08/29/14

Frühling für Kolumbiens Kirche der Armen in franziskanischen Zeiten?

29.08.2014 | von Peter Stirnimann

Einschätzungen aus Kolumbien zur aktuellen Kirchensituation

„Liebe Brüder und Schwestern, Buona Sera“ – so begrüsste am 13.3.2013 der neu gewählte argentinische Papst Franziskus die Pilger auf dem Petersplatz. Kein „Papst“ sondern ein Mensch trat auf die Bühne der Kirchenmacht. Mit Wohlwollen weit über die Kirchengrenzen hinaus wurde der neue Papst “vom Ende der Welt“, der sich einer „Kirche der Armen“ verpflichtet fühlt, aufgenommen. Steht die „Iglesia de los Pobres“ z.B. in Kolumbien vor einem hoffnungsvollen Frühling durch Franziskus?

Kirche der Armen  - ein Überblick
Zweites Vatikanisches Konzil

Papst Franziskus ist nicht der erste Papst, welcher für eine Kirche der Armen einsteht. Am Vorabend des 2. Vatikanischen Konzils – 11. September (!)1962  - kündigte Papst Johannes XXIII in einer prophetischen Radioansprache einen grossen Umbruch an: „In Anbetracht der armen Länder zeigt sich die Kirche wie sie ist und wie sie sein soll: eine Kirche für alle, aber ganz speziell eine Kirche der Armen.“ Johannes XXIII wollte mit seinem „aggiornamento - auf-den-heutigen-Stand-bringen“ der Kirche ihre geschlossenen Fenster auf die Welt hin öffnen. Dabei bedrückte ihn das Anliegen der grossen, weltweiten Armut vor allem in Lateinamerika. Dieser Kontinent war in Aufruhr trotz des Entwicklungsjahrzehnts, das von den USA als Antwort auf die kubanische Revolution von 1959 angekündigt wurde. Auch Papst Johannes XXIII wollte diesen Aufruhr nicht einfach sozialistisch-kommunistischen Kräften überlassen, sondern selbst als Kirche Subjekt der Entwicklung zugunsten der Armen werden. Das 2. Vatikanum trat auf das Thema trotz wiederholter Intervention von fortschrittlichen Kardinälen nicht ein. Um dem Anliegen einer Kirche der Armen gegen vielerlei Widerstände das nötige Gewicht zu verleihen, versammelten sich am Konzilende 40 fortschrittliche Konzilteilnehmer vor allem aus der Dritten Welt in nahegelegenen frühchristlichen Katakomben. In einem Gelübde mit dreizehn Punkten („Katakombenpakt) verpflichteten sie sich, ein dem Evangelium entsprechendes Leben in Armut zu führen, die Armen und Ausgegrenzten ihrer jeweiligen Diözesen in den Mittelpunkt ihres pastoralen Handelns zu stellen sowie sich auch auf gesellschaftlicher, politischer und internationaler Ebene für die Armen einzusetzen.[1] Dem  Beispiel der Erstunterzeichner schlossen sich 500 weitere Bischöfe aus der ganzen Welt an.

Medellín – Option für die Kirche der Armen, Befreiungstheologie, Gekreuzigte Kirche, Camilo Torres Restrepo
Der Weg zu einer Kirche der Armen führte im August 1968 nach Medellín/Kolumbien, wo die zweite Versammlung des lateinamerikanischen Episkopats stattfand. Was die „Katakomben-Kirchenväter“ im 2. Vatikanum nicht einbringen konnten, prägte nun den Inhalt der Diskussionen und des Schlussdokuments von Medellín wesentlich mit. „In Medellín fasste die Kirche den Mut, vom Schlummer zu erwachen, die unterdrückerische Situation anzuklagen und sich für die Befreiung daraus zu engagieren. Dies sind Grundsätze des Handelns der Kirche der Armen nach aussen,“  fasste der Befreiungstheologe Jon Sobrino den Kerngehalt von Medellín zusammen. „Und es stellte sich ein weiteres erstaunliches neues Ereignis ein. Im Unterschied zu dem, was auf dem Konzil vonstatten gegangen war, erfuhr Medellín aufgrund der Tatsache, dass es die Armen ins Zentrum rückte und sich für deren Befreiung einsetzen wollte, von Anfang an die erbitterte Gegnerschaft der ökonomischen, militärischen und polizeilichen Kräfte sowie zu einem erheblichen Teil auch der Medien des Kontinents...Es waren Zeiten des Martyriums. Die Verfolgung und das Martyrium wurden – gewiss in unterschiedlichem Mass – zu einem historischen Teil der Kirche der Armen... eine gekreuzigte Kirche. [2]

