09/03/12

ask-Jubiläum - 25 Jahre konsequente Menschenrechtsarbeit

03.09.2012 | von Delf Bucher

Beim Thema Kolumbien kommen die Schweizer Medien beinahe um eine Anfrage bei der Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien nicht mehr umhin. 25 Jahre Lobbyarbeit für Menschenrechte in Kolumbien - das ist für die Arbeitsgruppe eine Erfolgsgeschichte. 25 Jahre wiederum sind für eine entwicklungspolitische Solidaritätsgruppe ein ungewöhnlich hohes Alter. Wo liegen die Gründe, dass die Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien sich ein Vierteljahrhundert für Menschenrechte und ein gerechtes Entwicklungsmodell in Kolumbien eingesetzt hat?

Sechs Mitglieder wollten auf diese Frage eine Antwort geben und trafen sich im Juni in der kühlen Sachlichkeit der Pädagogischen Hochschule Luzern in einem Seminarraum. Und es brauchte nicht lange, da schwebten in der sterilen Atmosphäre plötzlich bunte Bilder durch den Raum. Das Gespräch entwickelte sich ohne Stocken, geriet ganz zwanglos in Fluss. Ohne lang nach Worten zu suchen, wurden Statements abgegeben, die die tiefe Beziehung der sechs hier versammelten Menschen zu Kolumbien wiedergaben. Da sagte beispielsweise Bruno Rütsche, dem als langjährigem Fachstellenleiter eine besondere Rolle in dieser Gesprächsrunde zukam, folgende Sätze: "Aus dem Gefühl einer tiefen Verbundenheit heraus haben wir uns immer mit den Menschen Kolumbiens solidarisiert. Es ist etwas, was vielen Menschen aufgefallen ist: Trotz des jahrzehntelangen Bürgerkriegs erfasst die Leute nicht eine Lethargie. Es gibt eine Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit, die auch für uns immer Ansporn für unser Engagement war. "


Option für die Armen

In dieser Formulierung schimmert nicht nur die Zärtlichkeit der Solidarität auf, die sicher der Kitt für die beharrliche Solidaritätsarbeit bildete, sondern aus ihr ist auch ein spiritueller Unterton unüberhörbar. Und das Spirituelle prägte in verschiedener Hinsicht die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, als sie sich vor 25 Jahren im September in Zofingen konstituiert hat. Zum einen war der Zusammenschluss vor allem von jenen vorangetrieben worden, die selber zuvor für christliche Hilfswerke wie Interteam und BMI (damals noch Missionsgesellschaft Bethlehem SMB) in Kolumbien tätig waren. Zum anderen war aber von Vornherein klar, dass man sich nicht als Anhängsel zu den Hilfswerken gründen wollte und mehr oder weniger als Veteranen-Verein der Ehemaligen in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden wollte. "Wir hatten Angst vereinnahmt zu werden und eigentlich nur als verlängerter Arm der Hilfswerke aufzutreten", sagt Bruno Rütsche im Rückblick.

Anfangs war es ganz klar: Gezielt wurden ehemalige Kolumbien- AktivistInnen und -RückkehrerInnen geworben. Und damals in den 1980er Jahren bildete Kolumbien vor allem deshalb ein Kristallisationspunkt, weil hier katholische Basisgruppen mit einem Konzept marxistischer Gesellschaftskritik der "Option für die Armen" nachstreben wollten. Die Befreiungstheologie, die das Heil der Menschen nicht im Jenseits, sondern im Hier und Jetzt der sozialen Wirklichkeit suchten, und für die an den Rand gedrängten Bevölkerungsgruppen wie die Indigenen, Campesinos und Frauen eine politische Teilhabe erkämpfen wollte, faszinierte. Und trotzdem war es für die ask klar: Die religiöse Quelle des Engagements kann nicht das Fundament für die Arbeitsgruppe legen. Wie in dem Ausschluss der MitarbeiterInnen, die in Hilfswerken tätig waren, provozierte dieses Diktum auch gleich zu Anfang Konflikte mit denen, deren Kolumbien-Engagement vor allem von religiösen Motiven bestimmt war. Denn während diese, in ein gemeinsames ask-Wochenende Gebet und religiöse Andacht als selbstverständliche Programmteile einbauen wollten, sprach sich die Mehrheit für eine klare Trennung von Religion und Politik aus.


