03/25/11

Breite Mobilisierung zum Schutze des Wassers im Páramo Santurbán

25.03.2011 | von Mario Huber

Goldmine durch Volksproteste gestoppt

Das kanadische Unternehmen Greystar beabsichtigte, im Departement Santander in der Mine Angostura Gold im Tagebau abzubauen. Nach heftigem Widerstand der Bevölkerung hat sie ihr Gesuch zur Erteilung der notwendigen Umweltlizenzen jedoch vorerst zurückgezogen. Das Goldvorkommen liegt in einem Páramo – ein charakteristisches Ökosystem der Hochanden – und der Goldabbau würde die Wasserversorgung der ganzen Region gefährden. Die lokalen Gemeinschaften, welche nach wie vor vom Goldgeschäft leben, sehen sich hingegen einer Entwicklungschance beraubt.

Der Páramo

 

Páramo ist eine Bezeichnung für das Ökosystem und die zugehörige Vegetation, die man in den tropischen Anden ab circa 3000 Meter über Meer, oberhalb der Baumgrenze hin bis zum ewigen Schnee findet. Diese Gebiete weisen hohe Feuchtigkeit und sehr tiefe Nachttemperaturen auf, bei sonnigen Tagen kann es dennoch wie in den Schweizer Hochalpen auch sehr warm werden; so beherbergen sie sehr spezielle Arten von Pflanzen, wie zum Beispiel Schopfrosettenbäumchen des Typs Espeletia („frailejones“) oder Horstgräser, in höheren Bereichen sind vor allem Flechten und Moose zu finden. Diese Vegetation und der Boden können in der Regenzeit viel Wasser aufsaugen, weshalb die Páramos wichtige Wasserreservoirs sind. Die Páramos sind weltweit einzigartig, ungefähr 50% dieser Gebiete liegen in Kolumbien, sie sind jedoch auch in Venezuela, Costa Rica, Ecuador und Peru zu finden.

Schätzungsweise 70% des Wassers in Kolumbien kommt aus Páramos; um dem Rechnung zu tragen, ist der Bergbau in Páramogebieten seit 2010 durch das neue Bergbaugesetz verboten. Die Wertschätzung der Páramos hat auch eine kulturelle Dimension: viele Kolumbianer sind stolz auf dieses geographische Merkmal, welches man schon in der Primarschule kennenlernt, wo es zum fixen Bestandteil der Lehrbücher gehört. Santurbán ist ein Páramogebiet, welches 920 km² misst und östlich von Bucaramanga liegt, im Departement Santander und im Departement Norte de Santander. Es wird geschätzt, dass etwa 2,2 Millionen Menschen von der Wasserversorgung durch den Páramo Santurbán abhängen.

Das Gold

Der Páramo ist aber nicht nur reich an Wasser, Biodiversität und natürlicher Schönheit. In seinen Bergen befinden sich auch Gold- und Silbervorkommen, welche um die angrenzenden Dörfer von California und Vetas liegen. Die Geschichte dieser zwei Gemeinden im Departement Santander ist wie deren Namen vom Goldabbau geprägt: California wurde nach dem damaligen Goldrausch benannt und Veta bedeutet Erzader. Schon die indígenas haben hier Gold gewaschen. Die Einwohner widmen sich seit Generationen der traditionellen Goldgewinnung und Goldschmiedearbeit gehört zum schulischen Programm. Die so wertvollen Goldklumpen sind allerdings immer schwieriger zu finden. Darum sind auswärtige Investoren willkommen, welche die Landstücke der alten Minen kaufen und den Abbau dann mit effizienteren, dafür aber gefährlicheren Techniken vorantreiben.

Greystar

In den letzten Jahrzehnten haben sich ausländische Firmen zu den alteingesessenen, im Bergbau tätigen Familien gesellt. Das kanadische Unternehmen Greystar ist bereits seit 15 Jahren in der Gegend präsent und hat nach eigenen Angaben schon 140 Millionen kanadische Dollar (in Franken ebenfalls ca. 140 Millionen) in das Projekt Angostura investiert. Greystar führt in ihren Unterlagen folgende Argumente zu Gunsten des Projektes Angostura an: die aktuelle bergbaufreundliche Politik der Regierung, die gute Zusammenarbeit mit und Unterstützung durch die lokale Bevölkerung, sowie 300 km² Konzessionen für Explorationen in der Gemeinde California.

