10/10/09

“Dieses Aggressionsmodell zur Verteidigung der traditionellen Eliten ist äusserst erfolgreich!“

10.10.2009 | Interview mit Fernando Torres. Von Bruno Rütsche

Fernando Torres ist Theologe. Er koordiniert die Theologische Abteilung von
Dimensión Educativa, einer kolumbianischen NGO auf der Basis von Befreiender
Pädagogik Paolo Freires und von Befreiungstheologien. Fernando hat Erziehungswissenschaften, Literatur und Bibeltheologie in Kolumbien und Costa
Rica studiert und ist seit 25 Jahren in der Begleitung christlicher Basisgemeinschaften tätig. Wir sprachen mit ihm anlässlich einer Tagung zum Thema „Es reicht. So nicht. Widerstand in Stadt und Land“, welche von der Bethlehem Mission Immensee und der Theologischen Bewegung für Solidarität und Befreiung organisiert wurde.

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Im Kongress wurde der Weg für eine dritte Wiederwahl von Präsident Uribe geebnet. Noch braucht es einige Schritte, um eine solche Wiederwahl zu ermöglichen, so eine erneute Verfassungsänderung. Nach Umfragen geniesst Uribe auch nach 7 Jahren Präsidentschaft nach wie vor grosse Popularität. Ist dies tatsächlich so? Worauf führst du diese Popularität zurück?

Fernando Torres: Die Popularität von Uribe ist wirklich sehr hoch. All die Skandale haben dieser Popularität keinen Abbruch getan, weder der Parapolitik-Skandal, welcher die Verfilzung von Dutzenden von Parlamentariern der Regierungspartei mit dem Paramilitarismus aufzeigte, noch der Skandal um die „falschen Erfolgsmeldungen“ der Armee, wo kaltblütig ermordete Zivilisten als „im Kampf getötete Guerilleros“ ausgegeben wurden. All dies scheint dem Image Uribes nichts anhaben zu können, nicht umsonst spricht man in Kolumbien von einem „Teflon-Effekt“ des Präsidenten Uribe, alle diese Skandale scheinen an ihm abzuprallen. Selbst die schwierige soziale und wirtschaftliche Lage wird nicht der Regierung angelastet. Interessant ist die Frage, warum diese Popularität so hoch ist. Ich denke, dass hier die Geschichte Kolumbiens eine grosse Rolle spielt. Historisch wurde in Kolumbien das Andere, des Verschiedene, die/der Andersdenkende stigmatisiert, als Feind, als Bedrohung und als Gefahr gesehen, welche es zu eliminieren galt. Jeder Versuch befreiender
Prozesse wurde stets von der Elite im Keim erstickt, das heisst als Feind
betrachtet und eliminiert. Dieses Bild, dieses Denken und diese Weltsicht wurden von der Schule, von der Politik und auch von der Kirche vermittelt und als hegemoniale Denkstruktur fest verankert.
Uribe fand also eine Realität vor, die seinem kriegerischen Diskurs völlig entgegen kam. Jetzt ist die FARC der Feind, die Bedrohung, die es zu eliminieren gilt, wobei die gesamte Gesellschaft sich zusammen schliessen muss, um sich zu „verteidigen“ und diese Gefahr zu zerschlagen. In Kolumbien gibt es eine tief verankerte Angst vor „dem Anderen, dem Andersartigen, dem Andersdenkenden“ und damit auch gegenüber befreienden Prozessen und neuen Aufbrüchen. In den 90er Jahren wurde mit dem Paramilitarismus ein ganzer Kriegs- und Gewaltapparat aufgebaut, welcher u.a. auch einen eigentlichen „sozialen Faschismus“ praktizierte, wie Boaventura de Sousa Santos einmal sagte. Die brutale, abscheuliche und äusserst systematische und ausgeklügelte Eliminierung des „Anderen“ wurde durch einen patriotischen, nationalistischen und religiösen Diskurs begleitet und gerechtfertigt. Uribe hat dies alles bei seiner Wahl im Jahr 2002 vorgefunden: Eine Denkweise, die dem Andersdenkenden das Lebensrecht
verweigert und unter dem Vorwand, sich selbst zu verteidigen, diesen „Anderen“ eliminiert. Nicht umsonst nannten sich die Paramilitärs euphemistisch „Selbstverteidigungsgruppen“. Dazu kamen die gescheiterten Friedensverhandlungen zwischen der Regierung Pastrana und der FARC, was eine tiefe Frustration auslöste und den Glauben an eine Verhandlungslösung erschütterte und ein paramilitärischer Gewaltapparat, welcher permanent die Ideologie der Auslöschung des Anderen mit unvorstellbarer Gewalt praktizierte. Uribe wusste diese hegemoniale Denkweise zu perfektionieren und für sich zu instrumentalisieren. Die Mehrheit der KolumbianerInnen ist mit dieser Denkweise einverstanden. Dies hat Uribe jetzt sogar dahin geführt, von einem „Staat der Meinung“ gegenüber einem „Staat der Verfassung“ zu sprechen und den „Meinungsstaat“ über  den „Verfassungsstaat“ zu setzen. Er setzt sich in Berufung auf diesen „Meinungsstaat“ über die Verfassung und damit die Rechtsstaatlichkeit hinweg. Der Erfolg dieser Strategie der Regierung Uribe müsste viel mehr untersucht werden. Die Opposition hat keine wirklich vertiefte Analyse dieses Erfolgs von Uribe und erschöpft
sich in reinen Anklagen. Sie verkennt die enorme, systematische und programmatische Arbeit der Regierung Uribes zur Durchsetzung ihrer Interessen und ihres Staats- und Entwicklungsmodells. Es gibt keine seriöse Analyse darüber, warum diese Arbeit so erfolgreich ist und trotz der täglichen Skandale so gut „verkauft“ werden kann, dass 70% der Befragten Uribe unterstützen. Ich glaube nicht, dass diese Umfrageergebnisse manipuliert sind, wohl aber sind sie induziert, damit meine ich, dass ein ganzer Meinungsbildungsapparat diese Ergebnisse zur Folge hat.


