10/03/16

Die Rechte indigener Kinder: Vernachlässigt zwischen staatlicher Untätigkeit und indigenen Traditionen

03.10.2016 | Von Anita Linares, langjähriges ask!-Mitglied

In diesem Monatsbericht berichtet Anita Linares über ihre Arbeit bei der kolumbianischen NGO CODACOP im Bezug die Rechte von Kindern in fünf indigenen Reservaten Kolumbiens. Anita Linares leistet bei Codacop einen Einsatz durch Interteam und ist Mitglied der ask!. Anita hat bei der Untersuchung über die Lage der indigenen Kinder die Koordination im Feld inne gehabt. Der Schwerpunkt des Berichtes liegt auf der Untersuchung bei den Nasa-Indigenen im Cauca. Die Resultate sind mit kleinen Unterschieden überall dieselben: Kindsrechte sind oft nicht bekannt und werden demzufolge den Kindern nicht eingeräumt. Schul- und Gesundheitssystem sind ungenügend und, obwohl davon nicht überall gesprochen wird, sind die Kinder häufig Misshandlungen und Missbrauch (sehr oft sexuellem Missbrauch) ausgesetzt.

Um welche Rechte geht es?

Die Rechte der Kinder, wie sie heute gültig sind, gehen auf die Kinderrechtskonvention zurück, welche 1989 von der UNO genehmigt wurde und die unterzeichnenden Staaten verpflichtet, den Inhalt in ihre Verfassungen aufzunehmen. Obwohl die UN-Konvention bereits 1991 von Kolumbien ratifiziert wurde, dauerte es bis 2006, bis Gesetze zum Kindesschutz erlassen wurden. An der Umsetzung muss noch in vielen Teilen des Landes hart gearbeitet werden.

Die Untersuchung

Unsere Untersuchung beruht auf den Grundrechten der Kinderrechtskonvention, wobei wir aber auch kulturelle Aspekte, wie z.B. die traditionelle Medizin, Bräuche, das eigene Gesundheits- und Schulsystem, die Sprache etc. als Indikatoren einbezogen haben. Das spezielle an dieser Untersuchung war, dass diese von einer Gruppe Frauen, welche an einem Bildungsprogramm über Menschenrechte, Frauenrechte und Teilnahme am politischen Leben teilgenommen haben, durchgeführt wurde. Das heisst, dass sie sich nicht nur das Wissen über Kindsrechte angeeignet, sondern auch die Untersuchung in Form von Fragebogen und Treffen in ihren Gemeinden selber durchgeführt haben. Dafür haben wir (mein Codacop-Mitarbeiter und ich) als erstes eine Schulung bezüglich den Kindsrechten durchgeführt. Anschliessend habe ich die ganze Untersuchung mit den Frauen vorbereitet und sie auch in ihren Aufgaben begleitet. Abgesehen von den Interview-Fragebogen, welche mir die Frauen ausgefüllt zurückgegeben haben, habe ich sie auch in ihre Gemeinden begleitet und mit ihnen Treffen durchgeführt, an welchen wir mit Dorfbewohnerinnen und lokalen indigenen Regierungsmitgliedern die Lage ihrer Kinder und Jugendlichen erörtert haben. Diese Treffen waren spannend, haben sie doch zu Dialogen zwischen Müttern und Gemeindemitgliedern geführt und zum Nachdenken bezüglich Ausbildung, Umgang mit Kindern und Jugendlichen, Gesundheits- und Schulungs-system und kulturellen Praktiken angeregt.

