01/13/10

Muchas gracias y adios!

13.01.2010 | von Bruno Rütsche

Der Versuch eines Rückblicks auf gut 20 Jahre Solidaritätsarbeit zu Kolumbien

Einen einigermassen ausgewogenen und gerechten Rückblick auf über zwei Jahrzehnte intensivster und vielseitigster Arbeit zu Kolumbien auf wenigen Seiten zu bewerkstelligen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Viele Personen, viele Ereignisse und unzählige entscheidende und prägende Momente müssen zwangläufig unerwähnt bleiben. Nicht, weil sie nicht wichtig wären, im Gegenteil.

So möchte ich vorausschickend allen danken, die mich und die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien ask! während Jahren und Jahrzehnten begleitet und in vielfältiger Weise unterstützt haben. Die Arbeit der ask! und auch mein persönlicher Beitrag zu dieser Arbeit wären ohne diesen Rückhalt nicht möglich gewesen. Für alle diese Zeichen der Unterstützung, der Wertschätzung, der Anerkennung, der Ermunterung und auch die kritische Auseinandersetzung danke ich aufrichtig.

Womit alles begann…

„Der Einsatz für Gerechtigkeit beginnt nach der Rückkehr!“ Etwa in diesem Sinne wurden wir auf unseren Personaleinsatz in Kolumbien vorbereitet.

Dieser Satz hallte in unserer Arbeit in Armen- und Elendsvierteln der Stadt Cali, dem Distrikt Aguablanca, immer wieder nach. Hier versuchten wir im Rahmen einer Pastoralequipe Basisgemeinschaften aufzubauen. Es waren die Jahre der Regierung Betancur (1982-86) und im Rahmen eines Waffenstillstandes mit verschiedenen Guerillabewegungen und einem Amnestiegesetz entstanden neue, alternative politische Bewegungen, wie die Unión Patriótica, A Luchar, Frente Popular [1], aber auch Zusammenschlüsse sozialer Bewegungen, wie der Dachverband der indigenen Bewegungen ONIC und 1987 die Einheitsgewerkschaft CUT. Es war aber auch die Zeit, in welcher der schmutzige Krieg gegen die sozialen und alternativen politischen Bewegungen mit aller Härte begann. In diese Zeit fällt die Gründung grosser paramilitärischer Verbände. Die Menschenrechtsverletzungen nahmen in einem erschreckenden Ausmass zu. Die Modalität war nicht mehr Verhaftung, Folter und Kriegsgericht wie in der Ära von Präsident Turbay (1978-82), sondern Verschwindenlassen, Folter und Ermordung.

Hautnah und täglich erlebten wir diese widersprüchliche Realität: Einerseits eine Welle der politischen Organisierung und Bewusstwerdung, verbunden mit grossen Hoffnungen auf eine politische Wende, andrerseits der Beginn eines umfassenden „schmutzigen Krieges“ mit einer unvorstellbaren Grausamkeit und der systematischen Ermordung von sozialen Führungspersonen.

Das Umfeld extremer Armut, ja eines entmenschlichenden Elends, verbunden mit einer anonymisierten, jedoch systematischen und organisierten Gewalt gegen Personen, die sich für eine Veränderung der Verhältnisse engagierten, prägte unsere Arbeit in Cali. Jorge Bolaños, bei dem wir während des Sprachstudiums gewohnt hatten, wurde zusammen mit zwei weiteren Personen in unmittelbarer Nähe der 3. Armeebrigade von Kugeln aus automatischen Gewehren durchsiebt. Sein Tod wurde nie aufgeklärt und als die Mutter eines der Ermordeten Anklage erheben wollte, wurde sie massiv bedroht. Es war eines der ersten klar politisch motivierten Massaker in Cali. Am 10. November 1984 wurde der erste indigene Priester, Alvaro Ulcué Choqué, bei Santander de Quilichao, rund 70 km von Cali entfernt, ermordet. Er hatte sich für die Anliegen der Indígenas und die Rückgabe von Land an die indigenen Gemeinschaften engagiert.

Am 10. April 1985 wurde der im Distrikt Aguablanca tätige belgische Priester Daniel Guillard von der Armee erschossen und als Unterstützer der Guerilla dargestellt. Junge Erwachsene, welche in unserem Arbeitsgebiet im Umfeld der „Friedenscamps“ des M-19 aktiv waren, wurden auf bestialische Weise ermordet und die Bevölkerung gezwungen, die von Granaten zerfetzten Leichenteile auf einen Kleinlaster zu werfen.

Die Armee unterhielt praktisch permanente Kontrollposten bei den Eingängen in den Distrikt Aguablanca. Obwohl die Soldaten uns kannten, wurden wir ständig angehalten, durchsucht und mussten uns ausweisen. Eine Schikane, die fast zeremoniellen Charakter hatte. Und immer wieder wurden Leichen mit klaren Spuren von Folter aufgefunden, oft im offenen Abwasserkanal, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Die Leute standen da, schauten der Bergung der Leichen stumm zu. Keiner dieser Morde wurde angeklagt, niemand hatte je etwas gesehen, noch gehört. Nur in den Reflexionsgruppen, wo es uns gelang, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, sprachen die Leute. Dort wurden Zusammenhänge klarer und das tatsächliche Ausmass der Gewalt liess sich erahnen.

Und es war auch die Zeit der Tragödie der Besetzung des Justizpalastes durch die M-19 [2] und die blutige Rückeroberung durch die Armee, bei der praktisch alle Richter des Obersten Gerichtshofes und insgesamt über 100 Personen ums Leben kamen. Bis heute ist das Schicksal von elf zum Verschwinden gebrachten Angestellten der Cafeteria des Justizpalastes ungeklärt. Nur eine Woche später wurde dieser politische Schock durch eine gewaltige Naturkatastrophe überdeckt: Beim Ausbruch des Nevado del Ruiz und der darauf folgenden Schlammlawine wurde die Stadt Armero unter Schlamm- und Gesteinsmassen begraben, über 25‘000 Menschen fanden den Tod.

Wenn ich so weiterfahre, werde ich wohl nie fertig, zu viele wichtige, prägende Ereignisse kommen mir in den Sinn. Aber es ist mir wichtig, dieses politisch-soziale Umfeld zu erwähnen. Es zwang uns zu einer enormen inneren Anstrengung, um all dies zu verarbeiten. Dazu gehörte auch der Versuch, die Ereignisse kontextuell zu verarbeiten, geistig einordnen zu können, eine Logik zu entdecken, ihren „Sinn“ entschlüsseln zu können. Bei dieser Anstrengung standen uns einige KolumbianerInnen zur Seite, deren Art der Vermittlung mir noch heute pädagogisches Vorbild ist.

