02/24/14

Ein Ort, an dem man sich eine andere Welt erträumen kann

24.02.2014 | Von Bruno Rütsche

Das Kultur- und Begegnungszentrum El Chontaduro im Distrikt Aguablanca der 3 Mio. Stadt Cali versucht seit seiner Gründung im Jahr 1986 gemeinsam mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen neue Lebensperspektiven und Alternativen zur Gewalt aufzuzeigen und einen Weg zur Veränderung der Gesellschaft in eine menschlichere, gerechtere und von gegenseitigem Respekt und Würde geprägten Gemeinschaft aufzuzeigen. Dabei setzt der Chontaduro ganz auf die kulturelle Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Die ask hat Vicenta Moreno, die Leiterin des Kultur- und Begegnungszentrums El Chontaduro, anlässlich ihres Besuches in Deutschland und in der Schweiz getroffen und mit ihr gesprochen.

Vicenta, wie ist das Kultur- und Begegnungszentrum El Chontaduro entstanden und wie hat es sich entwickelt?
Das Kultur- und Begegnungszentrum El Chontaduro wurde 1985 aufgebaut und hat seine Arbeit offiziell im Jahr 1986 aufgenommen. Ich selber kam 1988 zum Chontaduro. Das Zentrum entstand, um Gemeinschaft zu bilden, denn in dieser Zeit waren diese Viertel im Distrikt Aguablanca erst im Entstehen begriffen. Die meisten Bewohner/-innen kamen als Vertriebene hierher, viele vom Land, aber viele auch aus anderen Gebieten der Stadt, weil sie unter völlig unmenschlichen Bedingungen lebten, ihre Miete nicht mehr bezahlen konnten und dort, wo sie wohnten, keine Lebensperspektiven mehr sahen. Der Chontaduro beginnt seine Arbeit, um diese Menschen bei dem Aufbau zu begleiten und so dazu beizutragen, dass zwischen diesen Neuankömmlingen auch Gemeinschaft entstehen kann. Denn es gab zu dieser Zeit – Mitte der 1980er Jahre – keinerlei gemeinschaftsbildende Zentren im Distrikt, keine Schulen, keine Bibliotheken, nichts. Der Chontaduro schuf eine Möglichkeit, sich zu treffen, sich zu organisieren und auch seine eigene Herkunft und Identität zu stärken, denn die Stadt als solches stand diesen Menschen, die aus anderen Landesteilen kamen, ablehnend, ja feindselig gegenüber. Der Chontaduro ermöglichte den Menschen, sich nach ihren hergebrachten kulturellen Formen, ihren Gewohnheiten und ihren Auffassungen zu organisieren und so Fuss zu fassen, anzukommen. Es war ein gleichzeitiger Prozess des Neuanfangs und der Wiederfindung der eigenen Identität unter veränderten Bedingungen.

Wie sieht die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung im Distrikt Aguablanca aus?
Rund 80% der Bevölkerung sind Nachkommen afrikanischer Sklaven, Afrodescentientes. Die meisten von ihnen kommen ursprünglich von der Pazifikküste. Die restlichen 20% der Bevölkerung sind Mestizen und es gibt eine kleine Gruppe von Indigenen.

Wie muss man sich diese Viertel vorstellen, in denen ihr arbeitet? Wovon leben die Menschen? Gibt es heute Schulen, Grünzonen, Gemeinschaftszentren. Gibt es eine soziale Infrastruktur?
Zu Beginn gab es keine Schulen, nichts. Dann wurde ganz in der Nähe des Chontaduro eine öffentliche Schule errichtet und es ist in diesen Vierteln bis heute die einzige öffentliche Schule geblieben. Es gibt einige Grün- oder Erholungszonen, doch diese sind schlecht genutzt, denn sie sind Treffpunkte von Kleindelinquenten und Banden. So stehen sie der Bevölkerung nicht zur Verfügung.
Die meisten Menschen arbeiten im informellen Sektor, d.h. sie haben keine geregelte Arbeit, keine Arbeitsverträge und damit auch keinen Zugang zu Sozialleistungen. Es gibt in unserer Nähe auch einige Viertel, wo die Leute keinerlei Zugang zu einer einigermassen würdigen Behausung oder zu Arbeit haben und wirklich Hunger leiden.