Auch Papst Paul VI, der Medellín eröffnete, kam unter starken Druck reaktionärer Kräfte innerhalb und ausserhalb der Kirche. Diese legten ihm nahe, sich nicht für gesellschaftliche Strukturreformen auszusprechen, sonst würde in Lateinamerika eine Revolution ausbrechen. Seine Enzyklika „Populorum Progressio – Über die Entwicklung der Völker“ vom März 1967 analysierte scharf die Situation in der zur Dritten gemachten Welt. Sie zeigte Verständnis und gleichzeitig auch Ablehnung für revolutionäres Handeln, „...ausgenommen im Fall der eindeutigen und lange dauernden Gewaltherrschaft, welche die Grundrechte der Person schwer verletzt und dem Gemeinwohl des Landes ernsten Schaden zufügt..“ [3]

Gegen die lange Gewaltherrschaft in Kolumbien wehrte sich auch der „Befreiungstheologe“, Priester und Soziologieprofessor Camilo Torres. Die Theologie der Befreiung ist zwar erst nach Medellín vom peruanischen Theologen Gustavo Gutiérrez unter diesem Begriff entwickelt worden. Camilo Torres hat aber mit seinen analytischen und theologischen Schriften und durch sein politisches Handeln dem Freund Gutiérrez zu dessen Werk „Theologie der Befreiung“ grundlegende Elemente beigesteuert. Gutiérrez stand aber dem Entschluss von Torres, der Guerillagruppe ELN beizutreten, sehr kritisch gegenüber. Torres begründete seinen Schritt in einer Botschaft an die Christen. „Das Wichtigste der Katholiken ist die Nächstenliebe ‚Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt’. Aber diese Liebe muss, dass sie echt ist, effizient sein. Wenn die Wohltätigkeit, die Almosen, die wenigen Gratisschulen, die wenigen Wohnbaupläne, all das, was man Gutes tun nennt, es nicht fertig bringt, dem Grossteil der Hungernden Essen zu geben, die Nackten zu bekleiden, noch diejenigen zu bilden, welche nichts wissen, dann müssen wir effiziente Mittel suchen, um den Wohlstand der Mehrheit zu garantieren“. [4]

Für sein Engagement zugunsten der Verarmten musste er schwer büssen: die Kirche verbot ihm, weiter an der Universität zu lehren.Sie behinderte ihn in seinem politischen Engagement, sodass er sein Priesteramt niederlegte und sich voll für eine Politik der Einheit der Linken einsetzte (Frente Unido) – eine heroische Aufgabe, welche bis heute niemand in Kolumbien zustande gebracht hat. Seine Radikalität und Ungeduld führte ihn trotz grosser politischer Erfolge auf den Weg der politischen Gewalt als Guerillero. Bei seinem ersten Gefecht mit dem Militär anfangs 1966 wurde er umgebracht und verschwand von dieser Erde. Seine sterblichen Überreste wurden weder vom Militär ausgeliefert noch der Ort, wo man ihn verscharrte, bekanntgegeben.

Die Revolutionsthematik und das Verhältnis der kirchlichen Basisgemeinden CEBs (Comunidades Eclesiales de Base) zur Guerilla in Kolumbien, vor allem zum ELN, war ein langjähriges und kräfteraubendes Seilziehen in den Leitungsgremien bis zum Punkt des Auseinanderbrechens, als klar wurde, dass diese Guerillagruppe die CEBs-Strukturen unterwanderte und zu ihren Zwecken missbrauchte. Ein gemeinsames Weitergehen war nicht mehr möglich, da sich viele Engagierte tief betrogen fühlten durch den radikalen Sektor, der mehr als nur für eine Allianz mit der Guerilla optierte.