Im Sommer 1986 waren wir auf Urlaub in der Schweiz. Wir besuchten ehemalige Kolumbieneinsatz-Leistende. Wir befragten sie nach ihren aktuellen Beziehungen zu Kolumbien. Wir tauschten mit ihnen über die Notwendigkeit einer internationalen Solidaritätsarbeit zu Kolumbien aus, ganz im Sinne des Eingangs erwähnten Satzes „Der Einsatz für Gerechtigkeit beginnt nach der Rückkehr!“ Danach kehrten wir wieder nach Cali zurück.

Es sollte ein kurzes Intermezzo sein: Am 26. September 1986 kam es zu einer illegalen Hausdurchsuchung, zur Verhaftung und Folterung der Mitarbeiterin Esperanza Díaz [3] und massiven Anschuldigungen vermeintlich subversiver Tätigkeiten gegen uns. Die Aktion wurde von bewaffneten „Zivilisten“ in einem alten Jeep durchgeführt, hinter dem sich ein gemischtes Kommando von Geheimdiensten versteckte. Aufgrund dieser Situation verliessen wir Kolumbien – ungewollt, ungeplant, ohne Abschied.

Zur praktisch gleichen Zeit, als wir am 10. Oktober in der Schweiz landeten, wurde an der Strasse von Cali zum Flughafen die von Folterspuren entstellte Leiche des kolumbianischen Menschenrechtlers Hebert Marín gefunden. Er hatte u.a. auch „unseren Fall“ an Amnesty International weitergeleitet und wollte an diesem 10. Oktober 86 wieder nach London zurückkehren. Sein Tod traf uns sehr, auch wenn wir Hebert nicht persönlich kannten.

Was wir in den Gesprächen nur drei Monate zuvor im Urlaub angeregt, ja gefordert hatten, galt es jetzt an die Hand zu nehmen. Im Oktober 1986 kamen wir zurück in die Schweiz, im Januar 1987 fand ein erstes Treffen mit dem Ziel des Aufbaus einer Solidaritätsarbeit zu Kolumbien statt und bereits am 27. September 1987 wurde die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien ask! formell gegründet.

Die ersten Schritte…

Die erste öffentliche Veranstaltung zu Kolumbien realisierten wir noch vor der formellen Gründung der ask!. Gut erinnere mich an jenen wunderschönen Frühsommerabend, einen Samstag im Jahr 1987. Mit handgeschriebenen Flugblättern und einem Bild des ecuadorianischen Malers und Menschenrechtsaktivisten Oswaldo Guayasamin warben wir für die Informationsveranstaltung mit dem kolumbianischen Menschenrechtsanwalt Eduardo Umaña. Zu Gast war an diesem Abend auch die kolumbianische Liedermacherin und Sängerin Ana Mercedes Pereira. Eduardo Umaña kam etwas zu spät und so überbrückte Ana Mercedes mit ihren klangvollen Liedern die Wartezeit. Als Eduardo kam, sagte ich ihm, der Saal sei voll, alle warteten auf ihn. Tatsächlich, wohl über 100 Personen waren an diesem herrlichen Samstagabend gekommen und wollten sich aus erster Hand zu Kolumbien informieren. Eduardo war so verdutzt über den Grossaufmarsch, dass er gar nicht erst Platz nahm, sondern nach einer kurzen Vorstellung sofort mit seinem Referat begann. Ein unvergesslicher Abend…

Doch auch hier ist ein Nachsatz notwendig: Eduardo Umaña, ein äusserst renommierter und international anerkannter Rechtsanwalt und Menschenrechtsverteidiger wurde am 18. April 1998 in seinem Büro von bezahlten Killern ermordet. Eduardo hatte bereits zuvor einen unmenschlich hohen Preis für sein konsequentes Engagement für die Menschenrechte bezahlt: Verleumdung, Bespitzelung und permanente Verfolgung machten ihm ein einigermassen „normales“ Leben völlig unmöglich. Einmal, bei einem späteren Besuch von Eduardo in der Schweiz, setzte er sich im Garten von Mitgliedern der ask! in die Hängematte, atmete tief durch und meinte: „So zu leben wäre ein Traum…“ Nie war ihm dies vergönnt. Bei meinen Besuchen in Kolumbien gehörte das Gespräch mit Eduardo stets zum festen Programm und dabei musste ich feststellen, dass dieser dauernde, psychische Druck nicht spurlos an ihm vorbeiging…

Zu dieser Zeit gab es noch kein Internet und e-mail. Wir wussten noch nicht einmal, was ein Fax-Gerät ist und die schweizerischen Zeitungen berichteten so gut wie gar nichts zu Kolumbien. Der Hunger nach Information war bei Interessierten gross. Aus diesem Informationsdefizit heraus war bereits zuvor – ab November 1986 – der Kolumbien-Monatsbericht entstanden mit dem Ziel, den ai-Gruppen einen Hintergrundbericht zum politisch-sozialen Kontext in Kolumbien in die Hand zu geben. Fotokopiert, in gebrauchten Couverts mit handgeschriebenen Adressen und auf eigene Rechnung wurde er zuerst verschickt. Um selber an Informationen zu kommen, liessen wir uns alle 14 Tage von kolumbianischen Freunden ein Paket mit Zeitungsausschnitten zuschicken und abonnierten uns an verschiedene alternative Zeitschriften (Colombia hoy, Solidaridad, Cien Días, Opción, etc.).

Von Beginn weg thematisierten wir mit kolumbianischen Organisationen die Notwendigkeit einer kontinuierlichen, kontextuellen, periodischen und alternativen Information für das Ausland. Im Mai 1988 kam es in Kolumbien zu grossen Protestmärschen der Bauern. Dies muss unseren Gesprächspartnern wohl den entscheidenden Impuls gegeben haben, die Idee in die Tat umzusetzen. So staunten wir nicht schlecht, als plötzlich die Herausgabe dieses Bulletins angekündigt wurde. Damit war das 14-tägliche Bulletin Kolumbien-aktuell geboren. Per Fax wurde es an die Hauptpost in Luzern gesendet und nachher von der ask! ins Deutsche übersetzt. Kolumbien-aktuell war von Beginn weg eine kollektive Anstrengung einer alternativen, an die internationale Gemeinschaft gerichteten Information. 491 Nummern sind bis heute erschienen und übersetzt worden.

