08/27/13

FARC-EP: verhandeltes Ende oder weitere Agonie im Dschungel?

27.08.2013 | von Peter Stirnimann

Basta ya! – es genügt, ist die Schlussfolgerung des offiziell eingesetzten „Grupo de Memoria Historica“[1] in ihrem soeben veröffentlichten Schlussbericht zum bald 50-jährigen bewaffneten Konflikt. Die FARC waren und sind bis heute die Hauptakteure der Konfrontation. Sie stehen zur Zeit in Verhandlungen mit der Regierung Santos. Um diesen komplexen Prozess besser verstehen zu können, ist ein Blick in die Geschichte, die Diskurse und den Alltag der FARC dienlich.

Marksteine der Geschichte der FARC

Ermordung von Jorge Eliécer Gaitán – Violencia / Frente Nacional – Operación Marquetalia

Der 9. April 1948, als Jorge Eliécer Gaitán ermordet wurde,  ist ein erster Markstein, welcher zur Gründung der FARC im Jahr 1964 führte.  Gaitán ein links-liberaler Politiker, der die Korruption der Oligarchie in flammenden Reden anprangerte, galt als Hoffnungskandidat der Liberalen für die Wahlen von 1950. Er hatte als Stadtpräsident Bogotas soziale Projekte durchgeführt und plädierte für eine tiefgreifende Landreform. Seine Ermordung durch die Konservativen aus Angst vor dem Verlust ihrer Privilegien und ihrer Macht steht am Anfang der “Violencia” zwischen den Liberalen und den Konservativen (1948-58) mit etwa 250’000 Opfern, welche meist auf grausamste Weise massakriert wurden. Der liberale Pedro Antonio Marín – später Manuel Marulanda Velez alias „Tirofijo“ („treffsicherer Schütze“) -  kämpfte gegen die Konservativen, welche den Krieg mit der Ermordung von Gaitán angezettelt hatten.

In seinem Kampf als Liberaler bekam er zusehends Probleme mit dem Grossgrundbesitzer-Flügel  seiner Partei und der Form, wie sie Krieg führten. Ihnen ging es um Rache, vor allem aber um die Erweiterung ihrer Macht und weitere Bereicherung durch Diebeszüge, weniger um politische Veränderungen, geschweige denn um sozialen Ausgleich. Marulanda hatte andere Ideen. Er wollte zum Beispiel zurückgewonnenes Land nicht einfach denjenigen überlassen, welche schon genug hatten, sondern unter denen verteilen, die ihrer Güter beraubt und vertrieben wurden. Seine Fraktion nahm alle Flüchtlinge auf, welche von den Konservativen vertrieben wurden. Unter den Vertriebenen waren auch viele KommunistInnen, denn sie standen im Rahmen des Kalten Krieges im Zentrum der Ungunst der bürgerlichen „classepolitique“ [2]. Marulanda spürte bald, dass es viele Übereinstimmungen mit den KommunistInnen in politischen Fragen gab und freundete sich mit deren Organisationsform und politischen Konzepten immer mehr an.[3] Die Konflikte spitzten sich zwischen den traditionellen Liberalen gegenüber den sozial orientierten Liberalen und Kommunisten zu. Die ersteren verkamen zu raubenden Warlords und führten einen Bürgerkrieg, der 1953 durch den Militärputsch von Rojas Pinilla beendet wurde. Die traditionellen liberalen Guerillas demobilisierten sich. Viele Guerillaführer wurden anschliessend ermordet.

