04/29/14

Justicia Transicional

29.04.2014 | Von Laura Knöpfel

¿„Paz y Justicia - Paz o Justicia“? Brechen wir dieses Dilemma auf Kolumbien nieder und fragen: Be­darf es Gerechtigkeit, um Kolumbien nach jahrelangen bewaffneten Konflikten und unzähligen Menschenrechtsverletzungen zu einer friedlichen Gesellschaftsordnung zu führen? Oder verhindert das Bestreben nach dieser viel eher einen nachhaltigen Friedensprozess? Die Meinungen darüber spalten sowohl den politischen wie auch den akademischen Diskurs[1]. Das Konzept Justicia Transicional (JT) - auf Deutsch auch „Übergangsjustiz“ genannt- versucht anhand eines Mittelweges dieses Dilemma zu lösen.  Das janusköpfige Konzept blickt zur selben Zeit zurück und nach vorn[2].  Zurück, indem es Rechenschaft und die Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen fordert, nach vorn mit dem eigenen Anspruch eine friedliche Zukunft zu gestalten [3]. Kofi Annan, der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, definiert Justicia Transicional  (JT) als eine Reihe von Prozessen und Mechanismen, anhand deren eine Gesellschaft versucht mit dem gewaltvollen Vermächtnis der Vergangenheit in das Reine zu kommen, Rechenschaft zu gewährleisten und Gerechtigkeit sowie Anerkennung zu erreichen[4].
Der folgende Artikel konzentriert sich in einem ausführlichen ersten Teil darauf, das Konzept von Justicia Transicional allgemein zu erläutern. Ein zweiter Teil spezifiziert dieses am Beispiel Kolumbiens. Abschliessende Worte thematisieren das Konzept im Zusammenhang mit den momentan laufenden Friedensverhandlungen in Havanna. 

Das Konzept von Justicia Transicional
Das allgemeine Ziel von JT besteht darin, eine gewaltvolle Vergangenheit aufzuarbeiten, um so den Übergang zu einer nachhaltigen friedlichen Gesellschaft zu ermöglichen. Diesem Ziel zugrunde liegt die Annahme, dass ein Übergang zu Frieden und Sicherheit eine Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen bedingt[5]. Frieden und Gerechtigkeit bilden innerhalb dieses Rahmenwerkes keine Gegensätze, sondern komplementieren sich. Dies wird an den folgenden vier Eckpfeilern des Konzeptes verdeutlicht: Gerechtigkeit, Wahrheit, Wiedergutmachung und die Garantie der Nicht-Wiederholung[6].  Würde einer dieser Träger fehlen, bräche das Konzept in sich zusammen. Das folgende Beispiel verdeutlicht diese Aussage: Ein Opfer des Konfliktes erhält eine materielle Entschädigung als eine Form der Wiedergutmachung. Damit verbunden sind jedoch weder eine Suche nach der Wahrheit noch einen Versuch die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Diese staatliche finanzielle Leistung kann so einfach als „Blut-Geld“, als einen Versuch Schweigen und Duldung zu erkaufen, wahrgenommen werden[7]. Eine solch holistische Angehensweise, wie dies JT vertritt, setzt voraus, dass nicht ein goldener Weg zur Transition in eine friedliche Gesellschaft führt, vielmehr muss jede Gesellschaft selbst ihren eigenen Gang finden. Die Errungenschaft des Rahmenwerkes JT besteht darin, dass es ein Gerüst basierend auf den erwähnten vier Eckpfeilern vorschlägt.

Jedem dieser vier Pfeiler liegt ein Prozess zugrunde, in welchem verschiedene Instrumente zur Anwendung kommen[8]. Diese bilden eine Hilfestellung, um das übergeordnete Ziel – die Transition zu einer friedlichen Gesellschaft – zu erreichen. Das Rahmenwerk von JT fordert folglich nicht nur abstrakt die Rechte nach Gerechtigkeit, Wahrheit, Wiedergutmachung und  Nicht-Wiederholung, sondern bietet konkrete Werkzeuge zu deren Erreichung an.

