosigkeit für die FARC-Rebellen das alles dominierende Abstimmungsthema.

In diesem Bericht soll dargelegt werden, worin die erwähnte Fortschrittlichkeit des Friedensabkommens besteht. Weiter soll auf den Stand in der Umsetzung des Friedensabkommens unter Berücksichtigung frauenspezifischer Konflikterfahrungen und ihrer aktiven und gleichberechtigten Teilhabe am Friedensprozess eingegangen, sowie damit einhergehende Herausforderungen und Schwierigkeiten dargestellt werden. Der letzte Teil ist den Frauen gewidmet, die in der Karibikregion durch ihr Engagement in den Gemeinschaften täglich zur Friedenskonstruktion „desde abajo“ beitragen. Dabei wird offensichtlich, dass der (geschlechtergerechte) Frieden die Regionen noch nicht erreicht hat.

 

Die Frauen und ihre Stimmen in den Friedensverträgen

Die Resolution 1325 des UNO-Sicherheitsrates aus dem Jahr 2000 war die erste von insgesamt sieben Resolutionen, die die gleichberechtigte und vollumfängliche Teilhabe und Einbindung der Frauen in alle Bemühungen um Frieden und Sicherheit anstreben und die Bekämpfung sexueller Gewalt im Kontext von Konflikten zum Ziel haben. Weiter streben diese Resolutionen eine aktive und entscheidungsbefugte Teilnahme von Frauen an Friedensverhandlungen an und auch der Schutz der Rechte der Frauen soll in Friedensprozessen und im Friedensaufbau besondere Berücksichtigung finden[4].

Diese internationalen Bemühungen gründen im Verständnis, dass Frauen und Männer in unterschiedlicher Art und Weise von Konflikten betroffen sind und unterschiedliche Rollen einnehmen. Dementsprechend müssen diese unterschiedlichen Sichtweisen und Erfahrungen auch in der Aushandlung der Konflikte Berücksichtigung finden. Doch Friedensprozesse gehen über die alleinige Beilegung von Konflikten hinaus. Um einen nachhaltigen Frieden zu erreichen, müssen bislang von den politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossene und diskriminierte soziale Gruppen einbezogen werden. Die Grundvoraussetzung demokratischer und gleichberechtigter Gesellschaften ist die Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen und die Einbindung unterschiedlicher Perspektiven, Meinungen und Erfahrungen in die Entscheidungsfindungsprozesse. Trotz des wachsenden internationalen Bewusstseins für die Notwendigkeit der Partizipation der Frauen und die Gleichberechtigung der Geschlechter in Friedensprozessen, wurde dieses Ideal mit den Friedensverhandlungen in Havanna und den daraus resultierenden Friedensverträgen erstmals weitestgehend umgesetzt.

Wobei es zunächst nicht danach aussah, denn die Verhandlungen begannen ohne die Frauen. Zwar waren einzelne Frauen durchaus Teil der Verhandlungsdelegationen, jedoch agierten diese zu jenem Zeitpunkt hauptsächlich im Hintergrund. Bei keiner der beiden Verhandlungsdelegationen sass zu Beginn der Friedensgespräche im Oktober 2012 eine Frau am offiziellen Verhandlungstisch. Doch welche Legitimität können Friedensgespräche haben, bei denen ein Grossteil der direkt Betroffenen und Beteiligten des Konfliktes keine Stimme haben[5]? Gemäss dem Opferregister sind 51 Prozent der gewaltsam Vertriebenen, 47 Prozent der Mordopfer sowie 82 Prozent der Opfer sexueller Gewalt Frauen. Zudem waren rund 40 Prozent der Mitglieder der FARC Frauen. Die kolumbianischen Frauenbewegungen machten mit ihrer Forderung “La paz sin mujeres no va” (in etwa: Ohne Frauen wird es keinen Frieden geben) denn auch Druck auf die Verhandlungsdelegationen. Auch internationale Organisationen wie UN Women trugen dazu bei, dass die Wichtigkeit der Geschlechterthematik ins Bewusstsein der Protagonisten der Friedensgespräche rückte. 2013 berief die kolumbianische Regierung dann zwei Frauen als Verhandlungsbevollmächtigte in ihre Friedensdelegation. Seitens der FARC sass eine Frau am Verhandlungstisch womit schlussendlich mit drei Frauen und siebzehn Männern eine weibliche Partizipationsquote von 15 Prozent am Verhandlungstisch erreicht wurde[6].