Nun aber geht es der Bevölkerung Kolumbiens wirtschaftlich schlecht. Nach offiziellen Zahlen leben über 20 Mio. in Armut und ein Drittel davon im absoluten Elend. Finanzpyramiden sind zusammen gestürzt und viele einfache Leute haben ihre Ersparnisse verloren. Die Finanzkrise hat viele kleine und mittlere Unternehmen in den Bankrott getrieben und zu einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt. Über 4 Mio. Menschen sind Flüchtlinge im eigenen Land und suchen in den Armen- und Elendsvierteln
der Städte zu überleben. Wie kommt es, dass anscheinend auch ein Grossteil
dieser benachteiligten Bevölkerungsschichten hinter Uribe steht?

Einerseits erklärt sich dies durch dieses Freund-Feind-Denken, welches tief verankert ist. Dann aber auch, weil Uribe es verstanden hat, mit vielen assistenzialistischen Programmen die Not dieser Schichten zu lindern, sei dies z.B. über das Programm „Familien in Aktion“, bei dem die begünstigten Familien direkt von der Präsidentschaft Unterstützungsgelder erhalten oder Vertriebene, welche über das Regierungsprogramm Acción Social Überlebenshilfe bekommen. Sie sehen in Uribe einen Präsidenten, der hart arbeitet, der sich um das Land kümmert – jedes Wochenende hält er an
einem anderen Ort sogenannte „Gemeinschaftsräte“ ab – und das Land wie ein „beschützenden Vater“ regiert. Nie zuvor hatten sich Präsidenten derart direkt für die Armen interessiert, die breite Gesellschaft fühlte sich völlig verwaist und ohne Führung. Uribe hat dieses Vakuum mit seiner Persönlichkeit und direkten Präsidentschaftsprogrammen zu füllen und für sich einzunehmen gewusst. Auch dieser Aspekt wird oft übersehen. Uribe bindet Millionen von Menschen – und damit Wahlstimmen – direkt durch solche Programme an sich. Dazu kommen Tausende von kleinen lokalen Mafias, welche den Leuten ein bescheidenes Überleben garantieren und das „sozial faschistische Denken“ Uribes teilen und unterstützen.