Prozess der Gerechtigkeit
Dieser Prozess widerspiegelt die Kernannahme von JT, dass die Transition zu einer friedlichen Gesellschaft nur möglich wird, wenn die Täter von schweren Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft gezogen werden. Paradigmen des internationalen Rechts verpflichten die Staaten Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen, verfolgen und bestrafen[9]. Dies hielt der interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 1988 in seinem Urteil Velásquez Rodríguez versus Honduras[10] fest: „Como consecuencia de esta obligación los Estados deben prevenir, investigar y sancionar toda violación de los derechos reconocidos por la Convención y procurar, además, el restablecimiento, si es posible, del derecho conculcado y, en su caso, la reparación de los daños producidos por la violación de los derechos humanos.“[11] Hierbei spielen internationale, hybride oder nationale Kriegstribunale eine ausschlaggebende Rolle. Ihr Ziel muss es sein vergangenes Unrecht richtig zu stellen, den Wunsch nach Vergeltung zu reduzieren, einen Ausgleich zwischen Vergehen und Strafe herzustellen. Gleichzeitig sollen solche Rechtssprechungen auch von zukünftigen Gewalttaten abschrecken und erlittenes Leid anerkennen[12]. Weiter besitzen die Gerichte die Macht formal klar eine Linie zwischen Opfern und Tätern zu ziehen und so den Rest des Landes implizit freizusprechen.
Das anfänglich erwähnte Dilemma zwischen Gerechtigkeit und Frieden findet sich in diesem Prozess wieder. Kann das Gerechtigkeitselement von JT ein Hemmnis für den Frieden darstellen und sind Amnestien für einen Friedensprozess unabdingbar, oder sogar bezüglich des Friedenswillen legitim?[13]

Prozess der Wahrheit
Das Ziel dieses Prozesses besteht darin eine gemeinsame Narrative über das vergangene Elend zu konstruieren[14]. Dieser top-down Ansatz läuft jedoch Gefahr die Komplexität individueller Erfahrungen zugunsten eines uniformen, nationalen Gedächtnisses zu reduzieren. Zusätzlich könnte die Aufdeckung und Enthüllung der Wahrheit die Beziehung zwischen den Konfliktparteien noch verschlechtern[15]. Eine sogenannte Wahrheitskommission repräsentiert die typische Institution, welche für diesen Prozess Verantwortung übernimmt. Ursprünglich als nicht juristische Alternative zu den Gerichten konstruiert, übernehmen sie heute oftmals eine komplementäre Rolle.

Prozess der Wiedergutmachung
Dieser Prozess strebt eine offizielle Anerkennung des Leidens der Opfer sowie ein Eingeständnis und eine Tilgung von Schuld an. Während Sachleistungen die Reintegration in das soziale Leben zu fördern versuchen, besitzen emotionale Leistungen, wie beispielsweise offizielle Entschuldigungen, eine aussöhnende Funktion. Unklar dabei ist, was „Reparationen“ beziehungsweise Wiedergutmachung genau bedeuten. Bestünde das Ziel einzig und allein darin wieder zum Status quo ante zurückzukehren, könnten die Reparationsmassnahmen nicht als Mittel zu einer fortschrittlichen Transition dienen. Den Reparationen unterliegt die Idee, dass sie in einem proportionalen Verhältnis zu den erlittenen Verletzungen stehen. Oftmals ist es aber unmöglich menschenrechtliche Verletzungen wiedergutzumachen. Ein unrechtlich enteignetes Grundstück kann unter Umständen zurückgegeben werden. Wie aber können immaterielle Schäden, wie beispielsweise der Verlust eines Kindes, entschädigt werden?

Prozess der Nicht-Wiederholung
Dieser Prozess splittet sich in mehrere Teilgehalte auf. An erster Stelle steht die Forderung nach einem institutionellen Prozess. Alle Institutionen, welche die Geschehnisse der vergangenen gewalttätigen Konflikte ermöglichten oder sogar förderten, müssen identifiziert und transformiert werden. Der Sicherheitssektor steht dabei im Vordergrund. Der Gesellschaft soll es ermöglicht werden wieder Vertrauen in die Institutionen des Sicherheitssystems beziehungsweise der Judikative zu gewinnen. Im Bereich der Armee stellt sich die schwierige Frage nach der Verantwortung für Gräueltaten. Wer muss zur Rechenschaft gezogen werden und wer darf den Vorbehalt „Ich habe nur einen Befehl ausgeführt“ anbringen?

Einen zweiten Teilgehalt dieses Prozesses bilden Einrichtungen rund um die Thematik des Gedenkens. Museen, Gedenkstätten und Gedenktage sollen einen offenen konstruktiven Dialog über Vergangenes fördern und somit eine Wiederholung des Geschehenen verhindern. Institutionen dieses Prozesses müssen gleichzeitig individuelle und kollektive Gedenkprozesse fördern, welche einer Gesellschaft die Transition von einem gewalttätigen in ein friedliches Regime ermöglichen.

