10/07/11

Primero los ciudadanos, los turistas vienen después

07.10.2011 | Ann-Séline Fankhauser

Cartagena, La Heróica, Unesco-Weltkulturerbe, Top-Tourismusdestination Kolumbiens präsentiert sich dem Neuankömmling von seiner schönsten Seite. Das historische Zentrum mit den gut erhaltenen farbenfrohen Kolonialbauten, den engen Gassen und den mit Blumen bestückten Balkonen lädt zu ausgedehnten Spaziergängen ein. Die Stadtmauern und Festungsanlagen rund um die Stadt erzählen von der heroischen Geschichte der Stadt und ihrer Bevölkerung. Die ambulanten Händler, die an jeder Ecke anzutreffen sind, geben dem Ort seine exotische Authentizität, welche der westliche Besucher sucht. Doch abgesehen davon, gleichen einige Teile des historischen Zentrums einer Kulisse. Es beschleicht einem das Gefühl, dass das wahre Leben der Bevölkerung nicht im historischen Stadtzentrum stattfindet. Und so fällt dem auswärtigen Besucher nicht erst beim abendlichen Club Colombia (kolumbianisches Bier) im stadtbekannten Salsaschuppen Donde Fidel auf, hauptsächlich unter seinesgleichen zu sein. Die cartageneros als Passanten und Besucher fehlen fast gänzlich im Bild des historischen Stadtzentrums. Sie treten als ambulante Händler, als Taxifahrer, oder als Kellner in Erscheinung. Doch in einem der völlig überteuerten Cafés auf der Plaza San Diego kann sich von ihnen niemand ein Bier leisten.

Tritt man durch die Puerta del Reloj hat man einen weitläufigen, leblosen Platz und eine mehrspurige Strasse vor sich. Wo früher der städtische Markt lag, erhebt sich heute ein Kongresszentrum in welches man auch als Tourist keinen Zutritt zur Besichtigung erhält. Die Fischerboote sind aus dem Hafen verschwunden und an der Hafenmole legen heute nur noch die Touristenschiffe an, die für Tagesausflüge zu den Islas del Rosario hinausfahren. Auch cocteles de camarones und Frittiertes gibt’s an der Hafenmole nicht mehr, dafür einen weitläufigen Gehweg und einen Glaszaun der den Touristenbereich mit seinen Ausflugsbooten abtrennt.

Geht man weiter in Richtung Meer, erscheinen linkerhand bald einmal die Hochhäuser auf der Halbinsel Bocagrande. Hier reihen sich Luxusappartements an internationale Hotelketten. Das ehemalige Fischerdorf lässt sich nicht mal mehr erahnen. Wie uns Israel Díaz Acevedo  erzählt, sind die Bewohner vor rund 50 Jahren auf die Insel Tierra Bomba umgesiedelt worden um der Tourismusindustrie auf der begehrten Halbinsel mit ihren Stränden und der Nähe zum historischen Zentrum Platz zu machen. Dem Fischerdorf La Boquilla nordöstlich des historischen Zentrums gelegen droht heute das gleiche Schicksal. Die Hotelkomplexe schnellen wie Pilze aus dem Boden und sind dem idyllischen Dörfchen schon gefährlich nahe. Auch an anderen Orten wird die Stadtentwicklung und Modernisierung der Stadt weiter vorangetrieben. Wo man hinschaut strecken sich neue Hochhäuser gegen den Himmel. Ganz auffällig ist dieser Bauwahn in die Höhe in bis anhin vom Modernisierungswahn verschonten, historischen Quartieren rund um das historische Zentrum. So stehen im Stadtteil Manga koloniale Villen zum Verkauf und Immobilienhaie warten an jeder Strassenecke. Hochhäuser gehören auch hier zur neuen städtebildlichen Realität.
Die neoliberalen Entwicklungen haben Cartagena fest im Griff. Die durch die Stadtregierung definierte Entwicklungsstrategie 2011  für Cartagena orientiert sich denn auch klar an neoliberalen Wachstumsstrategien. Die wirtschaftliche Entwicklung Cartagenas basiert einerseits auf dem Ausbau des Hafens und der Industrie und der Entwicklung der Stadt hin zum logistischen Hafenzentrum, d.h. zu einem zentralen Umschlagplatz für Waren und Güter. Andererseits soll die Attraktivität der Stadt als Tourismusdestination weiter gefördert werden. Durch die beiden Hauptpfeiler auf denen die städtische Entwicklung beruht, soll das auswärtige Kapital in Form von Unternehmen oder eben Touristen angezogen werden.  Doch diese an reinen Wirtschaftskriterien ausgerichtete Entwicklung und die dafür benötigten Infrastrukturprojekte begünstigen keineswegs die Gesamtbevölkerung Cartagenas obwohl dies durch die Stadtregierung natürlich so verkauft wird, indem mit neuen Arbeitsplätzen, mehr Sozial-, Bildungs- und Kulturinvestitionen sowie mit Programmen zur Armutsbekämpfung gelockt wird. Doch die Realität für die Stadtbewohner sieht anders aus und in den Augen Vieler hat sich die Stadt an das ausländische Kapital verkauft.

