04/02/09

„Wir setzen dem Schmerz die Freude entgegen und der Ohnmacht die Einheit…“

02.04.2009 | Interview mit der Theatergruppe Arlequín y los Juglares

Interview mit Adriana Diosa Colorado, Schauspielerin und Soziologin der Autonomen Lateinamerikanischen Universität, und Oscar Manuel Zuluaga Uribe, Lehrer in Dramaturgie der Universität Antioquia. Adriana und Oscar sind Mitglieder der Theatergruppe Arlequín y los Juglares von Medellín, Kolumbien.

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Oscar, wann und wie entstand die Theatergruppe Arlequín y los Juglares?
Die Gruppe entstand im Jahr 1972 durch Schauspieler und Schauspielerinnen, welche die Städtische Theaterschule und das Theater-Atelier der Universität Antioquia absolvierten. Die Gruppe bildete sich in einer Zeit, als auf dem lateinamerikanischen Kontinent und in der Welt eine Suche nach neuen Formen der Organisation und von Beziehungen im Gange war. Wir gingen von der Notwendigkeit aus, mit einer alternativen Sprache die harten und schwierigen Realitäten unserer Gemeinschaften zum Ausdruck zu bringen. Wir wollten in der Praxis neue und andere Formen für unsere kreative Arbeit und den kreativen Ausdruck finden. Wir versuchten insbesondere unsere Arbeit als Künstler mit den sozialen Kämpfen jener Zeit in Beziehung zu setzen und unsere Arbeit in diese Kämpfe einzubringen, also in Streiks, Kundgebungen, Landbesetzungen, Besetzung von städtischen Gebieten, Studentenproteste, Aktionstage, Aktionen gegen die Einmischung der imperialistischen Länder in Kolumbien und Lateinamerika, Aktionen gegen die Weltbank und die Interamerikanische Entwicklungsbank wegen ihrer Plünderung der natürlichen Ressourcen. Wir machten auch Aktionen und Anklagen gegen die Verfolgungen, die Ermordung von AktivistInnen, die Bombardierung der Zivilbevölkerung durch die Armee, gegen all das, was im Schwarzbuch der Repression beschrieben wird. Zudem versuchte diese künstlerische Bewegung all die traditionellen Fesseln zu zerschlagen, sich vom konservativen Joch zu befreien und andere, neue Wege zu finden ganz in der Hitze des Wandels, welcher die Welt erfasst hatte. Wir können auch sagen, dass die Theatergruppe Arlequín y los Juglares auch aus der Notwendigkeit
entstand, eine ästhetische und kreative Idee einer Gruppe von SchauspielerInnen in einer organisatorischen Erfahrung zu konsolidieren. Die Gruppe entstand aus dem tiefen Wunsch aller Beteiligten einen Beitrag zur Geschichte zu leisten und zu einer besseren Welt beizutragen.

Adriana, wann und warum bist du dieser Theatergruppe beigetreten?
Vor 20 Jahren, kurze Zeit nach dem gewaltsamen Verschwindenlassen und der späteren Ermordung meines ersten Lebenspartners und Vaters meiner Tochter, Pedro Pablo Benítez Moreno, stiess ich zur Theatergruppe. Ich suchte Aktivitäten, welche mir den Glauben und die Hoffnung für den Kampf für eine bessere Gesellschaft zurückgaben. Denn mit meinem Partner hatte ich dieses Engagement und diesen Traum einer gerechteren Gesellschaft geteilt. Der Schmerz erfüllte mich mit Ängsten, Zweifeln, Unsicherheit und einem Gefühl der Ohnmacht. Ein Kollege schlug mir vor, zu einer Vereinigung zu gehen, in der eine Gruppe von Schauspielern soziale Arbeit leistete und vom Theater, dem Tanz, dem Puppenspiel und der Musik her zu den sozialen
Veränderungen beitragen wollten. Hier würde ich den Optimismus und den Glauben in die Zukunft wieder finden, den ich benötigte. Ich ging zur Korporation für Kunst und Kultur von Medellín, Sitz und Organisationszentrum verschiedener Theatergruppen und anderer Gruppen von KünstlerInnen. Ich sagte, dass ich gerne einer Theater- oder Tanzgruppe beitreten wollte. Sie stellten mir Oscar Zuluaga Uribe, den Gründer und Direktor der Gruppe Arlequín y los Juglares vor. Von da weg gab ich mir die Aufgabe, zur Entwicklung dieser Theatergruppe beizutragen, und Oscar lehrte mich alle Dinge in Bezug auf die Kunst des Theaters und des Lebens… So lernte ich eine Gruppe kennen, einen Arbeitsort und fand den verlorenen Glauben und den Optimismus wieder und dazu noch die Liebe, die mir gewaltsam entrissen worden war. Ich verliebte mich in Oscar, in seine Arbeit, in die Gruppe. Und bis heute teilen wir dieses Engagement und die Hoffnung für eine bessere Welt.


