06/30/14

Tamaquito – eine Vorzeigeumsiedlung droht zu scheitern

30.06.2014 | Von Stephan Suhner

Vom 18. bis 24. Mai 2014 weilte Jairo Fuentes Epiayu zu Besuch in der Schweiz. Jairo ist der indigene Gouverneur der Gemeinschaft Tamaquito, die von Carbones del Cerrejón vor kurzem umgesiedelt wurde. Die Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien begleitete Jairo an die UNO, zur Glencore Aktionärsversammlung und führte mit ihm vier öffentliche Veranstaltungen durch.

ASK: Jairo, deine Gemeinschaft Tamaquito lebt in der Nähe der Tagebau-Kohlenmine El Cerrejón. Wie hat die Mine euer Leben als Indigene verändert?
Bevor die Mine unseren Lebensraum in Beschlag nahm, hatten wir ein gutes Leben. Wir hatten saubere Luft, sauberes Wasser, ein ruhiges Leben und konnten unsere Kultur leben. Wir konnten uns frei bewegen auf unserem Territorium, konnten Vieh züchten und Lebensmittel anbauen, jagen und fischen. Wir hatten unsere heiligen Stätten und die Heilpflanzen. Die Cerrejónmine begann 1982 zu arbeiten, aber zu Beginn war sie ja weit weg von unserem Dorf. Auch wir Wayuu glaubten zu Beginn in die Versprechen der Mine, dass sie Entwicklung, Arbeit und Wohlstand bringen würde. Erst mit der Zeit sahen wir, dass dies eine Lüge ist, und spürten immer mehr negative Auswirkungen. 1996 kam die Mine schon recht nahe, die Umweltverschmutzung wurde stärker. Plötzlich hatten wir unbekannte Krankheiten, das Wachstum der Pflanzen wurde schlechter. Wir Wayuu hatten uns nie um formelle Landtitel gekümmert, es war ja unser traditionelles Territorium. Klar, mit der Zeit kamen GrossgrundbesitzerInnen und privatisierten das Land, liessen uns aber weiterhin grosse Bewegungsfreiheit, und wir hatten Arbeit auf den Farmen. Dann haben die GrossgrundbesitzerInnen ihr Land aber dem Cerrejón verkauft, und dieser hat das Land eingezäunt und überall Verbotsschilder angebracht. Unsere Bewegungsfreiheit wurde immer mehr eingeschränkt, unser Vieh konnte nicht mehr frei weiden, und wenn sich das Vieh auf dem Minengelände befand, wurde es eingefangen und wir musste es gegen Bezahlung freikaufen. Wenn wir Indigenen das Minengelände betraten, wurden wir ebenfalls häufig geschlagen oder sogar vorübergehend festgenommen. Als uns dann der Zugang zum Fluss praktisch verunmöglicht wurde und wir nur noch sehr erschwert jagen und fischen konnten, wurde das Überleben sehr schwierig.

ASK: Wir hat die Gemeinschaft auf diese Situation reagiert?
Wir haben mit ansehen müssen, wie unser bisheriges beschauliches Leben, wie unsere Selbstversorgung, immer schwieriger wurde. Es gab immer mehr Krankheiten, die Pflanzen wuchsen nicht mehr gut, insbesondere auch unsere Heilpflanzen, wodurch unsere traditionelle Medizin gefährdet war. Zudem wurden Nachbardörfer wie z.B. Tabaco, mit dem wir regen Austausch pflegten, von der Mine verschluckt. Wir sahen dann ein, dass an unserem angestammten Wohnort die Weiterführung unseres traditionellen Lebens nicht  mehr möglich sein wird. So entschlossen wir uns, einen internen Konsultations- und Überlegungsprozess durchzuführen, um zu einer gemeinsam getragenen Lösung zu kommen. Am Ende dieses langen Prozesses hatten wir einen Entscheid getroffen: wir wollten uns an einen neuen Ort umsiedeln lassen. Wir waren uns bewusst, wie schwierig, wie einschneidend eine Umsiedlung sein würde. Wir Indigenen sind ja sehr stark mit unserem traditionellen Territorium, mit der Mutter Erde verbunden. Unsere Nabelschnur ist im alten Tamaquito vergraben, unsere Vorfahren sind hier begraben, wir haben unsere heiligen Orte und unsere ganze Spiritualität hier. Wir hatten aber die Hoffnung, dass wir an einem neuen Ort, frei von Verschmutzung und mit genügend Land, unser traditionelles Leben wieder aufnehmen können, wieder eine produktive, selbstgenügende Gemeinschaft sein können.