Dialektik statt Revolutionsromantik


Die Kombination von Befreiungstheologie und Kolumbien lässt beinahe automatisch die Assoziation an den revolutionären Priester Camilo Torres (1929 - 1966) aufkommen, einer der ersten Märtyrer, der sich wie Che Guevara in die Geschichte der lateinamerikanischen Guerillabewegung eingeschrieben hat. Peter Stirnimann, langjähriger Fachstellenleiter (1992-2001), und Mitbegründer der Basisgemeinschaft St. Josef in Basel, sagt indes: "Camillo Torres und überhaupt jede Revolutionsromantik hat bei uns nie eine Rolle gespielt." Dies markiert auch die entscheidende Differenz zu anderen lateinamerikanischen Solidaritätsgruppen: Die ask identifizierte sich mit keiner der diversen Guerillagruppen und wollte ihnen auch nicht die Türe für eine Mitgliedschaft öffnen. Und im Gegensatz zu den meisten Solidaritätsgruppen der 1970er und 1980er Jahre wollte sich, so Stirnimann, "unsere Gruppe nie im Links-Rechts-Schema verorten lassen". Das verwundert auf den ersten Blick. Denn in der Anfangszeit gab es auch Lektürekurse zu Ernest Mandel "Einführung in die marxistische Wirtschaftstheorie" oder gemeinsame Gruppenwochenende zu dem Thema "Christentum und Marxismus". Stirnimann rückt hier die Dinge zurecht: Für Marxismus, vor allem als dialektische Methode verstanden, sei die Gruppe offen gewesen. Dialektik aber heisse nie von einer  absoluten Wahrheit auszugehen, sondern die Verhältnisse immer wieder von Neuem zu prüfen. Und einer der analytischen Ecksteine sei: In der komplizierten Gemengelage der kolumbianischen Gesellschaft könne revolutionäre Gewalt nie erfolgreich sein. Denn im Gegensatz zu einem kubanischen Diktator Batista oder einem nicaraguanischen Somoza-Clan genüge es in Kolumbien nicht eine Revolution zu machen, indem eine Figur auf dem politischen Schachbrett entfernt werde.


Im Fokus: Menschenrechte

Trotz  der klaren Verpflichtung nicht eine Unterstützergruppe für die Guerilla zu sein, hat das Verhältnis zum bewaffneten Kampf vor allem Mitte  der 1990er Jahren zu Konflikten geführt. Denn als die ask zu ih-rem zehnjährigen Jubiläum unter dem Motto Marchando por la vida zu einer sechstägigen Wanderung von Bern nach Luzern aufrief, reihten sich auch viele Exil-KolumbianerInnen ein, die plötzlich als Sprachrohr unterschiedlicher Guerillagruppen auftraten.  Im Nachhinein mussten auch einige Kolumbianer die Arbeits-gruppe verlassen. Insgesamt lenkte aber der Marsch vor 15 Jahren das Schlaglicht der Öffentlichkeit auf sich. Vor allem mit dem eindrucksvollen Schweigemarsch zum Auftakt durch die Altstadt von Bern, profilier-te sich die Gruppe als Anwältin der Menschenrechte. Die Teilnehmenden des Schweigemarsches hatten Ketten an den Füssen befestigt und liessen auf dem Bärenplatz Ballone mit den „Namenslisten von Ermor-deten und Verschwundenen der letzten 10 Jahre in Kolumbien“ in die Luft hochfliegen.

