08/31/11

10 Jahre Suippcol: Frieden von unten aufbauen

31.08.2011 | Peter Stirnimann

Seit zehn Jahren existiert das Schweizerische Friedensprogramm in Kolumbien zur Förderung der Zivilgesellschaft SUIPPCOL. Peter Stirnimann, ehemaliger Fachstellenleiter der ask, leitet als Koordinator das Programm. René Reinhard sprach  mit ihm.

Peter, Du leitest SUIPPCOL seit der ersten Stunde und warst auch bei der konzeptionellen und strategischen Planung dabei. Was ist SUIPPCOL ?

SUIPPCOL ist ein Kooperationsprogramm zwischen elf schweizerischen Friedens- und Menschenrechts-Organisationen sowie wichtigen Hilfswerken   in enger Zusammenarbeit mit der Spezialabteilung für Friedens- und Menschenrechtsförderung des Bundes (PA 4)  . Die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien gehört zu den Gründungsorganisationen, welche SUIPPCOL aufgebaut haben.

Was macht SUIPPCOL ganz konkret?

Das Ziel unserer Arbeit ist ganz generell, zivilgesellschaftliche Friedensinitiativen in ihren Prozessen und Aktivitäten zu stärken. In Kolumbien gibt es aber eine grosse Zahl von solchen Initiativen und wir mussten ganz am Anfang im Jahr 2001 eine Auswahl treffen, mit wem wir zusammenarbeiten können und wollen. Wir begannen mit einem Fonds Einzelinitiativen zu unterstützen, welche sich im Umfeld der damaligen Friedensverhandlungen zwischen der Regierung Pastrana und der FARC-Guerilla engagierten, damit die Anliegen der Zivilgesellschaft in diese Verhandlungen einbezogen werden. Diese Unterstützungen halfen, langsam Vertrauen zu einzelnen der unterstützten Organisationen aufzubauen, denn das wichtigste Kapital für begleitende Organisationen in Kriegssituationen ist das gegenseitige Vertrauen in ihre Partnerorganisationen.

Kannst Du uns ganz kurz erklären, wer das „wir“ ist  bei SUIPPCOL?

Das ist gar nicht so einfach bei einem Programm, das verschiedenste Beteiligte hat. Wenn ich von „wir“ spreche, meine ich sowohl die operative Ebene, wozu ich mich zähle wie auch die strategische Ebene. Ich arbeite mit einem Team in Kolumbien. Es besteht aus drei KolumbianerInnen. Sie arbeiten als Ökonomin, Soziologe und Anwalt seit Jahren in der Menschenrechts-, Friedens- und Entwicklungszusammenarbeit und sind Mitglieder der kleinen NGO PAS - Pensamiento y Acción Social. Dazu kommt die schweizerische NGO-Trägerschaft und die PA 4 mit einem Friedensbeauftragten in der Botschaft in Bogotá, welche strategisch das Programm verantworten und mitbegleiten. Die administrative und koordinierende Verantwortung hat die Lead Agency Caritas Schweiz, welche mich als Gesamtkoordinator angestellt hat.

Du hast gesagt, dass Ihr eine Auswahl treffen musstet bezüglich der Partnerorganisationen. Mit welchen Organisationen arbeitet Ihr?

Unsere Friedensarbeit unterstützt vor allem Initiativen, Netzwerke oder Gemeinschaften von Frauen, AfrokolumbianerInnen, Indigenen und Bauern, welche in Regionen mit akutem bewaffneten Konflikt leben und welche versuchen, am Frieden inmitten des Kriegs zu arbeiten. Dieser Entscheid drängte sich auch auf, weil kurz nach der Aufnahme unserer Tätigkeiten im 2002 die Friedensverhandlungen zwischen FARC und Regierung zerbrachen und eine intensive Kriegsphase unter der Regierung Uribe begann, die vor einem Jahr zu Ende ging.

Was muss man sich darunter vorstellen, wenn Du von Friedensarbeit sprichst?

