10/10/13

Goldrausch in Segovia: Massaker, Staatsbetrug und satte Gewinne für Kolumbiens Politiqueria

10.10.2013 | von Peter Stirnimann
Beerdigung der 46 Ermordeten

Im Gedenken an die Massaker-Opfer vor 25 Jahren in Segovia

Am 11. November 1988 kurz nach 18.40 Uhr kreuzen im Stadtkern von Segovia drei Offroader auf. Darin sitzen schwerbewaffnete Männer. Innerhalb einer guten Stunde bringen sie anhand von Personenlisten 46 Personen zum Teil in ihren Häusern um und lassen über 60 Personen verletzt liegen. Dieses paramilitärische Massaker mit der Polizei und dem Militär koordiniert, ist nur eine Station auf dem langen Kreuzweg einer Goldminenregion, der bis heute andauert und sich zur Zeit im erneuten Goldrausch in El Dorado zuspitzt. [1]

Das Blutbad von Segovia im Nordwesten des Departements Antioquia steht am Anfang des politischen Genozids an der linken Union Patriótica, bei welchem mehr als 3000 AnhängerInnen den gewaltsamen Tod fanden. Dabei ging es – wie Segovia zeigt - nicht nur um unterschiedliche politische Konzepte, sondern ganz wesentlich um finanzielle Pfründe. „In diesen Jahren, wurde in den Minen von Segovia 94% des kolumbianischen Goldes abgebaut. Dieser Reichtum hat aber unserer Region keine wirkliche Entwicklung gebracht, um die Basisbedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Wir haben nichts bemerkt von dem vielen Geld, wussten aber, dass es die Geldbeutel der Liberalen füllte, speziell derjenige von César Pérez...Die Lizenzgebühren an die Gemeinde für den Goldabbau waren immens. Zum Vergleich: damals war der Minimallohn 18'500 Pesos. Monatlich erhielt die Gemeinde 3 Millionen. Davon verschwanden 90% in den Taschen der Liberalen,“ sagt die damalige Gemeindepräsidentin Rita Tobón der Linkspartei Union Patriótica. Diese Partei entstand im Friedensprozess zwischen den FARC und Präsident Belisario Betancur. Sie trat als linke Opposition an, um eine demokratische Alternative zur politischen Misswirtschaft und Kriminalität der traditionellen Parteien aufzubauen. Rita Tobón wurde im März 1988 als erste Frau der UP trotz vieler Drohungen in Segovia zur Gemeindepräsidentin gewählt. Wie durch ein Wunder hat sie das Massaker heil überlebt, musste darauf aber sofort ins europäische Exil flüchten, wo sie bis heute geblieben ist. Das Trauma des Massakers vom November 1988 belastet sie bis heute. [2]

Die historische und juristische Aufarbeitung der Wahrheit über das Massaker von 1988 hat sowohl zur Verurteilung des intellektuellen wie der materiellen Täter geführt. César Pérez wurde am 15. Mai 2013 zu 30 Jahren Gefängnis als intellektueller Verantwortlicher des Massakers verurteilt, nachdem er 25 Jahre seine kriminelle Energie beinahe frei ausleben konnte[3]. Er war während 20 Jahren  Parlamentarier, ebenfalls Departementsabgeordneter und Rektor der landesweit präsenten Universität Cooperativa. 1994 verlor er seinen Parlamentsposten wegen Korruption und 2010 wurde er zu 8 Jahren Hausarrest wegen schlechter Buchführung als Präsident der Departementskammer von Antioquia verurteilt.