Allerdings ist die Zukunft von Kolumbien-aktuell ungewiss, denn heute haben wir es nicht mehr mit einem Mangel an Information zu tun, sondern mit einer nicht mehr zu bewältigenden Flut von Nachrichten und e-mails. Jederzeit können wir per Internet die wichtigsten kolumbianischen Zeitung lesen und die homepages der sozialen Organisationen konsultieren. Bilder, Texte, Kurzfilme – all dies erreicht uns täglich und in unverdaubarer Fülle. Dies führt zur Frage nach dem Sinn eines 14-täglichen Bulletins, zumal der Aufwand für Redaktion und Übersetzung sehr gross ist. Ich denke jedoch, dass gerade wegen der Informationsflut eine kurze, alternative, kontextuelle und regelmässige Information auch heute seine Wichtigkeit hat. Doch wie dies zu realisieren sein wird, müssen nun meine Nachfolger entscheiden…

„Erfolge“

Ich setze Erfolge bewusst in Anführungszeichen, denn in Bezug auf Kolumbien von Erfolgen zu sprechen ist schwierig. Erfolg ist auch nicht zentral – oder wie der bis zu seinem Tod engagierte und beispielhafte Pater Toni Gisler sagte: „Erfolg ist kein Name für Gott“ – denn Engagement für Gerechtigkeit, Menschenrechte und Frieden ist ein ethischer Imperativ und verliert nicht an Bedeutung und Wert, wenn es nicht erfolgreich ist. Was aber nicht heisst, dass man nicht alles daran setzen soll, damit das Engagement effizient und wirkungsvoll, also erfolgreich ist!

Trotzdem möchte ich auf einige Erfolge hinweisen. Da ist einmal die Bildung der Kolumbien Koordination der Hilfswerke (NRO Koordination Schweiz-Kolumbien). Aufgrund von Übergriffen auf Projektpartner von Schweizer Hilfswerken kam 1988 die Frage auf, ob ein Engagement der Hilfswerke aufgrund der Konfliktsituation in Kolumbien überhaupt noch möglich sei. Das Jahr 1988 ging als „Jahr der Massaker“ in die Geschichte Kolumbiens ein, denn diese Modalität der Gewalt nahm ein erschreckendes Ausmass an. Da wir einen Rückzug der Hilfswerke als den falschen Schritt sahen, beriefen wir zusammen mit anderen Hilfswerken und Menschenrechtsorganisationen – so Amnesty Internation ai – ein Treffen der in Kolumbien präsenten Hilfswerke ein. Daraus entstand die NRO Koordination Schweiz-Kolumbien.

Dies hatte Wirkung: Die Schweizer Hilfswerke haben sich nicht nur nicht aus Kolumbien zurück gezogen, sondern die meisten haben ihre Unterstützung verstärkt und wichtige neue Organisationen – so die Internationalen Friedensbrigaden PBI, E-Changer und neu auch Peacewatch Schweiz – sind heute in Kolumbien präsent und mit zur NRO Koordinati-on gekommen. Dank dem politischen Gewicht der NRO Koordination und der vereinten Anstrengungen auf Schweizer-, aber auch europäischer Ebene, vor allem aber dank einer konsequenten, hartnäckigen, sachlich fundierten und kontinuierlichen Arbeit mit Schwerpunkt Menschenrechte, kam es beim Departement für Auswärtige Angelegenheiten EDA (Aussenministerium) mit der Zeit zu einer Änderung der Sichtweise in Bezug auf Kolumbien. Diese kritische Sicht des EDA auf die Situation in Kolumbien hat trotz gezielter politischer Anfeindungen bis heute allem Druck reaktionärer Kreise (aus der Schweiz und Kolumbien!) standgehalten.

Aus diesem Zusammenschluss der NRO Koordination resultierte ein weiterer Erfolg. Als der ehemalige Bundesrat Cotti die Schweizer Friedensdiplomatie nach dem Vorbild Norwegens aufs internationale Parkett bringen wollte, begann das EDA mit der Suche geeigneter Interventionsfelder. Sri Lanka, Afghanistan und Kolumbien wurden als mögliche Szenarien gehandelt. Hier schaltete sich die ask! wieder ein und entwickelte gemeinsam mit anderen Hilfswerken und Organisationen einen innovativen Ansatz für eine mögliche Friedensförderung in Kolumbien mittels der Stärkung der Menschenrechte, des Rechtsstaates und des Friedensaufbaus von unten. Mit einer ausführlichen Konfliktanalyse begründeten und verteidigten wir diesen Ansatz. Daraus entstand im Jahr 2001 das gemeinsam vom EDA und einer Koalition verschiedener Organisationen getragene Friedensförderungsprojekt SUIPPCOL, dessen 3. Phase bis Ende 2011 dauern wird.

NRO Koordination und SUIPPCOL sind Beispiele für die Anstrengungen der ask!, verschiedene Akteure zu einer thematischen Arbeit zu vereinen. Die ask! suchte nie ihre eigene Profilierung, sondern es ging ihr um gemeinsame Anliegen, welche sie nur zusammen mit Partnern verwirklichen konnte. Als ask! arbeiteten wir mit aller Kraft in diesen Zusammenschlüssen und stellten unser Wissen in deren Dienst. Wir wollten so etwas wie „Motor“ oder „Katalysator“ von Prozessen sein. Denn wir waren und sind uns unserer eigenen Grenzen sehr bewusst. Allerdings haben wir durch unsere Unabhängigkeit und Autonomie eine Freiheit, die viele Hilfswerke nicht haben.

Ein wichtiger und hart erkämpfter Erfolg war auch die Einführung des Max Havelaar Labels [4] für Schnittblumen aus sog. Drittwelt-Ländern. Die Situation der über 100‘000 kolumbianischen BlumenarbeiterInnen – vorwiegend Frauen – war von Beginn weg ein Hauptthema der ask!. Denn mit diesem Thema liess sich die soziale, politische, menschen- und arbeitsrechtliche Situation Kolumbiens direkt mit einem in Europa und auch in der Schweiz im Handel befindlichen Produkt verbinden. Jahrelang führten wir am Valentinstag und vor dem Muttertag in verschiedenen Städten unsere Sensibilisierungsaktionen zur Situation in den Blumenplantagen in Kolumbien durch. Im Jahr 2001 hatten wir es endgültig geschafft: Blumen mit dem Gütesiegel Max Havelaar kamen in den Handel. Damit zertifizierte Max Havelaar erstmals ein non-food-Produkt. Allerdings kamen die Lieferungen der ersten zertifizierten Blumen aus afrikanischen Ländern. Erst heute erfüllen einige kolumbianische Betriebe die Kriterien von Max Havelaar. Doch dies ist exemplarisch für die Haltung der ask!: Wir arbeiten spezifisch zu Kolumbien, denn hier haben wir uns ein Spezialwissen angeeignet, verlieren jedoch nicht die weltweite Perspektive einer gerechte(re)n Entwicklung aus den Augen, welche auch über faire Handelsbeziehungen geht. So bedeutete dies in keiner Weise eine Schmälerung des Erfolgs.