Das konsequente Verweigern, sich einem Links-Rechts-Schema zuordnen zu lassen, und auch das Widerstehen jeder Sympathie mit den Guerilleros verschaffte der Arbeitsgruppe eine Glaubwürdigkeit, um als Lobbyistin für die Menschenrechte einzustehen. Menschenrechte standen damals in der Agenda der Drittwelt-Bewegung keineswegs oben an. Denn das Einstehen für Menschenrechte, das seit Jimmy Carter zur Leitlinie der US-amerikanischen Diplomatie wurde, werteten viele Solidaritätsgruppen als antikommunistische Rhetorik ab. Davon liess sich die ask nicht beirren. Massaker und das anonyme Verschwindenlassen von Oppositionellen, das Mundtotmachen der innenpolitischen gesellschaftlichen Opposition sowie die Kultur der Impunidad (Straflosigkeit) bezeichneten schon vor 25 Jahren das Gewaltklima des Landes. Die systematischen Menschenrechtsverletzungen bildeten ganz selbstverständlich den vorrangigsten Ausgangspunkt für die Arbeit des ask. Vor allem der medialen Desinformation der kolumbianischen Regierung, die oft auch in die Berichterstattung der Schweizer Medien einfloss, wollte die ask von Anfang an begegnen. Von Beginn an hielt die Gruppe - damals noch im Vorinternet-Zeitalter - per Fax und Telefon Kontakt mit den zivilgesellschaftlichen Organisationen. Bald schon verschickte die ask alle zwei Wochen ein Bulletin mit ins Deutsch übersetzten kolumbianischen Analysen und Nachrichten an alle Interessierten. Somit war „Kolumbien-aktuell“  geboren. Aber die ask wollte nicht nur immer Insider auf dem Laufendem halten. Es gelang bald, sich gut mit Schweizer Medienschaffenden zu vernetzen und auch einen Zugang zur Neuen Zürcher Zeitung oder dem Radio DRS zu finden.

Die öffentliche Anerkennung der konsequenten und fundierten Menschenrechtsarbeit der kleinen Gruppe liess nicht lange auf sich warten.  Bereits im Sommer 1993 wirkte sie entscheidend bei der Ausgestaltung einer von der Deza organisierten Tagung unter dem Titel "Menschenrechte – Einwirkungsmöglichkeiten der Schweizer Hilfswerke am Beispiel Kolumbien?“ mit. Dies bildete den Anfang, um beim Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA (Aussenministerium) eine friedenspolitische Perspektive für Kolumbien zu entwickeln und dort gegenüber dem lateinamerikanischen Staat eine Diplomatie im Dienste der Menschenrechte zu etablieren. Ein symbolischer Beleg dafür ist, dass Peter Stirnimann, ehemaliger Fachstellenleiter der ask, das schweizerische Friedensprogramm in Kolumbien zur Förderung der Zivilgesellschaft SUIPPCOL für das EDA bis 2011 koordinierte.


Professionalisierte Selbstausbeutung

Noch etwas anderes zeigt diese frühe Kontaktaufnahme der ask mit staatlichen Vertretern: Die ask war immer offen für den Dialog. Dass sie aber überhaupt als Dialogpartner ernst genommen wurde, unterstreicht nochmals, wie rasch es der ask gelungen ist, sich ein Renommee in Menschenrechtsfragen zu verschaffen. Dies geht vor allem auf einen Umstand zurück: Die ask hatte schnell begriffen, dass ihre Lobbyarbeit professionalisiert werden musste. Nachdem sich bald herausgestellt hatte, dass die beiden Sekretäre Yvonne Buschor und Bruno Rütsche mit dem Wust der Koordinationsarbeit zeitlich überlastet waren, suchte man mit einem Finanzierungskonzept aus institutionellen Spendern - meist kirchliche Hilfswerke - und privaten Gönnern die beiden Sekretäre finanziell für ihre Arbeit zu entschädigen. Vielleicht ist das Wörtchen Professionalisierung in diesem Zusammenhang etwas beschönigend. Denn, wie Bruno Rütsche ohne Umschweife in der Gesprächsrunde sagte: "Es war die pure Selbstausbeutung." Die Entschädigung lag immer unter dem Satz, bei der die Pensionskasse obligatorisch wurde. Erst mit der Anstellung von Peter Stirnimann als Fachstellenleiter wurde eine "Annäherung an den Lohn" möglich.  Bruno Rütsche stellt im Rückblick fest, dass er bei seinem Engagement oftmals ans  Limit seiner Belastbarkeit gestossen ist. Die "Zeichen der Ermüdung – auch aufgrund der ständigen hohen Belastung in zwei Arbeitsfeldern und Berufen" wollte Bruno Rütsche nicht ignorieren und zog sich 2010 aus dem Sekretariat zurück.