Mit der Einrichtung einer Gender Subkommission im September 2014 wurde ein formeller Mechanismus etabliert, der es erlaubte, die Stimmen der Frauen in die Friedensverhandlungen einzubringen sowie die Verhandlungen und Verträge aus der Geschlechterperspektive zu prüfen. Ein solches Instrument zur Einbindung der Frauen und der Anwendung der Genderperspektive in Friedensverhandlungen war bis anhin weltweit einmalig[7].

Zwischen dem Herbst 2014 und dem Frühling 2015 besuchten drei Delegationen mit Vertreterinnen von Frauenorganisationen sowie der LGBTI[8]-Gemeinschaft auf Einladung der Genderkommission die Verhandlungen in Havanna und konnten so ihre konkreten Vorschläge zu unterschiedlichen Punkten der Verhandlungsagenda den Verhandlungsdelegationen direkt unterbreiten. Die Opferdelegationen ihrerseits waren zu rund 60 Prozent aus Frauen zusammengesetzt. Ihre spezifischen Konflikterfahrungen, Vorschläge und Erwartungen beeinflussten somit die Aushandlung des Vertrages über die Opfer[9] massgeblich, ein Vertrag, der in Anwendung einer Genderperspektive ebendiese unterschiedlichen Erfahrungen und Auswirkungen des Konfliktes auf Frauen und Männer zu berücksichtigen versucht. Diese direkten Zeugen- und Erfahrungsberichte und die Präsenz der Frauenorganisationen trugen massgeblich zur Sensibilisierung der Gesprächsdelegationen für eine Genderperspektive im Friedensprozess bei und hatten darüber hinaus eine wichtige Signalwirkung für die Anerkennung der Forderungen und Anliegen der Opfer und der Frauen.

Weiter ist auch die Präsenz von Frauen in den unterschiedlichen thematischen Arbeitsgruppen der Regierung zu erwähnen, in denen die Frauen mit knapp 68 Prozent die Mehrheit stellten. Die Inklusion der Frauen in den unterschiedlichen Arbeitsgruppen und Kommissionen zur Unterstützung der Friedensverhandlungen ist somit insgesamt als positiv zu bewerten und doch blieben die Entscheidungsräume fest in Männerhand[10].

Neben der quantitativ messbaren Partizipation der Frauen während der kolumbianischen Friedensverhandlungen, ist aber vor allem der Einbezug der Genderthematik als transversaler Aspekt der Verhandlungen und der unterzeichneten Friedensverträge hervorzuheben. Die Geschlechterkommission stellte mit ihrer Arbeit sicher, dass die Rechte der Frauen sowie die Genderperspektive in allen Verhandlungspunkten und letztendlich in den Verträgen Berücksichtigung fanden. So sollen im Rahmen der integralen Landreform Frauen prioritären Zugang zu Land und zu Unterstützungszahlungen und Krediten bekommen[11]. Die politische Partizipation von Frauen und weiteren traditionell marginalisierten sozialen Gruppen soll gestärkt werden durch neue Partizipationsräume und Dialogformen und durch die Stärkung derer Stimmen in der Öffentlichkeit. Im Vertrag über die Opfer wird die Wichtigkeit hervorgehoben, anzuerkennen, dass der Konflikt unterschiedliche Auswirkungen auf Männer und Frauen hatte und dies bei der Suche nach Wahrheit und im Rahmen der Übergangsjustiz berücksichtigt werden müsse. So soll innerhalb der Wahrheitskommission eine spezielle Arbeitsgruppe eingerichtet werden, die sich der Genderthematik widmet und unter anderem spezielle Anhörungen für Frauen durchführen soll. Zudem wurde klar festgehalten, dass sexuelle Gewalt im Rahmen des Konfliktes nicht dem Amnestiegesetz unterliegt[12]. Nicht zuletzt sollen Frauenorganisationen als aktive Beobachterinnen in der Überwachung der Umsetzung des Friedensabkommens mitwirken und auf diese Weise sicherstellen, dass die praktische Umsetzung geschlechtergerecht vollzogen wird.