Die konkrete Arbeit mit Friedensinitiativen von unten, wie wir sie nennen, umfasst grob genommen drei Hauptthemenfelder, in denen wir die Organisationen zu stärken versuchen: Schutz- und Sicherheitsstrategien, Konfliktanalyse und -bearbeitung sowie Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit. Das Leben der Zivilbevölkerung im Kriegskontext ist schwierig und gefährlich, denn sie stehen zwischen den bewaffneten Akteuren, die um Territorien und Macht kämpfen. Dabei ändern sich oft die Kräfteverhältnisse und jeder Bewaffnete will die zivilen Kräfte auf seine Seite bringen, durch Gewalt in Form von Bedrohungen, Morden, Verschleppungen oder Vertreibungen oder auch auf subtile Weise durch Finanzierung von Projekten. Im Laufe der bald fünfzig Jahren Krieg hat die Zivilbevölkerung gelernt, in dieser Situation mehr oder weniger, aber immer auch mit tragischen Verlusten zu überleben. Gewisse Kreise der Zivilgesellschaft, vor allem solche, welche organisiert sind, waren  immer weniger bereit, bei dieser unerträglichen Situation mitzuspielen und begannen zivilen Widerstand gegen die Kriegslogik aufzubauen. Sie entwickelten zivile Strategien und Taktiken, um möglichst unbehelligt inmitten kriegerischer Konfrontationen überleben zu können.

Kannst Du ein Beispiel geben, wie solche Schutzstrategien konkret aussehen.

Die Indigenen im Cauca zum Beispiel haben unbewaffnete Sicherheits- und Bewachungsdienste in ihrem Territorium – Guardia Indigena - aufgebaut, welche ihr Territorium beschützen und im Falle eines möglichen oder schon laufenden Übergriffs durch eine bewaffnete Gruppe die Gemeinschaften an vorher abgemachte Orte zusammenrufen, um der Gefahr zu entgehen. Auch konfrontieren sie die Bewaffneten direkt, indem sie ihnen klarmachen, dass sie gegen das humanitäre Völkerrecht verstossen und abziehen sollen. Sie begleiten auch als Sicherheitsdienste alle öffentlichen Veranstaltungen der Indigenen oder befreundeter Organisationen z.B. von SUIPPCOL. Andere Gemeinschaften erklären ihr Gebiet als „Friedensgemeinden“ und verbieten auf ihrem Land Waffen und den Zutritt von bewaffneten Akteuren. Zwei Trägerorganisationen von SUIPPCOL sind spezialisiert in der Schutz-Thematik und arbeiten in Kolumbien in komplementärem Sinne: die Friedensbrigaden PBI im nichtbewaffneten Personenschutz von bedrohten MenschenrechtsverteidigerInnen und sozialen Führungspersonen und Peacewatch Switzerland PWS im Begleitschutz für Gemeinschaften, welche Partnerorganisationen von SUIPPCOL sind.

Welcher Beitrag leistet SUIPPCOL in diesem Schutz-Thema?

Für jede Organisation oder Gemeinschaft, die wir begleiten, ist nur schon die Tatsache, dass sie international begleitet ist, ein gewisser Schutz. Kein absoluter, denn auch bei unseren Partnerorganisationen gibt es weiterhin Bedrohungen und leider auch Ermordungen. Das sind jeweils sehr schwierige Momente für uns alle und wir bemühen uns jeweils, eine gewisse kollektive Trauerarbeit mit unseren Organisationen zu machen. Unser Hauptbeitrag im Schutzthema sehe ich darin, dass wir verschiedene Organisationen zusammenbringen und untereinander vernetzen, um ihre Erfahrungen auszutauschen und ihnen ihre Rechte aus dem humanitären Völkerrecht näher zu bringen. Sowohl Vernetzungsarbeit wie auch das Schaffen von Rechtsbewusstsein ist sehr wichtig in unserer Friedensarbeit. Wir vermitteln ihnen auch teilweise mit entsprechenden Fachpersonen in Workshops Werkzeuge, um Konflikte und deren Dynamiken und Hintergründe zu analysieren und entsprechende Risikoszenarien und Schutzstrategien zu entwickeln.


Garantieren diese Schutzstrategien und die Arbeit von PBI und PWS wirklichen Schutz für diese Organisationen?

