10/31/11

Konfliktbewältigung im kolumbianischen Film

31.10.2011 | von Manuela Balett

In den letzten zehn Jahren hat die Zahl von kolumbianischen Filmproduktionen erheblich zugenommen und auf internationalen Filmfestivals wurden damit zum Teil grosse Erfolge gefeiert. Sehr viele dieser Produktionen behandeln in irgendeiner Weise die Thematik des seit Jahrzehnten andauernden bewaffneten Konflikts. Das Erzählen von Schicksalen, die verstrickt sind mit dem internen Krieg, scheint eine Faszination, wenn nicht eine Notwendig-keit für Kunstschaffende und Publikum darzustellen, um die Geschichte des eigenen Landes zu verstehen. Vor allem eine jüngere Generation von Regisseuren und Regisseurinnen nehmen sich vermehrt den Themen des bewaffneten Konflikts, der Vertreibung, des Trau-mas, des Drogenhandels und der städtischen Gewalt u.a. an. Das Bedürfnis, traumatische Geschehnisse im Film zu verarbeiten, ist keine neue Entwicklung, sondern setzte bereits nach dem Zweiten Weltkrieg ein.

1. Aufarbeitung von Konflikten im Film

Die Vergangenheitsbewältigung durch das Medium Film setzte wie bereits erwähnt, nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Obwohl die Auseinandersetzung mit dem Krieg in den 1950er Jahren vor allem in Deutschland noch gescheut wurde, kam sie in den 1960er Jahren umso stärker in Gang, als sich die junge Generation auf die Suche machte nach der Schuld des kollektiven Traumas und dem Verständnis der Vergangenheit. Ab diesem Zeitpunkt wurden Filme produziert, die alle möglichen Akteure, Schauplätze und Handlungen rund um die Zeit des Zweiten Weltkriegs zum Thema hatten. Heutzutage werden weltweit Filme produziert, die Konflikte und Kriege thematisieren, unter anderem auch solche, die noch nicht beendet sind. Trotzdem ist es ein schwieriger Schritt für eine Nation, sich mit den Problemen der ei-genen Geschichte auseinanderzusetzen. Mehr und mehr meist junge Regisseure lassen sich auf das Wagnis ein, die Identität ihres Volkes zu suchen und zu stärken, indem sie die Ge-schichte in die Gegenwart projizieren und sich für eine bewusste Diskussion um traumati-sche Erlebnisse der Vergangenheit einsetzen. Aber nicht nur die Vergangenheit wird damit zum Thema, sondern auch die Gegenwart selbst. Der Film ist eines der eindrucksvollsten und wichtigsten Mittel, um Vergangenes, Jetziges und Zukünftiges darzustellen und um sich realitätsgetreu vor Augen führen zu können, was in der Welt passiert ist, passiert und passieren wird.

2. Kolumbianische Filmproduktion

Auf dem internationalen Parkett sind die Produktionen der Filmindustrien aus Argentinien, Mexiko oder Brasilien bekannter und anerkannter als jene Kolumbiens, doch immer öfter treten kolumbianische Produktionen aus der Nische heraus und feiern auf den internationa-len Filmfestivals grosse Erfolge. La estrategía del caracol (1993), Perro come perro (2008), Retratos en un mar de mentiras (2009), Los viajes del viento (2009) und El vuelco del can-grejo (2010) sind nur einige Beispiele für Filme, die in den letzten Jahren grosse Beliebtheit erhalten haben.
Die in den 1980er Jahren als staatliches Organ der Filmförderung gegründete Compañia de Fomento Cinematográfico (FOCINE) ermöglichte die Produktion einiger Spiel- und Doku-mentarfilme, die aber eher im nationalen Raum Beachtung fanden. Anfangs 1990er Jahre wurde die FOCINE aufgrund von Korruptionsvorwürfen wieder aufgehoben. Im Jahr 2003 wurde durch die Ley del cine 814  die Grundlage für die systematische Filmförderung in Ko-lumbien geschaffen. Das Gesetz spricht dem Film eine tragende Rolle bei der Bildung von nationaler Identität zu. Seit dem Jahr 2003 haben die Filmproduktionen in allen Sparten zu-genommen. Etwa 25 Filme werden nunmehr pro Jahr produziert. Verschiedene Filmfestivals, wie zum Beispiel das Festival internacional de cine de Cartagena oder das Festival de cine de Bogotá bieten eine Plattform für Premieren von nationalen Produktionen, die auch inter-nationalen Anklang finden.