Stand, Herausforderungen und Schwierigkeiten bei der Umsetzung

Insgesamt 122 konkrete Bestimmungen sind im abschliessenden Friedensabkommen aufgeführt, mit welchen die strukturellen Diskriminierungen und die unverhältnismässigen Auswirkungen des bewaffneten Konfliktes auf die Frauen angegangen werden sollen. Weiter verpflichten die Bestimmungen die unterzeichnenden Parteien dazu die Teilhabe von Frauen vor allem auch in Leitungsfunktionen in Programmen und Institutionen des Friedensprozesses sicherzustellen[13]. Gemäss dem Bericht des Kroc Institute[14] zur Umsetzung des Friedensabkommens hat die Partizipation und Repräsentation von Frauen innerhalb der neu gegründeten Institutionen mit rund 33 Prozent Frauenanteil wichtige Fortschritte gemacht. Mit 53 Prozent stellen die Frauen innerhalb der Gerichte der Sondergerichtsbarkeit für den Frieden (Jurisdicción Especial para la Paz) die Mehrheit. Diese zwar kleine Mehrheit ist ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg zur Anerkennung der durch Frauen erlittenen Gewalt und des Leids, der Anerkennung ihrer Rechte und der Wiedergutmachung und Garantien für die Nicht-Wiederholung[15].

In anderen bislang gegründeten Instanzen des Postkonfliktprozesses sind die Frauen hingegen eindeutig unterrepräsentiert oder gar nicht präsent, dies obwohl der Friedensvertrag explizit festhält, dass der Anteil von Frauen und Männern in allen aus den Verträgen hervorgehenden Instanzen ausgeglichen sein soll[16].

Mit der Installation der Instancia Especial de Género innerhalb der Comisión de Seguimiento e impulso a la verificación e implementación del acuerdo de paz (CSIVI) überprüfen fortan sieben Frauen die Umsetzung der Vereinbarungen und Verpflichtungen aufgrund der Genderperspektive. Diese Instanz gilt ebenfalls als internationales Novum. Allerdings werden die Frauen ihr Mandat nur mit ausreichend finanzieller und administrativer Unterstützung sowie mit dem garantierten Zugang zu den nötigen Informationen ausführen können[17]. Ebenfalls geht aus dem Bericht hervor, dass bereits erste Dekrete erlassen wurden, die Genderaspekte berücksichtigen. Doch müssen auch explizit affirmative Massnahmen[18] in Gesetzgebungsprojekte aufgenommen werden, um den Ansprüchen der Friedensverträge gerecht zu werden. Eine negative Bilanz in Bezug auf die Berücksichtigung genderspezifischer Bedürfnisse konstatiert der Bericht den Zonas Veredales Transitorias de Normalización (ZVTN), die unterdessen schon in Espacios Territoriales de Capacitación y Reincorporación (ETCR) umgewandelt wurden. So seien in diesen Zonen, in welchen die ehemaligen FARC-KämpferInnen auf ihre soziale Wiedereingliederung vorbereitet werden sollen, genderspezifische Bedürfnisse weder bei der Infrastruktur noch beim Angebot an Dienstleistungen und Bildung genügend berücksichtigt worden. Gerade Frauen mit Kindern – für die jegliche Betreuungsangebote fehlen – würden sich dadurch in einer Situation der Benachteiligung gegenüber ihren ehemaligen Mitkämpfern wiederfinden, wodurch sie nicht die gleichen Chancen auf einen gelingenden Neustart hätten[19].

Dass die Umsetzung des Friedensabkommens nicht nur in Bezug auf die Genderthematik eine riesige Herausforderung ist und dass der eigentliche Friedensprozess gerade erst begonnen hat, ist zweifellos. Fraglos wurde auf dem Papier hinsichtlich der Berücksichtigung und Gleichstellung der Geschlechter viel erreicht, doch bis zur vollumfänglichen Umsetzung ist es noch ein langer Weg. Und die Befürchtung liegt nahe, dass dieses für viele Entscheidungsträger und weite Teile der Gesellschaft nebensächliche und abstrakte Thema allzu leicht der Umsetzung scheinbar dringenderer Belange geopfert werden wird.