Untersuchungsergebnisse

Viele Frauen (und Männer) sind sich gar nicht bewusst, dass auch Kinder und Jugendliche eigene Rechte haben und dass kulturelle Praktiken diesen Rechten zum Teil widersprechen. Als Beispiel möchte ich das Schlagen (dar fuete) nennen, welches für die meisten ein gängiges Erziehungsmittel ist, aber dem Recht auf gewaltlose Erziehung widerspricht. Themen wie Kindsmisshandlungen, Vernachlässigung und Verwahrlosung von Kindern sind allgemein tabu, entsprechende Strafverfolgungen zu diesen Straftaten gibt es eher selten. Vollständige Verwahrlosung oder das Aussetzen von Kindern gibt es kaum, da sich Grosseltern, Geschwister oder andere Gemeindemitglieder den vernachlässigten Kindern annehmen. Es werden nur ungenügende Bildungsangebote zur altersgerechten Ausbildung zur Verfügung gestellt, die Qualität ist sehr unterschiedlich, ebenso der Einbezug der eigenen Kultur in den Unterricht. Eine grosse Herausforderung ist das Finden eines Gleichgewichts zwischen der eigenen und der westlichen Ausbildung, damit die Kultur nicht verloren geht, die Kinder aber weiterhin die Chance haben, sich in der westlichen Umgebung zurechtzufinden. Die meisten Kinder schliessen die ersten fünf Schuljahre ab, anschliessend nimmt die Teilnahme aber stark ab, dies vor allem aus wirtschaftlichen (zu wenig Geld vorhanden, (illegale) Gelderwerbsquellen) oder Sicherheitsgründen (gefährlicher und weiter Schulweg, bewaffneter Konflikt, Gefahr dass die Mädchen schwanger werden). Nur relativ wenige Jugendliche schliessen eine weiterführende Schule ab, was zu einem allgemein niedrigen Bildungsstand der Nasa führt.

Die Gesundheitsversorgung ist allgemein eher ungenügend, die Wege zum Arzt sind oft weit, es gibt zu wenig GesundheitspromotorInnen welche das ländliche Gebiet besuchen und Arztbesuche können sich nicht alle BewohnerInnen leisten. Durch staatliche Fürsorgeprogramme werden zwar Wachstumsuntersuchungen und Impfungen sichergestellt, führen aber zugleich zu finanzieller Abhängigkeit. Besorgniserregend ist die recht hohe Anzahl von Kindern, welche mit Untergewicht geboren werden. Die traditionelle Medizin wird vorwiegend für die Vorbeugung von Krankheiten eingesetzt und als gute Ergänzung zur westlichen Medizin angesehen. Die Geburtenrate sinkt laufend, was einerseits auf ein grösseres familiäres Verantwortungsbewusstsein hinweist, zugleich aber die Gefahr des Aussterbens der indigenen Bevölkerung verschärft. Besorgniserregend ist weiterhin das junge Alter, in welchem die Mädchen schwanger werden, eine grosse Anzahl von Frauen gebären ihr erstes Kind vor dem Erreichen des 18. Lebensjahres.

Um würdige Lebensbedingungen sicherzustellen gibt es noch einiges zu tun. Von den untersuchten 423 Familien haben immer noch 20% kein, und nur ein Viertel trinkbares Wasser und in ungefähr der Hälfte des Gebietes gibt es keine Abwasser- und/oder Energieversorgung und Abfallentsorgung.  Praktisch alle Kinder haben eine Geburtsurkunde und sind auch im Reservat bei der lokalen indigenen Regierung registriert. Das Einhalten des Kinderschutzes wird generell als Sache der eigenen indigenen Regierung angeschaut, doch die Wahrnehmung der Frauen ist, dass sich diese nicht gross um die Rechte kümmern, was in ihren Augen oft damit zu tun hat, dass viele Gemeinschaftsführer selber „nicht frei von Schuld sind“. Die Zuneigung, das Spiel, der Umgang mit Gefühlen und Beziehungen, der Schutz vor Misshandlung und der Einbezug der Kinder ins familiäre und gemeinschaftliche Leben sind keine Prioritäten im Leben der Nasa-Gemeinschaft und ihrer Regierung. Dies macht die Kinder und Jugendlichen zu einer verletzlichen Gruppe und anfällig auf die Gefahren, welche sowohl vom bewaffneten Konflikt wie auch den illegalen Aktivitäten (Koka- und Marihuana-Anbau, Abbau von Gold) ausgehen und eine gesunde Entwicklung wie auch das allgemeine Wohlbefinden beeinträchtigen.