Beim Projekt Angostura handelt es sich um das einzige Projekt der Firma in Kolumbien. Es ist also nicht zu erwarten, dass sie ihre Tätigkeit um Santurbán leicht aufgeben wird. Greystar hat den verschiedenen Beteiligten durch dieses Projekt viele Vorteile versprochen: für Investoren werden saftige Gewinne prognostiziert und es wird unter anderem hervorgehoben, wie gut das Gebiet dank dem Projekt bereits am Strassen- und Stromnetz angeschlossen sei. Die Gunst der lokalen Bevölkerung hat sich die Firma erkauft, indem sie bereits zur Entwicklung der Dörfer beigetragen hat; zum Beispiel mit der Entfernung von 300 vom ELN gelegten Antipersonenminen. Es wurde auch versprochen, dass, falls das Projekt bewilligt wird, zusätzliche Infrastrukturinvestitionen getätigt werden, unter anderem das Asphaltieren der einzigen, jetzt sehr gefährlichen Strasse, welche ins Gebiet führt. Kolumbien werden neben Royalties insgesamt 4 Milliarden US-Dollar an Investitionen versprochen. Damit verbunden sind 1500 neue Arbeitsstellen beim Aufbau der Mine und 850 während ihrem fünfzehnjährigen Betrieb. Wer sich Sorgen um die Umwelt macht, dem werden allerlei flankierende Massnahmen sowie Sanierungsmassnahmen in Aussicht gestellt. Auch die Behebung der schon vorhandenen, durch den bisherigen kleineren Goldabbau verursachten Umweltschäden, wird obendrauf angeboten.

Gesetzliche Hürden

Um das Projekt zu starten, braucht Greystar eine Bewilligung der Zentralregierung. Besonders umstritten ist das Projekt, weil mindestens 50% der Arbeiten im Páramogebiet stattfinden werden. Umweltschützer gehen gar von 80% aus. Die Schwierigkeit liegt darin, dass bis anhin keine offizielle und einheitliche Grenzziehung des Páramos vorhanden ist. Fakt ist, dass 56% der künftigen Mine sich über Landstücke erstrecken wird, welche über 3000 Meter über Meer liegen.

Die erste Umweltverträglichkeitsstudie wurde im Dezember 2009 dem zuständigen Ministerium eingereicht. Nach dem Verbot des Bergbaus in Páramogebieten durch das neue Gesetz von Anfang 2010 hat sich die Firma dafür stark gemacht, dass ihr weiterhin die Bedingungen gewährt werden, welche beim Erhalt der ersten Konzessionen herrschten – was im Übrigen damals auch versprochen worden war. Daraufhin verzichtete die Regierung auf eine rückwirkende Anwendung des neuen Gesetzes und ging auf das Gesuch erneut ein.

Widerstand der Zivilbevölkerung

Bucaramanga, die Hauptstadt des Departamentos, und 20 umliegende Gemeinden beziehen ihr Wasser aus dem Páramo Santurbán und sehen sich durch den riesigen Tagebau und die damit verbundene Verseuchung durch Zyanid gefährdet. Schon heute messen die Wasserbehörden in den Leitungen von Bucaramanga Werte von Zyanid und Quecksilber, welche die üblichen Grenzwerte bei Weitem überschreiten. Dies ist nicht weiter erstaunlich denn in den Golddörfer bergauf wird in kleinem Rahmen Quecksilber zum effizienteren Goldwaschen eingesetzt – obwohl dies gesetzlich verboten ist – und die Auslaugung von Gold aus der Erde mit Zyanid gehört seit langem zum Alltag.

Vor allem die Sorgen um das Wasser, aber auch die vorhersehbare Landschaftszerstörung beim Páramo und die Befürchtung, die Sprengungen bei der Ausbaggerung der grossen Minen würden weitreichende Schäden im ganzen Páramo anrichten, haben Umweltaktivisten im ganzen Land und Amtsträger, Umweltbehörden und später sogar den Detailhandelsverband in der Stadt Bucaramanga auf den Plan gerufen.