 Die physische Struktur des Sektors hat sich im Laufe dieser fast 30 Jahre stark verändert. Waren es zuerst Behausungen aus Brettern oder Bambus mit einfachen Lehmwänden, so sind heute die meisten Häuser aus rohen Backsteinen und die Leute haben meist in Gemeinschaftsarbeit die Wasserversorgung und die Abwasserentsorgung erstellt und die Strassen zementiert. Heute haben wir eine „offizielle“ Wasser- und Stromversorgung.
Die meisten Menschen sind heute auch Besitzer ihres Hauses. Dies nach einem langen Prozess der Legalisierung, denn sie hatten diese Grundstücke – es war Brachland, auf dem Hirse und Mais angebaut worden war – besetzt und besiedelt, ohne über Besitzurkunden zu verfügen. Diese Verbesserung der Situation führt aber auch dazu, dass die Steuern und die Preise für Wasser und Energie steigen. Dies hat zur Folge, dass einige Familien diese Viertel verlassen müssen, weil sie die gestiegenen Kosten nicht mehr bezahlen können. Sie werden einmal mehr zu Armutsvertriebenen.

Vicenta, du hast öfters erwähnt, dass die Menschen von informeller Arbeit leben. Eine Form der informellen Arbeit ist auch der Verkauf von Chontaduro, von dem viele Frauen leben. Warum habt ihr dem Kultur- und Begegnungszentrum den Namen „El Chontaduro“ gegeben?
Tatsächlich wurde dieser Name bewusst ausgewählt in Anerkennung der Frauen und Mütter, die mit dem Verkauf von Chontaduro ihre Familien über Wasser hielten und halten. Zudem ist es eine Frucht, die von der Pazifikküste kommt, woher auch der grösste Teil der Bevölkerung dieser Viertel ursprünglich stammt. Der Chontaduro hat so auch eine symbolische Bedeutung und steht für Herkunft, Identität, für kulturelle Zugehörigkeit und für den Überlebenswillen der Bevölkerung.

Was für Aktivitäten realisiert die Equipe des Chontaduro? Was bietet ihr der Bevölkerung an? Und wie ist die Equipe des Chontaduro zusammengesetzt, sind dies professionelle Angestellte oder freiwillige Mitarbeitende?
Der Chontaduro wird von einer Equipe von 16 Personen geleitet, davon sind zwei vollzeitlich Angestellte. Alle anderen arbeiten teilzeitlich und freiwillig mit. Sie erhalten eine kleine, eher symbolische Entschädigung, sind aber Teil der Equipe.
Wir machen vor allem kulturelle und künstlerische Angebote. Es gibt Tanz-, Theater- und Musikgruppen, darunter auch eine, welche andine Musik macht, da es uns wichtig ist, dass die indigene Minderheit sich auch im Chontaduro willkommen und vertreten fühlt. Dann gibt es Lese- und Schreibgruppen, Gruppen, die sich mit bildnerischer Gestaltung beschäftigen, Märchenerzählstunden, Aufgabenhilfe durch angehende Lehrerinnen und Lehrer, stufengerechte Einführung in PC und Internet, Veranstaltungen zu aktuellen Themen wie Drogen, Gewalt, Menschenrechte. Wir führen auch Kreativferien für Kinder und Jugendliche durch, die wir teilweise auch auf einem nahe der Stadt gelegenen Bauernhof verbringen. Dann gehört auch die Kulturwoche fest zu unserem Programm, nebst vielen weiteren Aktivitäten.

Warum setzt ihr so auf die Kultur und dies in einem Sektor, wo ja oft das Allernotwendigste fehlt? Wo die Leute doch viel dringendere Bedürfnisse wie Arbeit, Bildung, Gesundheit, Wohnen, etc. haben?
Wir setzen auf die Kultur, weil wir glauben und überzeugt davon sind, dass es eine Möglichkeit ist, mit den Menschen sehr enge, horizontale Beziehungen aufzubauen, d.h. Beziehung von Gleich zu Gleich, ohne Machtgefälle und Hierarchien. Wir verstehen die Theater-, Tanz- und Musikgruppen als eine Form kollektiven Arbeitens, eines gemeinschaftlichen Schaffungsprozesses und eine Form der Bewusstseinsbildung. In den Theaterstücken geht es um unsere Situation in diesen Vierteln, um unser Leben. Es geht darum, mittels Theater unserer Situation bewusst zu werden, sie darzustellen und daraus auch Alternativen und neue Möglichkeiten zu entwickeln.
Wir betrachten die kulturelle Arbeit als eine Möglichkeit sich selber, die Gemeinschaft und auch das Umfeld zu verändern, also die Lebensbedingungen zu verändern. Wir sehen Kultur als einen Prozess der Transformation. Zudem ist uns diese Beziehung von Gleich zu Gleich sehr wichtig. Wir sehen uns nicht als „Lehrende“: In der kulturellen Arbeit sind wir alle gefragt, gefordert, alle können und sollen mitdenken, mitarbeiten und gemeinsam – und nur gemeinsam – schaffen wir Neues. Wir sind dabei Förderer, Unterstützer, Helfende, immer aber auch Zuhörende und Lernende.
Die kulturelle Arbeit signalisiert allen bewaffneten Gruppen auch, dass wir den Weg der Gewalt ablehnen und uns für einen Weg für die Veränderung entschieden haben, der über die Gewaltfreiheit und Kreativität führt.