Schweizer Wirtschaft im Blick

Aber zurück zur Chronik der Ereignisse: Von Anfang an war die ask interessiert, die Menschenrechtsfrage auf die Schweiz zurückzubinden und auch den Zusammenhang zwischen Menschenrechtsverletzung und wirtschaftlicher Ausbeutung zu thematisieren.  Eine Studie von Roland Herzog, damals Wirtschaftsprofessor an der Universität Bern, sollte hier Licht ins Dunkel bringen. Die Studie wurde übrigens finanziert von der Kolumbien-Koordination, einem  Zusammenschluss von Hilfswerken, der sich auf Initiative der ask bereits 1988 im „Jahr der Massaker“ gegründet hatte. Damals erwogen viele Hilfswerke aufgrund der Eskalation des blutigen Konflikts, ihr Engagement ganz aufzugeben. Die Studie selbst brachte die ziemlich intensive Wirtschaftsbeziehung ans Licht und auch, dass viele Fluchtgelder in den Tresoren Schweizer Banken lagen. Von daher war es selbstverständlich:  Als die EvB und die "Aktion Finanzplatz Schweiz" 1991 die Kampagne „Für eine Schweiz ohne Fluchtgelder“ lancierte, arbeitete die ask aktiv mit.


"Sag's mit Blumen"


Ein ganz konkretes Beispiel grosser Ausbeutung wurde bereits 1990 bei den Blumenfrauen auf den Schnittblumenplantagen ausgemacht und führte zur ersten Blumenkampagne. Hier wurde Kolumbien als einer der weltweit grössten Schnittblumenhersteller ins Visier genommen, um auf die dramatisch schlechten Arbeitsbedingungen der Blumenfrauen, die bis heute zu Hungerlöhnen ihre Gesundheit ruinieren, aufmerksam zu machen. In Basel gab es zum Muttertag Standaktionen, Informationsveranstaltungen und auch Gespräche mit FloristInnen und GärtnerInnen. Das Ziel der Aktion war, eine Deklaration der Herkunft und Produktionsart zu etablieren, um damit den Bann von hochgiftigen Pestiziden auf den Blumenfarmen zu erzwingen. Die erste Blumenkampagne schuf das Bewusstsein für die Sensibilisierung des Themas, zeigte aber auch Risse in den Reihen der Bündnispartner auf. Peter Stirnimann, der nach der Rückkehr von seinem Kolumbieneinsatz 1992 Fachstellenleiter neben Bruno Rütsche wurde, und sich vor allem um die skandalösen Produktionsbedingungen rund um die Schnittblumen engagierte, erinnert sich zurück: "Swissaid wollte dann schnell zu einem Label kommen. Und da die ask-Forderung nach gerechter Entlohnung das Labeling erschweren würde, setzten sie auf rein ökologische Standards."

Neue Partner in der von Stirnimann angeregten Blumenkoordination wie Heks und Caritas Schweiz stellten sich indes hinter ein Label, das sowohl ökologische wie soziale Standards definierte. Mit einer spektakulären Aktion wurde in einer Grossauflage ein der Boulevardzeitung "Blick" ähnlich gestalteter "Blick auf Blumen" unter die Leute gebracht. Hierin war auch eine von der ask in Auftrag gegebene Umfrage zu lesen, nach der mehr als 80 Prozent der SchweizerInnen bereit wären, gelabelte Blumen zu kaufen. Die Signale der zweiten Kampagne "Blumenlabel jetzt" blieben in den Marketingabteilungen der Grossverteiler nicht ungehört, die damals anfingen, immer stärker mit sozialem Marketing ihr Profil zu schärfen. Trotz der Bereitschaft der Grossverteiler blockte nun aber die Max-Havelaar-Stiftung beim Blumen-Labeling. Die heute eher pragmatisch auftretende Organisation brachte ein gewichtiges entwicklungspolitisches Argument in Stellung: Auf den Flächen der Blumenfarmen würde statt Cashcrops (landwirtschaftliche Exportprodukte)  besser Nahrung zur Versorgung der Bevölkerung heranwachsen. Der Havelaar-Widerstand bröckelte aber. Nach Kaffee, Bananen und Honig lancierte dann aber Max-Havelaar 2001 erstmals mit zertifizierten Blumen ein Non-Food-Produkt - aus afrikanischen Ländern. Kolumbien selbst, eigentlich Aufhänger der Kampagne, blieb beinahe bis heute aussen vor. Der heutige Fachstellenleiter Stephan Suhner bemühte sich wohl in einer Zertifzierungskommission der Max-Havelaar-Stiftung darum, kolumbianische Produzenten einzubeziehen. Er reiste auch mit der Blumenverantwortlichen von Max Havelaar nach Kolumbien. Dort nahmen aber die Schnittblumen-Produzenten die gleiche negative Haltung ein wie bei der ersten Kampagne. Sie empfanden die Informations-Aktionen von ask, Greenpeace und Swissaid als einen "Blumenkrieg" (so die kolumbianische Zeitung "El Tiempo"). Bei einem Besuch Suhners in Kolumbien stellte sich heraus: Der Knackpunkt lag weniger im ökologischen Bereich, sondern die Zertifizierung scheiterte an der Forderung, den Blumenfrauen auch eine gewerkschaftliche Vertretung zuzugestehen.