Das paramilitärische Mordkommando, welches César Pérez organisierte, bestand aus den Paramilitärchefs Fidel Castaño, Henry de Jesús Pérez sowie alias Negro Vladimir und der Gruppe MNR (Muerte a Revolucionarios del Nordeste – Tod den Revolutionären im Nordosten). Alles lief in engster Zusammenarbeit mit der Polizei und dem Militär ab. Diese zogen am Tag des Geschehens ihr Personal aus der Stadt zurück und kappten die Telefonleitungen. Am Vortag wurde ein Journalist des RCN in der Militärkaserne von Segovia empfangen. Dort erhielt er die Instruktion, anderntags die Information zu verbreiten, dass das Massaker von der FARC-Guerilla vollstreckt wurde. Vermutungen, dass Paramilitärs hinter dem Massaker stünden, wies der Kommandant des Bataillon Bomboná zurück. Er schrieb an die Gerichtsinstanzen von Segovia, es sei eine Attacke der Banditen der FARC und des ELN gewesen. Sie hätten auch die Polizeistation angegriffen. “Man wählte anerkannte politische Personen der Liberalen Partei und deren Sympathisanten aus wie auch ein paar der Konservativen Partei. Unter den Opfern befand sich keine einzige Führungsperson der extremen Linken, nur ein Sympathisant der UP.”[4]

Am Tag danach sah die Gemeindepräsidentin Rita Tobón, dass Polizisten Löcher in die Wand der Polizeistation machten, um zu zeigen, dass es ein Angriff der Guerillas war. Sie fotografierte, um zu beweisen, was geschehen war. Ihre Fotos und andere Beweise verschwanden aber aus den Gerichtsakten. Zeugen, welche aussagten, wurden oft ermordet. Die Gerichtsinstanzen leiteten ihre Namen an die Mörder weiter. Hilfe von regionalen und nationalen Instanzen erhielten sie weder am Tag des Geschehens, noch nachher. “Wir konnten nichts machen. Der Schmerz, die Ohnmacht, die Einsamkeit, die Abwesenheit des Rechts waren und sind gross. Bis heute finde ich dazu keine Worte, “ sagte Rita Tobon in einem eindrücklichen Interview.[5] Das Massaker von 1988 war nur eine Station auf dem Kreuzweg der BewohnerInnen von Segovia. Sie mussten bitter erfahren, dass nicht alles Gold ist was glänzt, auch wenn es um das Gold aus den Minen der eigenen Region geht.

Der Fall Frontino Gold Mines: ein Jonglierkunststück eines betrügerischen Staates [6]

Das Jonglierkunststück begann in den 50-iger Jahren, als die britische Frontino Gold Mines FGM ihre Schürfrechte, die sie seit 1864 besass, an die amerikanische International Mining Company IMC verkaufte, wegen zu hohen Steuerbelastungen in Grossbritannien[7]. 1977 ging IMC in Konkurs, weil die Goldpreise zu tief waren und sie die Renten von 430 Pensionierten nicht zahlen konnten. Es wurde ein Konkursverwalter für ein Jahr eingesetzt. Ziel war es, die IMC zu liquidieren und einen Pensionskassenfond aufzubauen. In der Liquidationsvereinbarung, welche in New York notariell unterzeichnet wurde, vereinbarte man, dass das ganze Vermögen der IMC (offene Rentenzahlungen) an die ArbeiterInnen und RentnerInnen geht. Kurz: die Minen sollten in den Besitz der ArbeiterInnen und RentnerInnen anstelle der geschuldeten Leistungen übergehen.

Diese Urkunde verschwand in den Aktenschränken der Firmenaufsichtsbehörden, bis im Jahr 2000 die Arbeiterschaft in deren Archiv die Unterlagen ausgruben. Trotz dieser Entdeckung und der Forderung der Arbeiter, ihnen die Minen zu überschreiben, geschah bis September 2004 nichts. Die drei Gross-Minen (El Silencio, Sandras K, Providencia) sowie Kleinminen wurden weiter betrieben, unter anderem auch durch die Paramilitärs des Bloque Central Bolívar unter Führung von Macaco[8]. Sie produzierten, laut Buchhaltung seit 1977 in 27 Jahren 1'173'078 Feinunzen Gold [9], was 36’486.80 kg Gold - 112.61 kg monatlich - entspricht. Rechenschaft durch den Konkursverwalter, wohin das Geld in all den Jahren floss, gibt es keine. Auch der Pensionskassenfond wurde nie aufgestockt und à jour gebracht. Die Firmenaufsichtsbehörde kam ihrer Pflicht in keiner Weise nach.