Kommunistische und radikal-liberale Guerillas, auch diejenigen von Marulanda, demobilisierten sich nicht und behielten ihre Waffen zur Selbstverteidigung. Sie waren skeptisch gegenüber der herrschenden Oligarchie. „Diese Erfahrung (die Ermordung der demobilisierten Guerillaführer) begründet bis heute das tiefe Misstrauen der kolumbianischen Aufständischen bei Verhandlungen.“ [4] 1957 wurde Rojas Pinilla durch den Frente Nacional entmachtet, einer Allianz zwischen Liberalen und Konservativen, welche sich im spanischen Badeort Benidorm darauf verständigt hatten, für 16 Jahre die Regierungsmacht paritätisch zu teilen. Sie liessen die Demokratie zur Farce werden und nutzten die demokratische Fassade, Eigeninteressen zu verteidigen. Die linke Fraktion mit Marulanda und dem Kommunisten Jacobo Arenas machten sich auf”…in dem 200 Kilometer südwestlich von Bogotá gelegenen Grenzgebiet der Departemente Huila, Cauca, Valle, Tolima und Cundinamarca, eine Art lokaler Selbstverwaltung aufzubauen, die von der Regierung in denunziatorischer Weise als ‚Unabhängige Republiken` bezeichnet wurde. (…)In Wirklichkeit beschränkte sich die Politik dieser Bauernrepubliken auf eine eng umrissene soziale und ökonomische Selbstverwaltung weniger, vom Zentralstaat praktisch ignorierter Dorfgemeinschaften. Doch schon durch diese kleine Autonomie fühlte sich die Zentralregierung in Frage gestellt. Die lokale Selbstorganisation galt als Speerspitze der Bauernbewegung und wurde in Anbetracht der explosiven Lage auf dem Subkontinent auch in Washington als Bedrohung empfunden. Unter Anleitung von US-Beratern gingen am 14. Juni 1964 16‘000 kolumbianische Soldaten schließlich gegen die 42 (!) bewaffneten Bauern von Marquetalia vor, zerstörten die autonome Gemeinde und vertrieben die Gruppe von den Nordhängen des Gletschers Nevado del Huila.” [5]

Die Operation wurde vom Establishment als Ende der Guerilla und Marulandas abgefeiert. “Nach zwei Monaten zivil-militärischer Aktionen hat die Armee Marquetalia eingenommen zugunsten des Friedens und der Souveränität Kolumbiens. Diese Aktionen waren eine Modellstrategie der hohen Militärs und ihrer Truppen..'' Kritische Geschichtsforscher kommen zu einem anderen Schluss: „Mit der 'Operación Marquetalia' hat die herrschende Klasse unseres Landes die bewaffnete Bewegung, die FARC geschaffen“ [6], denn der Widerstand war nicht gebrochen, ebensowenig war die Landfrage gelöst. Der einzige Weg, welche die Vertriebenen sahen, um ihre Ziele zu verfolgen, war, zu den Waffen zu greifen. Am 20. Juli 1964 verabschieden die geflüchteten Kämpfer von Marquetalia ein Agrardokument, welches den Weg der zukünftigen FARC darstellt. Es entsteht eine revolutionäre bewaffnete Bewegung mit einem Agrarprogramm. Sie geben das Konzept der Selbstschutzorganisation angesiedelt in den Dörfern auf und beginnen als ständig sich in Bewegung befindende bewaffnete Gruppen in definierten Territorien zu agieren

Friedensabkommen in La Uribe – Politischer Genozid an der Unión Patriótica UP – von der Guerilla zum Volksheer – militärischer Abstieg – Verhandlungen in Havanna

Trotz - oder vielleicht wegen - der repressiven Politik von Präsident Turbay Ayala (1978-1982), der sich im Rahmen der “Strategie der nationalen Sicherheit” mit Inhaftierungen, Folter und Verschwindenlassen oppositioneller Kräfte in die düsteren Annalen der kolumbianischen Geschichtsschreibung eingetragen hat, zeichnen sich die 80iger Jahre in Kolumbien durch die Erstarkung sozialer Bewegungen aus. Es waren bewegte Jahre, sicher beeinflusst durch die erfolgreiche und hoffnungsvolle Revolution der Sandinisten in Nicaragua. Die classepolitique Kolumbiens setzte nach dem Scheitern der harten Hand von Turbay Ayala nun auf einen Präsidenten, der mit Verhandlungen möglichst versuchen sollte, das Umsturzklima im Land zu entschärfen. Die FARC beschlossen nämlich anlässlich ihrer 7. Generalkonferenz im Jahr 1982 einen strategisch-qualitativen Sprung nach vorne, indem sie ihrer Abkürzung FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) den Begriff EP (Ejercito del pueblo – Volksheer) anhängten. Damit planten sie den Sprung von der Guerilla zum Heer, um durch Waffengewalt eine revolutionäre Machtübernahme einzuleiten. Präsident Belisario Betancur machte sich für Friedensverhandlungen und einen „nationalen Dialog“ stark und erreichte ein Waffenstillstands- und Amnestieabkommen mit den Guerillas der FARC, des EPL und des M-19, welches 1987 aufgehoben wurde. Die FARC-EP nützten die Zeit der relativen Waffenruhe, um sich militärisch aufzubauen.