Generelle Schlussfolgerungen

Grundsätzlich muss gesagt werden, dass die Kinder und Jugendlichen zu einer recht gefährdeten Gruppe gehören, für deren Schutz und deren Rechte weiterhin viel getan werden muss. Je mehr der Staat interveniert (durch Programme und Leistungen), je mehr entfernt sich die Nasa-Gemeinschaft von ihrem Ursprung und ihren Bräuchen. Es wurde festgestellt, dass die Verantwortung tendenziell an staatliche Institutionen abgegeben wird. Westliche und städtische Verhaltensmuster beeinflussen immer mehr das Benehmen und das traditionelle Leben der indigenen Landbevölkerung. Das erhöhte Bewusstsein über die eigenen Rechte führt einerseits zu einem besseren individuellen Wohlbefinden, untergräbt aber langsam die kulturelle kollektive Identität und beschleunigt das langsame Aussterben dieser Kultur.

„Profe, ich habe so viel gelernt, und vor allem habe ich angefangen, meine Kinder anders zu behandeln, ihnen mehr zuzuhören, sie weniger anzuschreien, sie anders zu behandeln. Die Stimmung zu Hause hat sich verändert, wir sind alle zufriedener…“

Dies ist der Kommentar einer Mutter, welche an der Untersuchung teilgenommen hat. Ich habe mich natürlich sehr über ihre Aussage gefreut, zeigt es doch, dass die Arbeit Früchte trägt.

El Caracol Preguntón - die fragende Schnecke

Die kritische Lage der Kinderrechte zu verändern erfordert ein erhöhtes Verständnis der Bevölkerung (Eltern, LehrerInnen, erwachsene Bezugspersonen, BeamtInnen von staatlichen Institutionen etc.) in Bezug auf Kinderrechte und deren möglichen Verletzungen. Es benötigt auch eine klare Implementierung der recht guten Gesetze der kolumbianischen Kinderrechte, eine Überwachung deren Umsetzung, die Behandlung von Gesetzesverletzungen und eine differenzierte Kindsrechtspolitik für die indigene Bevölkerung.

Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, haben wir von Codacop zusammen mit einer Gruppe Frauen den ´Caracol Preguntón´ entwickelt, ein Tool welches den Gemeinschaften die Möglichkeit gibt, die Situation der Kinder zu analysieren und Abkommen mit Behörden und staatlichen Instanzen auszuhandeln, welche es ermöglichen, die Situation der Kinder zu verbessern.

‚El Caracol Preguntón´, wörtlich übersetzt ´Die Fragende Schnecke´, ist ein Tool, welches an indigenen Versammlungen (oberstes Organ der Beschlussfassung) Fragen über die Situation der Kinder stellt und als Kontrollinstrument angewandt wird. Die Schnecke symbolisiert das spiralförmige Denken der indigenen Bevölkerung, welches sich von der westlichen linearen Denkweise unterscheidet.

Dieses Tool ist das Resultat von mehrtägigen Treffen, in welchen wir mit einer Gruppe von acht Frauen aus sechs verschieden indigenen Stämmen (Nasa, Awa, Huitota, Wayuu, Pastos, Maibén) und dem Amt für Kindswohl sowohl thematisch als auch konzeptuell gearbeitet haben.

Thematisch haben wir uns mit der Frage Welches sind die Hauptprobleme in den Gemeinschaften? auseinander gesetzt, wobei die Untersuchungsresultate die Ausgangslage waren. Natürlich war die Priorität nicht für jede Gemeinschaft dieselbe, aber mittels Diskussionen haben wir uns auf die folgenden Themen geeinigt:

Schwächung der kulturellen Traditionen -> warum wird den kulturellen Bräuchen kaum Aufmerksamkeit geschenkt?

 

Unterernährung -> warum legen wir keinen Wert auf unser kulturelles Wissen und schenken der gesunden Ernährung während der Schwangerschaft und der Kindheit keine Aufmerksamkeit?

 

Misshandlungen und Missbrauch ->  warum schenkt die Gemeinschaft den Misshandlungen, dem sexuellen Missbrauch und den allgemeinen Missbräuchen keine Aufmerksamkeit?

 

Kinder im Krieg -> warum sind die Kinder dem Krieg schutzlos ausgeliefert?

 

 

Gebiete (Reservate) ohne Garantie für das Buen Vivir (Gutes Leben, indigenes Konzept des Wohlbefindens) der Kinder ->  warum garantieren die Gebiete das Buen Vivir der Kindheit nicht?