2004 nahm sich der damalige Präsident Uribe dem Problem an. Die Liquidation musste raschmöglichst vollzogen werden. Der Goldpreis war im Steigen begriffen. Ausländische Investoren belagerten den Präsidentenpalast in Bogota, um am kolumbianischen Goldboom teilhaben zu können. Die juristischen Jonglierkunststücke der Regierung Uribe und seiner Entourage folgten Schlag auf Schlag mit dem Ziel, die eigentlichen Besitzer der Minen, die MinenarbeiterInnen und RentnerInnen, auszutricksen, obwohl höchste Gerichte mehrmals bestätigten, dass die Vereinbarung von 1977 volle Gültigkeit hatte.

2010 wurde die Administration der Minen an Sandor Capital, eine Filiale von Medoro Ressources übergeben und eine Verkaufsabsicht an eine kanadische Firma über 200 Millionen US-Dollars unterzeichnet. Der abgemachte Preis kommt einem Geschenk gleich und garantiert nicht einmal, dass wenigstens die offenen Rentenschulden beglichen werden könnten.

250 Millionen US-Dollars bot dagegen die kanadische Samarium Group für eine zehnjährige Kooperation mit der Besitzerschaft (MinenarbeiterInnen), zusätzlich 100 Millionen für die Sanierung und Neutechnifizierung der Anlagen sowie für Infrastrukturverbesserungen in der Region. Diese Gegenofferte hatte keine Chance, gegenüber der kanadischen Konkurrentin Gran Colombia Gold, da sie nur eine Kooperation und kein Kauf darstellte. Der Konkursverwalter und die Firmenaufsichtsbehörde hätten dadurch ihre 3% Kaufbeteiligung verloren! Der Verkauf 2010 zum Schleuderpreis ging an Gran Colombia Gold, welche 2011 ihren Börsengang in Toronto feierte. Zuvorderst unter den feiernden Verwaltungsräten ein enger Freundeskreis von Ex-Präsident Uribe: Maria Consuelo Araujo, Verwaltungsrätin von Medoro, ehemalige Kultur- und Aussenministerin unter Uribe und heute CEO von Gran Colombia Gold; Mario Pacheco, Uribes Kampagnenleiter bei den Präsidentschaftswahlen; Hernán Martínez, Minen-Minister für das Minendepartement unter Uribe! Die betrogenen MinenarbeiterInnen waren mit unendlichen juristischen Jonglierkunststücken endgültig ausgetrickst. Am Ende sind sie aber noch nicht. Sie haben eine Forderung gegenüber dem Staat eingereicht zur Wiedergutmachung ihres erlittenen Schadens, zugefügt durch Fahrlässigkeit oder Unterlassung eines korrumpierten Staates. Ihre Forderung: 90 Milliarden US-Dollars. Weitere juristische Jonglierkunst ist nötig, um die geplanten Gewinne von Gran Colombia Gold für 2014 von ca. 238 Mio Franken ins Trockene zu bringen[10].

Währenddessen wurden Teile der Kleinminen von Segovia von Gran Colombia Gold an Dritte vergeben, oft an Strohmänner der Paramilitärs, die Macaco beerbten, der 2008 an die USA ausgeliefert wurde. Sie stehen aktuell in einem blutigen Erbstreit. Die Gewaltsituation in der Region verschlechtert sich, wie die Ombudsbehörden erklärten, denn täglich werden in der Region von Segovia weiter Menschen umgebracht im blutigen Krieg um das Gold. Auch Gran Colombia Gold wird für Gewaltanwendung denunziert [11].  Die Ausbeutung der Kleinminen wird ohne grosse Technologie vollzogen, was zu einem ökologischen Desaster vor allem durch Quecksilberverunreinigungen der Gewässer und der Luft führt. In der Region wurden negative Werte gemessen, die 1000 Mal so hoch sind wie erlaubt! Und die Behörden schauen ruhig zu!