Um die geplante Machtübernahme politisch abzusichern, gründeten die FARC die Unión Patriótica UP. Die Skepsis des ELN gegenüber dem Friedenswillen des Establishments bewahrheitete sich leider. Nach dem rasanten Aufstieg und Wahlerfolg der UP mit ihrem Spitzenkandidaten Jaime Pardo Leal begann ein weiterer politischer Genozid nach der „Violencia“: Tausende von Mitgliedern der UP wurden systematisch ermordet, wie der Oberste Gerichtshof Ende 2012 feststellte. Die UP als Partei wurde später aufgrund mangelnder Wählerstimmen (!) zwangsaufgelöst. In diesen Tagen wurde ihr der Status als politische Partei nach 11 Jahren wieder zurückgegeben [7]. Der Genozid an der UP durch ein Zusammengehen von Grossgrundbesitzern, ultrarechten (Regional-)Politbaronen, Drogenhändlern, Industriellen in Zusammenarbeit oder dem passiven Gewährenlassen durch die Militärs im Rahmen einer praktisch nicht funktionierenden Justiz war Ausdruck einer sich im Aufbau befindenden Paramilitarisierung und “Mafiaisierung” der ganzen Gesellschaft, welche bis heute andauert. Diese Allianz führt(e) einen unerbittlichen “schmutzigen Krieg” gegen die Guerilla, vor allem aber gegen deren vermeintliche soziale Basis in der Politik und Zivilbevölkerung und gegen die sozialen Organisationen. Die militärischen Aktionen wie Massaker, Vertreibungen und Verschwindenlassen von Personen hatten vor allem das Ziel, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren, dem Regime der Paramilitärs zu unterwerfen oder zu vertreiben: Kollaborieren, gehen oder sterben, andere Alternativen gab es für die Zivilbevölkerung unter den Paras nicht. Dass es dabei oft nicht um Politik ging oder geht, sondern um den puren Verteilungskampf in der illegalen Wirtschaft (Drogen, zunehmend auch Gold und andere Mineralien, Erdöl, Prostitution etc..) wird selten weder erwähnt noch diskutiert ! [8]

Trotz dem gewaltsamen Versuch des Establishments, den Status quo zu verteidigen und zu erhalten, restrukturierte sich die FARC und stärkte ihre Schlagkraft. Die Finanzierung ihres militärischen Ausbaus basierte auf der immer stärkeren Verflechtung mit dem Drogengeschäft (vgl. unten). Die FARC begannen vorerst einen erfolgreichen Positionskrieg gegen die Armee während der Präsidentschaft von Ernesto Samper (1994-98), welcher seine Wahlkampagne durch das Drogenkartell von Cali co-finanzierte und deswegen beschäftigt war mit seinem eigenen politischen Überleben. Er manövrierte das Verhältnis USA - Kolumbien auf einen Tiefstpunkt, der in seiner Einreiseverweigerung in die USA gipfelte. Mit dem Beginn der Regierung Pastrana (1998-2002), welche die alte Freundschaft mit den USA rasch wiederherstellte, wurde das Militär mit US-Hilfe (Plan Colombia) strategisch erfolgreich umstrukturiert. Dies bekam die FARC beim ersten Versuch, ihre militärische Stärke durch eine Stadtbesetzung (Mitu) zu demonstrieren, zu spüren. Sie erlitten nach langen Gefechten eine schwere militärische Niederlage, worauf anschliessend weitere folgten.