Ein ganz besonderes und starkes gemeinschaftliches Erlebnis soll hier auch als Erfolg gewürdigt werden: Der Solidaritätsmarsch „Marchando por la Vida – Menschenrechte unteilbar“ von Bern nach Luzern anlässlich des 10 Jahres-Jubiläum der ask! im Herbst 1997. Über 100 Personen aus ganz Europa – darunter viele politische Flüchtlinge aus Kolumbien – nahmen an diesem einwöchigen Marsch bei herrlichstem Herbstwetter teil. Jeden Abend machte der Marsch Station an einem Ort, an dem dann auch eine thematische Veranstaltung durchgeführt wurde. Insgesamt nahmen an den Aktivitäten im Laufe der Woche wohl um die 1000 Menschen teil. Nebst den eindrücklichen symbolischen Akten bleiben mir vor allem viele Gespräche mit Flüchtlingen in Erinnerung – und auch das gemeinsame Essen, Feiern, Wandern und Lachen!

Doch es gäbe noch Vieles zu erwähnen: Die Urabá-Kampagne unter dem Titel „Bittere Bananen“; die Aktivitäten zur Anerkennung der AfrokolumbianerInnen in der kolumbianischen Verfassung; die eindrückliche Protestdemonstration gegen die politischen Morde in Bern im Jahr 1989; die unzähligen Protestbriefe wegen Menschenrechtsverletzungen an die kolumbianischen Regierungen; der Versuch, die Drogen-Prohibitionspolitik zu knacken und die Herausgabe des Buchs „Drogen und Dritte Welt“; die Theatertourneen mit „Resistencia Itinerante“, einer 14-köpfigen jugendlichen Theatergruppe aus dem Chocó oder mit Adriana und Oscar von Arlequin y los Juglares; die rund 50 organisierten Ausstellungen der Fotoausstellung „Memoria – Der vergessene Krieg in Kolumbien“ von Jesús Abad Colorado mit vielen Rahmenveranstaltungen und einem grossen Abschlussfest auf dem Waisenhausplatz in Bern; die Versammlungen der ask!, die Kolumbien-Kurse und selbstverständlich all die öffentlichen Veranstaltungen mit Gästen aus dem ganzen sozialen Spektrum Kolumbiens: Indigene, Schwarze, MenschenrechtsaktivistInnen, OpfervertreterInnen, GewerkschaftlerInnen, oppositionelle PolitikerInnen, soziale Führungspersonen. Dann aber auch die Treffen mit den kolumbianischen BotschafterInnen und RegierungsvertreterInnen, die Mitwirkung an Tagungen, Treffen, etc.
1994 und 1997 organisierten wir Studienreisen nach Kolumbien. Beide Reisen ermöglichten den Teilnehmenden Einblicke in verschiedene Realitäten Kolumbiens und einen vertieften Austausch mit Menschen und Organisationen.

Auch auf internationalem Parkett hinterlässt die ask! mit dem 1998 verabschiedeten und von Persönlichkeiten und Organisationen zahlreicher Länder unterzeichneten „Manifest für Frieden und Menschenrechte in Kolumbien“ ein nach wie vor wichtiges und in seinen Aus-sagen immer noch gültiges Dokument. Das Manifest wurde von der ask! erarbeitet und nachher im europäischen Netzwerk OIDHACO (Internationales Büro für Menschenrechte – Aktion Kolumbien) diskutiert, überarbeitet und herausgegeben.

Begegnungen…

Wenn ich auf all die Jahre der Kolumbienarbeit zurückblicke, so sind zweifellos die Begegnungen mit so vielen Menschen mit derart unterschiedlichen und beeindruckenden Lebensgeschichten etwas vom Eindrücklichsten. Überhaupt bedeutete für mich diese Arbeit vor allem die Suche des Gesprächs, nebst dem Lesen von Berichten, Informationen, Analysen, etc. Ich staunte immer wieder, wie die unmittelbaren, direkten Zeugnisse von Menschen immer auch die ganze Geschichte und Tragödie Kolumbiens mit beinhalteten. Obwohl Kolumbien rund 27mal so gross wie die Schweiz ist und gut 44 Mio. EinwohnerInnen hat, kam mir das Land oft wie ein Dorf vor, so vernetzt sind die Geschichten.

Ich möchte – wieder sehr willkürlich – fünf Begegnungen herausgreifen, die mir als besondere „Stachel“ im Herzen geblieben sind.

Bange Tage voller Angst und Sorge erlebten wir im Juni 1994 als Schwester Carmiña Navia, eine langjährige Freundin von uns in Cali, entführt wurde und während Tagen nichts über ihr Schicksal klar war. Schliesslich wurde sie freigelassen. Sie war von einer Einheit der ELN-Guerilla entführt und festgehalten worden. Wenige Wochen nach der Freilassung besuchte ich sie in Cali. Carmiña war noch stark von der Entführung gezeichnet, ihr Körper total übersät mit Mückenstichen. Später hat sie in einem kleinen fotokopierten Büchlein in eindrücklichen Gedichten diese Erfahrung der Entführung und der mit ihr verbundenen Ungewissheit über das weitere Schicksal zu verarbeiten versucht.