Legalize nicht nur Himbeereis!

Peter Stirnimann hatte neben den Blumen bald noch ein anderes Dossier zu bearbeiten: Drogen. Anfangs der 1990er Jahre, als die Bilder vom Drogenelend auf dem Platzspitz in Zürich die Schweiz bewegten, standen zwei gegensätzliche drogenpolitische Initiativen zur Abstimmung: Die auf Abstinenz und Repression abzielende Vorlage „Jugend ohne Drogen“ und die auf Liberalisierung und Legalisierung ausgerichtete Initiative „Für eine vernünftige Drogenpolitik“, besser bekannt unter dem Begriff DroLeg-Initiative. Peter Stirnimann schlug den ask-Mitgliedern den kühnen Schritt vor, sich für die Drogenlegalisierung starkzumachen und beim Abstimmungskampf die Südsicht einzubringen. Nachdem die Mitglieder eher skeptisch „Informationsnachholbedarf“ anmeldeten, gelang es Stirnimann mit seinem „Südsichtargumentenkatalog“ die Mitglieder zu überzeugen. Später flossen selbst in der Stellungnahme der Schweizer Bischofskonferenz zur Drogen-Legalisierung Südsicht-Argumente ein. Die Kernthese war, dass die strikte Drogenprohibition nur die mafiösen Schwarzmarktstrukturen stärke und damit die Kartelle in Kolumbien gross mache. Und der durch den Prohibitionsgedanken geförderte Drogenkrieg der USA verwandle sich unter dem Vorwand der Drogenbekämpfung zu einem Krieg gegen das „Volk, seine Volksbewegung, gegen Andersdenkende und sozial Abweichende".


Noch zwanzig Jahre später merkt man Peter Stirnimann seine Verärgerung an, dass die Bündnispartner der Droleg-Initiative vom „Dachverband für Drogenlegalisierung DroLeg Schweiz“ es an jedem realpolitischen Fingerspitzengefühl fehlen liessen. "Die Abstimmung hätte wie die GSoa-Abstimmung 'Eine Schweiz ohne Armee' zu einem Fanal für eine andere Drogenpolitik werden können", sagt Stirnimann. Stattdessen hätten aber die "Konsumenten-Fundamentalisten" die Oberhand gewonnen und für eine Totalfreigabe auch der harten Drogen geworben. Der Kompromissvorschlag, via Apotheken und Arztpraxen die Süchtigen mit Heroin und Kokain zu versorgen, wurde mit dem Einwand der "Medizinalisierung der Drogen" abgelehnt. Die StimmbürgerInnen waren entsetzt und erteilten der Initiative eine massive Abfuhr.


"Brot statt Agrotreibstoffe"