Was ihr militärisch nicht gelang, die Macht zu erlangen, versuchte sie nun wenigstens im Friedensprozess im Caguan - Südwesten des Landes (1998-2002) mit Präsident Pastrana, wie Alfonso Cano sagte: “ Wir wollen eine Koalitions-regierung bilden, in der wir mindestens 50 Prozent Machtanteil haben. Wenn dies nicht klappt, führen wir weiter Krieg, was wir können, denn wir pokern auf die volle Macht.“ [9]Der äusserst schwierige Prozess endete nach der Entführung der Präsidentschafts-kandidatin Ingrid Betancourt  und einer Flugzeug-entführung mit Senator Gechem durch die FARC im Februar 2002[10]. Die Gründe des Scheiterns sind vielfältig. Der Verhandlungsprozess zeichnete sich durch viel Improvisation aus, durch Ambivalenzen auf beiden Seiten z.B. den als Friedensplan dargestellten Kriegsplan „Plan Colombia“ der USA, durch viele militärische Aktionen und Entführungen der FARC, durch die Paramilitarisierung des Landes und durch grosse Arroganz der FARC durch Fehleinschätzung ihrer realen Macht [11]. Das Scheitern des hoffnungsvoll begonnenen Prozesses, der durch eine Volksbefragung von 10 Millionen KolumbianerInnen postuliert worden war, liess das Pendel zwischen Krieg und Frieden im breiten Volk wieder auf die Seite des Krieges schlagen. Das Massaker im pazifischen Urwald in Bojayá (Departement Chocó) im Mai kurz vor den Präsidentschaftswahlen 2002 verstärkte die öffentliche Meinung, dass nur mit Krieg Frieden geschaffen werden kann. Bei einem mehrtägigen Gefecht der FARC gegen die Paramilitärs hatten die FARC eine selbstgebastelte Bombe abgefeuert, die ihr Ziel verfehlte und in die Kirche einschlug, wo die Zivilbevölkerung, vor allem auch Kleinkinder, Schutz suchten. Dabei wurden laut UNO über 100 Zivilisten getötet (48 Kinder) sowie 80 schwer verletzt  und Tausende flüchteten danach aus ihrer Heimatregion [12]. Die FARC wurden aufgrund dieses Massakers durch die EU auf ihre Liste der weltweiten Terroristenorganisation genommen.

Alvaro Uribe, ein ultra-rechtskonservativer Hardline-Politiker nutzte seine Stunde und wurde mit dem Slogan „Mano firme, corazón grande – Starke Hand, grosses Herz“ Präsident (2002-2010). Er modernisierte und stärkte mit neuester Kriegstechnik und personeller Aufstockung weiter die Schlagkraft der Armee und baute ein landesweites Spitzelnetz auf. Finanziert wurde diese Militarisierung durch zusätzliche Kriegssteuern und die Finanzhilfe der USA. Kolumbien wurde zum drittgrössten Militärhilfe-Empfängerland der USA nach Israel und Ägypten. Kolumbiens Kampf gegen die „Narcoterroristen“ konnte bestens in den Antiterrorismuskrieg nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eingebettet werden. Dass heute die FARC wieder am Verhandlungstisch sitzen, hat wohl auch damit zu tun, dass sie durch die Kriegspolitik Uribes militärisch und politisch weiter geschwächt wurden, aber nicht geschlagen sind [13]. Die neuen Kommandanten sind sich nach der gewaltsamen Eliminierung der alten Führungsschicht durch gezielte Militärschläge wohl bewusst, dass eine Machtergreifung durch Waffen unmöglich ist und sie politische Opportunitäten nutzen müssen, um nach bald 50 Jahren bewaffnetem Widerstand wenigstens ein paar ihrer Anliegen ins Trockene bringen zu können. Mit der angekündigten Politik von Präsident Santos, die Landfrage ernsthaft anzugehen, wird ein Zentralanliegen des langen Kampfes der FARC von Seiten der Regierung aufgenommen.

FARC und die aktuellen Verhandlungen in Havanna

Die Verhandlungsagenda sieht folgende Themen vor: 1. Integrale Agrarpolitik / Landfrage; 2. Politische Partizipation; 3. Ende des Konflikts; 4. Lösung des Drogenproblems; 5. Opferthema. Im Folgenden gehen wir auf die einzelnen Punkte und den Stand der Verhandlungen kurz ein.