Fazit Medellin
Die Versammlung des lateinamerikanischen Episkopats in Medellín und ihre „Botschaft an die Völker Lateinamerikas“, wie der Untertitel des Schlussdokuments sagt [5], hat eine breite Bewegung einer Kirche der Verarmten in Lateinamerika und teilweise auch in anderen Regionen der zur dritten gemachten Welt in Bewegung gesetzt. Es entstanden kirchliche Basisgemeinschaften und –gemeinden CEBS, Bibelgruppen, welche die Bibel vom Leben her interpretierten, wie zum Beispiel die Bauern von Solentiname-Nicaragua mit Ernesto Cardenal [6]. Mit den methodischen Schritten “Sehen-Urteilen-Handeln” wurde versucht, ein Leben im Sinne des Evangeliums zu entwerfen und zu leben. Die kirchliche Katechese war vielerorts nicht mehr kirchliche Dogmen-Indoktrination, sondern Bewusstseinsbildung im Sinne der emanzipatorischen Educación Popular, wie sie von Pablo Freire mitentwickelt wurde. Medellín hat die Kirchenfenster geöffnet und frische Luft in die Kirche gebracht. Vielerorts vor allem bei der Kirchenhierarchie wurden sie aber gar nie aufgetan – die kolumbianische Bischofskonferenz zum Beispiel unterzeichnete das Schlussdokument von “ihrem” Medellín nicht – und mit den nachfolgenden Päpsten Johannes Paul II und vor allem von Benedikt XVI wurden die offenen Fenster rasch zugedrückt oder ganz geschlossen. Sie wehrten sich gegen kirchliche Demokratisierung und stigmatisierten Befreiungstheologen als Kommunisten/Marxisten. Damit machten sie sich mitverantwortlich dafür, dass die Kirche der Armen, eine gekreuzigte Kirche war und bleibt mit ihren bekannten Märtyrern, wie Erzbischof Oscar Romero und Ignacio Ellacuría, welcher zusammen mit sechs weiteren Jesuiten und Laien im gleichen Massaker in San Salvador vom Militär umgebracht wurden. In Kolumbien sind mehr als dreissig MärtyrerInnen zu verzeichnen, darunter die vom Militär umgebrachte Schweizerin Hildegard Feldmann.[7]

Papst Franziskus
...und da tritt plötzlich ein einfacher Mensch auf den Balkon der Basilika des Petersdoms, sagt „Buona Sera“ zur versammelten Volksmasse und nicht „Gelobt sei Jesus Christus“. Am andern Tag fährt er mit dem Bus zu seinem Hotel, um selbst sein Zimmer zu bezahlen. Seine erste Reise geht nach Lampedusa und beginnt mit einer eindrücklichen Predigt „ ‚Flüchtlinge, im Meer umgekommen, in den Booten, die anstatt ein Weg der Hoffnung zu sein ein Weg des Todes wurden’. So lauten etliche Schlagzeilen in den Zeitungen! Als ich vor einigen Wochen die Nachricht bekommen habe, die sich leider noch einige Male wiederholt hat, wurde mir das Nachdenken darüber zu einem Stachel im Herzen, der Leiden bringt. Und ich wusste, dass ich hierher kommen muss, um zu beten, um ein Zeichen der Nähe zu setzen, aber auch um unsere Gewissen zu wecken, so dass sich das, was passiert ist, nicht wiederholt. Nie wieder!... Zuerst möchte ich euch aber ein Wort echter Dankbarkeit und der Ermutigung aussprechen, euch Bewohnern von Lampedusa und Linosa, den Vereinen, den Freiwilligen und den Sicherheitskräften, die ihr den Menschen auf dem Weg in einer bessere Welt immer beigestanden habt und beisteht...Ich denke auch an die lieben muslimischen Flüchtlinge, die gerade heute Abend das Fasten des Ramadan beginnen und wünsche ihnen reiche geistliche Frucht. Die Kirche ist euch nahe in eurer Suche nach einem würdevollen Leben für euch und eure Familien.“ [8] In einem weiteren Besuch nach Sibari, Kalabrien, wo die Ndragheta-Mafia herrscht, ruft er ihnen zu „Jene, die in ihrem Leben dem Pfad des Bösen in solch einer Form folgen wie es die Mafiosi tun, leben nicht in Verbundenheit mit Gott. Sie sind exkommuniziert.“ In seinem Apostolischen Schreiben „Evangelium Gaudii“ spricht er Klartext über das herrschende Wirtschaftssystem: „ ‚Ebenso wie das Gebot ‚ Du sollst nicht töten’ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein ‚Nein zu einer Wirtschaft der Ausschliessung und der Disparität der Einkommen’ sagen’. Diese Wirtschaft tötet.....In diesem Zusammenhang verteidigen einige noch die ‚Überlauf – Theorien (trickle-down-Theorien), die davon ausgehen, dass jedes vom freien Markt  begünstigte Wirtschaftswachstum von sich aus eine grössere Gleichheit und soziale Einbindung in der Welt hervorzurufen vermag. Diese Ansicht, die nie von den Fakten bestätigt wurde, drückt ein undifferenziertes, naives Vertrauen auf die  Güte derer aus, die die wirtschaftliche Macht in den Händen halten, wie auch auf die sakralisierte Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems.“ [9] Die Welt und deren Herausforderungen sind beim neuen Papst angekommen. Die Frage stellt, sich: steht nun ein kirchlicher Frühling der Iglesia de los Pobres vor der Türe nach dem kalten Winter des konservativ-traditionalistischen Vorgängers, der sich wieder in seine Welt der Bibliothek zurückgezogen hat. Wir haben in Kolumbien bei Engagierten dieser an den Rand gedrängten Kirche nachgefragt.