 

Institutionen, welche die indigenen Schutzmechanismen limitieren -> wie kann die Anerkennung und die Unterstützung der indigenen Schutzmechanismen seitens der staatlichen Institutionen garantiert werden?

 

Zu jedem Themengebiet haben wir konkrete Fragen erarbeitet, welche helfen sollen, gezielt Grundprobleme aufdecken und mögliche Missstände verstehen zu können. Das bessere Verständnis soll den Gemeinschaften und den Institutionen erleichtern, entsprechende Lösungen zu erarbeiten und konkrete Abkommen zu schliessen. Es wurde folgendes Vorgehen erarbeitet:

-          Das Problem erklären, das heisst, die Ausgangslage schildern und, wo möglich, mit Zahlen und Fakten untermauern.

-          Erinnern wie mit einem Problem gemäss den Traditionen und Gewohnheiten in der Vergangenheit umgegangen wurde.

-          Untersuchen, wie wir heute mit dem Problem umgehen, falls wir es überhaupt aufgreifen.

-          Die Verantwortlichkeiten der verschiedenen Instanzen (Familie, eigene Behörden, staatliche Institutionen) kontrollieren, werden sie überhaupt wahrgenommen?

-          Abmachungen mit den eigenen Behörden und den staatlichen Instanzen treffen, welche zur Verbesserung der Situation der indigenen Kindheit beitragen.

Da ´El Caracol Preguntón´ ein Tool ist, welches in Gegenden angewandt werden soll, wo der Bildungsstand oft niedrig ist, haben wir zu jedem Themengebiet ein Symbol entwickelt, welches die Problematik illustriert und jeder Fragenkategorie eine entsprechende Farbe zugeordet, was den Gebrauch des Tools erleichtern soll. Zudem haben wir eine Art ‚Bedienungsanleitung´ erarbeitet, in welcher die Anwendung des Tools, das Vorbereiten und das Vorgehen der Versammlung, die erwarteten Resultate (z.B. ein schriftliches Abkommen) und ein Anwendungsbeispiel erläutert wird.

Die Frauen haben zudem in ihren Gegenden Lobby-Arbeit mit Kandidierenden fürs Bürgermeisteramt und GemeindevertreterInnen betrieben, um von ihnen Versprechen zu erhalten, dass sie bei einer allfälligen Wahl die Einsetzung des Tools unterstützen und sie (oder eine kompetente Delegation) an den entsprechenden Versammlungen teilnehmen werden. Dieses Jahr wurde fleissig daran gearbeitet, dass das Tool bzw. das Anliegen der Verbesserung der Situation der Kinder in indigenen Schutzgebieten in die 4-jährigen Planungen aufgenommen werden. Dies ist in einem Gebiet (Putumayo) gelungen, was als Erfolg bezeichnet werden darf, da die Kindsrechte in Kolumbien leider immer noch nicht auf grosses Interesse stossen.

Wenn auch dieses Ziel ausser im Putumayo nicht erreicht wurde, können wir doch generell auf eine gute Arbeit zurückblicken. In verschiedenen Gegenden wird das Tool immer bekannter und wird teilweise auch in Schulen angewandt, um über die verschiedenen Problematiken mit den Kindern zu sprechen. Obwohl diese Art von Anwendung nicht ein ursprüngliches Ziel war, hilft es, das Bewusstsein in Bezug auf Kindsrechte und die Situation in indigenen Gebieten bei Dozenten und Dozentinnen, Eltern wie auch Kindern, der Gemeinschaft allgemein, zu erhöhen.

Zu Sensibilisierungszwecken haben wir auch ein Plakat entworfen, welches einerseits die Themen des Kontrolltools ´El Caracol Preguntón´ aufzeigt, zugleich aber auch Hoffnung geben soll, dass die teilweise traurigen Zustände durch Bewusstsein und Kompromiss verändert und verbessert werden können. Dies ist auch die Aufgabe der indigenen Bevölkerung, denn ihre Zukunft und ihre Traditionen hängen nicht nur von staatlicher Unterstützung ab, sondern auch davon, wie gut die Bevölkerung selber zu ihrem Nachwuchs schaut. Aus diesem Grund gehen wir alle, wie auch die Schnecke, langsam aber sicher vorwärts.

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Anitas Homepage bei Interteam

Aktuell

08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com