Anfangs Juli 1994 besuchte uns der UP-Senator Manuel Cepeda in der Schweiz. Natürlich haben wir ausgiebig über die Situation in Kolumbien gesprochen, aber auch über Literatur, Musik und Kunst. Manuel Cepeda war sehr bewandert und sein breites Wissen und sein Interesse auch an Kleinigkeiten überraschten mich positiv. Wir machten auch einen Spaziergang durch die Luzerner Altstadt, wo gerade das Altstadt-Fest stattfand. Auch hier wollte Manuel Cepeda Erklärungen für die Darbietungen, fragte kulinarischen Sonderheiten nach. Sein Besuch blieb uns in angenehmer und angeregter Erinnerung. Nur einen Monat später – ich besuchte eine Buchhandlung in Bogotá – hörte ich im Radio die Nachricht vom Mord an Manuel Cepeda. Schlagartig wurde mir einmal mehr bewusst, wie nahe Leben und (gewaltsamer) Tod in Kolumbien sind. Heute ist sein Sohn Ivan Cepeda Direktor der Bewegung der Opfer von Staatsverbrechen MOVICE, kandidiert für einen Sitz im Parlament – und ist massiv bedroht.

Mitten in der Nacht des 28. Januar 1999 wurden wir durch das Telefon aus dem Schlaf geholt. Vier Mitarbeiter des Forschungs- und Bildungszentrums IPC von Medellín waren entführt worden. Sofort begann ich den verschiedenen Armee- und Polizeistellen in Medellín anzurufen und nach dem Verbleib und dem Schicksal der vier Entführten zu fragen. Ich weiss noch, dass ich am Morgen ziemlich verstört vor meine DeutschschülerInnen (unter ihnen auch kriegstraumatisierte Kinder) trat. Auch im Lehrerzimmer kommentierte ich kaum etwas über mein Kolumbienengagement – zu entfernt schienen mir die beiden Welten.  Als ask! hatten wir zum IPC eine besondere Verbindung. Bei der Studienreise 1994 verbrachten wir eine Intensivwoche im IPC, die uns allen in sehr guter und lebhafter Erinnerung blieb. Vier Tage nach der Entführung erklärte der Chef der AUC-Paramilitärs, Carlos Castaño, die vier IPC-Mitarbeitenden in seiner Gewalt zu haben. International und in Kolumbien selber begann eine beispiellose Kampagne mit der Forderung nach Freilassung der Entführten. Wir alle bangten um ihr Leben. Es gab wenig Hoffnung aus den Klauen von Carlos Castaño lebend zurückzukommen. Doch der enorme Druck aus dem Ausland und in Kolumbien selber zeigte Wirkung: Am 7. Februar wurden Claudia Tamayo und Olga Rodas Duque freigelassen und am 18. Februar 99 schliesslich auch Jairo Bedoya und Jorge Salazar. Diese Freilassung feierten wir als einen grossen Erfolg. Wenige Monate später besuchte uns Jairo Bedoya und wir konnten mit ihm ausführlich über diese Entführung sprechen. Jairo meinte, dass ihr Todesurteil schon gesprochen war, doch Paramilitärchef Carlos Castaño schliesslich dem Druck „von oben“ gegen seinen Willen nachgegeben und sie freigelassen habe.

Ein Schwerpunkt der ask! war seit Beginn auch die Situation der Menschen an der Pazifikküste, über 90% Schwarze (AfrokolumbianerInnen), rund 4% Indigene und 6% Mestizen. Diese über Jahrhunderte total vernachlässigte Region rückte gegen Ende der 80er Jahre plötzlich ins Zentrum von Wirtschaftsinteressen. Und damit begann die Gewalt, welche mit der „Operation Genesis“ – einer gemeinsamen Offensive von Armee und paramilitärischen Verbänden - im Jahr 1996 einen ersten Höhepunkt erreichte. Zehntausende Schwarze wurden gewaltsam vertrieben. Kurz zuvor waren erstmals kollektive Landtitel an die Schwarzengemeinschaften vergeben worden.

Yolanda Cerón arbeitete in Tumaco, einer bedeutenden Hafenstadt an der Grenze zu Ecuador. Auch in Tumaco führten der Ölpalmanbau, die Crevettenzucht, der Holzschlag und der Kokaanbau zu Vertreibungen und zu extremer Gewalt. Yolanda besuchte im Juni/Juli 2001 Europa und auch die Schweiz. Im Romerohaus sprach sie an einer gut besuchten öffentlichen Veranstaltung. Ich führte mit ihr ein ausführliches Interview und sie sprach an der 40 Jahr Feier des Fastenopfers.

Kurz nach ihrer Rückkehr nach Tumaco wurde sie am 19. September um 12.10 Uhr mitten in Tumaco von Paramilitärs erschossen. Ihr Tod war für uns alle ein sehr schwerer Schlag und immer wieder fragten wir uns, ob wir sie nicht mit unserer Öffentlichkeitsarbeit noch mehr ins Visier der Paramilitärs gebracht hatten. Yolanda selber hatte fest auf die Schutzfunktion dieser internationalen Aufmerksamkeit gesetzt und im Interview wörtlich gesagt: „Noch können wir arbeiten, doch ohne eure Unterstützung geht es nicht!“

Freunde in Deutschland haben später Zeugnisaussagen über die Reise von Yolanda gesammelt. Ich habe ihnen dort u.a. geschrieben: „Es sind genau diese Menschen, die Kolumbien so bitter notwendig brauchen würde. Und es sind genau diese Menschen, die dem schmutzigen Krieg zum Opfer fallen. Denn es sind diese Menschen, die unvereinbar sind mit der verordneten kollektiven Amnesie.“

Und ich möchte hier mit einer fünften Begegnung schliessen. Mit einer der ersten Besuchsdelegationen kam auch Alberto Achito, ein Embera-Indigena aus der Pazifikküste, nach Europa. Zusammen mit Abadio Green machten sie hier auf die verheerenden Folgen des „Plan Pacifico“ aufmerksam, der Erschliessung der Pazifikküste für die Ausbeutung der Bodenschätze und Rohstoffe. Bei späteren Reisen traf ich Alberto in Quibdó. Seine ruhige, sachliche, überlegte und bescheidene Art, aber auch seine glasklare Analyse der Situation hat mich stets tief beeindruckt. Später hörte ich, dass sein Bruder von der FARC ermordet worden war. Wie gross war da meine Freude, nach vielen Jahren Alberto an der Session des Internationalen Völkertribunals im Sommer 2008 in der Sierra Nevada von Santa Marta völlig unverhofft wieder zu sehen. Thema der Session war der Genozid an den Indigenen. Ich hatte die Ehre als Richter an diesem Völkertribunal teilnehmen zu dürfen. Alberto sprach über die Situation der Indigenen an der Pazifikküste. Wie immer ohne jede Notiz, aber völlig klar, druckreif. In solchen Situationen kamen mir stets die Tränen. Da stand ein Mann vor mir, der seinem Anliegen ohne jede Verbissenheit, trotz widrigster Umstände und schwersten Schicksalsschlägen treu geblieben war. Dieses Engagement hatte deutliche Spuren im Gesicht Albertos eingegraben, aber ich konnte nichts von Verbitterung, von Hass oder von Verhärtung spüren.