3. Beispiele von Filmen, die den bewaffneten Konflikt thematisieren

Nach der Einführung zum Thema Konfliktbewältigung im Film und im Speziellen dem Kolum-bianischen Film, folgt nun die Vorstellung von drei Spielfilmen, die zwischen 2003 und 2010 gedreht wurden und sowohl national als auch international erfolgreich waren. Die drei Filme sind Dramen und behandeln die Problematik des bewaffneten Konflikts und deren Auswir-kungen auf unterschiedliche Akteure in einem unterschiedlichen Kontext. Es gäbe eine Rei-he weiterer Spielfilme, unter anderem auch Komödien, die die Thematik des Konflikts in ei-ner sensiblen Art und Weise aufarbeiten. La sombra del caminante, Retratos en un mar de mentiras und Los colores de la montaña eignen sich gut für eine Analyse des Umgangs mit Konflikt im Film, weil sie von verschiedenen Perspektiven ausgehen und den Fokus der Handlung auf Akteure legen, die nichts gemeinsam haben und trotzdem alle Teil sind einer sie einenden Vergangenheit.

3.1 La sombra del caminante

Mañe befindet sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation. Er hat ein Bein verloren und kann deshalb keine Arbeit finden. Die Miete kann er nicht bezahlen und in seiner Nach-barschaft ist er dem Spott seiner Mitmenschen ausgesetzt. Während er in den Strassen Bo-gotás zu überleben versucht, lernt er einen mysteriösen Mann kennen, einen sogenannten „Silletero“. Dieser trägt Leute für 500 Pesos durch die Stadt, indem sie auf einem Holzstuhl sitzen, der an seinem Rücken befestigt ist. Aufgrund der gegenseitigen Hilfsbereitschaft ent-steht zwischen den beiden Männern eine ungewöhnliche Freundschaft, die ihre Leben er-träglicher werden lässt. Die beiden bemerken mit der Zeit, dass sie eine Vergangenheit tei-len, die sie gleichzeitig trennt und doch vereint, als Menschen, die alles verloren haben und doch gewillt sind, wieder neu anzufangen.                                                                                                                                                       

La sombra del caminante, ein Schwarzweissfilm, ist ein Drama des Regisseurs Ciro Guerra aus dem Jahr 2003. Ciro Guerra feierte sowohl mit diesem Film, als auch vor zwei Jahren mit seinem zweiten Spielfilm Los viajes del viento internationale Erfolge. La sombra del ca-minante wurde unter anderem an den Filmfestivals von Toulouse, Habana und Cine de Mar de Plata in Argentinien ausgezeichnet.

3.2 Retratos en un mar de mentiras

Nach dem Tod ihres Grossvaters machen sich Jairo und seine Cousine Marina auf, das Grundstück, von dem ihre Familie viele Jahre zuvor vertrieben wurde, zurückzugewinnen. Auf der Reise von Bogotá an die Karibikküste erinnert sich die apathisch wirkende Marina bruchstückweise an die traumatischen Erlebnisse ihrer Vergangenheit. Als die beiden in ih-rem Heimatdorf ankommen und ihr Grundstück zurückverlangen werden sie von Paramilitärs entführt. Jairo wird bei einem Fluchtversuch verletzt, Marina gelingt es, zum Haus ihrer Fami-lie zu gelangen und die Eigentumsschriften auszugraben, die ihr Grossvater vor der Flucht vergraben hatte. Im Haus erlebt Marina die Ermordung ihrer Familie nochmals in ihrer Erin-nerung mit.

Retratos en un mar de mentiras ist ein Drama von Carlos Gaviria aus dem Jahr 2009. Carlos Gaviria ist einer der bekanntesten Regisseure Kolumbiens, der unter anderem bekannt wur-de durch die Produktion der Fernsehserie Rosario Tijeras und Dokumentarfilmen wie Minas oder dem für die UNICEF produzierten Film 500 seconds: The children of the Americas. Der Film Retratos en un mar de mentiras wurde unter anderem am Filmfestival Viña del Mar ausgezeichnet und an der Berlinale gezeigt.

3.3 Los colores de la montaña

Manuel ist ein neunjähriger Junge, der davon träumt, Fussballer zu werden. Von seinem Va-ter erhält er zum Geburtstag einen Ball geschenkt, der aber während dem ersten Spiel in einem Minenfeld landet. Gemeinsam mit seinen Freunden Juan und Poca Luz versucht er, den Ball zurückzuholen. Währenddessen wird sein Dorf „La Pradera“ in die Wirren des be-waffneten Konflikts hineingezogen. Immer mehr Kinder fehlen am Morgen in der Schule, weil ihre Familien das Dorf verlassen haben. Schliesslich trifft die Tragödie
auch Manuels Familie. Vor seiner Abreise unternimmt er einen letzten Versuch, seinen Ball zurückzu- erobern.  