Die Probleme der modernen Stadt

„Cartagena befindet sich in einer sozio-ökologischen Krise.“   Die Umweltverschmutzung und der nicht nachhaltige Umgang mit den natürlichen Ressourcen schränken die Lebensqualität der Stadtbewohner ein und führen zusammen mit der neoliberalen Stadtentwicklung zu einer allzeit ersichtlichen räumlich-sozialen Segregation. Die zwei Cartagenas, jenes der Touristen und jenes der Stadtbewohner, die nach dem Willen der Stadtplaner zu „una sola Cartagena“ werden sollen,  trennen Welten.
Zu den ohnehin schon vorhandenen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Problemen in den von der afrokolumbianischen Bevölkerungsmehrheit bevölkerten Stadtvierteln wird nun immer wie mehr auch der Druck der Kapitalinvestitionen und des Tourismus spürbar. Vor allem die populären Quartiere rund um das historische Stadtzentrum sind durch ihre Nähe zum Zentrum für die Tourismusindustrie und für Kapitalinvestitionen von fundamentalem Interesse. Es werden denn auch kräftig Grundstücke aufgekauft, alte Häuser abgerissen und Menschen umgesiedelt wodurch sich das Stadtbild allmählich verändert.
Vor allem die Entschädigung und die Umsiedlung der Bewohner erfolgen oftmals mit falschen Versprechen oder mit ungenügender Aufklärung. So werden zum Beispiel Menschen in die Peripherie umgesiedelt und es wird ihnen erst da klar, dass sie durch die neu anfallenden Fahrkosten, die sie sich nicht leisten können, ihrer Arbeit im historischen Zentrum plötzlich nicht mehr nachgehen können.

Funsarep kritisiert das ausschliesslich an wirtschaftlichen Interessen orientierte Stadtentwicklungsmodell Cartagenas, welches zu sozialer Ausgrenzung und zur systematischen Missachtung  der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte der Mehrheit der Bevölkerung führt. Doch ganz der neoliberalen Logik folgend, propagiert  die Stadtregierung das Entwicklungsmodell als Notwendigkeit in der Bekämpfung der sozialen Missstände und der grassierenden Armut. Denn nur indem neuer Reichtum generiert und die Modernisierung vorangetrieben werde, könne in die menschliche und soziale Entwicklung investiert werden.

Die grundlegenden Rechte eines Grossteils der Stadtbevölkerung Cartagenas werden unter dem Deckmantel einer modernen Stadtentwicklung die angeblich allen Einwohnern zu Gute kommt, kontinuierlich missachtet. Funsarep sieht denn auch Kollektivrechte wie Ressourcenzugang, gerechte Verteilung der natürlichen Ressourcen, Zugang zu Dienstleistungen und Gütern durch die Stadtentwicklung tangiert. Doch das Bewusstsein der Bevölkerung, dass sie als Gemeinschaft und auch jeder individuell als Stadtbewohner grundlegende Rechte (an und in seiner Stadt) besitzen und diese auch einklagen können und sollen, ist nicht vorhanden. Hier setzt Funsarep mit der Kampagne „Primero los ciudadanos, los turistas vienen después“ an.