Was ermüdet…

  • Die zynische Politik der internationalen Staatengemeinschaft

Obwohl heute Kolumbien ein Tummelfeld verschiedenster multilateraler (UNO, UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge) und internationaler Organisationen ist, hat sich die Situation der Menschenrechte und die Aussicht auf einen Frieden mit sozialer Gerechtigkeit im Vergleich zu den 80er Jahren nicht verbessert. Auch eine wirkliche und umfassende Demokratie ist nicht in Sicht. Eher das Gegenteil ist der Fall. Die kolumbianische Regierung und ihr Ansatz der militärischen Lösung des bewaffneten internen Konfliktes wird von der internationalen Staatengemeinschaft im Wesentlichen mitgetragen. Denn daraus resultieren mehr Investitionssicherheit und vorteilhaftere Geschäfts- und Ausbeutungsbedingungen für multinationale Unternehmen, u.a. zur Ausbeutung von Bodenschätzen. So ist denn die internationale Staatengemeinschaft gerne bereit, über systematische aussergerichtliche Hinrichtungen durch die Armee, die gezielte illegale Bespitzelung von MenschenrechtsaktivistInnen und politischen Oppositionellen und die anhaltende Vertreibung von jährlich Hunderttausenden von Bauern hinweg zu sehen und ihre Zusammenarbeit nicht an Menschenrechtsauflagen zu knüpfen.

„Todo cambia, para que todo siga igual (o peor) – alles verändert sich, damit alles gleich bleibt (oder noch schlimmer wird)“ – diese Aussage scheint mir für die Situation in Kolumbien sehr treffend zu sein. Auf verschiedenen Ebenen ist vieles in ständigem Fluss, ein Skandal löst den anderen ab, eine Horrormeldung jagt die nächste, paramilitärische Verbände werden ins Leben gerufen, dann wieder demobilisiert, nur um neuen Verbänden Platz zu machen, die im jetzigen Zeitpunkt funktionaler sind. Alles verändert sich, doch die Grundstrukturen der Ungerechtigkeit, der brachialen und systematischen Gewalt gegen soziale Bewegungen bleiben gleich. Jeglicher Versuch, die legitimen, verfassungsmässig garantierten, in den Menschenrechtskonventionen festgeschriebenen Rechte einzufordern, wird mit der Vertreibung, der Verfolgung, dem internen oder externen Exil, der Bespitzelung und Verleumdung und nicht selten mit dem Leben bezahlt.

Auch wenn die Zahl der Mordopfer zurück gegangen sein mag – allerdings ist sie in den Städten wieder rasant im Steigen begriffen – heisst dies noch lange nicht, dass sich die Situation der Menschenrechte in Kolumbien verbessert hat. Vielleicht ist sogar das Gegen-teil der Fall: Die Bevölkerung ist so eingeschüchtert, dass heute weniger direkte Gewalt angewendet werden muss, um sie „diszipliniert“ zu halten. Oder wie mein Richterkollege des Permanenten Völkertribunals, der Argentinier Marcelo Fereira, schrieb: „Das wichtigste symbolische Mittel ist der Terror. Mittels des Terrors soll die Lähmung und Disziplinierung des Volkes erreicht werden. Es soll die Konsequenzen der Auflehnung sehen und sich so der neuen Ordnung unterwerfen.“[5]

Ich muss gestehen, dass ich diese zynische Politik kaum ertragen kann. Ich kann sie beim besten Willen nicht anders benennen, denn die internationale Staatengemeinschaft weiss wohl noch viel besser als wir von der ask! wie es tatsächlich mit den Menschenrechten und der sozialen Situation in Kolumbien bestellt ist. Trotzdem unterstützt sie explizit oder implizit eine Politik, die menschenverachtend ist und über das Leben von Millionen von Menschen hinweg geht. Erwähnt seien hier die rund 4,5 Mio. internen Flüchtlinge, Opfer dieser Politik, oder auch die rund 5 Mio. KolumbianerInnen im Ausland. Dies geschieht zudem im vollen Wissen darum, dass die Konflikte nicht gelöst, sondern noch verschärft und weiter chronifiziert werden.

Auch die Schweiz bleibt eine kohärente Politik gegenüber Kolumbien schuldig. Während das EDA eine erstaunlich konsequente Haltung vertritt, hat das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO Mitte 2009 ein bilaterales Freihandelsabkommen mit Kolumbien abgeschlossen. Demgegenüber haben Norwegen, Kanada und selbst die USA solche Abkommen aufgrund der Menschenrechtslage – insbesondere der Verfolgung und Ermordung von Gewerkschaftern – bisher nicht ratifiziert. Die Schweiz ist damit das erste Industrieland, das mit Kolumbien ein solches Wirtschaftsabkommen in Kraft setzt. Hier stellt sich nicht nur der ask! und der NRO Koordination, sondern letztlich auch entwicklungspolitischen Organisationen der Schweiz die grosse Aufgabe, die Umsetzung dieses Freihandelsabkommens und dessen Folgen aufmerksam und kritisch zu prüfen und öffentliche Rechenschaft vom SECO einzufordern.

Hier sei auch auf die internationale Drogenpolitik verwiesen. Obwohl völlig klar ist, dass die Prohibitionspolitik nicht nur gescheitert, sondern selber zum vielleicht noch grösseren Problem als die Drogen selber geworden ist, scheint es unmöglich, diese Politik zu verändern. Persönlichkeiten, ehemalige Staatspräsidenten, Fachausschüsse – sie alle haben diese Situation konstatiert. Doch nichts geschieht. Ähnliches gilt für die Schweiz. Seit mit der Vier-Säulen-Politik (Prävention – Therapie – Schadensminderung – Repression) die öffentlichen Drogenszenen weitgehend zum Verschwinden gebracht wurden, besteht keinerlei Interesse mehr an einem grundsätzlichen Überdenken der internationalen Drogenpolitik. Bis heute hat kein Industrieland – in denen notabene um 90% der Gewinne aus dem Drogenhandel anfallen – z.B. gegen die Pestizidbesprühungen und die Kriminalisierung von kleinen Kokabauern in Kolumbien protestiert. Dabei handelt es sich um einen eigentlichen chemischen Krieg gegen die Kleinbauern. Dieser Krieg hat nicht nur die Vertreibung und damit die Verletzung von Menschenrechten in ihrer ganzen Breite für die betroffenen Kleinbauern zur Folge, sondern auch die Zerstörung wertvoller und nicht wiederherstellbarer Ökosysteme.