„Papst Franziskus schafft Sympathien, nicht gleichzeitig aber auch Nachfolger“

Interview mit Carmiña Navia und Héctor Torres, Kolumbien
Das folgende Interview habe ich schriftlich und auf spanisch gemacht und die eingereichten Antworten übersetzt und etwas gekürzt. Carmiña und Héctor habe ich 1983 auf meiner ersten Reise nach Kolumbien kennen und sehr schätzen gelernt. Die Freundschaft zu ihnen ist bis heute nicht abgebrochen und möge nochmals solange dauern. Carmiña Navia, Ordensschwester der kleinen spanischen Ordensgemeinschaft Javeriana war damals Koordinatorin der kirchlichen Basisgemeindebewegung CEBS im Süden Kolumbiens. Sie ist in Kolumbien und Lateinamerika sowohl als feministische Theologin wie auch als Schriftstellerin und Literaturprofessorin bekannt und hat verschiedenste Preise und Ehrungen erhalten. Sie lebt heute in Cali, wo sie Präsidentin des Kulturzentrums „Tejiendo Sororidades“ in einem Armenviertel leitet. Héctor Torres, Soziologe und Theologe war viele Jahre Chefredaktor der Zeitschrift Solidaridad (später Utopias) und gilt als einer der besten Kenner der Kirchen in Kolumbien. Heute lebt er in Bogota als aktiver Rentner und kritischer Beobachter der kolumbianischen und weltweiten Kirchenszenen.

Carmiña, Héctor: Ihr wurdet in den vergangenen fünfunddreissig Jahren als Kirche der Armen an den Rand gedrängt, habt als Häretiker gegolten. Mit Papst Franziskus steht ein Verfechter dieser Kirche an der Spitze der Weltkirche. Wie wirkt sich dies in Kolumbien in der Praxis wie in Verlautbarungen der kolumbianischen Kirche aus sowie in der noch aktiven Iglesia de los Pobres ?

Carmiña Navia: Aus meiner Sicht hat sich der neue Papst und seine Linie auf die Kirchen Kolumbiens bisher nicht ausgewirkt. Zur Zeit beschäftigen sich die christlichen Kirchen mit den Friedensverhandlungen zwischen Regierung und FARC. Über allgemeine Veränderungen gab es von offizieller Seite bisher nichts zu hören, auch nichts zur Iglesia de los Pobres. Diejenigen, welche die Option für die Armen aufrechterhalten, sind glücklich und natürlich auch voller Hoffnungen, wobei mit Einschränkungen, auf die ich später eingehen werde.