Landfrage

Im ersten Thema – der Landfrage - hat es bereits eine vorläufige Vereinbarung gegeben, welche aber noch korrigiert oder ergänzt werden kann. Die Verhandlungsdynamik lautet nämlich: es ist nichts vereinbart, bevor nicht alles vereinbart ist. Die Reaktion auf diese erste „Vereinbarung“ ist praktisch überall auf positives Echo gestossen. Geradezu revolutionär sei, dass “ein Programm zur Formalisierung der Landtitulierung“ vorgesehen ist. Von zwei Kleinbauern hat nämlich heute nur jeweils einer einen Besitztitel für sein Land in den Händen. Das erschwert die Rückkehr von Vertriebenen ohne Landtitel. Dass auch ein Mindestlohn für Landarbeiter festgelegt werden soll, wird positiv bewertet. Kurz: wenn diese Vereinbarung im Schlussabkommen Platz findet, hat die FARC ihr historisches Anliegen einen grossen Schritt weitergebracht. Zu diesem  Erfolg haben viele andere unbewaffnete Kräfte auch wesentlich beigetragen. Doch Triumphalismus ist unangebracht, denn  „...es ist viel einfacher, etwas zu vereinbaren, als es umzusetzen“, untertitelte die Internetplattform „lasillavacia“ ihre aufschlussreichen Reflexionen [14]. Die ultrarechte Opposition von Alvaro Uribe wird alles daran setzen, um den Status-quo durch unendliche juristische Verfahren und auch direkte Gewalt zu erhalten [15].

Ein Punkt hat einige Debatten provoziert und kommt sicher nochmals auf die Traktandenliste: das Thema der Bauern-Reservate (eine Art Schutzzone für Kleinbauern), die wohl vor allem in Regionen eingerichtet werden sollen, in denen die FARC ihre soziale Basis haben.  Die Opposition ist wohl in der bald 60-jährigen „Marquetalia-Angst“ des Establishments anzusiedeln, denn sie argumentiert wieder mit dem Schlagwort „Unabhängige Republiken“ .

Politische Partizipation

Zur Zeit laufen Verhandlungen zum Thema „Politische Partizipation“. Die FARC stellten 10 Punkte vor, worin sie Forderungen an eine reale Demokratie stellen, wovon Kolumbien mit ihrer „prekären Demokratie“ noch weit entfernt ist, wie auch die Gruppe Memoria histórica feststellt[16]. Im ganzen Text der FARC schwingt die Geschichte der Guerillas und der politischen Opposition mit, wie oben dargestellt. Die Forderungen repräsentieren in einigen Punkten Partikularinteressen der FARC als bewaffnete Gruppe. Ihr Vorschlag einer „Verfassungsgebenden Versammlung“, worin die Punkte der Schlussvereinbarungen und andere politische und ökonomische Themen in Verfassungsartikel umgesetzt werden sollen, scheint für die Regierung inakzeptabel, denn der Grundkonsens der Verhandlungen schränkte die Themenagenda klar ein. Kommt dazu, dass die FARC die Hälfte der Sitze in dem geplanten Verfassungsrat besetzen möchte. Die Regierung andererseits plant eine Volksabstimmung über die Schlussvereinbarungen. Diese Uneinigkeit führte im August zur ersten wirklichen Krise im Verhandlungsprozess, da die FARC eine Pause der Reflexion forderte und sich darauf die Regierung von der Verhandlung zurückzog. Dass ein nachhaltiger Friede, der laut Absichtserklärungen beider Konfliktparteien angestrebt wird, nur auf der Basis einer funktionierenden, realen Demokratie möglich ist, ist unbestritten. Ob zwei prekärdemokratische Systeme (Regierung, FARC) eine reale Demokratie aufbauen werden, bleibt offen. Auch hier gilt „...es ist viel einfacher, etwas zu vereinbaren, als es umzusetzen“.

Verhältnis zu den Opfern

Im Themenblock: „Verhältnis zu Opfern“ gibt es ein kleines Tauwetter bei den FARC. Verloren sie noch bei ihrem Eröffnungsdiskurs kein einziges Wort über die Opfer, trat Mitte August 2013 Pablo Catatumbo ans Mikrofon mit den Worten: “Zweifelsohne hat es Rohheiten und Schmerz gegeben, die von unserer Seite ausgelöst wurden und wir bereiten den Weg vor, unser Bedauern über das Geschehene zu manifestieren.“ Dies soll an einem „Tag des Nachdenkens und des Schuldeingeständnisses“ an allen Ecken und Enden Kolumbiens von sämtlichen bewaffneten Akteuren geschehen [17]. Ob ein Tag reicht, um über die vom Zentrum „Memoria Histórica“ eruierten Horror-Zahlen nachzudenken? Die Kommission spricht von 220'000 Toten, von beinahe 6 Millionen Vertriebenen, 25'000 Verschwundenen, 6’421 Zwangsrekrutierten, 27'023 Entführungen, 1’754 Vergewaltigungen bei rund 1’982 Massakern seit dem Beginn des bewaffneten Konfliktes. Dazu meint auch Santos, der ebenfalls staatliche Schuld gegenüber den Opfern eingestand: „Basta ya! - Jetzt reichts“ [18].