  • Fixierung auf den Gegner, statt Aufbau einer politisch-sozialen Alternative

Ich bin mir sehr bewusst, dass ich hier einen heiklen Punkt erwähne. Trotzdem möchte ich ihn in aller Bescheidenheit – und ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit – thematisieren. Ich meine im Laufe dieser mehr als zwei Jahrzehnte der Arbeit zu Kolumbien feststellen zu können, dass es in Kolumbien gut organisierte, fähige, hochqualifizierte soziale Organisationen, Menschenrechts- und Friedensorganisationen gibt. Dies ist anerkennenswert und auch für die internationale Arbeit von unabdingbarer Bedeutung. Problematischer scheint mir, dass sie ihr Selbstverständnis und ihr Engagement aber wesentlich aus der Opposition und Bekämpfung einer bestimmten Politik heraus definieren und so in einer unproduktiven, sterilen Weise in ihrem Blick auf die jeweilige Regierung fixiert bleiben. Gemeinsame, vertiefte und systematische Diskussionen der alternativen Bewegungen und Organisationen über ein gemeinsames alternatives Entwicklungs- und politisches Modell, über die Rolle von Staat und Regierung fehlen weitgehend. Damit wird die längerfristige Ausarbeitung einer politischen Alternative verunmöglicht.

Ich glaube kaum, dass es zu anderen Ländern derart brillante, kritische Analysen und derart viele Tagungen, Foren und Seminare gibt – einen wahren Boom von Tagungen (in Kolumbien gibt es das böse Wort des „eventismo“) – sich aber so wenig verändert. Kolumbien braucht in erster Linie Arbeit von unten, konsequente Basis- und Organisationsarbeit, diese allerdings mit der Perspektive, daraus eine breite politische, alternative Kraft zu bilden.

Ich stelle fest, dass in Kolumbien der Schritt von der sozialen Bewegung zu einer politischen Kraft bis heute nie wirklich gelungen ist. (Wie dies z.B. in Brasilien, Bolivien und nach mehreren Anläufen auch in Ecuador gelang.) Dies mag am nach wie vor in Kolumbien starken Caudillismus und dem politischen Sektierertum liegen. Auch die kolumbianische Linke hat es meines Erachtens bisher nicht geschafft, intern eine wirklich demokratische Kultur aufzubauen, einen demokratischen Diskurs zu führen und den politischen Gegner als solchen zu achten und nicht zu dämonisieren. Diese internen Spaltungen zusammen mit einer fehlenden klaren politischen Alternative (Programm) führen nicht nur zur Schwächung der Linken, sondern lassen sie auch nicht zu einem Referenzpunkt für die breite Bevölkerung werden.

So gibt es in den alternativen sozialen und politischen Bewegungen wenig Analyse- und Kritikfähigkeit in Bezug auf interne Widersprüche und Probleme, dafür eine fast ausschliessliche Fixierung auf die erwiesenermassen enormen, permanenten und in immer neuer Form auftretenden externen Probleme. Ich meine, hier liegt eine gigantische Herausforderung an die kolumbianischen sozialen Organisationen und Bewegungen. So wenig wie Friedensaufbau nicht auf den Abschluss eines Friedensabkommens vertagt werden kann, sondern von unten, von innen, vom Konkreten her und ab sofort beginnen muss, kann auch der Aufbau eines gerechteren sozialen und politischen Systems nicht auf später verschoben werden, sondern muss soweit wie irgendwie möglich schon in den sozialen Bewegungen gelebt werden.

Mir scheint auch, dass die kolumbianischen Basisbewegungen – vielleicht mit Ausnahme der indigenen Bewegungen – sehr stark auf Europa und die USA fixiert sind. Ich glaube jedoch, dass es wichtig wäre, von anderen lateinamerikanischen Bewegungen zu lernen und die neue politische Situation in Südamerika zu nutzen. Hoffnungsvolle Ansätze in diese Richtung sehe ich vor allem bei den indigenen Bewegungen, den Friedensfrauen- und der Opferbewegung MOVICE.

  • Eine langfristig nicht tragbare Doppelbelastung

Ich habe meine Arbeit zu Kolumbien immer teilzeitlich geleistet, ging daneben noch einem „normalen“ Beruf nach. Diese Balance zwischen zwei sehr anspruchsvollen Berufen – zuerst als Lehrer für Deutsch als Zweitsprache, jetzt als Schulberater bei der Fachstelle für die Beratung und Integration von Ausländerinnen und Ausländern FABIA und als Dozent an der Pädagogischen Hochschule Luzern – haben stets eine hohe Arbeitsbelastung mit sich gebracht. Andrerseits sah ich es auch als durchaus befruchtend an, in zwei verschiedenen Arbeitsfeldern aber letztendlich mit dem gleichen zentralen Anliegen tätig sein zu können: der Umsetzung der Menschenrechte in ihrem umfassenden Sinne. Dies bedeutete aber auch Einschränkung und oft sehr viel Druck, da verschiedenste Aufgaben nebeneinander und miteinander gelöst werden mussten. Ich konnte in den letzten Jahren gewisse Verschleisssymptome nicht ignorieren.

  • Ein schwierigeres Umfeld und ein zunehmend zermürbender Kampf ums Geld

Wenn wir heute eine öffentliche Veranstaltung zu Kolumbien machen, so kommen nicht mehr über 100 Leute wie 1987 an jenem Frühsommerabend mit Eduardo Umaña. Trotz professioneller Werbung, schönen Flyern, interessanten Themen und Gästen gelingt es kaum noch Menschen über den engen Kreis der Kolumbien-Engagierten anzusprechen. Trotz hohem Aufwand bleibt der „Ertrag“ gering und es stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Aufwand und Nutzen. Ein gewisser Lichtblick ist hier die erfolgreiche Mobilisierung breiterer Kreise rund um konkrete Probleme, welche multinationale Unternehmen mit Sitz in der Schweiz in Kolumbien verursachen. Bei reinen „Menschenrechts-Themen“ ist die Resonanz in der Bevölkerung jedoch sehr gering. Es scheint mir auch eine gewisse Ermüdung zum „Fall Kolumbien“ feststellbar zu sein. „Es verändert sich nichts. Es wird nur immer noch schlimmer…“, scheint der weitverbreitete Tenor zu sein. Zudem können wir oft keinen direkten Bezug zwischen der Schweiz und Kolumbien herstellen, wie dies z.B. bei den Blumen der Fall war. Dies führt zu Fragen über Sinn und Zweck von Kampagnen, über das Zielpublikum bei Vorträgen, etc.