Nun, Fernando, du teilst diese Sicht nicht. Wie steht es um jene, die mit diesem Gang der Dinge nicht einverstanden sind. Wie du gesagt hat, werden ja Andersdenkende stigmatisiert, dämonisiert, als Feinde betrachtet und sind damit auch erheblichen Gefahren ausgesetzt.
Tatsächlich ist das Panorama sehr düster. Es gibt in der kolumbianischen Gesellschaft kein Gefühl von „Bürgerschaft“, es gibt keine Kultur der politischen Reflexion. Es wurde auch nie eine kollektive Reflexion über die Konfrontation Liberale gegen Konservative in der Zeit der Violencia mit ihren mehr als 200‘000 Toten gefördert. Alle Versuche oder Ansätze, eine neue politische Kultur zu entwickeln, wurden stets im Keim erstickt. So setzt sich bis heute ein Freund-Feind-Denken durch. Auch die Linke hat es bis heute nicht verstanden, einen wirklich neuen Diskurs, eine neue politische
Kultur zu entwickeln und eine Alternative aufzuzeigen. Wir versuchen mit kleinen Basisgruppen eine selbstkritische Haltung zu entwickeln mit
der langfristigen Perspektive des Aufbaus einer anderen politischen Kultur, in der die Differenz Platz hat, in der die/der Andersdenkende respektiert wird. Wie versuchen wir dies umzusetzen? Es gibt einige Punkte, die für uns zentral sind: 1. Das Vertrauen in den Anderen zurück gewinnen; 2. In kleinen Gemeinschaften arbeiten und aufgrund konkreter Erfahrungen ethisch verantwortungsbewusste Führungsleute zu bilden; 3. Aufbau eines ethisch-politischen Referenzrahmens, welcher den „Anderen“ nicht als Feind, sondern als Teil dieser Gesellschaft sieht. Wir wollen kleine Gemeinschaften stärken, in ihrem Aufbau begleiten, jedoch keine neuen „Plattformen“ mehr unterstützen, die von von oben nach unten entwickelt werden. Diesen Weg betrachten wir als gescheitert.