Wie schon gesagt, absoluter Schutz und Sicherheit sind nicht möglich. Aber die bewaffneten Akteure werden gezwungen, ihr Tun zu überlegen und politische Negativfolgen einzukalkulieren. Das trifft sicher bei den Militärs und teilweise bei den Guerillas zu, sogar auch bei gewissen Paramilitärverbänden, welche sich nicht ausschliesslich als Schutztruppen für den Drogenhandel verdingt haben. Neben einer relativ erhöhten Sicherheit kommt ein anderes, sehr wichtiges Element dazu: die Initiativen oder Gemeinschaften mit ihren gewaltlosen Schutzstrategien vollziehen einen grundlegenden Wandel in ihrem Verhältnis zum Krieg: sie verlassen die leidende, ohnmächtige Rolle als Kriegsopfer und beginnen sich als aktive Subjekte sowohl gegen den Krieg und Gewalt und für den Frieden zu verstehen. Sie fordern ihre Autonomie gegenüber allen Bewaffneten ein. Mit dem Widerstand gegen den Krieg kämpfen die Organisationen zwar für ihr physisches Überleben, sind aber noch weit entfernt, im Frieden zu leben.

Damit beginnt der Schritt weg vom Krieg, hin zur Friedensarbeit. Wie unterstützt SUIPPCOL diese Arbeit ?

SUIPPCOL will vor allem kollektive Prozesse des Erfahrungsaustausches und des Nachdenkens und gemeinsamer Friedensaktionen von  Friedensorganisationen anstossen und ermöglichen. Damit trugen wir wesentlich zur Entstehung eines Netzwerks zwischen 30 Basis-Organisationen bei, die wir begleiten: das „RED de Iniciativas de Paz desde la Base“.  Wir stellen dazu eine gewisse „Infrastruktur“ zur Verfügung: das Übernehmen von Reise- und Unterbringungskosten bei gemeinsamen Treffen, das Organisieren von Workshops unter Teilnahme von Fachpersonal zu den Themen Schutz- und Sicherheitsstrategien, Konfliktanalyse und -bearbeitung sowie Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit, das Öffnen von Türen bei Regierungsbehörden oder das Organisieren von internationalen, humanitären Missionen, wenn kriegerische Handlungen in Regionen unserer Partnerorganisationen eskaliert sind oder zu eskalieren drohen. Hier arbeiten wir eng mit der Schweizer Botschaft und ihrem PA 4 -Friedensbeauftragten zusammen.

Wie entwickelte sich dieses Friedensnetzwerk von unten?

In einer ersten Phase führten wir Treffen zu einem intensiven Austausch unter den beteiligten Partnerorganisationen des RED durch. Dazu gesellte sich langsam ein nationales Netzwerk von Frauen, welche Friedensarbeit machen, die „RUTA Pacifica“, die wir seit 2001 unterstützen. Das RED erarbeitete dann mit der RUTA eine gemeinsame Sicht über den oder die Konflikte im Land.  Und darauf aufbauend ihr Konzept von Frieden, den sie anstreben. Ihren Friedensfokus tragen sie nun in andere zivilgesellschaftliche Friedenskreise und in die Öffentlichkeit, um auf nationaler Ebene Einfluss zu nehmen für einen nachhaltigen Frieden mit sozialer Gerechtigkeit.

In wenig Worten, was verstehen sie unter nachhaltigem Frieden ?

Für die RUTA und das RED bedeutet Friede nicht einfach die Abwesenheit von kriegerischer Gewalt, sondern Friede wird als umfassender, immer verbesserungswürdiger Prozess verstanden, der die vielseitigen Ursachen von Gewalt, Krieg, Ungerechtigkeit und Unterdrückung politisch, wirtschaftlich und sozial angeht und die Gesellschaft so umstrukturiert, dass sie ihre Konflikte mit demokratischen Mitteln und Mechanismen löst. Die Ruta sagt: „Wir wollen keinen Krieg, der uns tötet, aber auch keinen Frieden, der uns unterdrückt!“

Da ist ja in den vergangenen zehn Jahren einiges entstanden. Kannst Du uns ein paar konkrete Beispiele nennen, wo die Partnerorganisationen von Euch erfolgreich in ihren Friedensaktionen waren ?