Ich bin ganz entschieden der Meinung, dass Öffentlichkeits- und politische Sensibilisierungsarbeit – auch über Vorträge, Filme, kulturelle Anlässe, etc. – unbedingt gemacht werden müssen, denn politische Lobbyarbeit ist meines Erachtens nur dann wirkungsvoll, wenn dahinter eine minimale soziale Basis steht.

Härter geworden ist auch der Kampf um das Geld, um unsere Arbeit machen zu können. Obwohl die ask! einen starken Rückhalt und eine grosse Verankerung und Unterstützung von Hilfswerken spürt, sind deren Mittel zu Unterstützung politischer Arbeit in der Schweiz begrenzt und werden zunehmend in Frage gestellt. Die politische Dimension von Entwicklungsarbeit scheint mir in den letzten Jahren enorm gelitten zu haben. Dies wäre ein Thema für sich – und ich bin nicht die richtige Person, um dieses zu bearbeiten. Aber die Hinwendung zu rein humanitärer Hilfe, unter weitgehender Ausblendung der strukturellen Ursachen von Armut und Elend, ist wohl eine nicht bestreitbare Tatsache. Dies macht es für die ask! natürlich nicht einfacher, zu den notwendigen finanziellen Ressourcen zu kommen, die für die Umsetzung unserer Arbeit notwendig sind. Während die ask! lange Zeit weitgehend ohne finanzielle Sorgen tätig sein konnte, resultierte vorletztes Jahr ein derart grosses finanzielles Loch, dass die Weiterexistenz der ask! mit den 120 Stellenprozenten in Frage gestellt war. So kam zusätzlich zu all den anderen laufenden Arbeiten auch eine intensive (und oft frustrierende) Anstrengung zur Geldbeschaffung.

Rückblick und Ausblick…

Ich blicke auf eine lange, intensive und spannende Zeit in der Auseinandersetzung mit Kolumbien, Lateinamerika, der Schweiz und Europa zurück und einen unermüdlichen Kampf für die Umsetzung der Menschenrechte, für einen Frieden mit Gerechtigkeit und Menschenwürde. Ich hatte das Privileg, viele engagierte Menschen kennen lernen zu dürfen, beherbergen zu dürfen, mit ihnen im Austausch zu sein. Nichts von all dem möchte ich missen. Für all dies bin ich zutiefst dankbar.

Ich habe diese Arbeit mit Freude gemacht, auch wenn sie mir – und meinem Umfeld, insbesondere meiner Familie - oft sehr viel abverlangt hat. Stets habe ich auch versucht deutlich zu machen, dass von mir diese Arbeit zwar sehr vieles forderte, was auch mit Verzichten verbunden war, mir aber auch sehr viel gab. Ich habe immer betont, wenn der Tag komme, an dem die Arbeit bei der ask! nur noch „Opfer“ sei, dass ich dann gehen werde. Denn ich bin der tiefen Überzeugung, dass es diese Art „Opfer“ nicht braucht. Heute glaube ich, ist für mich dieser Zeitpunkt gekommen. Ich konnte Zeichen der Ermüdung – auch aufgrund der ständigen hohen Belastung in zwei Arbeitsfeldern und Berufen – nicht ignorieren. Zudem wollte ich mich nie „perpetuieren“ und glaube, dass es wichtig ist, dann zu gehen, wenn noch Entwicklungspotential da ist. Und dies sehe ich durchaus in der ask!

Zudem bin ich der Meinung, dass es die ask! nach wie vor braucht. Auch wenn sich die thematischen Schwerpunkte vielleicht etwas verschieben werden, so hat die ask! weiterhin die Aufgabe, Themen anzupacken, die anderen vielleicht zu „heiss“ oder zu „riskant“ sind. Ich denke hier an die bereits recht erfolgreiche Arbeit der ask! zur Wirtschaftstätigkeit von Schweizer Multis wie Nestlé, Glencore und Holcim. Ich denke aber auch, dass das spezifische Fachwissen der ask! (und anderer Akteure) zu Kolumbien nach wie vor notwendig ist, um minimalste Veränderungen zugunsten der einfachen Leute in Kolumbien erreichen zu können.

Euch allen danke ich für all die Unterstützung, die ich über die vielen Jahre erhalten habe. Sie hat mir die Arbeit erst ermöglicht und war auch eine notwendige, unverzichtbare Stütze dieses Engagements. Muchas gracias - vielen Dank!

[1] Die Unión Patriótica wurde physisch vernichtet; gegen 4‘000 Parteimitglieder, darunter zwei Präsidentschaftskandidaten, Parlamentsabgeordnete, Gouverneure und Bürgermeister fielen einem eigentlichen politischen Genozid zum Opfer. A Luchar und der Frente Popular lösten sich später wieder auf.

[2] Die Guerillabewegung M-19 entstand aus dem Wahlbetrug von 1970. 1984 wurde ein Waffenstillstandsab-kommen zwischen der Regierung und den Guerillabewegungen FARC-EP, M-19 und EPL vereinbart. Cali – und hier vor allem die Armenviertel Siloe und der Distrikt Aguablanca – waren Hochburgen der Aktivitäten des M-19 während der Zeit des Waffenstillstandes. Während des Waffenstillstandes wurde auf Führungsleute des M-19 (darunter Antonio Navarro Wolf) in Cali ein Bombenattentat verübt. - Im September 1989 legte die M-19 die Waffen nieder und nahm 1990 an den Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung teil.

[3] Esperanza Díaz Silva wurde unter ungeklärten Umständen am 30. April 1989 in Barrancabermeja ermordet. Sie hatte die Witwe des bekannten Erdölgewerkschafters Manuel Chacón begleitet. Manuel Chacón war am 15. Januar 1988 von einer Geheimdiensteinheit der Marine ermordet worden.

[4] Bereits auf den Muttertag 1999 wurden fair gehandelte Blumen, welche sozialen Standards und Umweltauflagen erfüllten, erstmals auf den Markt gebracht.

[5] Le monde diplomatique, span. Ausgabe, August 2009

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com