Fernando, du siehst dich und Kairos Educativo in der Tradition der Befreiungstheologie. Wie steht es um die Befreiungstheologie heute? Welches ist das Verhältnis zwischen offizieller Kirche und Befreiungstheologie?
Die katholische Kirche und ganz besonders die katholische Kirche Kolumbiens wäre ein sehr geeignetes Studienobjekt, um zu analysieren und zu schauen, wie ein Modell der Aggression die Kooptation, die Neutralisierung und schliesslich die Vernichtung des „Anderen“, des „Andersdenkenden“ erreicht. Wir müssen schlichtweg feststellen, dass dieses Aggressionsmodell zur Verteidigung des „Traditionellen“ und der „traditionellen Eliten“ äusserst erfolgreich war und ist. Ich habe ein Buch mit dem Titel „Die Hoffnung im Gegenwind“ zum 40. Jahrestag der Bischofskonferenz von Medellín gelesen.
Der Titel zeigt schon an, dass es eine starke politische, ideologische, religiöse
und spirituelle Allianz der Elite gegen die Befreiungstheologie gab und immer noch gibt. Diese politische, ideologische, religiöse und kirchliche Elite schaffte es, eine eigentliche ideologische Hegemonie zu errichten, welche auf Feindbildern – eben auf der Auslöschung Andersdenkender – beruht. Die katholische Kirche trägt eine grosse Verantwortung für den Aufbau und die Aufrechterhaltung einer Haltung, in der Andersdenkende als Feinde, die es zu eliminieren gilt, gesehen werden. Die katholische Kirche Kolumbiens hätte die Möglichkeit gehabt – z.B. mit ihrem Radiosender Sutatenza, welcher bis in den hintersten Winkel des Landes empfangen werden konnte – eine andere politische Kultur, eine Ethik des Respekts und der Toleranz zu schaffen. Doch sie hat diese Möglichkeiten nicht nur nicht genutzt, sondern sie hat sie im schlechtesten Sinne genutzt, nämlich, dass sie sich auf eine Seite geschlagen
hat. Statt zur Besinnung und Versöhnung und zu einer friedlichen Konfliktbewältigung beizutragen, hat sie für eine Seite Partei ergriffen, den Hass geschürt und ihn religiös gerechtfertigt. Den Opfern hat man rein assistenzialistisch geholfen und dies als christliche Nächstenliebe dargestellt. Diese Grundhaltung nehmen breite Sektoren der katholischen Kirche Kolumbiens bis heute ein, nicht nur in der Hierarchie, sondern auch an der Basis. Wie definieren wir uns gegenüber dieser Kirche? Wir haben die Illusion aufgegeben, diese Strukturen zu verändern. Es geht uns nicht mehr um eine Veränderung der kirchlichen Strukturen und eine innerkirchliche Auseinandersetzung. Auf diesem Weg sehen wir momentan keine Zukunft. Wir sehen eine Erneuerung, einen Wandel an anderen Orten, in anderen Dynamiken, mit anderen Subjekten, nämlich an den Rändern dieser Gesellschaft. Aber notwendig ist ein Dialog zwischen denen, die in den
Strukturen für Veränderungen kämpfen und jenen, die sich an den Rändern von Kirche und Gesellschaft für Veränderungen einsetzen. Es braucht mehr Austausch über die verschiedenen legitimen Wege, die zu weltweiter Gerechtigkeit und erneuerten Formen des Glaubens führen. Wir befinden uns nach den grossen theologischen Entwürfen der Befreiungstheologie in den 70er und 80er Jahren in einem Prozess des Übergangs und der Neukonstruktion, der Reflexion und der Anpassung dieser Entwürfe an eine veränderte Realität. All dies muss in einem neuen Paradigma der Emanzipation zusammen finden. Es ist nicht die Linke, welche für diesen Prozess sehr geeignet ist, sondern vielmehr neue gesellschaftliche Ausdrucksformen und neue gesellschaftliche Gruppen, wie z.B. die Frauenbewegung Ruta Pacifica, oder der Zusammenschluss der arbeitenden Kinder und Jugendlichen, die Bewegung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen, Umweltschutzbewegungen, Rapper, die Bewegung mit der Bezeichnung Tienen Huevo (Eier haben). Alle diese Bewegungen haben neue Symbole, eine neue Sprache und eine neue politische Kultur entwickelt. Sie durchbrechen althergebrachte, traditionelle Schemata. Wir möchten uns mit diesen neuen gesellschaftlichen und oft auch künstlerischen Ausdrucksformen treffen und mit ihnen und von ihnen her eine neue Gesprächskultur, eine neue politische Kultur und einen Dialog zwischen verschiedenen kulturellen Zugehörigkeiten und Ausdrucksformen und zwischen den Generationen
schaffen und auch theologisch reflektieren. Die grösste Herausforderung stellt sich darin, ob wir diese Annäherung schaffen. Wollen wir in einen Dialog mit diesen Ausdrucksformen treten, dann müssen wir unsere Praxis und unseren Diskurs öffnen und verändern.
Fernando, vielen Dank für das Gespräch!

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com