Der von den USA finanzierte Drogenkrieg in Kolumbien bot auch den Vorwand, mit Entlaubungsaktionen afrokolumbianische und indigene Gemeinschaften von ihrem angestammten Land zu vertreiben. Mit Spritzmittel-Einsätzen aus Helikoptern wurden ihre Felder ruiniert. Hinter der Vertreibung von ihrem Land steckte aber der expansive Landhunger, um Agrotreibstoffe anzubauen. Nicht zufällig nahm die ask, gewarnt durch die Berichte von massiven Landvertreibungen, bereits früh dieses Thema unter die Lupe und lancierte die Kampagne „Mit Vollgas in den Hunger. Brot statt Agrotreibstoffe“ zum Welternährungstag am 16. Oktober 2008.
Und wie schon bei der Blumenkampagne fungierte die ask als Geburtshelferin einer breiten Koalition von Nichtregierungsorganisationen, um die grüne Illusion des Bio-Sprits zu entlarven. Dass die Agrotreibstoffe nicht vom Gesetzgeber steuerlich wie in anderen europäischen Ländern privilegiert wurden, war nach Stephan Suhner vor allem den streng wissenschaftlichen Ökobilanzen der Eidgenössischen Materialprüfanstalt Empa zuzuschreiben. Denn  dank dem Einsatz von Ethanol würde kaum CO2 eingespart. Die gemeinsam mit 35 Organisationen gesammelten 61'901 Unterschriften wirkten aber auf den Gesetzgebungsprozess ein. In der Vernehmlassung wurde übrigens Stephan Suhner als ask-Fachstellenleiter einbezogen, der neben den ökologischen Argumenten, vor allem auch die Seite der Menschenrechtsverletzungen einbringen konnte.


Stephan Suhner beschäftigte sich parallel zu den Agrotreibstoffen mit dem Bergbau. Denn die horrible Kombination von Bürgerkrieg und Bergbau prägt auch den Kohleabbau von Glencore im konfliktreichen Kolumbien. Suhners  Recherchen waren entscheidend, dass 2008 Glencore den Public Eye Award als «übelste Firma der Schweiz» zugesprochen bekam. Vor allem die Filmszenen wo Bulldozer unter Polizeischutz das Dorf Tabaco beiseiteschoben, schockierte das Publikum. Die Monsterbagger in der weltgrössten Tagebaumine El Cerrejon fressen sich bis zum heutigen Tag weiter. Neuestes Projekt des Grössenwahnsinns: Ein Fluss soll auf 26 Kilometer Länge umgeleitet werden, um die Kohle unter dem Flussbett fördern zu können. „Es braucht nicht viel Vorstellung, um sich die negativen Folgen für die Umwelt auszumalen“, sagt Suhner. Im Nachbardepartement Cesar besitzt Glencore ebenfalls drei Kohleminen. Auch dort stehen drei Dörfer wegen gesundheitsgefährdender Luftverschmutzung kurz vor der Umsiedlung. Mit allen Mitteln verteidigt Glencore hier seine fragwürdig erworbenen Landtitel. Suhner: „Glencore reizt die minenfreundlichen Gesetze von Kolumbien bis zum Letzten aus.“ Das gilt auch für die Arbeitsrechte. Hier hat Glencore erst 2010 in der Mine Carbones de La Jagua mit Spezialeinheiten einen Streik blutig unterdrückt. Dass Glencore mit Landvertreibung und dem Aushöhlen gewerkschaftlicher Rechte auch in Zukunft gute Profite macht, dafür sorgt nach Suhner der Fukushima-Effekt. Der Ausstieg Deutschlands und Japans aus der Atomenergie fördert massiv den Bau neuer Kohlekraftwerke. Trotzdem ist es nach Ansicht Suhners schwer, den mittelbaren Bezug zur Schweiz zu skandalisieren, obwohl einige Schweizer Energiekonzerne mit von der Partie seien beim Bau von Kohlekraftwerken in Deutschland, die wiederum kolumbianische Kohle verfeuern.


Der Glanz des Goldes

Die Arbeitsgruppe hat sich deshalb nun bereits 2011 bei der jährlichen Generalversammlung entschieden, sich schwerpunktmässig dem Gold zu verschreiben. Kampagnenmässig glänzt das Gold sozusagen damit, dass es ein emotionalisierendes Metall ist, aus dem zum Beispiel die meisten Eheringe geschmiedet sind. Auch beim Thema Gold hat Stephan Suhner schon mit der Vernetzungsarbeit begonnen. Die Idee aber, die an der Generalversammlung in Emmetten im Vordergrund stand, dass alle Regionalgruppen gleichermassen Infos zu dem Edelmetall Gold schürfen, ist mehr oder weniger im Sande verlaufen. Die von der ask ausgehende Initialzündung, eine Koalition mit anderen NGOs zu schaffen, hat nach Suhner eine Eigendynamik produziert. "Die Frage ist nun offen: Kann sich die ask gegenüber den personell besser dotierten Gruppen überhaupt noch mit dem Gold-Thema profilieren?", so Suhner.