Vielleicht ist es hier wichtig, dass du etwas über die Situation der Gewalt in den Vierteln berichtest, denn du hast schon mehrmals erwähnt, dass es bewaffnete Banden gibt, welche z.B. auch durch ihre Präsenz die Nutzung von Erholungszonen verhindern.
Ich möchte hier, wenn wir über Gewalt sprechen, etwas ausholen. Es gibt eine Form der Gewalt, die vom Staat selber geschaffen ist und die strukturellen Charakter hat: Der Ausschluss eines grossen Teils der Bevölkerung. Diese Menschen haben keinen Zugang zu Bildung, zu einer geregelten Arbeit und menschenwürdigen Lebensbedingungen. In dieser Verzweiflung wählen die Menschen manchmal „Lösungen“, die ihnen einen Ausweg aus diesem Elend versprechen, z.B. Drogen zu verkaufen. Zudem ist ein Grossteil der Bevölkerung selber Opfer von Gewalt geworden, sei es durch gewaltsame Vertreibung im Rahmen kriegerischer Auseinandersetzungen oder durch andere Formen direkter Gewalt oder durch Armut und Verelendung.
Im Moment kommen in unseren Vierteln verschiedene Gewaltformen zusammen: Drogenhandel; zurückgekehrte, ehemalige Paramilitärs oder Guerilleros; gewöhnliche Kriminelle und neuerdings gibt es auch sog. „oficinas de sicariato“, das sind eigentliche Vermittlungsbüros für Auftragsmörder. Alle diese bewaffneten Akteure haben es vor allem auf die Rekrutierung von Jugendlichen abgesehen, oder sogar von Kindern. Bereits 9-Jährige sind Ziel ihrer Rekrutierungen. Der Staat reagiert auf diese Situation nicht, oder nur mit Gewalt. Jugendliche werden aus der Sicht des Staates zu Generalverdächtigen. Es wird quasi zum Delikt, Jugendlicher oder Jugendliche zu sein. Und so sterben viele Jugendliche im Kreuzfeuer von Gewalt und gewalttätiger staatlicher Repression, ohne dass sie selber wirklich eine Schuld trifft.  

Hat dies Auswirkungen auf die Arbeit des Chontaduro? Wird eure Arbeit durch diese Situation der Gewalt in Mitleidenschaft gezogen?
Klar sind wir durch diese Gewalt betroffen, denn die meisten von uns leben ja auch in diesen Vierteln. Diese Situation kann uns nicht gleichgültig lassen, denn wir möchten ja Lebensalternativen und Lebensperspektiven aufbauen. Diese Situation des Todes ist für uns eine enorme Herausforderung, um Wege zu finden, Kindern und Jugendlichen Angebote zu machen und Möglichkeiten aufzuzeigen, damit sie diesen Rekrutierungsversuchen widerstehen können. Wir möchten ihnen helfen, sich zu organisieren und Alternativen zu schaffen.
Ich muss aber auch anerkennen, dass der Chontaduro bisher von allen bewaffneten Gruppen respektiert worden ist. Wir arbeiten auch Strategien aus, wie wir uns in dieser Situation verhalten sollen. So arbeiten wir bewusst mit den betroffenen Müttern und versuchen in Bezug auf die Jugendlichen vor allem Präventionsarbeit zu machen. Mit den gewalttätigen Jugendlichen direkt arbeiten wir nicht. Aber es gibt insofern Kontakte zu ihnen, dass wir mit ihnen und ihren Familien reden. Aber diese Kontakte finden immer ausserhalb des Chontaduro statt.