Dass das meiste Gold, welches von Kolumbien in die Schweiz exportiert wird, aus dem Departement Antioquia kommt, worin sich die Minen von Segovia befinden, lässt wenig Zweifel offen, dass auch die Schweiz an der Verarbeitung von Konflikt- und Blutgold aus Segovia beteiligt ist. „Gleich vier Schweizer Raffinerien gehören zu den neun grössten der Welt. Ihre gemeinsame Kapazität in der Verarbeitung von Gold entspricht rund 2100 Tonnen und damit fast 50 Prozent des weltweit gehandelten Goldes.“ [12]Die ask! bleibt am Ball in dieser Frage, denn es gilt „unsere“ Multis an die Leine zu nehmen: KEIN BLUTGOLD AUS KOLUMBIEN !

Hinweis:
In der 5. Basler Kolumbien-Kulturwoche unter dem Titel: EL DORADO – Goldrausch gestern, heute, morgen (12.-16. November 2013) wird das Thema Gold und die Rolle der Schweiz im Goldgeschäft vertieft behandelt sowie viele weitere spannende Aspekte des Themas beleuchtet mit Lesungen, Gesang, Filmen (u.a. ein speziell produzierter Dokumentarfilm), Musik und einer Fiesta. Weitere Infos auf: www.askonline.ch/veranstaltungen

[1] Das Massaker wird in einer Studie des staatlichen Centro Memoria Historica detailliert dargestellt. Soweit nicht weiter angegeben gilt diese Studie als Grundlage über das Massaker. vgl. „Silenciar la democracia – las masacres de Remedios y Segovia 1982-1997“ unter:http://www.centrodememoriahistorica.gov.co/descargas/informes2011/informe_silenciar_la_democracia.pdf

[2]https://www.youtube.com/watch?v=yoG7dHGR4SE

[3] General Farouk Yanine Diaz, welcher am Massaker beteiligt war, konnte nicht seiner Komplizenschaft überführt werden, da er 2009 starb, währenddem ein juristisches Verfahren gegen ihn lief.

[4] vgl. http://www.centrodememoriahistorica.gov.co/descargas/informes2011/informe_silenciar_la_democracia.pdf S. 78

[5]https://www.youtube.com/watch?v=yoG7dHGR4SE, (46:50)

[6] Quellen: Ruben Dario Zapata: El caso de la FGM: Malabares de un Estadotramposo; Qué pasa con la Frontino Gold Mines en Segovia? (in www.periferiaprensa.org); http://www.grancolombiagold.com/files/doc_downloads/GCM_NI43-101_Technical_Report_Frontino_(June_9_2010).pdf ; http://www.derechos.org/nizkor/colombia/libros/nm/z14I/cap7.html

[7] Der erste Goldrausch in Nueva Granada (heute Kolumbien) fand in der Gegend von Segovia/Remedios 1594 statt, wo 2000 afrikanische Sklaven zum Goldwaschen verurteilt waren. Das Geschäft dauerte nicht lange. Erst in der neuen Republik Kolumbien gingen 1852 die ersten Rechte an Private. FGM ist seit 1864 in Segovia aktiv.

[8]Macaco war vor allem im Drogen- wie im Goldgeschäft tätig, wo er u.a. sein Drogengeld wusch. vgl. http://www.verdadabierta.com/victimarios/los-negocios/211-el-dorado-de-qmacacoq

[9]http://www.grancolombiagold.com/files/doc_downloads/GCM_NI43-101_Technical_Report_Frontino_(June_9_2010).pdf S. 38-40

[10] vgl. www.youtube.com/watch

[11] vgl. www.youtube.com/watch

[12] vgl. http://www.gfbv.ch/de/kampagnen___projekte/no_dirty_gold_.cfm

 

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

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www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com