Héctor Torres: eine kurze Klärung: die Kirche der Armen wurde nie als Häresie deklariert, denn Papst Johannes XXIII und das 2. Vatikanum haben das Konzept dieses Kirchenseins lanciert. Sie wurde aber indirekt verurteilt: die Theologie der Befreiung, die Praxis von ChristInnen, sich den Volksbewegungen oder linken Parteien anzuschliessen, das Misstrauen den Basisgemeinden gegenüber, das Nichtakzeptieren der politischen Lektüre der Bibel.[10]...Bischöfe und Priester begrüssen zwar öffentlich die Linie des neuen Papstes, doch sie setzen sie nicht um. Dies ist erklärbar, denn sie sind in der Linie Johannes-Pauls II und Benedikts XVI gross geworden. Es sind Traditionalisten, keine Denker, unkritisch, mittelmässige Theologen. Es gibt keine offene Kritik an Franziskus, wohl aber eine unterschwellige, eine unter dem Tisch durch, wie das Buch von Marco Politi besagt: “Franziskus unter den Wölfen“.

Die Iglesia del los Pobres und die Theologie der Befreiung wurden in der Zeit der Vorgänger von Franziskus in Kolumbien geschwächt, wie in unserm Buch „Iglesia de los Pobres“ dargestellt wird. In den Pfarreien gab es keinen Raum für diese Kirche. Die Sozialpastoral, wie sie geplant wurde, existiert heute praktisch nicht mehr. Diejenigen, welche noch existieren, ausser in wenigen Diözesen wie z.B. Urabá, Chocó, Tumaco, sind auf der Linie des Asistentialismus – Lebensmittel verteilen, was zwar in Anbetracht der hohen Armut und der Misere notwendig ist. Aber weiter geht man nicht. Keine Kritik und keine soziale wie politische Anklagen.

Die Verlautbarungen gegen den Neoliberalismus und der Antikapitalismus von Franziskus sind sehr heftig. Ebenso seine Exkommunikation der Mafias. Wie reagiert die Leute und die angesprochenen Sektoren: Wirtschaft, Politik, Linke, Guerillas, Mafias?

Héctor Torres: Soweit ich weiss, haben weder die einen noch die anderen ihre Meinungen oder Analysen zu diesen Äusserungen zum besten gegeben. Ich gehe aber davon aus, dass solche Statements die Herren des nationalen wie des internationalen Kapitals, welche in Kolumbien investieren, stark beunruhigen. Ich denke, dass es auch der Regierung so ergeht, welche den Neoliberalismus und die totale Öffnung für die Multis vorantreibt.

Carmiña Navia: Ich glaube, das hat keinen grossen Widerhall. Gewissen Gruppen mehr oder weniger bewusst, gefällt dieser Papst, aber ich glaube nicht, dass sie sich zu hinterfragen beginnen aufgrund dessen, was er sagt, noch weniger, dass sie seine Positionen ernst nehmen. Auf der anderen Seite besteht bei einer gewissen Mittelschicht die Angst, dass man den Papst ermorden könnte, wenn er gegen die ökonomischen Mafias des Vatikans seriös vorgeht. Wie gesagt, Papst Franziskus schafft Sympathien, nicht gleichzeitig aber auch Nachfolger, wie auch kein ethisches Nachdenken.

Bezüglich den Guerillas weiss ich nicht recht. Sie äussern sich im allgemeinen nicht zu kirchlichen Themen. Ich kenne keine entsprechenden Verlautbarungen. Ich glaube aber auch nicht, dass sie Papst Franziskus ernst nehmen, denn die Attentate gegen die Zivilbevölkerung gehen weiter, obwohl er zum Dialog und für den Respekt gegenüber dem Leben aufgerufen hat.

Wie seht ihr persönlich den neuen Papst. Fühlt ihr euch in eurem Projekt einer Kirche der Armen bestätigt, anerkennt ? Ist Franziskus die Türe zu eurer Versöhnung für die Kämpfe mit der traditionellen Kirche und ihren Strukturen?