ASK: Wie verlief dann der ganze Prozess, bis es zur Unterzeichnung eines Abkommens kam?
Der Beginn war sehr schwierig. Die Gemeinschaft war geschwächt, wir hatten sogar teilweise unsere Kultur verloren. Niemand nahm uns ernst, all die öffentlichen Anklagen, die Briefe an die staatlichen Behörden blieben unbeantwortet. Auch die Mine selbst hörte uns nicht an. Das Argument war, dass Tamaquito nicht auf dem Konzessionsgebiet liege und deshalb keine Ansprüche geltend machen könne. Zudem würden die Messungen keine gravierende Umweltverschmutzung anzeigen. Wir haben jedoch nie Vertrauen in diese Messungen gehabt. Wir haben dann nationale und internationale NGOs kontaktiert, die eine Solidaritätskampagne starteten. Die Behörden und das Unternehmen erhielten viele Briefe, und 2007 wurden bei den Nationalen Kontaktpunkten in der Schweiz und Australien Klagen eingereicht. Nach 2007 war es dann endlich soweit, dass sich das Unternehmen zu einem Dialog mit uns bereit erklärte und Verhandlungen über die Umsiedlung aufgenommen wurden. Parallel zur internationalen Solidaritätskampagne haben wir uns intern als Gemeinschaft gestärkt, haben uns auf unsere Kultur besonnen, z.B. auf die traditionellen  Musikinstrumente und traditionelle Wettkämpfe. Ebenso haben wir intensiv an der Einheit der Gemeinschaft gearbeitet, uns auf die Verhandlungen vorbereitet. So ist es gelungen, uns in all den Jahren der Verhandlungen nicht auseinander dividieren zu lassen. Die Verhandlungen wurden immer kollektiv geführt, nicht Familie nach Familie. Wenn das Unternehmen auf unsere gerechtfertigten Forderungen nicht einging, haben wir den Prozess manchmal für Monate unterbrochen, und wir haben uns geweigert, mehrere Themen auf einmal zu verhandeln; jedes Thema wurde abgeschlossen, dann erst das nächste begonnen.

ASK: Hattet ihr mit dieser Verhandlungsstrategie Erfolg?
Sagen wir es mal so, wir haben ein besseres Resultat erzielt als die afrokolumbianischen und kleinbäuerlichen Gemeinschaften wie Roche oder Chancleta. Wir haben nicht 100% erreicht, aber vielleicht 90%. Im alten Tamaquito waren wir am Ende auf 10 Hektaren Land eingepfercht, am neuen Ort haben wir 300 Hektaren, auch mit Wald und Ausgleichsflächen. Dann konnten wir das Design unserer Häuser selber bestimmen, sie sind im traditionellen Stil gehalten, das heisst nicht reiner Beton oder Backsteine, sondern Ziegelsteine aus Erde mit etwas Zement. Zudem konnten wir grössere Schlafräume als von Cerrejón vorgesehen durchsetzen, und die Küche ist freistehend, etwas vom Haus entfernt. Zudem ist jedes Haus vom nächsten entfernt, keine Reihenhaussiedlungen wie im neuen Roche gebaut wurden. So haben wir dann Mitte 2013 das Umsiedlungsabkommen unterzeichnet und der lange Prozess des Umzugs und des Abschiedes vom alten Ort begann.