Die Nein Kampagne der Gegner der Friedensverträge im Vorfeld des Referendums im Oktober 2016 gab ein Vorgeschmack darauf, mit welchen Schwierigkeiten und Widerständen sich der Friedensprozess und der Umbau hin zu einer gerechteren Gesellschaft unter Berücksichtigung einer gleichberechtigten Teilhabe von Frau und Mann konfrontiert sehen werden.

Nachdem das Referendum insbesondere an der angeblichen „Gender-Ideologie“ in den Verträgen und der damit einhergehenden Furcht vor dem Verfall traditioneller Familienwerte gescheitert war, wurde im Rahmen von Nachverhandlungen die progressive Sprache in den Verträgen angepasst. So wurde die Anzahl Nennungen des Begriffs „gender“ reduziert und durch inhaltliche Spezifizierungen ersetzt. In Zusammenhang mit der politischen Partizipation ist nun nicht mehr die Rede von Gendergerechtigkeit, sondern wird im neuen Vertrag[20] nun von gleichberechtigter Teilnahme von Mann und Frau gesprochen[21].

Augenscheinlich besteht eine der grössten Herausforderungen darin, einen kulturellen und gesellschaftlichen Mentalitätswandel herbeizuführen. Denn längerfristig geht es nicht nur darum, die Stimme der Frauen im Rahmen der Beendigung des Konfliktes zu berücksichtigen. Vielmehr geht es um eine nachhaltige gesellschaftliche Transformation, um die Bekämpfung der Ursachen für die gravierenden sozialen Ungleichheiten und um die Konstruktion einer inklusiven demokratischen Gesellschaft. Hierfür ist die aktive und gleichberechtigte Teilhabe der Frauen an allen Bereichen des sozialen und politischen Lebens eine Grundvoraussetzung. Die verfestigten patriarchalen Strukturen, welche die kolumbianische Gesellschaft dominieren zu durchbrechen, wird somit die grösste Herausforderung für die Umsetzung der im Friedensvertrag festgehaltenen Genderanliegen.

Die Postkonfliktphase eröffnet die Möglichkeit, den Worten Taten folgen zu lassen. Im Kontext neu zu gründender Institutionen, sollte die gleichberechtigte Teilhabe und Repräsentation der Frauen garantiert werden, wie auch ihre Präsenz in Führungsrollen und Leitungsfunktionen. Neben vordergründigen Frauenquoten besteht eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen Mentalitätswandel jedoch in der Einbindung der Genderperspektive in allen nationalen und lokalen Institutionen sowie in deren Politik und Entwicklungsplänen. Hierfür müssen auch die notwendigen Mittel und Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Genderanliegen und die Repräsentation von Frauen dürfen nicht mehr vom politischen Willen der jeweils amtierenden Regierung abhängen, sondern müssen zu einem strukturellen und andauernden Kompromiss des kolumbianischen Staates werden[22]. Die Einsicht, dass staatliches Handeln nie eine neutrale Wirkung auf Männer und Frauen hat, sondern im Gegenteil, dass dieses oftmals Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern reproduziert, sollte fortan in der Planung staatlicher Politik berücksichtigt werden. Eine strukturelle Einbindung der Genderperspektive in alles staatliche Handeln (Gesetzgebung, staatliche Politik, Programme, etc.) würde dazu beitragen, traditionelle Geschlechterrollen und -bilder zu überwinden und nachhaltig zu gerechteren und gleichberechtigteren Gesellschaftspraktiken führen[23].