Die Herausforderungen dieses Rahmenwerkes gründen unteranderem in der politischen Konzeption der vorgestellten Prozesse. Justicia Transicional löst keinen neutralen, technokratischen und juristischen Vorgang aus, sondern bewegt sich in der Abwägung verschiedener Interessen. Zudem existieren verschiedene Formen von Gerechtigkeit und ein Staat sollte darauf achten, dass nicht die stärkste Gruppe diese definiert. So entstünde ein einseitiges Schaffen von Gerechtigkeit und Wahrheit, was zu der Verbitterung der Gegenpartei führe.

Justicia Transicional versteht sich als einen sehr nationalstaatlich zentrierten Prozess, basierend auf der Annahme, dass vergangene Geschehen auf dem Territorium konfrontiert werden sollen, auf welchem sie auch stattfanden. Aber in Anbetracht der heutigen engen zwischenstaatlichen Verflechtungen und der prominenten Rolle transnationaler Unternehmen, erscheint dieser Ansatz zu beschränkt.

Justicia Transicional in Kolumbien
Sowohl Annans Definition von JT[16], wie auch diejenige der Enzyklopädie Transitional Justice[17] verdeutlichen und betonen das Element der Aufarbeitung vergangener Gräueltaten. Einen kurzen Blick auf den jährlichen Kolumbien-Bericht des Sonderberichterstatters der Vereinten Nationen für Menschenrechte[18] offenbart unmissverständlich, wie in Kolumbien weitgehende Menschenrechtsverletzungen und bewaffnete Konflikte andauern und somit keineswegs schon von vergangenen Grausamkeiten beziehungsweise Verbrechen die Rede sein kann. Unklar ist damit, ob eine Transition zu einer friedlichen Gesellschaft überhaupt schon stattfindet. Folgen wir einer grammatikalischen Auslegung nach dem Wortlaut der Definitionen müssten wir die Frage wohl verneinen. Jedoch häufen sich in Kolumbien seit dem Jahr 2003 Elemente des Konzeptes JT. Folglich liegen Teilprozesse einer Transition zu einer friedlichen Gesellschaft vor, deren grösste Herausforderung allerdings der andauernde Konflikt darstellt. Ich plädiere daher dazu, Kolumbien als einen Sonderfall im Rahmenwerk von JT zu betrachten. Dies einerseits basierend auf der Erkenntnis, dass Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien immer noch traurige Realität sind und andererseits Kolumbien trotz des bewaffneten Konfliktes über starke rechtliche Institutionen[19] und über eine demokratische Staatsform verfügt. Infolgedessen muss Kolumbien keine Transition zu einem entgegengesetzlichen politischen Regime  durchlaufen, sondern vielmehr seine schon vorhandenen rechtlichen und politischen Institutionen stärken. Parallel dazu bedarf es einer Transition in der normativen Orientierung des Staates hinsichtlich seinen Handlungen und Einstellungen gegenüber dem Konflikt, der Opfer und den Verantwortlichkeiten.

Der Prozess von Justicia Transicional beginnt in Kolumbien ansatzweise im Jahr 2003. Alvaro Uribe, zu dieser Zeit Inhaber des Präsidentenamtes, schliesst mit verschiedenen Befehlshaber der Autodefensas Unidas de Colombia (AUC) den sogenannten Santa Fé de Ralito Acuerdo[20] ab. Dieser definiert das Ziel der Demobilisierung der AUC bis ins Jahr 2005 und kreiert einen formalen Rechtsrahmen für Verhandlungen[21]. Dafür existiert in der Form des Gesetzes 418 von 1997[22] ein rechtlicher Rahmen, indem dieses Gesetz Amnestien für verschiedene Strafbestände gewährt, sobald sich ein Kämpfer individuell oder sich eine Einheit kollektiv demobilisiert.  Die Regierung erweitert 2002 das Gesetz 418 mit dem Gesetz 782 sowie der Verfügung 128. 2004 wird der zweite Santa Fé de Ralito Acuerdo verabschiedet und damit eine 368 km2 grosse Konzentrationszone eingerichtet, in welcher die Haftbefehle gegen AUC Führer keine Wirkung mehr zeigen[23]. Das Resultat der Gesetze 418 und 782 beziehungsweise der Verfügung 128 war, dass vielen schuldigen Personen Amnestien und Unterstützungsleistungen für ihre gesellschaftliche Reintegration gewährt wurden, ohne dass sie sich je in einem Strafprozess hätten verantworten müssen[24].