Héctor Torres: Ganz persönlich kann ich sagen: ja. Mit Franziskus als Person....es gibt aber auch „Abers“. Franziskus segelt auf zwei verschiedenen theologischen Wassern: den befreienden und den traditionellen. Das ist sein theologisches Schema. Er hat sein Bestes gegeben bezüglich dem befreienden Teil der Theologie mit grundlegenden Bekräftigungen, die Gewicht haben. Das ist sehr viel und markiert einen historischen Meilenstein. Sehr verdienstvoll, wenn man drei Dinge bedenkt. Erstens: er wird nach 35 langen Jahren des konservativen und „Anti-Vatikanum II“  Pontifikats von Johannes-Paul II und Benedikt XVI gewählt, wo Inquisition, Verfolgung und Verurteilung von etwa 300 Personen stattfand, welche Vertreter fortschrittlicher oder der Theologie der Befreiung waren. Gegen den Strom zu schwimmen ist nicht leicht. Zweitens handelt er im Schatten eines Ex-Papstes Benedikt XVI, der in den Mauern des Vatikans lebt. Blieb dieser nur dort, um zu beten? Im Vatikan leben andere, zum Beispiel der Oppositionsführer gegen Franziskus Tarcisio Bertone , die rechte Hand von Inquisitor-Ratzinger und von Ratzinger-Benedikt XVI [11]. Drittens: Franziskus befindet sich in einem historisch schwierigen Moment mit wenig Sympathie gegenüber der katholischen Kirche und den Religionen. Johannes XXIII – ebenfalls ein grosser Reformpapst - hatte es einfacher, was das allgemeine gesellschaftlich-politische Umfeld anbelangte. Er schoss ein Traumtor gegen die superkonservative Kurie mit der Einberufung des 2. Vatikanischen Konzils, obwohl er wohl von Fussball nichts verstand. Franziskus versteht zwar etwas von Fussball, aber es wird schwer für ihn, sein Traumtor schiessen zu können.

Carmiña Navia: Mich persönlich haben die kirchlichen Kämpfe gegen die Rechten nicht sehr betroffen, dagegen aber die inneren Kämpfe, welche sich im Sektor der linken Christen abspielten. Ich glaube, dass die offiziellen Kirchenverlautbarungen das Alltagsleben der Gläubigen wenig beeinflussen, was eigentlich so sein sollte, denn evangelische Nachfolge ist eine Sache, eine ganz andere sind die kirchlichen „Befehle“, denen sehr oft die Bodenhaftung fehlen.

Auf der anderen Seite als Frau fühle ich mich durch Papst Franziskus nicht repräsentiert. Er wird ein grösseres Engagement mit den Armen fördern ebenso mehr kirchliche Einfachheit. Aber er wird nicht wirklich an den patriarchalen Strukturen der Kirche rütteln, ebensowenig wird er die Gleichstellung der Frau einfordern. Er wird auch nicht die diskriminierende Sexualmoral der Kirche antasten. Und dies sind alles wichtige Themen für die Frauen und generell für das Leben der Gläubigen.

Wird es einen neuen Frühling für die Kirche der Armen durch Franziskus in Kolumbien und Lateinamerika geben?

Héctor Torres: Darauf gibt es keine einfache Antwort, wenn wir das bisher Gesagte mitbedenken. Papst Franziskus hat ein positives Aufatmen bewirkt, vor allem für die Sektoren der Kirchen in Lateinamerika, welche sich in der Perspektive der Kirche der Armen besser entwickelt haben, wie in Brasilien. In anderen Ländern war diese Kirche eine Minderheitenkirche, unterdrückt, obwohl es sehr fortschrittliche Bischöfe gab wie in Mexiko, Chile, Peru…..die Bischofsgeneration des Konzils und von Medellín ist verschwunden.

Papst Franziskus bewirkt ein Aufatmen, aber nicht mehr, denn die meisten Bischöfe teilen nicht seine Linie. Wenn es so wäre, würde ein heftiger Wind in unseren Kirchen wehen, dann würden wir einen Frühling erleben. Aber dem ist nicht so. Zur Zeit bleibt alles beim Alten. Nach anderthalb Jahren zeichnet sich keine Morgendämmerung ab. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, in verschiedenen Dörfern und Städten in die Kirchen zu gehen und Messen oder Gottesdienste zu besuchen. Überall die immer ewig gleiche Routine. Es werden „Messen gelesen“ aber keine Eucharistie gefeiert.

In diesen postmodernen Zeiten findet weltweit ein Exodus aus den traditionellen Kirchen statt. Agnostizismus, Atheismus und Indifferenz machen sich breit. Bei uns in Lateinamerika steigt aber die Zahl der „Christen“, das heisst der Mitglieder von neuen Kirchen, die teilweise als Familienunternehmen funktionieren, regierungstreu sind, fern von der sozio-politischen Realität der Armen, eine wortgetreue Bibellektüre betreiben mit einer präkarisierten Theologie und einer vor-modernen Moral.