Adriana, welches sind deine Beweggründe für deine Arbeit in der Theatergruppe?
Meine Motivation könnte ich so zusammen fassen: Es ist die Suche nach einer Aktivität, die mir den Glauben und die Hoffnung auf eine bessere Welt, die wir alle verdienen, zurück geben sollte. Ich wollte Theater machen, im Tanz vibrieren und andrerseits meine politische Aktivität etwas weniger offensichtlich machen, um mein kurzes Leben und das Leben meiner Tochter zu schützen. Denn in unserem Land wurden und werden Kritik, Opposition und Widerstand als Delikte betrachtet.

Ihr wollt mit dem Theater die sozialen Bewegungen in ihrem Kampf für soziale Gerechtigkeit, für die Menschenrechte und die Erreichung des Friedens stärken und ihnen Mut machen.Wie arbeitet die Theatergruppe und wie verfolgt ihr diese Ziele?
All die Personen und Institutionen, welche das Projekt einer wirklich demokratischen, ausgeglichenen und gerechten Gesellschaft verfolgen – und wir sind viele, die das tun – sehen ohnmächtig, wie unsere Träume und Pläne durch das Aufzwingen einer einzigen Meinung und Sichtweise zugrunde gehen, wie die Opposition stigmatisiert wird, die Freiheiten eingeschränkt und der soziale Protest kriminalisiert werden. Politische Oppositionelle werden physisch liquidiert und mittels der Manipulation der Medien wird ein Grossteil der Bevölkerung in der Ignoranz gehalten. Wir sehen, wie als Folge des Terrors und der Drohungen die Zahl der Opfer dieses sozialen, politischen und bewaffneten Konfliktes, der nun schon mehr als vier Jahrzehnte dauert, ständig steigen. Manchmal verlieren wir die Hoffnung, wenn wir all die Toten, die Verschwundenen, die Vertriebenen, die Hingerichteten zählen… ohne dass die Aktionen der organisierten Gesellschaft diese Barbarei definitiv zu stoppen vermögen. Dieses Panorama schafft Unsicherheiten, Trauer und Mutlosigkeit. Unsere Arbeit konzentriert sich auf das reale Leben und auf all jene, welche stets und zu allen Zeiten Reichtum durch ihre Arbeit geschaffen haben. Die Geschichten des täglichen Lebens der Gemeinschaften und der Opfer wahrnehmen; diese Probleme und Hoffnungen zu verwandeln und durch unsere Stimmen und Körper darzustellen und – wenn dies möglich ist – auch in den eigenen Stimmen und Körpern der Gemeinschaften und der Opfer; dies ist für uns wichtig. Die
Musen kommen nicht zu einem, wenn man sie nicht sucht. Die göttliche Inspiration existiert nicht. Das kreative Tun ist nur ein Produkt der Arbeit.
Bei anderen Gelegenheiten wird unser Theater zu einer individuellen und kollektiven Katharsis, einem Reinigungsprozess. Wir haben im Laufe der Zeit und in den letzten zwanzig Jahren Methoden und Formen entwickelt, um den Optimismus und die Hoffnung wieder zu neuem Leben zu erwecken und zu stärken. Wir glauben, dass „eine andere Welt und ein anderes Kolumbien möglich sind“. Wir sind überzeugt, dass früher oder später all dies ändern wird zugunsten derer, die wirklich Reichtum erzeugen. Unsere Situation muss sich einmal zugunsten der Mehrheiten verändern. Diese Überzeugung wollen wir auch in unserem theatralischen Schaffen zum Ausdruck bringen. Wir setzen dem Schmerz die Freude entgegen, der Ohnmacht die Einheit, der Niedergeschlagenheit den ständigen Kampf um einen neuen Tag.


Adriana, du bist auch Mitglied einer Menschenrechtsorganisation, konkret der Vereinigung der Familienangehörigen von Verhaftet–Verschwundenen ASFADDES. Warum engagierst du dich in ASFADDES? Welche persönliche Geschichte steht hinter diesem Engagement?
Ja, ich bin Mitglied von ASFADDES, der Vereinigung von Familienangehörigen von Verhaftet-Verschwundenen. Dies aufgrund des Verschwindenlassens und der nachfolgenden Ermordung des Vaters meiner Tochter. Ich kannte ASFADDES schon kurz vor dem gewaltsamen Verschwindenlassen meines Partners Pedro Benítez. Ich habe dann nach seinem Verschwinden bei ASFADDES allein Anzeige erstattet. Da aber die Verfolgung gegen uns beide gerichtet war, musste ich mit meiner fünf Monate alten Tochter die Stadt verlassen und meine soziale und politische Tätigkeit völlig einstellen. Als ich Oscar und die Theatergruppe Arlequín y los Juglares kennen lernte, bekam ich auch wieder die Kraft, um meine Menschenrechtsarbeit fortzusetzen. Dank seiner Unterstützung und Motivierung trat ich ASFADDES bei. Oscar und die gesamte Theatergruppe waren stets bei ASFADDES präsent und haben die Organisation begleitet, sie mit symbolischen Aktionen unterstützt. Sie haben so mitgeholfen, die Organisation zu stärken und ihr Bewusstsein zu erhöhen.
Darum blieb ich auch Mitglied von ASFADDES und bin immer noch Teil dieser Organisation der Familienangehörigen von Verschwundenen in Kolumbien, welche nun schon seit mehr als 25 Jahren als rechtlich anerkannte Vereinigung existiert.