Im Jahr 2005 unterschreibt Uribe das berühmte Gesetz 975, auch bekannt unter dem Namen Ley de Justicia y Paz. In Übereinstimmung mit den soeben vorgestellten Gesetzen stellt auch dieses ein Demobilisierungsinstrument - vor allem für die Paramilitärs -  dar. Ein grosser Unterschied besteht jedoch darin, dass das Gesetz 975 im Gegensatz zu seinen Vorläufern keine blanke Amnestien gewährt, sondern diese an Justicia Transicional Komponenten knüpft. Als Beispiel für eine solche Komponente dient die Verknüpfung von finanziellen Unterstützungsmassnahmen mit einer Pflicht, vergangene Geschehnisse wahrheitsgetreu zu schildern. In der Theorie versucht dieses Gesetz dem vielschichtigen Konzept von JT gerecht zu werden. Gerechtigkeit und Frieden sollten einerseits durch juristische Sonderregelungen, welchen den Paramilitärs einen Ausweg aus dem Konflikt bieten und andererseits durch materielle Entschädigung an die Opfer, erreicht werden[25]. Dennoch kritisieren kurz nach dem Erlass des Regelwerkes Menschenrechtsorganisationen das Gesetz sehr stark und fechten es, teilweise erfolgreich, vor dem kolumbianischen Verfassungsgericht an. Zusammengefasst rügen sie die folgenden Punkten: Das Gesetz führe zu einer de facto blanken Amnestie für die Paramilitärs, da die Zugeständnisse an die Demobilisierten zu hoch seien[26]. Die Interamerikanische Menschenrechtskommission kritisiert die mangelnde Herstellung der historischen Wahrheit und die ungenügende Anerkennung der Rechte der Opfer[27]. Die New York Times betitelt das Gesetz als „kolumbianische Kapitulation“[28] und auch die Europäische Union kritisiert: „(…) dass nicht genügend Nachdruck auf einen wirksamen Abbau der kollektiven paramilitärischen Strukturen gelegt wurde, keine deutlichen Unterscheidung zwischen „politischen“ und anderen Straftaten gemacht wurde, jeweils nur kurze Fristen für Ermittlungen bei Geständnissen und für die Prüfung von Eigentumsrechten an Vermögensgegenständen, die möglicherwiese im Zusammenhang mit illegalen Aktivität erworben wurden, zugestanden wurden, Opfern nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten für Wiedergutmachungsforderungen eingeräumt wurden, auch für schwerste Verbrechen nur niedrige Haftstrafen vorgesehen wurden (…).“[29]

Das Gesetz 975 errichtet zur selben Zeit die Comisión Nacional de Reparación y Reconciliación (CNRR), welche das Ziel verfolgt die Opfer des Konfliktes in ihren Rechten auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung zu unterstützen. Auch im Jahr 2005 entsteht die Grupo de Memoria Histórica mit dem Anspruch, eine gemeinsame Erzählung über den jahrelangen bewaffneten Konflikt zu entwickeln. Zusammen mit der CNRR bildet diese Gruppe da facto eine Wahrheitskommission – ein Instrument von Justicia Transicional – ohne explizit so genannt zu werden[30].

Während das Gesetz Justicia y Paz es nicht schafft seine formalen Aspirationen zu erfüllen[31], geht der legale JT Prozess im Jahr 2008 mit dem Erlass der Verfügung 1290 weiter. Diese schafft einen administrativen Kompensationsmechanismus für die Opfer des Konfliktes. Das Programm scheint jedoch nur gewisse Kreise von Geschädigten zu begünstigen, beispielsweise werden Opfer von staatlichen Organen nicht berücksichtigt[32]. Dem Vorstoss fehlt ein ganzheitlicher Ansatz, welcher den Anforderungen einer umfassenden Wiedergutmachung genügen würde[33].

