11/27/14

Marias mühsamer Kampf für ein besseres Leben

27.11.2014 | Von Regula Erazo

Unzählige Frauen verlassen jeden Tag den südamerikanischen Kontinent auf der Suche nach einem besseren Leben. So auch viele Kolumbianerinnen. Oftmals zu spät müssen sie feststellen, dass ihre Situation in den vermeintlich paradiesischen Destinationen, wie etwa der Schweiz, nicht so idyllisch ist, wie erhofft. Wenn es dann weder Zurück noch Vorwärts gibt, bleibt als letzter Ausweg eine Existenz ohne Aufenthaltsbewilligung.

So erging es Maria (Name geändert). Ein häufiger Name in Kolumbien und ganz Südamerika, und in diesem Zusammenhang unverfänglich. Marias Geschichte ist verworren und kompliziert und sie darf auf keinen Fall auffliegen. Marias Geschichte ist aber auch einmalig, so wie auch Maria einmalig ist. Doch gibt es viele, ähnliche Geschichten von Frauen aus Lateinamerika, alle einmalig und doch sehr ähnlich. Sie alle kämpfen für ihre Kinder, ihre Familie, für sich selber und für eine bessere Zukunft. Die Geschichte soll uns aufrütteln und nachdenklich stimmen.
Maria war verheiratet und lebte zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter Olivia in einem Aussenviertel im Süden Bogotás. Ihr Mann verdiente sein Geld auf nicht ganz durchschaubare Weise. Sein Gehalt reichte gerade mal knapp aus, um der Familie ein bescheidenes Leben zu ermöglichen. Vielleicht wusste Maria Genaueres über die Anstellung ihres Mannes. Vielleicht war es aber auch sicherer, nicht zu viel zu wissen. Alles änderte sich abrupt an jenem Tag, an dem ihr Mann auf seinem Motorrad erschossen wurde. Plötzlich stand Maria alleine da mit ihrer achtjährigen Tochter Olivia. Mit aller Kraft versuchte sie, sich beide über Wasser zu halten. Alles was sie wollte, war eine bessere, ruhigere und geordnetere Zukunft für sie beide. Sie war müde, den täglichen Überlebenskampf aufzunehmen, nicht zu wissen, ob sie das Schulgeld für den nächsten Monat zusammen bekommen würde, ob ihr und ihrem Kind Konsequenzen wegen dem Lebensstil des Ehemannes drohten, ob sie im Haus am Rande der Grossstadt würden bleiben können, wie sie die nächste Rechnung bezahlen und das Abendessen auf den Tisch bringen würde. Zu viele offene Fragen für eine einzelne Person, für eine Mutter. Alles, wonach sich Maria sehnte, war eine gewisse Sicherheit und Perspektiven zu haben.

Die Verlockung Schweiz
Die Tante ihres verstorbenen Ehemannes lebt seit Jahren in der Nähe von Lausanne, einer Stadt, deren Name Maria weder aussprechen, noch auf einer Karte finden konnte. Als die Tante von Marias Nöten hörte, offerierte sie ihr eine neue Chance: In der Schweiz sollte Maria ihr Glück finden. Eine grosse Verlockung, aber auch eine grosse Herausforderung. Dauerhaft in die Schweiz zu kommen, ist nicht ganz einfach. Aber auch dafür hatte die Tante eine Lösung: Maria sollte einen Mann, einen kolumbianisch-schweizerischen Doppelbürger, heiraten. Damit würde sie durch Familiennachzug mit Olivia in die Schweiz kommen können. Eine arrangierte, teure Angelegenheit.
Dennoch überlegte Maria nicht lange. Sie vertraute der Tante und die beiden vereinbarten den Preis, eine in Marias Augen, horrende Summe. Aber Maria müsse nur einen kleinen Anteil unmittelbar bezahlen, meinte die Tante. Den Rest würde sie sich in der Schweiz rasch erarbeiten können. Dies klang logisch und wurde so vereinbart. Die Tante legte sich ins Zeug und kurze Zeit später lagen alle nötigen Dokumente bereit. Bald darauf stand besagter Mann vor Marias Türe in Bogotá. Die Ehe wurde auf dem Standesamt der Hauptstadt geschlossen und wenige Wochen später sassen Olivia und Maria im Flugzeug Richtung Schweiz. Obwohl die Anfangszeit in der Schweiz keine einfache war, bemühten sich Maria und Olivia sehr. Sie wollten ihre schmerzlichen Erfahrungen, den Mord am Ehemann und Vater, den Überlebenskampf und all die vielfältigen Formen von Gewalt hinter sich lassen und hoffnungsvoll der Zukunft entgegen blicken. Schliesslich würde in der Schweiz ein neues, sorgenfreies Leben auf sie warten. So glaubten sie. Fälschlicherweise.