Die RUTA, ein nationales Netzwerk von über 350 Frauenorganisationen in 7 Regionen Kolumbiens,
setzt sich unermüdlich aus Frauensicht mit grossen nationalen Mobilisierungen für politische Verhandlungen des bewaffneten Konfliktes ein. Nach dem Scheitern des Friedensprozesses 2002 mobilisierte sie 35'000 Frauen, im 2009 über 10'000 Frauen mit der Forderung: „Krieg – was für eine Schande! Friedensverhandlungen jetzt!“ (vgl. Foto) Sie engagierte sich erfolgreich zusammen mit anderen Frauenorganisationen für eine Gesetzgebung zum allgemeinen Schutz von Frauen durch Gewalt und den bewaffneten Konflikt, das Gesetz 1257 und führte in allen 9 Regionen ihrer Präsenz Workshops für Frauen durch. Das RED hat sich vor allem zum Thema „Landbesitz und Territorium als Schlüssel zum Frieden“ für die Rückgabe von geraubtem Land und Landtitulierungen für Indigene und AfrokolumbianerInnen stark gemacht. Es hat beigetragen, dass die vertriebene Bauerngemeinschaft Las Pavas im Norden Kolumbiens auf ihr geraubtes Land zurückkehren konnte. Es erreichte, dass die nationale Ombudsstelle eine Resolution zur Rückgabe von Land an 17 Gemeinden in Córdoba verfasste. Das regionale Friedensprogramm im Chocó erarbeitete einen Vorschlag, wie Konsultationsprozesse bei den betroffenen Gemeinschaften durchgeführt werden sollten, wenn nationale und transnationale Firmen – auch aus der Schweiz - Projekte zur Ausbeutung von natürlichen Ressourcen, z.B. Gold oder Kohle in ihren Territorien durchführen wollen.


SUIPPCOL ist ja nicht nur in Kolumbien aktiv, sondern auch hier in der Schweiz...

Richtig. Wir machen hier in der Schweiz sowohl Öffentlichkeits- wie auch Lobbyarbeit, denn wir möchten z.B. durch Kampagnen unseren Partnerorganisationen Möglichkeiten geben, um ihre Probleme und Anliegen selbst der Öffentlichkeit und Entscheidungsträgern vortragen zu können. Sie können uns auch vermitteln, was sie denken, planen und konkret tun und wie wichtig der Beitrag der Schweiz für sie und ihr Arbeiten für den Frieden ist.

Die dritte Phase von SUIPPCOL geht noch bis Ende 2011 und wurde bereits extern evaluiert. Welche Resultate brachte die Evaluation? Wie geht es nach 2011 weiter?

Die Evaluation, welche das Gesamtprogramm der PA 4 in Kolumbien evaluierte ist für SUIPPCOL aus unserer Sicht positiv ausgefallen. Sie stellte fest, dass SUIPPCOL für die offizielle Schweiz ein privilegiertes Kapital in der Friedensförderung darstellt, über das keine andere Botschaft in Bogotá verfügt. Sie bestätigte unser Konzept eines Friedensaufbaus von unten mit Basisorganisationen, welche an der Programmplanung und –ausrichtung aktiv miteinbezogen werden. Sie erklärte die angestrebten Ziele der dritten Phase als erreicht und machte einige Veränderungsvorschläge vor allem in struktureller Hinsicht. Vor allem sollen die verschiedenen Tätigkeiten der Schweiz in Kolumbien komplementärer miteinander koordiniert werden. Die Trägerorganisationen bleiben alle an Bord bei einer nächsten Phase. Die Verhandlungen mit der PA  4 stehen vor der Türe. Zu hoffen ist, dass eine weitere volle Vierjahresphase möglich wird und wir nicht beginnen müssen, unsere Koffer zu packen. Es wäre sowohl für Kolumbien und die Partnerorganisationen ein schlechtes Signal, wenn die Schweiz gerade in einem Moment auszusteigen beginnt, wo die Chancen auf einen echten Vorwärts-Schritt Richtung Frieden unter der neuen Regierung besser sind als in den vergangenen acht Kriegs-Jahren unter der Regierung Uribe.


Auch als Mitgliedsorganisation von SUIPPCOL hoffen wir auf erfolgreiche Verhandlungen, denn SUIPPCOL ist für uns ein wichtiges Programm. Besten Dank Peter für Deine Ausführungen.

 

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com