Oscar und Adriana, die Gruppe Arlequín y los Juglares – und ihr im Besonderen – wart stets mit der Bewegung der Opfer von Staatsverbrechen MOVICE verbunden. Wie kam es zu eurem Engagement bei MOVICE?
Ja, wir sind seit Beginn Mitglieder von MOVICE. Dies aufgrund unserer Eigenschaft als Opfer, aber auch als Tätige im ästhetischen Bereich und durch symbolische Aktivitäten. Wir haben diese Beiträge schon vorher realisiert, noch bevor MOVICE gegründet wurde. In den Jahren vor der Gründung von MOVICE haben wir verschiedene Aktivitäten in diesem Sinne durchgeführt: Das regionale Treffen von Opfern von Medellín mit Projekten in den verschiedenen Stadtteilen, den Schulen und Universitäten. So organisierten wir solche Aktivitäten zusammen mit dem Menschenrechtskollektiv Semillas de Libertad (Samen der Freiheit) und dem Projekt Nunca Más (Nie wieder!). In diesem Kontext entstand das Theaterstück Wir verkünden in alle vier Himmelsrichtungen, eine kollektive Montage zusammen mit der Stiftung Manuel Cepeda, welches wir im Hotel Tenquendama beim ersten nationalen Treffen der Opfer von Staatsverbrechen aufführten. Später führten wir das Stück auch auf dem Bolivarplatz vor dem Regierungspalast in Bogotá auf, diesmal mit der „Bewilligung“ der Polizei, wobei wir von der Polizei gefilmt wurden, um diese Erfahrung als einen „Beitrag für ihre Theatergruppe“ zu haben, wie der Polizeikommandant zynisch meinte. Zudem haben wir Texte, Performance, Interventionen und andere künstlerische Ausdrucksformen geschaffen und waren mit diesen in den verschiedenen Kundgebungen von MOVICE präsent. Wir haben auch eine Synthese des Werkes Vom Sterben
und geboren werden beim letzten nationalen Treffen der Opfer von Staatsverbrechen aufgeführt…


Ihr wollt mittels des Theaters eine Botschaft von Kolumbien vermitteln. Wie könntet ihr diese Botschaft eurer Theatergruppe zusammen fassen?
Kolumbien, umgeben von zwei Meeren, durchzogen von drei Kordilleren, erfrischt von klaren, kristallinen, reissenden und turbulenten Flüssen, belebt von heissen, warmen, kalten und eisigen Klimazonen, blühend in Festen und Arbeiten, ist ein unendlich reiches und schönes Land, voller arbeitsamer Frauen und Männer, die für das Leben einstehen. Kolumbien hat einen unermesslichen kulturellen Reichtum durch seine verschiedenen BewohnerInnen – Indigene, AfrokolumbianerInnen, Mestizen,… - und eine unerschöpfliche Kreativität seiner Menschen. Kolumbien braucht eine wirkliche Demokratie, welche endlich erlaubt, sich zu befreien von der Beherrschung und der Schande einer blutrünstigen, antiethischen, gegen die Nation und gegen die Menschlichkeit gerichteten Oligarchie. Kolumbien braucht die Umverteilung seines immensen Reichtums, der von den Arbeitenden geschaffen wird, damit die Armut und Ausgrenzung nicht weiterhin den Dünger für den Krieg bilden und sich eine gute Zukunft für die Menschheit bauen lässt.

Mein armes Land
In den Händen Weniger
Welche es gegen ihre Geschwister ausbeuten
Eine verhängnisvolle Sense
Arm der traurige Wald
Der Weiler und das Grasland
Das Stadtviertel und die Gemeinde
Raum, wo das Leben
Abgeschnitten und verfolgt wird es
In einer nicht normalen Art.

Pobre de la tierra mia
en manos de pocas manos
Que usan contra sus hermanos
Una guadaña siniestra.
la vereda y el juncal,
el barrio y el comunal
Espacio donde la vida
es segada y perseguida
De forma paranormal.

Was möchtet ihr den Leserinnen und Lesern in der Schweiz und Europa noch sagen?
Europa ist ein herrlicher Kontinent mit einem grossen materiellen und spirituellen Reichtum, mit einer eindrucksvollen Geschichte. Die Schweiz ist ein Land mit vielen Ressourcen jeglicher Art und Menschen, welche die dringende Notwendigkeit einer anderen Gesellschaft verstehen und teilen. Vielen Dank für eure Aufnahme, dafür, dass ihr uns ermöglicht andere Realitäten zu sehen
und davon zu lernen und mit euch Erfahrungen austauschen und teilen zu können. Vielen Dank, dass ihr unsere Stücke anschaut und bereit seid, davon etwas über die Verhältnisse jenseits des Meeres zu lernen.


Übersetzung und Bearbeitung: Bruno Rütsche. Adriana und Oscar antworteten per mail auf die schriftlich an sie gestellten Fragen.

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com