Die Kehrseite der Goldmedaille ist eben, dass immer mehr Arbeit bei Stephan Suhner als Fachstellenleiter landet. "Es gibt nur einen eingeschränkten Kreis von Mitgliedern, die auf der politisch-strategischen Ebene mitarbeiten wollen“, sagt er.  Die gemeinsam voranzutreibende Aufbereitung der Goldrecherche illustriert für Suhner das Dilemma besonders anschaulich. Das Schicksal des politischen Solo-Kämpfertums, das Suhner zu schaffen macht, erlitten bereits seine Vorgänger. Die ask-Sekretäre waren immer der wichtige Dreh- und Angelpunkt. Sie verschafften der Menschenrechtsarbeit ihre Kontinuität und ihre öffentliche Aufmerksamkeit und waren gleichzeitig die Klammer, um die Regionalgruppen zusammenzuhalten. Für die Mitglieder selbst hat die Arbeit der Professionellen eine entlastende Funktion, die sie nach Ansicht von Suhner beinahe von eigenem Engagement befreit.  Suhner streicht aber auch heraus, dass  die ask-Mitglieder eine langjährige Beziehung zur ask aufgebaut haben. „Das ist eine Besonderheit heute, in der die politische Szene mehr von ad-hoc-Komitees beherrscht wird.“


Das neue Mitglied Hans Alberto Nikol ergänzt die Kritik. Anfangs habe er bei den Treffen der ask Luzern das Gefühl gehabt, die Sitzungen vollziehen sich ähnlich "ritualisiert wie bei einer Bibelgruppe". Nun aber sei mit dem Projekt Weihnachtsmarkt Venite Zug ins Gruppengeschehen hineingekommen, was auch Melanie Seeholzer von der Luzerner Gruppe bestätigte.  Peter Stirnimann formulierte denn auch, dass die Regionalgruppen wieder konzentriert an unterschiedlichen Themen arbeiten sollten. Basel will dies nun verstärkt zum Gold-Thema tun. Grundsatzdiskussionen sind angesagt, um die Lobbyarbeit für die Menschen in Kolumbien weiter zu treiben. Aber trotz der kritischen und selbstkritischen Töne solle die Gesamtschau nicht zu düster ausfallen. Stefan Oswald, ein Mitglied der ersten Stunde, erinnerte daran: "Wellenbewegungen zwischen aktiven und passiven Zeiten sind beinahe systemimmanent in Solidaritätsgruppen."

"Erfolg" in Anführungszeichen


Trotzdem: Die ask als kleine Organisation, getragen von qualifizierten und engagierten Mitarbeitenden sowie einem Umfeld von treuen Mitgliedern und Sympathisantinnen, kann nach 25 Jahren bilanzieren: Ihre Vision hat teilweise selbst die aussenpolitische Orientierung der Schweiz mitbeeinflussen können, sie hat das Kolumbienbild in den Schweizer Medien geschärft, die Blumenkampagne initiiert und entscheidend zur Zertifzierung der Schnittblumen beigetragen und war bei der Vernehmlassung von Agrotreibstoffen beteiligt. Es ist viel geleistet worden und es gibt noch viel zu tun. Erfolgsgeschichte ist im Zusammenhang mit Kolumbien, in dem die systematische Verletzung der Menschenrechte bis zum heutigen Tage anhält, ein problematisches Wort. Darauf hatte schon Bruno Rütsche in seinem berührenden Abschiedstext (http://www.askonline.ch/publikationen/monatsberichte/jahrgang-2010/muchas-gracias-y-adios/) hingewiesen. Rütsche führte damals aus: "Erfolg ist auch nicht zentral – oder wie der bis zu seinem Tod engagierte und beispielhafte Pater Toni Gisler sagte: ,Erfolg ist kein Name für Gott – denn Engagement für Gerechtigkeit, Menschenrechte und Frieden ist ein ethischer Imperativ und verliert nicht an Bedeutung und Wert, wenn es nicht erfolgreich ist. Was aber nicht heisst, dass man nicht alles daran setzen soll, damit das Engagement effizient und wirkungsvoll, also erfolgreich ist!"

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Aktuell

08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com