Im Jahr 2011 tritt das Ley de Víctimas y Restitución de Tierras[34] in Kraft. Bemerkenswert an diesem Gesetz ist, dass die Regierung damit zum ersten Mal die Existenz eines landesinternen bewaffneten Konfliktes explizit anerkennt[35]: „Por la cual se dictan medidas de atención, asistencia y reparación integral a las víctimas del conflicto armado interno y se dictan otras disposiciones.“[36] Das Ziel des Gesetzes besteht darin, den intern vertriebenen Menschen ihr Land zurückzugeben oder sie für dieses zu kompensieren[37]. Menschenrechtsorganisationen fechten auch dieses Gesetz verfassungsrechtlich an, da sie Ungleichheiten im Rahmen der Landesrückgabe befürchten. Beispielsweise sieht das Gesetz keine Landesrestitution für Vertriebene der Jahre 1985-1991 vor, obwohl gerade in diesem Zeitraum die Anzahl der gewaltsamen Vertreibungen in die Höhe schoss[38]. Gemäss HRW (2011) sei zudem beispielsweise unklar, ob das Gesetz auch Menschen schützt, die durch Nachfolgegruppierungen der Paramilitärs vertrieben wurden. Ferner berichtet Amnesty International (2012ii) von einer gehäuften Anzahl Drohungen und Morde gegenüber Personen, welche eine Landrückgabe anstreben[39].

2012 reformiert das Gesetz 1592 das Ley de Justicia y Victimas in der Absicht, die Effizienz und Effektivität des ursprünglichen Regelwerkes zu steigern[40]. Gemäss Oidhaco (2013) seien bis Januar 2013 nur 14 Urteile gefällt worden, obwohl Paramilitärs 39‘546 Verbrechen - mit 51‘906 Opfern und 25‘757 Morden - gestanden haben[41]. Diese Zahlen offenbaren, dass das Regelwerk des Gesetzes 975 de facto zu einer Amnestie für die meisten demobilisierten Personen führten. Weiter führt Oidhaco aus, dass die Reform nicht vermöge die Defizite von Gesetz 975 zu korrigieren. Vielmehr werde die Straflosigkeit noch erhöht und den Opfern den Zugang zu ihren Rechten auf Wahrheit, Gerechtigkeit, und Wiedergutmachung erschwert[42].

Diese kurze Zusammenstellung einiger legalen Justicia Transicional Instrumenten verdeutlicht die Schwierigkeiten des Prozesses der Übergangsjustiz. Die Beispiele ermöglichen das Spannungsverhältnis zwischen Gerechtigkeit und Frieden zu verdeutlichen. Amnestien sind Teil des Rahmen von JT, doch wie sollen damit die Rechte der Opfer auf Wahrheit und Gerechtigkeit erfüllt werden? Kurz gefragt: Wieviel „unter den Teppich kehren“ und „wegschauen“ benötigt – oder aber erträgt – eine Gesellschaft auf ihrem Weg zu einer friedlichen und stabilen Zukunft?

Die bisherigen Instrumente des kolumbianischen Justicia Transicional Prozesses fokussierten hauptsächlich auf die Demobilisierung der Paramilitärs und auf die Entschädigung ihrer Opfer. Der momentane Friedensprozess in Havanna hingegen konzentriert sich ganz auf die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia-Ejército der Pueblo (FARC-EP). Will die Santos Regierung zusammen mit den FARC-EP das Fundament für einen anhaltenden Frieden legen, kommen sie nicht darum herum sich mit den Rechten der Opfer auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung zu befassen. Die Einigung auf ein umfassendes JT-Modell ist unabdingbar, bringt aber für beide Verhandlungspartner Kosten mit sich. Beide Seiten müssen ihre Verantwortlichkeiten für begangene Menschenrechtsverletzungen anerkennen und ein Abkommen sollte die Rechte der Opfer verankern[43]. Die International Crisis Group (2013) fordert von den Verhandlungspartnern, dass sie ihrer finalen Abmachung das Recht auf Wahrheit verankern, Strafprozesse gegen die Hauptverantwortlichen initiieren und institutionelle Reformen durchführen, welche der Garantie der Nicht-Wiederholung genügen. Der kolumbianische Kongress unterstützt mit seinem legislativen Akt 01 am 31. Juli 2012 die Inklusion von JT Elementen in den Friedensprozess. Er versucht einmal mehr einen Ausgleich zwischen Berechtigungen auf Amnestie und den Rechten der Opfer zu finden[44]. Gemäss dem Rechtsrahmen sind alle Leistungen gegenüber demobilisierungswilligen Personen an folgende Konditionen gebunden: Niederlegung der Waffen, Anerkennung von Verantwortlichkeit, Unterstützung der Suche nach Wahrheit, Wiedergutmachungszahlungen an Opfer, Freilassung von Entführten und Kindersoldaten. Auf der anderen Seite besitzt der Staat einen grossen Spielraum bezüglich Strafmassnahmen und Leistungen gegenüber den FARC-EP [45].