Drogenproblem

Beim Drogenproblem braucht es auch eine Aufarbeitung bei den FARC. Sie tragen grosse Mitverantwortung für die „Narcotisierung“ Kolumbiens, in klarem Wissen um das Problem illegaler Wirtschaft für ein Land, seine Gesellschaft und die Demokratie. Der Kokaboom anfangs der 80iger brachte sie in ein Dilemma: die durch die neoliberale Marktöffnung verarmenden Bauern drängten die FARC, das dreckige Geschäft mit den Drogenhändlern zu „regulieren“ [19]. Die FARC übernahm diese Rolle, um ihre soziale Basis zu stärken. Zuerst mussten die Bauern dafür keine Steuern bezahlen, sondern besteuert wurden von der FARC nur die ZwischenhändlerInnen. Später verlangte die FARC auch Abgaben der Kokaanpflanzer, womit ihre Rolle als Mediatoren und zugleich Steuervögte immer unvereinbarer wurde. Im Zuge ihrer militärischen Aufrüstung brauchten sie viel Geld. Um es noch besser eintreiben, die Gemeinden sozial kontrollieren zu können und zum Schutz gegen das Auftauchen der Paramilitärs, begannen sie freiwillige Milizionäre aus den Gemeinden zu rekrutieren, welche Geld einzogen. Zeitzeugen des Bajo Putumayos erklärten den Bruch zwischen der FARC und ihrer sozialen Basis so: „Dies begann, als die Milizionäre von allen bis zu den Wanderverkäufern Steuern eintrieben, das gefiel den Leuten nicht....Ich glaube, dass das Auftauchen der Paramilitärs aus diesem Grund geschah. Diejenigen, welche Küchen (zur Herstellung von Kokapaste) hatten, mussten sich davor schützen...Mein Bruder hatte auch ein Problem mit der Zahlung einer Steuer. Die Milizionäre der FARC kamen und brachten ihn hier im Haus um... “ [20] Am 7. November 1999 beendeten die Paramilitärs die achtjährige Hegemonie der FARC in El Placer durch ein Massaker an 29 Personen in Absprache mit dem Militär. Sie vertrieben die FARC aufs Land in der Umgebung und blieben im Dorf, wo sie begannen gewaltsame Horroraktionen gegen vermeintliche Guerilleros der FARC in der Zivilbevölkerung zu begehen. Durch den Verbleib der FARC  in der Umgebung, um ihr Drogengeschäft im militärischen Disput mit den Paras aufrecht zu erhalten, opferten sie ihre alte soziale Basis zwischen den Fronten. Auch bei der Eroberung der Paras von El Placer verzogen sich die FARC ohne Widerstand zu leisten und überliessen die Leute ungeschützt den Mörderbanden! Viele Überlebende verliessen ihr Dorf und reihten sich in die grosse Masse der Vertriebenen ein.

Welche Vorschläge die FARC in die Verhandlungen zum Drogenthema einbringen werden, ist noch nicht klar. Sie machten einen Vorschlag zur Legalisierung der Koka für medizinische Zwecke in definierten Zonen. Sie werden bemüht sein, ihre Zonen zu legalisieren, denn auch in der Zeit „Post-Guerilla“ brauchen sie eine finanzielle Basis für ihre Politik.