In einem kleinen Ort ausserhalb von Lausanne führte die Tante ein von aussen elegant erscheinendes Lokal. Rote Lichter und warme Musik zogen die vorwiegend männliche Kundschaft an, sodass sich das Lokal Abend für Abend füllte. Zuerst musste Maria der Tante im Hintergrund zudienen. Eines Tages machte diese Maria jedoch unmissverständlich klar, dass nun mehr von ihr erwartet wurde. Maria habe den Männern in aller Form zur Verfügung zu stehen. Dafür standen im Obergeschoss Zimmer zur Verfügung.
Von Anfang an war für Maria klar, dass sie diese Arbeit und dieses Leben nicht wollte. Auch, weil sie Olivia nicht in dieses Ambiente reinziehen wollte. Doch ihr blieb keine Alternative. Ausser der Tante und ihrem „Ehemann“ kannte sie niemanden in der ihr noch immer fremden Schweiz. Zudem konnte sie die Sprache nicht sprechen und fühlte sich voll und ganz ausgeliefert. Diese Anspannung übertrug sich auch auf ihre Tochter. Olivia wechselte in zwei Jahren vier Mal die Schule. Anscheinend, weil sie nie genügend Anschluss finden konnte, wie die Tante diese Wechsel begründete.
Maria fühlte sich eingeschlossen und gefangen. Sie wusste nicht, wie sie dieser Situation entrinnen konnte und wurde zunehmend kränklicher, was wiederum die Tante sehr störte. Schliesslich musste Maria noch immer die vielen Kosten, die ihr und Olivias Kommen und die Eheschliessung verursacht hatten, abverdienen. Da blieb keine Zeit für Kranksein und Verdienstausfall.

Von einer Abhängigkeit in die nächste
Die Feststellung von Maria, dass ihr „Ehemann“ der Geliebte ihrer Tante war, brachte das Fass zum Überlaufen. Die Erkenntnis ihrer bitteren Lage fiel ihr wie Schuppen von den Augen. Ihr Herz füllte sich mit Hass. Dieser Hass und die Wut darüber, was ihr nahe stehende Personen vermeintlich im Guten angetan hatten, liess neue Energie in ihr aufkommen. Heimlich erkundigte sich Maria nun bei ihren Arbeitskolleginnen und zeitweise auch bei ihren Kunden über ihre Rechte. So lernte sie eines Tages die NGO kenne, die sich in der Westschweiz für Frauen in solchen Situationen einsetzt und ihnen zu einem Ausstieg verhilft.

Aus dem Geflecht von Scheinehe, Betrug, Geldabhängigkeit und familiärer Verbindung heraus zu finden, war keine leichte Sache. Olivia, die wenig verstand, doch spürte, dass etwas nicht in Ordnung war, litt viel unter den Wirren, bis sie und die Mutter aus dem Haus der Tante hinausgeworfen wurden. Zum Glück nahm ein Frauenhaus die beiden auf.
Mit Hilfe der NGO kam es schlussendlich zu einer Strafverfolgung und einem richterlichen Entscheid: Die Ehe wurde als nichtig bezeichnet, die Tante und der „Ehemann“ erhielten eine Geldstrafe und Maria und Olivia eine Rückkehrhilfe, um nach Kolumbien zurück zu kehren. Der Flug nach Bogota war gebucht, doch Maria und Olivia erschienen nicht. Sie tauchten unter und gingen nach Genf, um da ein neues Leben anzufangen. Was hätte sie in Kolumbien auch erwartet?