Auch die Verhandlungen in Havanna vermögen wohl das Spannungsfeld zwischen Gerechtigkeit und Frieden nicht zu durchdringen. Das Konzept von Justicia Transicional mit seinen vier Prozessen und unzähligen dazugehörigen Instrumenten bietet Orientierungshilfen aber keine Lösungen, wie mit diesem Dilemma umzugehen ist. Wie an verschiedenen Beispielen aufgezeigt, können sich Elemente dieser Prozesse in einer widersprüchlichen Art und Weise gegenüberstehen und dennoch bedingen sie sich gegenseitig. Die Suche nach einem funktionierenden Rezept dem Anspruch der Opfer eines bewaffneten Konfliktes mit unzähligen Menschenrechtsverletzungen gerecht zu werden, und gleichzeitig die Transition zu einem längerfristigen stabilen Frieden zu bewältigen, wird wohl auch in Zukunft eine unglaublich grosse Herausforderung für krisenbetroffene Länder bleiben. 



[1] Diskussion zwischen Richard Dicker (Direktor des International Justice Programme von Human Rights WatchColumbia University

[2] vgl. Mensa-Bonsu (2013).

[3] vgl. Buckley-Zistel (2007).

[4] Annan (2004): 4 (frei übersetzt aus dem Englischen).

[5] vgl. Buckley-Zistel (2007).

[6] vgl. International Crisis Group (2013).

[7] vgl. International Center for Transitional Justice (2009).

[8] vgl. Sandoval Villalba (2011).

[9] vgl. Sandoval Villalba (2011).

[10] Velásquez Rodríguez Case (1988).

[11] Velásquez Rodríguez Case (1988): Erwägung 166.

[12] vgl. Buckley-Zistel (2007).

[13] vgl. Sandoval Villalba (2011) und Buckley-Zistel (2007).

[14] vgl. Sandoval Villalba (2011).

[15] vgl. Buckley-Zistel (2007).

[16] Justicia Transicional”the full set of processes and mechanisms associated with a society’s attempts to come to terms with a legacy of large-scale past abuse (Annan 2004: 4; Hervorhebung L.K.).

[17] “Transitional Justice compromises a variety of judicial and nonjudicial means through which states and societal groups seek to come to terms with past human rights violations (Stan und Nedelsky 2013: Vorwort; Hervorhebung L.K.).

[18] vgl. A/HRC/22/17/Add.3.

[19] vgl. Jaramillo et al. (2009).

[20] estaticos.elmundo.es/documentos/2003/04/guerras_olvidadas/santafederalito.pdf, zuletzt besucht am 12.04.2014.

[21] http://www.usofficeoncolombia.org/understanding_colombia/pdf/para_politics.pdf, zuletzt besucht am 16.04.2014.

[22] http://www.alcaldiabogota.gov.co/sisjur/normas/Norma1.jsp?i=6372, zuletzt besucht am 12.04.2014.

[23] Inter-American Commission on Human Rights (2007): 88.

[24] vgl. The Center for Justice and Accountability (2014).

[25] vgl. Planta (2010).

[26] vgl. Human Rights Watch (2005).

[27] vgl. Easterday (2009).

[28] The New York Times (2005).

[29] Rat der Europäischen Union (2005): 11.

[30] vgl. Jaramillo et al. (2009).

[31] Inter-American Commission on Human Rights (2007): 44-47.

[32] International Center for Transitional Justice (2014) und International Commission on Missing Persons (2008).

[33] vgl. Césped-Baez (2012): 184.

[34] www.bibliotecajuridica.com.co/LEY_1448_DE_2011.pdf, zuletzt besucht am 18.04.2014.

[35] Amnesty International (2012i).

[36] Ley 1448 (2011): 1.

[37] vgl. HRW (2011).

[38] www.oidhaco.org, zuletzt besucht am 16.04.2014.

[39] Amnesty International (2012): 11.

[40] International Center for Transitional Justice (2014).

[41] Oidhaco (2013): 1.

[42] Oidhaco (2013): 1.

[43] vgl. ganzer Abschnitt International Crisis Group (2013): 1-3.

[44] Gomez Isa (2013): 2 und 6.

[45] vgl. ganzer Abschnitt Gomez Isa (2013): 3.


Literaturverzeichnis
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Amnesty International. 2012ii. Colombia: Hidden from Justice. Impunity for Conflict-related Sexual Violence, a Follow-up Report. London: International Secretariat, Amnesty International.  Pdf unter www.amnestyusa.org/sites/default/files/colombia_vaw_report_oct._4_ embargoed.pdf, zuletzt besucht am 18.04.2014.

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

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