Entführungen

Ein weiteres Thema, bei dem die FARC wohl am meisten Reue zeigen müssen unter den bewaffneten Akteuren, ist das Thema der Entführungen. Ihre ersten Äusserungen zum Thema zu Beginn der Verhandlungen, dass sie keine Entführungen gemacht hätten, nur Kriegsgefangene oder „Zurückbehaltungen“, war sicher kein Ausdruck von Reue. Zumindest haben sie offiziell ihre Entführungspraxis eingestellt, was nicht sehr viel bedeutet, denn schon in der Vereinbarung von La Uribe 1984 verurteilen und desautorisieren sie die Entführungen, da diese „gegen die Freiheit und die menschliche Würde“ verstossen würden. Der französische Journalist Roméo Langlois beschreibt sehr eindrücklich seine 33-tägige Entführung im Mai 2012 in seinem kürzlich erschienenen Buch „Jungle Blues“. Er gibt nicht nur einen Einblick in die schreckliche Situation eines Entführten, obwohl er noch human behandelt wurde und nie angebunden war. Er gibt einen Einblick in das harte und eintönige Alltagsleben von Guerilleros. „ Die Guerilleros wiederholen unermüdlich die gleichen Abläufe. Frühmorgens aufstehen, marschieren, die Uniformen und Unterwäsche waschen, Essen zubereiten, Gewehre reinigen, nochmals marschieren, Schlafplatz einrichten, um 19 Uhr schlafen, aufstehen um Wache zu schieben, wieder schlafen, um 5 Uhr wieder aufstehen, Lagerplatz abbauen vor dem Abmarsch, alles putzen, um ja keine Spuren zu hinterlassen. Und dies immer wieder, jeden Tag, das ganze Jahr, sieben Tage in der Woche. Von Zeit zu Zeit ein Gefecht oder ein Einkauf in einem Dorf, was etwas Würze gibt für dieses Leben, das oft zu früh endet. “[21]. Neben der Eintönigkeit herrscht zu jeder Tageszeit Angst vor Angriffen der Armee. Ihre Kriegstechnik ist auf dem höchsten Stand und kann jederzeit zuschlagen. Ein eingestelltes Radio irgendwo im Dschungel kann von Drohnen entdeckt werden. „Wenn mein laufendes Radio entdeckt wird“, schreibt Langlois, „ist der Angriff garantiert. So bleibe ich lieber ohne Nachrichten, als durch Splitterbomben zerfetzt zu werden“. Krieg ist das Leben dieser Menschen im Dschungel. Sie haben Essen, Trinken, Gesundheit, Gemeinschaft und ein hohes Ziel vor Augen: ein besseres Kolumbien für alle. Langlois plädiert für erfolgreiche Verhandlungen und schliesst: „Dann wäre ich der letzte Entführte der FARC gewesen“[22]. Eines bleibt klar: ohne die Freilassung sämtlicher Entführter, wird es in Kolumbien nie Friede geben.

Rechtsrahmen für den Frieden, Waffenabgabe

Ein weiteres schwieriges Thema, ist das Verhandlungskapitel „Ende des Konfliktes“ Die Frage der Rechtsanwendung gegenüber Kriegsverbrechen und vor allem der Entwaffnung der FARC steht im Zentrum. Spätestens hier endet jeder Diskurs, denn hier geht es ans Lebendige speziell für die verantwortlichen Kommandanten der FARC. Die bestehende juristische Basis für den Frieden der Regierung wird einerseits von den FARC kritisiert, da sie zu einseitig sei, anderseits wird starke Kritik von nationalen und internationalen Menschenrechts-Organisationen laut. Nach ihnen erfüllt der vorgeschlagene Rechtsrahmen die Standards des internationalen Rechts nicht und führt zu Straflosigkeit, was eine Entwürdigung der Opfer darstelle. Die Frage der Waffenabgabe durch die FARC ist ein weiteres heisses Eisen. Die FARC wollen sie erst abgeben, wenn alle Vereinbarungen des Schlussübereinkommens umgesetzt sind. Es soll ein Abschluss geben, wie in Nordirland, wo nie Waffen abgegeben wurden und trotzdem Friede herrsche. Die Regierung dagegen will zuerst die abgegebenen Waffen der FARC, danach wird man sich daran machen, die Vereinbarungen umzusetzen.

Ob und wie die Quadratur des Kreises in diesen Verhandlungen zustande kommt, ist immer noch offen. Auch in Kolumbien zeigt sich: es ist einfacher Krieg zu führen, als Frieden zu schaffen. Zu hoffen ist, dass die FARC durch Verhandlungen in ihren Uranliegen „Land / Demokratie“ gewisse Resultate erreichen können, um mit einigermassen erhobenem Haupt von ihrer Guerilla-Zeit Abschied nehmen zu können. Ihre Alternative wäre: im Dschungel bleiben und weiteres sinnloses Blutvergießen verursachen bis ihnen Drohnen oder Microchips wohl eines Tages den Garaus machen werden[23].


