11/18/15

Jede Kolumbianerin und jeder Kolumbianer muss sich um Frieden bemühen

18.11.2015 | Von Daniel Salgar Antolínez, übersetzt von Regula Fahrländer
John Paul Lederach, Quelle: Gustavo Torrijos - El Espectador

Ein Interview mit John Paul Lederach, erschienen im El Espectador, 24.Oktober 2015 [1]

Frieden ist kein unterschriebenes Abkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und den Farc. Frieden wird gemacht, wenn jede und jeder KolumbianerIn respektvoll mit Unterschieden umgeht und konstruktive Beziehungen zu anderen aufbaut, auch mit jenen die er oder sie während eines halben Jahrhunderts nicht anhören wollte oder konnte. Dieser Meinung ist John Paul Lederach, anerkannter Friedensexperte, Spezialist in Mediation und Berater von Friedensverhandlungen in mehreren Konflikten weltweit. Seit den 80er Jahren begleitet Lederach diverse Basisbewegungen in verschiedenen Regionen Kolumbiens und unterstützt die Regierungsstelle für Frieden (El Alto Comisionado para la Paz) in ihren Bemühungen um regionale Friedensförderung, ohne die eine Umsetzung jeglicher Abkommen unmöglich ist.

Sie haben viel Erfahrung in Friedensprozessen. Welche Besonderheiten fallen Ihnen in Kolumbien auf?
In Kolumbien gibt es nicht einen Prozess, sondern unzählige. Es gibt weltweit nicht viele Konflikte, die so lange wie der kolumbianische andauern. Zudem fällt in Kolumbien die komplexe, regionale Vielfalt ins Auge. Auf diese einzugehen war speziell in der Vorbereitungsphase wichtig, damit eine Grundlage geschafft werden konnte, die bis jetzt anhält. Es gibt Leute, die denken, die aktuellen Verhandlungen ziehen sich zu sehr in die Länge. Meiner Meinung nach wiederspiegelt die Dauer aber die Komplexität des Schlusspaketes und die Notwendigkeit, ein minimales Vertrauen zu bilden, aber auch die schwierige Suche nach möglichen Auswegen, was überhaupt nicht einfach ist. Wenn ich mit anderen Momenten der Geschichte Kolumbiens vergleiche, befinden wir uns zweifelsohne an einem sehr interessanten Punkt in diesen Verhandlungen.

Wie kann ein Friedensabkommen dauerhaft sein?
Je umfangreicher und detaillierter ein Friedensabkommen ist, umso höher ist die Chance, dass es langfristig hält. Ist es sehr kurz und mehrdeutig, scheitert es in der Regel. Denn mehrere Interpretationsmöglichkeiten erleichtern zwar die Zusammenkunft von Menschen mit unterschiedlichen Meinungen, führen aber bei der Umsetzung zu neuen Konflikten. Die derzeitigen Verhandlungen weisen einige sehr gute Züge auf: Nach 60 Jahren Konflikt, gibt es unzählige Themen, die verhandelt werden könnten. Es war einsichtig, nicht alles verhandeln zu wollen, und die ausgewählten Themen sind gut gewählt und von zentraler Bedeutung. Das andere ist die gross aufgegleiste Teilhabe, indem Delegationen von Kriegsopfern nach Kuba gereist sind und Raum für direkte Anhörungen ihrer Schicksale geschaffen wurde. Das ist selten im weltweiten Vergleich von Friedensverhandlungen. Das langsame Vorankommen geht teilweise auch darauf zurück, dass eben diese nicht sehr üblichen Austauschmöglichkeiten geschaffen wurden. 