Friedensarbeit „desde abajo“

Wie wenig von all diesen guten Absichten bisher in den Regionen angekommen ist, wurde am III Encuentro Voces de Mujeres por la Paz[24] in Cartagena de Indias im September 2017 deutlich. Während zwei Tagen tauschten sich Vertreterinnen ethnischer Gemeinschaften und sozialer Organisationen der gesamten Karibikküste über ihre täglichen Erfahrungen und Bemühungen im Kampf um einen umfassenden Frieden aus, der auch die ländlichen Gebiete und alle gesellschaftlichen Gruppen mit einschliesst. Die Frauen äusserten sich überzeugt, dass sie mit ihren jahrelangen Anstrengungen und ihrer täglichen Arbeit eine gewisse Sichtbarkeit in den ländlichen Gebieten erreicht haben. Doch es sei ihnen bislang nicht gelungen, diese Sichtbarkeit in eine effektive Partizipation in den politischen Entscheidungssphären umzuwandeln. Der fehlende politische Wille, Vorschläge und Forderungen aus den ländlichen Gebieten in der politischen Entscheidungsfindung zu berücksichtigen, sehen sie als ein klares Hindernis für eine umfassende soziale und ländliche Entwicklung. Es reiche nicht, die Frauen, welche überproportional vom bewaffneten Konflikt betroffen seien, nur über eine inklusive Sprache in den Verträgen zu berücksichtigen. Angesichts der historischen strukturellen Diskriminierung und der Abwesenheit von Garantien für die politische Teilhabe der ländlichen Frauen, brauche es aktive Bürgerinnen, die sich informieren und organisieren. Hierfür sei die Bildung und soziopolitische Wissensvermittlung unerlässlich.

Ein der grössten Sorgen der Teilnehmerinnen betraf den Zugang und die Nutzung von Land. Zwischen der Landreform, wie sie in den Friedensverträgen gezeichnet wird und den vorherrschenden wirtschaftlichen Interessen einflussreicher Kreise an der Landnutzung und den Bodenschätzen, würden sich neue Konfliktlinien auftun. Die Befürchtungen der Frauen, dass die Konflikte rund um Landrechte, welche ethnische Gemeinschaften, Konfliktopfer, multinationale Unternehmen und weitere Akteure geltend machen, im Rahmen des Postkonfliktes nur noch weiter zunehmen werden, sind nicht unbegründet. Welche Garantien und Rechte sie als ländliche und/oder ethnische Frauen von der Regierung erwarten können oder wie sie sich in die Erarbeitung der Programme zur ländlichen Entwicklung mit ihren Ideen einbringen können, ist den Frauen nicht klar. Doch nicht nur in diesem Bereich wird die ungenügende oder gar fehlende Information und Wissensvermittlung über das Friedensabkommen und die konkreten Umsetzungsschritte in den abgelegenen ländlichen Gebieten offensichtlich. Auch wird einmal mehr deutlich, dass die historische Abwesenheit des kolumbianischen Staates und die Vernachlässigung der ländlichen Gebiete weiterhin die Realität eines Grossteils der kolumbianischen Bevölkerung ist.

Dies wird auch durch die erneute Zunahme von Drohungen gegenüber den Frauen und ihren Gemeinschaften deutlich, von denen einige Teilnehmerinnen berichteten.

Die harsche Realität, welcher sich die Frauen auf dem Land weiterhin gegenüber sehen, kontrastiert mit den Hoffnungen, welche mit den im Friedensabkommen erreichten Fortschritten betreffend der Rechte und Partizipation der Frauen verbunden sind. „Del dicho al hecho hay mucho trecho“ (In etwa: Es ist leichter gesagt als getan). Dem sind sich die Frauen bewusst und geben sich nicht allzu grossen Illusionen hin. Derweil setzen sie sich dafür ein, sich an den laufenden Friedensgesprächen der Regierung mit dem ELN Gehör zu verschaffen. Im Alltag und in ihren Gemeinschaften kämpfen sie weiter tagtäglich für die Anerkennung und Ausübung ihrer Rechte und leisten unermüdlich ihren ganz persönlichen Beitrag zur Konstruktion eines friedlicheren, gerechteren Kolumbiens. Denn die Friedensarbeit beginnt im eigenen Haus, „desde abajo“ eben und im Kleinen, Schritt für Schritt, jeden Tag.

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[1] Als gender werden die soziale und kulturelle Konstruktion von Geschlechterrollen und -zuweisungen sowie die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und die Machtverhältnisse in der Gesellschaft bezeichnet. Unter Anwendung der Genderperspektive sollen diese Machtverhältnisse aufgedeckt und Ungleichheiten sichtbar gemacht werden. Dies ist die Voraussetzung, um die Geschlechterverhältnisse im Sinne von Chancengleichheit und einer gerechteren Gesellschaft verändern zu können. Durch die Gleichberechtigung der Geschlechter (gender equality) wiederum soll sichergestellt werden, dass die unterschiedlichen Interessen, Bedürfnisse und Prioritäten von Frauen und Männern gleichermassen berücksichtigt werden, dass also in Bezug auf Rechte, Chancen und Verantwortungen Gleichberechtigung gegeben ist.