Carmiña Navia: Das hängt sehr davon ab, was wir „Kirche der Armen“ nennen. Zur Zeit gibt es keine starke Bewegung der Basisgemeinden mehr, welche sich politisch in die sozialen Bewegungen für eine Befreiung Lateinamerikas oder Kolumbiens eingeschrieben haben.

Es gibt aber viele Gruppen, Kreise und Bewegungen inspiriert durch: lebens- und realitätsnahe Bibellektüre, ethnische Theologie, feministische Theologie, Befreiungstheologie...sie alle leben und fördern die Option für die Unterprivilegierten, für die Ausgestossenen. Diese Gruppen ziehen meist aus den Kirchen aus oder bewegen sich an ihren Rändern. Sie sind unbedeutend, ohne grosse Auswirkungen auf die Makrostrukturen, aber wichtig für den sozialen Zusammenhalt. Diese Gruppen gehen ihren Weg weiter und werden ab und zu auch durch päpstliches Verhalten oder Verlautbarungen unterstützt und ermuntert, was bei den nationalen Bischofskonferenzen selten der Fall ist und sich nicht in konkrete Praxis umsetzt.

Auf alle Fälle kann man nicht bestreiten, dass das Pontifikat von Franziskus hoffnungsvollen Wind gebracht hat und dies ist allemal gut. Die Zukunft ist offen.

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[1] Vgl. http://www.kav-wien.at/archiv/item/10-sebastian-pittl-der-katakombenpakt-das-vegessene-erbe-des-ii-vatikanischen-konzils ; Text Katakombenpakt: http://www.pro-konzil.de/?p=140

[2] http://www.katholisch.de/media/weltkirche_medien_1/weltkirche_dokumente/Kirche_der_Armen_-_Erfolge_und_Rueckschlaege_-_Sobrino_in_Concilium_12013.pdf  S. 84ff

[3] http://www.vatican.va/holy_father/paul_vi/encyclicals/documents/hf_p-vi_enc_26031967_populorum_ge.html Abschnitt 31

[4] zur Freundschaft mit Gutiérrez:http://www.banrepcultural.org/blaavirtual/biografias/camilo-torres-restrepo ; Biographie Torres: vgl. http://www.banrepcultural.org/blaavirtual/biografias/camilo-torres-restrepo

[5] vgl: http://www.iupax.at/index.php/liste-soziallehre/147-1968-celam-medellin-kirche-in-der-gegenwaertigen-umwandlung-lateinamerikas-im-lichte-des-konzils.html

[6] Ernesto Cardenal: Das Evangelium der Bauern von Solentiname; Gespräche über das Leben Jesu in Lateinamerika, Wuppertal 1980

[7] Iglesia de los Pobres, Bogota 2013, S. 223ff; zu Hildegard Feldmann: http://evangelizadorasdelosapostoles.wordpress.com/2010/09/07/martirio-de-hildegard-feldmann 

[8] vgl. http://de.radiovaticana.va/news/2013/07/08/papstpredigt_auf_lampedusa:_%E2%80%9Ewo_ist_dein_bruder%E2%80%9C/ted-708497

[9] http://w2.vatican.va/content/francesco/de/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20131124_evangelii-gaudium.html Nr. 53/54

[10] Papst Franziskus rehabilitierte in diesen Tagen den nicaraguanischen Priester und späteren Aussenminister Miguel d’Escoto, der von Johannes Paul II wegen seines Einsatzes als Sandinist gegen den Diktator Somoza für die Befreiung des Landes kämpfte. D’Escoto war unter den Sandinisten Aussenminister und von 2008-09 Präsident der UNO. vgl. http://infocatolica.com/?t=noticia&cod=21576

[11] Franziskus schickte Tarcisio Bertone in Pension. Diese wird er in einem speziell gebauten 700 Quadratmeter grossen Alterssitz im Vatikan – zehn Mal so groß wie das Papst-Domizil – geniessen und sich seinem Hobby widmen: Fussball schauen und intrigieren.

Frühling für Kolumbiens Kirche der Armen in franziskanischen Zeiten?

Aktuell

08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

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www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com