Ein ehemaliger Kunde von Maria nahm die beiden bei sich zu Hause auf. Da durften sie nun wohnen. Einmal mehr kam Olivia in eine neue Schule und musste sich, zum wiederholten Mal an eine neue Schulklasse gewöhnen. Fortan bildeten sie nach aussen hin eine harmonische Familie. Die Nachbarschaft nahm sie freundlich auf und nichts wies mehr auf ihre Vergangenheit hin. Erneut fingen sie von vorne an. Diesmal sollte sich alles zum Guten wenden.Maria erarbeitete sich ihr Einkommen unauffällig und unscheinbar, in dem sie ihre Dienstleistungen im Freundeskreis des ehemaligen Kunden und jetzigen Gastgebers anbot. Zwei Jahre gingen dahin. Nichts Aufregendes passierte, fast schien es, als seien Mutter und Tochter zur Ruhe gekommen. Endlich konnte Olivia neue Freundschaften schliessen und sich an einem Ort zu Hause fühlen.

Die guatemaltekische Schwester Ruth
Auch Marias Schwester Ruth wollte ein neues Leben beginnen. Sie wohnte zu jener Zeit mit ihrer 10-jährigen Tochter in Bogotá und träumte von einem prunkvollen Leben. Die Erfahrungen ihrer Schwester schienen in ihren Augen sehr abenteuerlich und liessen sie auf neue Ideen kommen. Auch sie wollte nun in das Paradies Schweiz gelangen.
Mit diesem Ziel vor Augen reiste sie nach Guatemala und organisierte sich dort über die nötigen Kontakte und gegen den entsprechenden Preis eine neue Identität als Guatemaltekin. Menschen mit guatemaltekischer Nationalität können, anders als KolumbianerInnen, visumsfrei in den Schengen-Raum einreisen. Nach dem Flug von Guatemala City nach Genf liess sich Ruth im Haushalt ihrer Schwester, respektive deren ehemaligen Klienten, nieder.

Die Probleme liessen aber nicht lange auf sich warten. Ruth wurde fordernd, so hatte sie sich ihr Leben in der Schweiz nicht vorgestellt. Sie passte sich ihrer Situation nicht an und gefährdete damit zunehmend die unscheinbare Lebensweise von Maria und Olivia, welche für ein Leben ohne Aufenthaltspapiere unabdingbar ist.
Auf der Suche nach einer Veränderung und um es allen recht zu machen, liess sich Maria deshalb auf ein neues Arrangement ein: Sie registrierte sich in einem Dorf in Spanien als Untermieterin einer geschäftstüchtigen Dame, die über 20 Frauen bei sich als Untermieterinnen registrieren liess. Laut dem spanischen Gesetz kann eine Person, die ununterbrochen während zwei Jahren und finanziell unabhängig in Spanien gelebt hat, eine Jahresaufenthaltsbewilligung beantragen. Dieses Ziel strebte Maria mit der Registrierung an. Dafür bezahlte sie monatlich 150 Franken.
Eines Tages rief die Vermieterin aus Spanien an, um mitzuteilen, die Einwohnerkontrolle sei vorbei gekommen und hätte festgestellt, dass Maria nicht anwesend sei. Sie müsse sofort kommen, ansonsten verliere sie diese Chance. So reiste Maria Hals über Kopf nach Spanien und liess Ruth und Olivia in der Schweiz zurück. Obwohl Mutter und Tochter von diesem Zeitpunkt an täglich mehrmals telefonierten, litten beide unglaublich stark unter der Trennung.

In Genf kam Ruth nicht zurecht mit der vorhandenen Wohnsituation. Es gab viel Streit bis Ruth entschied, sich auch auf das Abenteuer Spanien einzulassen und die Schweiz verliess. Olivia hingegen wehrte sich mit Händen und Füssen gegen einen erneuten Ortswechsel. Sie fühlte sich wohl, akzeptiert von ihren Freundinnen und machte gute Fortschritte in der Schule. Unterdessen war sie 14 Jahre alt und körperlich entwickelt. Mutter und Tante wollten sie vorerst im bestehenden Haushalt zurücklassen, doch ergab sich zum Glück eine andere Möglichkeit: eine Nachbarin vermietete Olivia ein Zimmer, so dass sie wenigstens eine weibliche Bezugsperson haben würde. Auch die Schule kümmerte sich vorbildlich um das Mädchen. Doch der Trennungsschmerz überwog schlussendlich dennoch, so dass auch Olivia ihre Zelte in der Schweiz abbrach und nach Spanien aufbrach.
Maria reiste in diesen Monaten einige Male zwischen Spanien und der Schweiz hin und her, und tut es wahrscheinlich heute noch. Dies, obwohl ihr eine Ausreise vom Migrationsamt in Spanien untersagt ist. Sollte ihr Ungehorsam auffliegen, würde ihr ein Gefängnisaufenthalt, verbunden mit einer möglichen Ausschaffung, drohen. Doch die Sehnsucht nach ihrer Tochter und einer neuen Beziehung zu einem Mann in der Schweiz sind stärker. Dieser neue Lebensgefährte hatte ein Transportunternehmen und nahm Maria unter Vertrag. So wurde sie zur Disponentin seiner Firma und er eröffnete eine Filiale in jenem kleinen Ort in Spanien, wo Maria nun lebt. Damit erhofften sich die beiden, dass, falls Maria die Aufenthaltsbewilligung in Spanien erhält, sie auf Grund der Personenfreizügigkeit legal in die Schweiz kommen kann. Ob diese Rechnung aufgehen wird?