Mit Öffentlichkeitsarbeit und Initiativen von unten hat sich die zivilgesellschaftliche Bewegung gegen die Mine den Zugang zur nationalen Presse geschaffen. Am 30. Januar 2011 bekam die Bewegung Unterstützung vom ersten Umweltminister in Kolumbien (er war 1993 im Amt). Mit seiner scharfen Kritik am Projekt Angostura und im Allgemein an der Umweltpolitik der Regierung Uribe fand er in den nationalen Medien grossen Anklang. Mit der Zeit fand die Bewegung zunehmend breitere Unterstützung, so wurde sie nicht nur von linken politischen Kräften begrüsst, sondern auch von Exponenten aus dem rechten Lager. Die Anfechtung einer möglichen Bewilligung ist in Vorbereitung.

Am 25. Februar 2011 fand in Bucaramanga eine grosse Kundgebung mit 30‘000 Demonstranten statt, dazu aufgerufen hatten Umweltaktivisten, der Handelsverband und NGOs. Zu dieser Zeit war bereits klar, dass die Entscheidung um Santurbán nicht eine amtlich-juristische sein wird, sondern eine politische. Sie wird indirekt vom Präsidenten Juan Manuel Santos getroffen, und nicht den zuständigen Ministern überlassen. Ein positiver Entscheid würde zahlreichen transnationalen Konzernen, welche in den kolumbianischen Anden Bergbautitel erhalten haben, Tür und Tor öffnen; diese wurden in den vergangenen Jahren vom Bergbauministerium leichtsinnig vergeben.

Am 4. März fand in Bucaramanga ein vom Umweltministerium organisiertes öffentliches Hearing statt. Dies ist einer der letzten Schritte im Bewilligungsverfahren. Der grosse Saal war überfüllt, neben Vertretern der gespaltenen Bevölkerung waren hochrangige Politiker, Beamte aus Bogotá und hohe Kader von Greystar anwesend. Wegen einer Streitigkeit um Redezeiten lief das Ganze schliesslich aus dem Ruder und die Versammlung wurde abgebrochen. Die Entscheidung liegt nun zumindest formell beim Umweltministerium, welches sich binnen 30 Tagen äussern muss.

Der Rückzug

Am 17. März 2011 verkündete der Minister für Minen und Energie, dass Greystar ihr noch hängiges Gesuch zurückgezogen habe. Der Grund dafür sei, dass eine Ablehnung zu erwarten war; offizielle Stellen hatten diesbezüglich schon Signale gesendet. Diese Ankündigung löste landesweit Freude bei den Gegnern und Entsetzen bei den Gemeinschaften von California und Vetas aus, welche einen Rückzug der Greystar von Angostura und den einhergehenden Verlust von Arbeitsstellen und ökonomischen Einnahmen befürchten. Die Hälfte der lokalen Wirtschaft ist nämlich auf diese Firma zurückzuführen. Allerdings muss sich auch Greystar ernsthafte Sorgen um ihr Überleben machen; in Santurbán, ihr einziges Geschäft, wurden bereits Millionen investiert.

Am 18. März kündigte Greystar an, sie habe zwar das Gesuch um einen Tagebau zurückgezogen, sie werde aber ihre Tätigkeit in Angostura nicht einstellen, sondern den Entwurf eines neuen Projektes vorbereiten. Hierbei würde es sich dann nicht mehr um eine Mine im Tagebau sondern eine unterirdische Mine handeln.

In den folgenden Tagen hat der Minenminister klare Worte gefunden, um zu bekräftigen, dass im Páramo kein Bergbau möglich ist. Die Politik der Regierung sei kategorisch in dem Sinne, dass man die Bodenschätze des Landes nur dann in Wohlstand für alle Kolumbianer umwandeln könne, wenn die Minenprojekte die gesetzlichen Regeln im Bereich des Umweltschutzes einhalten und die international anerkannten Techniken des nachhaltigen Bergbaus angewendet werden.