Los colores de la montaña ist ein Drama des Regisseurs Carlos César Arbelàez aus dem Jahr 2010. Vor diesem Spielfilm, hat er vor allem Fernsehdokumentarfilme gedreht. Los colores de la montaña hat zahlreiche internationale Preise gewonnen, unter anderem am Filmfestival von San Sebastián in Spanien und dem Filmfestival von Toulouse.

4. Konfliktbewältigung in Kolumbianischen Spielfilmen

Die drei vorgestellten Beispiele erzählen alle die Geschichte von Menschen, die auf unter-schiedliche Art und Weise Opfer und Zeugen der Gewalt in Kolumbien geworden sind. Über-haupt kann man sagen, dass die neue Generation von Regisseuren sich mit Vorliebe dem Thema Gewalt annimmt. Sei es nun Gewalt zwischenmenschlicher, gesellschaftlicher, politi-scher oder staatlicher Natur. Elemente, die sich ebenfalls durch die neueren Filme hindurch-ziehen, sind die der Freundschaft, der Solidarität und der Lebensfreude. Vielleicht ein Ver-such, die Normalität des Lebens inmitten eines absurden Krieges darzustellen.
 
Im Beispiel von La sombra del caminante wird die Freundschaft zweier Männer porträtiert, die sich bewusst werden, dass sie durch ihre Solidarität zueinander die Wiederholung alter Fehler verhindern können. In einer Rezension schreibt ein kolumbianischer Journalist, dass dieser Film allen zu verstehen gibt, dass die Kolumbianer und Kolumbianerinnen, ob als Zu-schauer oder als Zeugen, das Echo der erlebten Gewalt nicht umgehen können. Nebst dem Bezug zum bewaffneten Konflikt, bezieht sich der Film auf die städtische Gewalt, die für die Gegenwart ein grosses Problem darstellt, aber noch selten in Filmen dargestellt wird.
Im Film Retratos en un mar de mentiras erleben die Zuschauer anhand der Erinnerungen der jungen Marina die schrecklichen Gewalttaten, die ihr und ihrer Familie angetan wurden, mit. Auf der Reise von Marina und Jairo wird nicht nur die Geschichte eines traumatisierten Mäd-chens erzählt, sondern die eines ganzen Landes. Gleichzeitig wird aber Wert darauf gelegt, die Unbeugsamkeit des kolumbianischen Volkes und dessen Lebensfreude sichtbar zu ma-chen.
Los colores de la montaña schliesslich zeigt eine Momentaufnahme des Konflikts aus der Sicht von Kindern. In einer eindrücklich realistischen Art und Weise erleben die Zuschauer mit, wie das normale Leben der Kinder und deren Freundschaft durch den Druck des Krieges aus den Fugen geraten.

Viele Regisseure wählen meist schon für ihr Leinwanddebüt diese Thematik, die sehr kom-plex ist und einer besonderen Sensibilität bedarf, um sie nicht ins Dramatische zu zerren. In Interviews erzählen sie, dass die Geschichte ihres Films ganz natürlich entstanden sei auf-grund von persönlichen Erlebnissen oder der Beobachtung von Geschehnissen.  Die Zu-schauer nehmen die Filme fast durchgehend als Suche nach Antworten auf Krieg und Ge-walt wahr oder als Versuch, die Wunden eines Volkes sichtbar zu machen.
 
Das folgende Zitat des Regisseurs Victor Gaviria spricht wohl für viele Menschen, die Gewalt erlebt haben als etwas, das nicht zu beschreiben ist:

„Cuando uno habla con personas que han vivido o viven las mil guerras que se dan en este país, siempre se encuentra con que la fatalidad y el absurdo son las únicas maneras de representarse la experiencia de la violencia. La violencia parece venida de otra parte, transferida al ahora y al aquí. Es un monstruo informe regido por algo anterior a la razón; está marcada por una incomprensibilidad que la define.“

Vielleicht ist das unbeschreibbare Unverständnis der Gewalt unter anderem ein Grund dafür, dass das gemeinsame Erlebnis ebendieser Gewalt auf der Leinwand für viele Leute eine Möglichkeit darstellt, ihre Geschichte und die ihres Volkes nachzuvollziehen und zum Ge-genstand ihrer Reflexion zu machen.

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

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www.kuengkaffee.ch

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www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com