Welche Rolle spielt die Zivilgesellschaft in der Zeit nach dem Abkommen?
Es ist erwiesen, dass, je höher die Teilhabe der Zivilgesellschaft ist, umso höher ist die Nachhaltigkeit des Friedensprozesses. Die Leute sprechen immer von den Abkommen als sei es der Abschlusspunkt, aber eigentlich ist ein Friedensabkommen eine Tür, die aufgestossen wird und zu einem neuen Raum führt. Ein umstrittener Raum voller Veränderungen. Diese Veränderungen können nicht von oben nach unten umgesetzt werden. Es ist unmöglich, sie an einem Verhandlungstisch auf Kuba zu vereinbaren und die Veränderungen auf Befehl in die Regionen Kolumbiens zu tragen. So funktioniert das nicht.
Es braucht ein starkes Mitwirken der Zivilgesellschaft. Ich habe dazu eine Art Pyramide ausgearbeitet, die veranschaulichen soll, dass immer mehrere Verhandlungen im Gange sind. In der Spitze der Pyramide befindet sich der offizielle Verhandlungstisch, sehr ersichtlich aber auch mit einer sehr beschränkten Anzahl Beteiligter. Im Sockel der Pyramide befinden sich die Gemeinschaften, die den Konflikt am meisten zu spüren bekommen haben. Es ist ihre Teilhabe, die gefördert werden muss. Frieden kann nur erreicht werden, wenn alle Leute daran teilhaben, nur, wenn auch die Verhandlungen zwischen den verschiedenen Ebenen der Pyramide funktionieren. Dazu braucht es vertikale Verhandlungsmöglichkeiten, welche die Gemeinschaften mit der nationalen Regierung und ihren Institutionen verbindet.

Es gibt Regionen Kolumbiens, in denen seit Jahren keine staatlichen Institutionen präsent sind. Staatliche Institutionen werden dort abgelehnt. Wie kann das Vertrauen darin zurückgewonnen werden?
Dafür gibt es kein Rezept. Tatsächlich sind in Kolumbien staatliche Institutionen systematisch von Korruption, Gewalt, Drogengeschäften, illegalen Gruppierungen und parapolitischen Strukturen in Mitleidenschaft gezogen worden. Friedensförderung ist nicht nur horizontale Arbeit zwischen verstrittenen Gruppen, sondern auch das Zusammenbringen von Gemeinschaften mit Institutionen, mit denen sie in der Vergangenheit konfliktreiche Erfahrungen gemacht haben. Ein Teil der Arbeit am Verhandlungstisch sind genau diese  Überlegungen, wie neue, vertikale Beziehungen ohne Vorurteile zwischen Regierungsstellen und Gemeinschaften gebildet werden können. Denn diese sind eine Voraussetzung, damit die Gemeinschaften ihre Bedürfnisse einbringen können. Es braucht Räume für den Dialog, sei dies auf lokaler, kommunaler oder institutioneller Ebene und auch zwischen der Zentralregierung und den Regionen. Dieses ganze Gebilde ist notwendig, und wenn ein Teil davon fehlt, können Enttäuschungen und Rückschritte entstehen.

Weil die Kriegshandlungen während den Friedensverhandlungen weitergehen, scheint ein Grossteil der Gesellschaft je länger je unentschlossener und polarisierter...
Das höre ich in Kolumbien seit 1998. Es ist schwierig zu sagen, ob das Land heute mehr oder weniger polarisiert ist. Jedenfalls existiert die Polarisierung. Anscheinend waren die Voraussetzungen zur Niederlegung der Waffen für die bewaffneten Gruppierungen nie gegeben. Dies scheint nun wahrscheinlicher als je zuvor. Meiner Meinung nach muss die Friedensförderung vor, während und nach den Verhandlungen stattfinden. In Kolumbien gibt es eine Vielzahl von Friedensbestrebungen auf regionaler und kommunaler Ebene. Kolumbien weist einen der längsten Konflikte weltweit auf, aber auch die höchste Anzahl von Friedensinitiativen. Es gibt eine Menge Menschen, Netzwerke und Organisationen, die sich in allen Landesregionen dafür einsetzten, kleine Brücken des Vertrauens zu schlagen. Nun ist die Herausforderung, dass sie mehr Raum gewinnen und die Zusammenarbeit ausbauen können, ohne einer Konkurrenzdynamik zu verfallen, die nach einem Abkommen aufgrund von Unterstützung in Form von Geld, neuen Projekten und Entwicklungszusammenarbeit entstehen könnte. Das führt manchmal zu mehr Konkurrenz und Problemen. Zudem müssen gemeinsame Wege gefunden werden, wie auf Gewalt in der Zeit nach dem Abkommen  reagiert werden kann. Wir haben Studien durchgeführt, die zur Annahme führen, dass über die Abkommen hinaus Restformen von Gewalt bestehen werden. Es wird darum gehen, eine Reaktion darauf zu finden, die die Gewalt im Endeffekt eindämmert und nicht neu anfacht. Vielerorts, wo die Einführung der Abkommen zwei bis drei Jahre gedauert hat, stellte sich der Weg anschliessend als nachhaltiger heraus. Auch in Kolumbien werden die beiden Jahre, zwischen dem unterschriebenen Abkommen bis zu den nächsten Wahlen ausschlaggebend sein. Kommt es erneut zu Gewaltausbrüchen, zeigt dies, dass mehr Dialog notwendig ist, nicht, dass es noch immer Bösewichte gibt, die getötet werden müssen. Die Friedensbemühungen gehen weiter. Der Konflikt geht weiter.