Diese Geschichte beruht auf echten Begebenheiten. Ich kenne Maria. Sie hat mir ihre Geschichte anvertraut. Hinter der Geschichte steckt viel Leid, Angst, Hoffnung, Mut und Kampf. Orte und Namen wurden geändert, um Marias und Olivias Anonymität zu gewährleisten.
Ich habe Maria seit Monaten nicht mehr gesehen und auch nicht mehr von ihr gehört. Ob sie ihr Ziel erreicht hat, weiss ich nicht. Aber ich wünsche es ihr von Herzen. Denn ich bewundere ihren Mut und ihren Durchhaltewillen. Auf ihre Art stellt sie sich dem Leben, stets bemüht, sich selber und der Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen. Dafür ist ihr keine Anstrengung und keine Gefahr zu gross.

Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz
Sans-Papiers oder illegalisierte Menschen sind Personen, die zwar einen Pass oder andere Identitätspapiere, aber keine Aufenthaltsbewilligung besitzen. Die überwiegende Mehrheit von ihnen geht einer Erwerbstätigkeit nach, einige entrichten auch Steuern und Sozialbeiträge. Die Arbeitsfelder sind vielfältig, aber es kann davon ausgegangen werden, dass der Grossteil der Sans-Papiers in privaten Haushalten arbeitet, um dort zu putzen und unsere Kinder und betagten Angehörigen zu betreuen.

In der Schweiz leben schätzungsweise 70 000  bis über 250 000 Sans-Papiers. Das Bundesamt für Migration geht von mindestens 100 000 aus, andere ExpertInnen sprechen von bis zu 300 000.
In der Schweiz wird in 400 000  Haushalten gegen Bezahlung gearbeitet, in einem Viertel dieser Haushalte sind Sans-Papiers tätig. Oftmals werden Putz- und Haushaltshilfen ohne Papiere eingestellt, weil sie zu tieferen Löhnen arbeiten und generell flexibler sind. Und die Nachfrage nimmt in ganz Europa zu.
Laut UNIFEM gibt es dafür vier Gründe:

  1. Der Rückgang der Geburtenraten in Europa und das steigende Bildungsniveau von einheimischen Frauen, die vermehrt einer bezahlten Erwerbstätigkeit nachgehen
  2. Die alternde Gesellschaft in Europa und die steigende Nachfrage in Pflegeberufen
  3. Europäer und Europäerinnen wollen nicht in „schmutzigen“, Tieflohnjobs arbeiten
  4. In einigen Länder Europas sind Hausangestellte ein Statussymbol

Frauenhandel
Rund zweieinhalb Millionen Menschen werden laut der Internationalen Arbeitsorganisation ILO jedes Jahr Opfer von MenschenhändlerInnen. Der allergrösste Teil davon, etwa 80 Prozent, sind Frauen. Jedes Jahr werden schätzungsweise 120 000 bis zu 500 000 Frauen und Mädchen nach Westeuropa gehandelt. Das Bundesamt für Polizei schätzt die Zahl der Opfer in der Schweiz auf jährlich 1 500 bis 3 000 Menschen.

Mehr dazu:
Solidarité sans frontières: www.sosf.ch/de/
Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration: www.fiz-info.ch
Keine Hausarbeiterin ist illegal: www.khii.ch

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com