Das Recht auf Stadt

Die Grundprinzipien  wie das Recht auf Entwicklung, das Recht auf eine gesunde Umwelt sowie die Erhaltung und der Zugang zu natürlichen Ressourcen, das Recht auf Partizipation in der Stadtplanung und bei Entscheiden, die das historische und kulturelle Erbe betreffen, werden durch die Kampagne von Funsarep angesprochen. Dabei bezieht sich Funsarep auf das Konzept „right to the city“, welches vom französischen Philosophen und Soziologen Henri Lefebvre 1968 in seinem Werk „Le droit à la ville“ begründet wurde. Das Recht auf Stadt beinhaltet demzufolge zwei grundlegende Rechte: das Recht auf Partizipation (participation) und das Recht auf Verwendung (appropriation).  Das Recht auf Partizipation meint das Recht eines jeden Stadtbürgers in Entscheidungsprozesse eingebunden zu werden, welche die Produktion oder Veränderung städtischen Raums betreffen. Mit dem Recht auf Verwendung wird einerseits das Recht der Stadtbewohner angesprochen, sich im städtischen Raum frei zu bewegen und Zugang zu allen Einrichtungen und Ressourcen zu haben und andererseits „(…) the right to produce urban space so that it meets the needs of inhabitants. Because appropriation gives inhabitants the right to produce urban space so that it meets the needs of inhabitants.“  Diese Rechte müssen als Kollektivrechte verstanden werden, welche sich immer an Kriterien der Nachhaltigkeit, der Gleichheit und der sozialen Gerechtigkeit zu orientieren haben.
Für Israel Díaz Acevedo ist klar, dass die städtische Entwicklung Cartagenas klar die Rechte der afrokolumbianischen Gemeinschaften missachtet. Denn diese werden vom Entscheidungsprozess was städtebauliche Veränderungen angehen ausgeschlossen. Auch orientiert sich die Entwicklung des städtischen Raums schon lange nicht mehr an den Bedürfnissen der Stadtbevölkerung sondern ist an den Bedürfnissen der Touristen ausgerichtet. In diesem Zusammenhang spricht Israel Díaz Acevedo auch von unsichtbaren Barrieren, welche dem gemeinen Stadtbewohner das Gefühl vermitteln, unerwünscht zu sein. Diese unsichtbaren Grenzen zeigen sich zum Beispiel in den, für den einfachen Bürger unbezahlbaren Preisen im historischen Zentrum. Ein weiteres Beispiel für die subtile Ausgrenzung/Vertreibung der Bürger aus dem städtischen öffentlichen Raum sieht Israel Díaz Acevedo in der beabsichtigten neuen Strandreglementierung der Stadt. Unter dem Vorwand die Strände für alle Besucher sicherer, sauberer und attraktiver zu machen, sollen alle Aktivitäten an und um die Strände reglementiert werden. Díaz zufolge kommt eine solche Reglementierung praktisch einer Privatisierung der öffentlichen Strände gleich. Hier könnte sodann eine Reihe von Palmen die zum Beispiel am Strand gepflanzt werden und somit eine räumliche Trennung markieren, zu einer neuen (un-)sichtbaren Grenze werden, die es für die Stadtbewohner nicht zu überschreiten gilt. Oder aber, ambulante Händler ohne Bewilligung könnten von den Stränden ferngehalten werden. Durch die Vertreibungen aus dem Zentrum, die Umsiedlungen und die minimalsten Entschädigungen zu Gunsten der kapitalistischen Profitmaximierung wird zudem die räumlich-soziale Segregation vorangetrieben. Anstatt die sozialen Probleme und die Armutsbekämpfung anzupacken, werden diese in periphere Stadtteile ausgelagert. Die Probleme der betroffenen Bevölkerung verschärfen sich dadurch meist noch, indem zum Beispiel der Zugang zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen nicht mehr vorhanden ist oder stark erschwert wird.

Die Arbeit von Funsarep zielt auf die Sensibilisierung der Stadtbevölkerung für ihre Rechte als Stadtbürger ab. Mit der Kampagne „Primero los ciudadanos, los turistas vienen después“ wird nun speziell auf die Problematik der Tourismusdestination Cartagena hingewiesen. Den Initiatoren der Kampagne ist bewusst, dass Cartagena ein Tourismusmagnet ist und die Bevölkerung auch davon lebt. Es geht ihnen also keineswegs darum die Touristen zu vertreiben. Doch zielt die Kampagne darauf ab, dass der Umgang der Stadt mit seiner eigenen Bevölkerung überdacht wird und die Bürger Cartagenas auch als eigentlicher Teil der Stadt verstanden werden. Der Gedanke dahinter ist, dass eine Stadt die auch ihre eigene Bevölkerung anständig behandelt auch für die Touristen attraktiver ist.

“Esta campaña busca llamar la atención en relación con el derecho a la ciudad por parte de los ciudadanos, y esto muy ligado a una perspectiva comunicacional, que busque el desarrollo teniendo en cuenta a los ciudadanos, pero unos ciudadanos de primera categoría, no de segunda ni de tercera. “

Mit der Kampagne soll auf das Recht auf Stadt der Bevölkerung Cartagenas aufmerksam gemacht werden. Auf das Recht, sich als Stadtbürger im städtischen Raum frei bewegen zu dürfen, nicht ausgegrenzt zu werden, Zugang zu den Ressourcen zu haben, mitzubestimmen und teilzuhaben. Funsarep setzt sich im Sinne des Rechts auf Stadt für die Partizipations- und Verwendungsrechte der Stadtbewohner Cartagenas ein. Dieses Engagement ist in Anbetracht der aktuellen Entwicklungen essentiell. Die Machtlosigkeit, die viele Bewohner angesichts der Veränderungen und Modernisierungen erleben, kommt in folgendem Zitat eines lebenslangen Stadtbewohners Cartagenas zum Ausdruck: „In einigen Jahren werden nur noch ein paar Auserwählte die einen Schlüssel besitzen Zutritt zum historischen Zentrum haben, ausser den Touristen natürlich.“ (T.Q., Bewohner Cartagenas).


Weitere Informationen:

Primero los ciudadanos, los turistas vienen despues - UJTL Cartagena www.youtube.com/watch

Turismo por Cartagena de Indias – Colombia http://www.youtube.com/watch?NR=1&v=Li2ZTLL9F3U

 

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com