Das Konzept “Post-Konflikt” könnte Erwartungen schüren, die in Enttäuschungen enden.
Nennen wir es lieber “Post-Abkommen”. Mit Erwartungen muss verantwortungsvoll umgegangen werden, denn es handelt sich dabei um eine Tür, die aufgestossen wird und neue Möglichkeiten mit sich bringt, die genutzt werden müssen. Jede Kolumbianerin und jeder Kolumbianer wird lernen müssen, aus seinem Schneckenhaus herauszufinden und mit Menschen in Kontakt zu kommen, die andere Meinungen vertreten. Der Moment ist gekommen, wo ein konstruktiver Dialog mit anderen ausprobiert werden muss.

Unter welchem Paradigma sollten diese Beziehungen zu anderen stehen: Toleranz oder  Nebeneinander?
Es gibt verschiedene Arten konkrete Probleme zu betrachten. In Kolumbien könnten verschiedene Erfahrungen nebeneinander bestehen, die zu unterschiedlicher Wahrnehmung der Vergangenheit führen. Aber anstatt auch in Zukunft nebeneinander herzugehen,  könnte auch zusammen etwas Neues geschaffen werden: Ein würdiger und respektvoller Umgang mit Menschen, mit denen ich nicht einer Meinung bin. Die Fähigkeit zu Respekt und Würde muss mit Hilfe des Dialogs wiedererlangt werden. Darum geht es. Weil, wenn wir einfach nebeneinander leben, ich in meinem Haus und die NachbarInnen in ihrem, zwar ohne Streitigkeiten, aber ohne Miteinander, dann wird dies zu einem geschwächten Land mit Schwierigkeiten führen, in dem Korruption und Polarisierung auf fruchtbaren Boden stossen. Seit 1988 scheint mir, die KolumbianerInnen leben in immer kleineren Schneckenhäusern, das muss sich ändern und die Regierung kann das nicht übernehmen. Das muss die Zivilgesellschaft selber lernen und die Verantwortung dafür übernehmen.

Welche Wichtigkeit haben Versöhnung und Vergeben in diesen zwischenmenschlichen Beziehungen?
Versöhnung hilft zur Neuorientierung, ist aber nicht immer gänzlich möglich. Versöhnung bedeutet im besten Fall, dass wir unsere Beziehung wieder aufbauen können und es gelingt, einander zu unterstützen, sich zuzuhören und nebeneinander zu leben. Dabei fehlt aber die Aussicht, dass auch ein Nebeneinander möglich ist, obwohl nicht immer alles erreicht werden kann, was wir ursprünglich wollten.
Vergeben ist sehr wichtig, kreiert aber auch Paradoxe. Das Opfer hat eine prinzipielle Macht; es ist die verletzte Person die vergibt. Das Gewicht dieser Macht lastet auf ihr, vergeben bedeutet, sich davon zu befreien. Aber das funktioniert nicht unter Zwang. Wir müssen beachten, dass Menschen Erlebnisse unterschiedlich schnell verarbeiten. Dabei ist es wichtig, keine Strukturen zu erstellen, welche die Menschen erneut zu Opfer machen, indem sie sie zu etwas drängen, zu dem sie noch nicht bereit sind.
Auf der anderen Seite des Vergebens befindet sich die Haltung der Person, welche Schaden zugefügt hat. Es reicht nicht einfach, um Vergebung zu bitten, weil es nicht Worte, sondern die Verhaltensänderungen sind, die zählen. Die neuen Verhaltensformen müssen Selbstreflexion und Selbstkenntnisse wiederspiegeln. Es gibt keinen Weg, dieses Verhalten zu erzwingen oder zu ersetzen, denn ist es nicht authentisch, fällt das sofort auf und führt zu noch grösseren Wunden bei den Opfern.