ASK: Wie habt ihr den Umzug erlebt?
Obwohl wir ein recht gutes Verhandlungsresultat erzielt haben, war der Umzug alles andere als einfach. Er dauerte mehrere Wochen. Wir machten am alten wie am neuen Ort Zeremonien, um uns zu verabschieden, um die gute Energie und die Spiritualität mitnehmen zu können. Auch am neuen Ort gab es Zeremonien und Tänze usw. Vor allem für unsere Ältesten, die die Spiritualität am stärksten leben, war es schwierig. Für uns Wayuu ist es sehr wichtig nachts zu Träumen. Aus den Träumen leiten wir die Zukunft ab. Unsere Ältesten können in den neuen Häusern aber nicht träumen, die Verbindung zur Erde fehlt ihnen, weil sie die Häuser nicht selbst gebaut haben. Deshalb haben sie wieder die traditionellen kleinen Häuser aus Astgeflecht und Lehm gebaut um darin zu übernachten. Ein Vorteil den wir haben ist, dass wir immer noch zum ursprünglichen Tamaquito zurückkehren können, unsere heiligen Orte dort besuchen können. Roche beispielsweise hat es schwieriger, dieses Dorf wird demnächst von der Landkarte gelöscht sein, geschluckt von der Mine.

ASK: Die Umsiedlung von Tamaquito gilt als Erfolgsgeschichte. Wie geht es euch heute am neuen Ort wirklich?
Unsere Hoffnungen, die wir mit der Umsiedlung verbunden haben, sind  klar unerfüllt. Wir haben heute am neuen Ort immer noch dieselben Probleme, die wir im alten Tamaquito hatten, , aber es sind auch neue Probleme dazugekommen. Cerrejón hat das Umsiedlungsabkommen nicht erfüllt. Wir haben unseren Teil des Vertrages erfüllt, in dem wir den alten Ort aufgaben und an den neuen Ort zogen. Wir erwarten nun, dass Cerrejón seinen Teil so rasch als möglich erfüllt. Das gravierendste Problem ist, dass wir zu wenig Wasser haben. Im Abkommen wurde uns 24h fliessendes Trinkwasser zugesichert, nun haben wir lediglich 3 Stunden Wasser, und es ist von schlechter Qualität. Manchmal bleibt das Wasser auch ganz weg. Zudem gibt es keinen Bach auf unserem Land, es fehlt Wasser für die Bewässerung und für das Vieh. Im Moment herrscht in der Guajira grosse Trockenzeit, die letzte Regenzeit ist praktisch ausgeblieben. Unser Vieh ist noch am alten Ort, da es am neuen Ort verhungern und verdursten würde. Zudem haben wir keinerlei Projekte zur Einkommensgenerierung, die funktionieren. V.a. im Landwirtschaftsbereich haben wir grosse Probleme, die Projekte funktionieren nicht, kaum jemand von uns konnte bisher etwas anbauen. Die Übergangsphase von acht Monaten ist nun abgelaufen und wir stehen vor dem Nichts. Während diesen acht Monaten hat uns Cerrejón eine Subvention von einem Mindestlohn pro Monat gezahlt. Nun haben wir aber keine Einkommensquellen und die Leute beginnen, von den Entschädigungszahlungen zu leben, die sie eigentlich für Investitionen brauchen. Wenn wir nicht bald wirkliche Lösungen vom Cerrejón erhalten, werden wir an den alten Ort zurückkehren.

ASK: Du hast davon gesprochen, dass ihr auch neue Probleme habt?
Ja, das liegt an der Lage des neuen Ortes, wir sind heute viel näher an der Staatsstrasse und an der Kleinstadt Barrancas. Das führt zu Sicherheitsproblemen, es ist zu verschiedenen Raubüberfällen gekommen. Nun haben wir einen eigenen Wachdienst aufgezogen. Das andere ist, dass unsere Jugendlichen sich viel in der Stadt rumtreiben, in Internetcafes, in Spielsalons und auch viel Alkohol konsumieren. Wir arbeiten fest daran, unsere Sprache und Kultur zu erhalten, stehen aber vor grossen Herausforderungen. Dann gibt es weitere Probleme, Folge des Vertragsbruchs von Cerrejón: z.B. bei der Bildung für unsere Kinder, wo Cerrejón sehr strenge Zulassungskriterien für weiterführende Schulen anwendet, strengere als die Universitäten selbst, und so mehreren Studenten die Stipendien gestrichen hat. Auch sind die Häuser schlecht gebaut, es gibt schon erste Schäden wegen der schlechten Qualität.