Gab es auch Versuche von bewaffneten Gruppen, Einfluss auf den Chontaduro zu nehmen oder sich diesen Raum „einzuverleiben“?
Nein, alle bewaffneten Akteure haben bisher den Chontaduro respektiert. Ja, ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass sie ihn sogar in gewisser Weise „geschützt“ haben. Damit meine ich, dass Mitglieder von bewaffneten Gruppen bewusst nicht in den Chontaduro kommen, um ihm keinen Schaden zuzufügen. Sie wissen, dass wir ihren Weg nicht teilen. Sie wissen aber auch, dass wir sie – trotz allem – als Menschen respektieren. Wir machen die gewalttätigen Jugendlichen nicht allein als die Schuldigen für die Gewalt verantwortlich. Sie wissen auch, dass wir sie als Menschen achten, auch wenn wir ihre Taten ablehnen. Zudem sind teilweise auch Familienangehörige dieser Jugendlichen Teil des Chontaduro. Uns geht es auch darum, diese Familienmitglieder – auch hier wiederum vor allem die Frauen und Mütter – mit dieser schweren Last nicht allein zu lassen. Wir haben dazu im November im Rahmen der Kulturwoche einen Gedenkabend für all die Ermordeten – aus welchen Gründen auch immer –  mit dem Titel durchgeführt. Wir haben Fotos aller getöteten Jugendlichen aufgehängt und damit klar gemacht, dass hier Menschen getötet wurden und mit ihrem Tod auch die Familien leiden und oft mit ihrem Leiden und ihren Gefühlen von Scham, Schuld und Ohnmacht allein gelassen werden. Wir wollten ihnen zeigen, dass der Chontaduro ihrem Leid gegenüber nicht gleichgültig ist und ihnen einen Raum für die Trauer in Würde anbieten. Der Abend stiess auf ein breites Echo und wir haben viele positive Rückmeldungen dazu erhalten.

Ihr arbeitet auch mit Frauen, die praktisch Analphabetinnen sind. Es gibt Lese- und Schreibgruppen von Frauen. Was kannst du darüber berichten?
Die Frauen sind immer die ersten, die beim Arbeiten erscheinen. Sie sind auch für die Erziehung verantwortlich und es sind auch die Mütter, die vor allem vom Tod ihrer Jugendlichen betroffen sind.
Die Frauen tragen eine grosse Last. Aufgrund dieser Belastung, die Mädchen schon in frühen Jahren übernehmen müssen, können viele Frauen die Schule nicht abschliessen. Sehr viele Frauen haben selber auch äusserst schwierige Situationen erlebt wie Gewalt, Vergewaltigung oder dauernde Erniedrigungen, worüber sie selber aber nicht sprechen können. Diese Frauengruppen sind für diese Frauen und Mütter ein Raum, um Vertrauen aufbauen zu können, sich auszusprechen, so dass eine Katharsis geschehen kann. Und auch hier geht es darum, die Vergangenheit, das Geschehene, das Erlittene, all die Verletzungen aufzuarbeiten, mit anderen zu teilen, um wieder in die Zukunft schauen zu können, neue Wege, Alternativen und neuen Lebenswillen finden zu können. Das ist eine sehr schöne Arbeit, denn viele Frauen können so ihre Selbstachtung und ihr Selbstwertgefühl neu aufbauen. Sie merken, dass auch sie zählen, dass sie als Person auch wichtig sind, dass sie Rechte haben und diese einfordern können. Das macht sie stark.
Wir haben ein Buch mit den Geschichten dieser Frauen herausgegeben. Sie erzählen darin ihre Lebensgeschichten aus ihrer Perspektive, ihren Widerstand gegenüber all den schwierigen Situationen. Wir wollten mit der Herausgabe dieses Buches auch zeigen, dass diese Frauen und Mütter nicht einfach da sind, um die Bedürfnisse der Familie zu befriedigen, in fremden Haushalten als Hilfe oder als „fliegende Verkäuferinnen“ zu arbeiten, sondern eine Würde haben und Respekt verdienen. Ihre grossen Leistungen für die Gemeinschaft sollen so auch wertgeschätzt und gewürdigt werden. Für diese Frauen war die Herausgabe dieses Buches ein sehr bewegender Moment.