Nebst Verwirrung führt das Abkommen zur Übergangsjustiz auch zu Entrüstung bei allen, die Gefängnisstrafen als einzige mögliche und wahre Strafe sehen. Wie können wir diese Vision überwinden?
Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass ein jedes Rechtssystem die Qualität von Beziehungen, die wir haben und die Verantwortungen, die wir übernehmen, wiederspiegelt. Wenn wir jemandem, der ein Verbrechen begangen hat, eine Strafe auferlegen, hat dies keine Auswirkung auf die Beziehungsebene. Auf individueller und kollektiver Ebene ist es wichtig, zu sehen was die betroffenen Gemeinschaften wollen und Austauschmöglichkeiten zwischen ihnen und den Personen, die Taten begangen haben, zu schaffen. Es müssen Vorschläge ausgearbeitet werden, die wiederspiegeln, was den betroffenen Personen wirklich wichtig ist. Gefängnisstrafen entsprechen nicht immer den Wünschen der betroffenen Menschen im Bezug darauf, was der Schaden für sie bedeutet hat. Es gibt auch andere Formen. Und wir können dabei helfen, Voraussetzungen zu schaffen, um Möglichkeiten zu finden, die Opfer besser und würdevoller zu unterstützen und dennoch Verantwortung und Verhaltensänderungen von den Schuldigen einfordern. Gefängnisstrafen tun dies nicht. Im Gegenteil, sie schaffen oftmals Voraussetzungen für neue Gewaltspiralen; bei ihrer Freilassung haben die TäterInnen neue Ideen und neue Freunde, um alte Muster zu wiederholen.

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John Paul Lederach – ein Verwandler von Konflikten

 

Ein Grossteil seines Lebens hat sich John Paul Lederach dafür eingesetzt, traditionelle Paradigmen, die in der Konfliktförderung und Konflikttransition vorherrschend sind, zu durchbrechen. Besonderen Fokus legte er darauf, die Stellung der herrschenden Gewalt in verschiedenen Konflikten zu überwinden und weitreichendere Alternativen zu suchen, die vor allem soziale Beziehungen verändern. Lederach ist in Indiana, USA, geboren und hat 1988 seinen Doktortitel in Soziologie an der Universität von Colorado erlangt. Seither hat er einen grossen akademischen Beitrag geleistet: Er hat über 20 Bücher publiziert, in denen er sich hauptsächlich Überlegungen zu Frieden aus soziologischer Perspektive sowie der Erforschung gesellschaftlicher Transformationsprozessen annimmt. Lederach war als Mediator und Berater in den bewaffneten Konflikten in Kolumbien, Philippinen, Nepal und diversen Ländern Afrikas tätig. In 25 Ländern hat er bereits zur Schaffung von Programmen zur Friedensbildung in verschiedenen Themengebieten beigetragen. Zudem ist Lederach Direktor der “Peace Accords Matrix” [2]

, einer Datenbank die vom Krok Institut der Universität von Notre Dame, Indiana, gegründet wurde und eine einzigartig umfangreiche Informationsquelle ist über alle Friedensabkommen die seit 1989 in der Welt unterschrieben wurden.


 

[1] Der Artikel ist erstmals am 24. Oktober 2015 im El Espectador unter dem Titel “La paz la construye cada colombiano” erschienen: http://www.elespectador.com/noticias/nacional/paz-construye-cada-colombiano-articulo-594867

[2] Die Peace Accords Matrix: https://peaceaccords.nd.edu/

Aktuell

08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com