Fazit

Die Tatsache, dass ein grossangelegtes Bergbauprojekt zurückgezogen wird und dies allein wegen des friedlichen Widerstands der Zivilgesellschaft, ist sicher einmalig. Diese Ereignisse zeigen uns aber vielmehr mit welchen Problemen Kolumbien in diesem Bereich zu kämpfen hat.

Erstens ist Greystar nicht der einzige Akteur der verliert. Die Bevölkerung ist gespalten. In der Sichtweise der Einwohner von California und Vetas wird ihre materielle  Existenzgrundlage den postmaterialistischen Sorgen der Bevölkerung der wirtschaftlich entwickelten Städten geopfert – oder anders gesagt: um ein paar komische Pflanzen zu erhalten, müssen sie jetzt in der Armut bleiben. Das Ressentiment gegen die Auswärtigen ist in diesen Dörfern sehr gross; zwei Vorfälle zeigen das. Es handelt sich um schwere Angriffe,welche sich gegen die Umweltbehörden aus Bucaramanga und gegen einen Journalisten aus Bogotá richteten. Die Auswärtigen mussten jeweils um ihr Leben fürchten und sofort fliehen, dabei erlitten ihre Ausrüstung und ihre Fahrzeuge schwere Schäden.

Wie kommt es dazu, wieso ist Greystar so beliebt? Wahrscheinlich weil diese Firma das macht und verspricht, was der Staat eigentlich schon immer hätte machen müssen. Nämlich die Bevölkerung mit geeigneter Infrastruktur auszustatten und ihnen eine glaubwürdige Entwicklungschance anzubieten. Stattdessen war der Staat in diesem Gebiet lange Zeit abwesend.

Zweitens wurde das Chaos offenbart, welches in der Bergbauregulierung in Kolumbien herrscht. Es fehlen solide Grundlagen, aufgrund welcher die Amtsträger mit den Bergbaufirmen verhandeln könnten, um den Konflikt zwischen wirtschaftlichem Gewinn und Umweltschutz zu lösen. Die unklare gesetzliche Lage könnte in der Zukunft durchaus die Bergbaufirmen bevorteilen.

Greystar könnte im Moment zu Recht klagen, dass Zusagen aus der Vergangenheit – aufgrund deren sie beträchtliche Investitionen getätigt hat – nicht eingehalten worden sind. Allerdings muss jeder Bergbaufirma klar sein, dass eine Konzession zur Exploration nicht gleichbedeutend mit einer Konzession für den Abbau ist. 

In der Debatte zu Santurbán wurde unter anderem gefordert, dass die staatlichen Instrumente und Mittel zur Überwachung und Regulierung des Bergbaus aufgestockt werden. Das wäre sicher ein guter Schritt, dann würden nämlich auch solche Projekte besser überprüft, die nicht im Scheinwerferlicht stehen!

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Quellen und weitere Informationen

http://www.lasillavacia.com/historia/los-poderes-detras-del-paramo-de-santurban-22387

http://www.semana.com/noticias-nacion/ultima-fiebre-california/151761.aspx

http://www.semana.com/noticias-nacion/agua-gano-oro/153559.aspx

http://www.semana.com/noticias-nacion/gobierno-descarta-completo-proyecto-greystar-santurban/153835.aspx

http://www.elespectador.com/impreso/nacional/articulo-247934-el-dedo-llaga-del-minambiente

http://www.elespectador.com/impreso/negocios/articulo-253973-proyecto-santurban-inviable

http://www.elespectador.com/noticias/nacional/articulo-254916-choques-verbales-suspenden-audiencia-de-proyecto-de-santurban

http://www.vanguardia.com/santander/bucaramanga/94186-masiva-participacion-en-marcha-del-agua

http://www.vanguardia.com/judicial/97088-equipo-periodistico-del-noticiero-cm-fue-agredido-en-el-california-santander

Greystar Ressourcers Ltd.: Corporate Presentation, September 2010: http://www.greystarresources.com/i/pdf/CorporatePresentation.pdf

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26.10.2016

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