In der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist die Stabilität immer ein Problem. Wie sieht dies in der Arbeit des Chontaduro aus? Fühlen sich die Kinder und Jugendlichen dem Chontaduro zugehörig, als Teil von ihm? Oder gibt es viel Fluktuation?
Es gibt eine grosse Stabilität. Wir glauben, dass dies daher kommt, dass wir nicht nur zulassen, sondern wirklich und ernsthaft Kinder und Jugendliche einladen, sich selber einzubringen und auf sie und ihre Vorschläge eingehen, sie ernst nehmen. Wie ich schon gesagt habe, wir sehen uns nicht als „Lehrende“, sondern als Mit-Konstrukteurinnen und Mit-Konstrukteure. Viele werden Teil des Chontaduro. Viele gehen aber auch. Dies kann verschiedene Gründe haben: Weil die Familie wegzieht oder wegziehen muss; weil sie arbeiten gehen müssen; weil sie von bewaffneten Gruppen rekrutiert werden und vieles mehr. Eine grosse Zahl ist aber sehr konstant.
Von der jetzigen Equipe des Chontaduro sind praktisch alle aus der Arbeit des Chontaduro hervorgegangen, d.h. sie haben als Kinder und/oder Jugendliche selber an den Aktivitäten teilgenommen und nehmen heute eine Leitungsaufgabe wahr. Der Chontaduro ist daher auch eine Art von „Kaderschmiede“ oder „Führungsschule“, wenn man das so bezeichnen darf, denn Einkommen haben die Jugendlichen ja durch diese Arbeit nicht. Aber die Arbeit gibt ihnen Befriedigung und das Gefühl, selber etwas für die Gemeinschaft tun zu können, selber Konstrukteure der Zukunft zu sein. Andere Jugendliche wiederum haben eine Zeit lang im Chontaduro als Freiwillige mitgearbeitet, sind dann aber weggezogen und sind heute zum Teil in ähnlichen Prozessen an anderen Orten aktiv.

Welches würdest du als die grössten Herausforderungen für den Chontaduro in der näheren Zukunft bezeichnen?
Die grösste Herausforderung sehe ich im Aufbau einer politischen Perspektive. Wir verstehen uns als politischen Akteur, aber wir sind in dieser Beziehung sehr schüchtern und zurückhaltend. Ich glaube, es geht darum, dieses herrschende System, das so viele Leute ausschliesst und dem Elend und der Perspektivenlosigkeit mit all ihren Folgen überlässt, viel direkter in Frage zu stellen. Es ist wichtig, dass unsere Stadtviertel merken, dass eine positive Veränderung möglich ist und dafür ist auch politischer Druck notwendig. Die Organisationen und die Menschen sollen sich auch als politische Subjekte stärken.
Eine weitere Herausforderung sehe ich darin, weiter Netzwerke auf Gemeinde-, Departements-, nationaler- und internationaler Ebene zu bilden oder bestehende Netzwerke zu stärken.

Welchen Netzwerken gehört der Chontaduro an?
Wir sind Teil verschiedener Netzwerke, so gehören wir auf nationaler Ebene dem „Netzwerk der Volksbildner“ an, auf Gemeindeebene dem Netzwerk „ROL – Colectivo“. Diesem gehören verschiedene Sektoren der Stadt Cali an. Im Rahmen von ROL verhandeln wir gemeinsam mit den politischen Behörden der Stadt, fordern ihnen gegenüber unsere Rechte ein und erinnern sie auch an ihre Pflichten. Es ist sehr schwierig, mit staatlichen Behörden zu verhandeln, denn sie haben eine völlig andere Dynamik und wollen uns stets für sich instrumentalisieren. Es ist wichtig, ihnen gegenüber gemeinsam aufzutreten und unsere Rechte geltend zu machen und nicht so sehr als Bittstellende zu erscheinen. Daneben sind wir Teil des Frauennetzwerkes „Red de Mujeres del Oriente“ (Frauennetzwerk des Ostens [von Cali]) und vom „Red de Palenques Urbanos“, welches ein Zusammenschluss von Organisationen von Afrodescentientes ist, welcher sich für die Rechte der Schwarzen in den Städten stark macht. Denn obwohl Cali in Lateinamerika die Stadt mit dem zweitgrössten Anteil an Afrodescentientes ist, gibt es hier sehr viel Rassismus. Du siehst, es gibt noch viel zu tun!

Vicenta, vielen herzlichen Dank für das Gespräch und viel Kraft, Mut und Ausdauer für eure wichtige Arbeit!

Der Chontaduro hat eine Webseite: http://casaculturalelchontaduro.wordpress.com/

Zudem ist bei YouTube unter www.youtube.com/wach?v=WukE7nhv ein Video mit deutschen Untertiteln über das 25-jährige Bestehen des Chontaduro zu sehen, sowie einige andere kleine Filme über ihre Aktivitäten.

El Chontaduro
Der Chontaduro ist eine sehr ölhaltige Frucht der rund 20 Meter hohen, äusserst stachligen Chonta-Palme (dt.Pfirsichpalme). Aus der gleichen Palme wird auch Palmherz gewonnen. Die Frucht muss sehr lange gekocht werden. Sie ist sehr reich an Nährstoffen und Vitaminen. Sie wächst in Kolumbien an der Pazifikküste, ist aber auch in anderen lateinamerikanischen Ländern heimisch.

In diesem Bericht wird Chontaduro synonym für das Kultur- und Begegnungszentrum, aber auch für die Leitungsequipe des Zentrums verwendet.

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

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www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com