[2] Informe sobre el estado efectivo de implementación de paz en Colombia, Instituto Kroc de Estudios Internacionales de Paz, Universidad de Notre Dame, Noviembre 2017, 12-13; Hilde Salvesen and Dag Nylander, Towards an inclusive peace: women and the gender approach in the Colombian peace process, Norwegian Centre for Conflict Resolution, July 2017.

[3] Ideología de género: Es handelt sich hierbei um eine Begriffskreation der Gegner des kolumbianischen Friedensabkommens und nicht um ein akademisch existentes Konzept.

[4] Vgl. Salvesen and Nylander (2017): 1.

[5] El Espectador, Las mujeres que negociaron los procesos de paz desde los márgenes, https://colombia2020.elespectador.com/opinion/las-mujeres-que-negociaron-los-procesos-de-paz-en-colombia-desde-los-margenes (17.12.2017)

[6] Vgl. Nina Chaparro González and Margarita Martínez Osorio: Negociando desde los márgenes. La participación política de las mujeres en los procesos de paz en Colombia (1982-2016), Documentos Dejusticia 29, diciembre 2016, 69.

[7] Vgl. Salvesen and Nylander (2017): 3.

[8] LGBTI ist die englische Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexuel/Transgender and Intersexual.

[9] Insgesamt wurden sechs thematische Punkte (sechs Teilverträge) verhandelt: integrale Landreform; politische Partizipation; Ende des Konfliktes; Lösung für das Problem illegaler Drogen; Opfer; Umsetzung, Überprüfung und Referendum.

[10] Vgl. Chaparro González and Martínez Osorio (2016): 70.

[11] Für die folgenden Ausführungen vgl. Chaparro González and Martínez Osorio (2016): 72-73.

[12] Vgl. Salvesen and Nylander (2017): 3.

[13] Instituto Kroc (2017): 13.

[14] Das kanadische Friedensforschungsinstitut wurde durch die Regierung und die FARC im Friedenabkommen mit dem Monitoring über die effektive Umsetzung der im Abkommen beinhalteten Vereinbarungen betraut. Im ersten Bericht, der im November 2017 erschien, werden die Umsetzungsbemühungen bis Ende August 2017 berücksichtigt.

[15] El Espectador, Las mujeres en la JEP, https://colombia2020.elespectador.com/opinion/las-mujeres-en-la-jep (18.12.2017)

[16] Comisión Nacional de Garantías de Seguridad (CNGS), bei 14 Mitgliedern nur 1 Frau; Consejo Nacional para la Reincorporación (CNR), 4 Mitglieder, keine Frau; Comisión de Seguimiento, Impulso y Verificación (CSIVI), 6 Mitglieder, 1 Frau, vgl. Instituto Kroc (2017): 14.

[17] Vgl. Instituto Kroc (2017): 14; El Espectador, Mujeres harán seguimento al enfoque de género en el Acuerdo de paz, https://colombia2020.elespectador.com/politica/mujeres-haran-seguimiento-al-enfoque-de-genero-en-el-acuerdo-de-paz (18.12.2017)

[18] Als mediadas afirmativas (span.) / affirmative action (engl.) werden gezielte Massnahmen bezeichnet, die zu einer Vorteilsgewährung für gesellschafts-politisch diskriminierte/benachteiligte Gruppen führen sollen. 

[19] Vgl. Instituto Kroc (2017): 15.

[20] Der nachverhandelte neue Vertrag wurde am 24. November 2016 unterschrieben und trat am 1. Dezember 2016 in Kraft.

[21] Vgl. Salvesen and Nylander (2017): 5.

[22] Vgl. Chaparro González and Martínez Osorio (2016): 80.

[23] Vgl. Chaparro González and Martínez Osorio (2016): 86.

[24] Die Tagung wurde unter anderem von der NGO Colemad organisiert. Die Zusammenfassung basiert auf Beobachtungen und auf einem Artikel, den die Autorin im Rahmen ihres Freiwilligeneinsatzes für die NGO geschrieben hat.

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

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