ASK: Du hast vorhin die Sicherheitslage angesprochen. Wie ist eure Situation in Bezug auf Drohungen, die es ja immer wieder auch gegen Führungspersonen in anderen Gemeinschaften gab?
Am alten Ort lebten wir mit permanenten Anfeindungen der Armee. Es gibt oben in den Bergen ja Guerillaeinheiten, weshalb die Armee dauernd präsent war. Viele von uns unternahmen lange Märsche, bis nach Venezuela, um Nahrungsmittel zu beschaffen, etwas anzubauen oder zu Jagen. Die Armee beschuldigte uns, der Guerilla Lebensmittel zu bringen. Aber auch mit den illegalen bewaffneten Akteuren hatten wir Probleme. Wir haben seit 2010 zwei verschwundene Gemeinschaftsmitglieder, wir wissen bis heute nicht wo sie sind oder wer sie zum Verschwinden gebracht hat. Ich selber bekomme immer wieder Todesdrohungen. Die Anzeigen die ich bei der Staatsanwaltschaft machte, blieben bisher folgenlos, nichts wurde aufgeklärt. Von der Nationalen Schutzeinheit UNP habe ich lediglich eine schusssichere Weste bekommen. Und eben, am neuen Ort gibt es neue Risiken.

ASK: Ihr habt ja schon vor Jahren versucht, mit den anderen Gemeinschaften die in Umsiedlungsprozessen stehen, gemeinsam gegenüber Cerrejón zu verhandeln. Wie geht es den anderen Gemeinschaften, wie steht es um ihre Einheit?
Leider war es während den Verhandlungen nicht möglich, uns unter den fünf Gemeinschaften gegenüber dem Cerrejón genug zu koordinieren. Die anderen Gemeinschaften liessen sich leider spalten, viele Familien liessen sich aus materieller Not auf schnelle Verhandlungen mit dem Cerrejón ein und akzeptierten Bargeld im Gegenzug für einen raschen Umzug. So haben die anderen Gemeinschaften heute an den neuen Orten noch grössere Probleme als wir. Während das Wasser im neuen Tamaquito zwar von schlechter Qualität aber doch trinkbar ist, ist es in den neuen Siedlungen von Roche, Chancleta und Patilla nicht trinkbar, es ist viel zu salzig und die Menschen bekommen Darmprobleme. Zudem haben sie fast kein Land, nur eine Hektare pro Familie, ebenfalls keine nachhaltigen Einkommensquellen und leben heute in engen Reihenhaussiedlungen. Seit Januar haben wir uns aber zusammengetan, und bilden gemeinsam einen Verhandlungstisch, mit dem wir von Cerrejón die Revision der Abkommen und die Erfüllung der gemachten Zusagen verlangen. Mit dabei ist auch Las Casitas, die bisher letzte Gemeinschaft, die umgesiedelt wird. Auch dort ist der Druck enorm, die Leute so rasch und so billig wie möglich weg zu bekommen.

ASK: Wie beurteilst du deinen Besuch in der Schweiz? Denkst du, es nützt für euren Kampf für gerechte Umsiedlungen etwas?
Im Allgemeinen bin ich mit dem Besuch zufrieden. Ich konnte bei den vier öffentlichen Veranstaltungen viele Leute sensibilisieren. Das Interesse, das der Situation von Tamaquito entgegengebracht wurde, hat mich berührt. Auch konnten wir viele Unterschriften für eine Petition an den Cerrejón sammeln. Was mich aber masslos enttäuscht hat, ist die nichtssagende Antwort von Glencore an der Aktionärsversammlung. Ich konnte dank Aktien von Multiwatch und der ASK an der Aktionärsversammlung reden und verlangte Lösungen von Glencore für  das Wasserproblem und endlich funktionierende produktive Projekte. Der Vorsitzende von Glencore (Anm.: Tony Hayward) sagte lediglich, dass die Umsiedlung die Weltbanknormen eingehalten habe und gut sei, dass das Wasserproblem auf Grund der Trockenheit entstanden sei und nichts mit der Umsiedlung zu tun habe. Zudem habe Glencore keine operative Rolle beim Cerrejón. Komisch ist einfach, dass die Mine trotz Trockenheit genug Wasser für den Betrieb hat, es aber anscheinend nicht möglich ist, den Gemeinschaften genügend Wasser zu liefern. Diese Geringschätzung uns gegenüber hat mich sehr getroffen.         

ASK: Jairo, ich danke dir für dieses Gespräch und wünsche euch allen Erfolg bei den weiteren Verhandlungen mit Cerrejón.   

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com