[1]Diese unabhängige Kommission wurde von der Regierung nach den Abkommen mit den Paramilitärs eingesetzt. Interessanter Schlussbericht zu finden unter: http://www.centrodememoriahistorica.gov.co/micrositios/informeGeneral/descargas.html

[2] Noch heute führt die classepolitique rund um Alvaro Uribe (Präsident von 2002-2010) ihren Kampf gegen die FARC  im Konzept des Kalten Krieges. Uribe meinte kürzlich "El Gobierno y las Farcquierenllevar al país al Castrochavismo" („Regierung und FARC wollen das Land in den Castrochavismus führen“)  vgl. http://www.primerocolombia.com/galerias/interna/2952

[3] Alfredo Molano: Trochas y Fusiles, Bogota 1994; S. 74ff

[4] Raul Zelik / Dario N. Azzellini: Kolumbien (S. 54f) http://www.neuerispverlag.de/vergriffen/kolumbienbuch.pdf

[5] Raul Zelik / Dario N. Azzellini: Kolumbien (S. 58) Die Zahl der beteiligten Soldaten wird offiziell auf 2'400 beziffert.

[6]Beide Zitate im Abschnitt vgl. dazu Semana 28. Juni 1999: http://www.semana.com/especiales/articulo/marquetalia-35-aos-despues/39734-3

[7]Wer heute die UP beerben kann, ist bereits Gegenstand von politischem Streit zwischen den „Erben“. Durch die Auferstehung der UP als Linkspartei wird das ganze linke Parteiensystem neu aufgerollt  für die Wahlen 2014. Es betrifft dies vor allem die Kommunistische Partei, der Polo Democrático und die Marcha Patriótica.

[8]Vgl. dazu: Alain Labrousse, The FARC and the Taliban's Connection to Drugs http://jod.sagepub.com/content/35/1/169.full.pdf

[9] http://www.razonpublica.com/index.php/conflicto-drogas-y-paz-temas-30/2746-el-sindrome-de-el-caguan-lecciones-de-un-fracaso.html

[10] Ingrid Betancourt und Jorge Eduardo Gechem Turbay blieben bis zu ihrer Befreiung 6 Jahre in menschenunwürdiger Gefangenschaft

[11]vgl. Fussnote 9

[12] vgl. http://www.hchr.org.co/documentoseinformes/informes/tematicos/bojaya.pdf, sowie die Studie „Boyaja-Laguerra sin limites“ des „Grupo Memoria Historica“ Beide Berichte zeigen die Co-Verantwortlichkeiten der FARC, der Paramilitärs und des Staates auf für dieses Massaker, wobei die FARC die Hauptverantwortlichkeit trägt.

[13] Vgl. dazu unseren Monatsbericht vom September 2012: http://www.askonline.ch/fileadmin/user_upload/documents/Monatsberichte/Monatsbericht_September_2012.pdf

[14] http://www.lasillavacia.com/historia/acuerdo-agrario-en-la-habana-44462

[15] vgl. dazu unsere Dokumentation zum Fall Las Pavas, als Beispiel, wie von der Regierung geplante Landreformen mit allen Mitteln verhindert werden: http://www.askonline.ch/themen/natuerliche-ressourcen-und-agrarfrage/der-fall-las-pavas/

[16] vgl. Fussnote 1, S. 21

[17]http://www.youtube.com/watch?v=5K-Me1iPsVI

[18]http://www.rtve.es/alacarta/videos/telediario/informe-cifra-mas-220000-muertos-conflicto-armado-colombia/1959320/

[19]siehe Fussnote 6, Alain Labrousse, S.174 oder Sebastian Draeger "Narco-Guerilla" gleich "Narco-Jihad"? S. 47 f

[20]vgl. EL PLACER – Mujeres, Coca y Guerra en el Bajo Putumajo, Centro de Memoria historica, 2012, S. 98

[21]Roméo Langlois, Jungle Blues, Paris 2013, S.235

[22]ebd. S. 292

[23] ebd. S. 257Download PDF

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08.12.2016


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26.10.2016

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Foto: Christian Reichenbach

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