27.08.2018

Ansätze für eine alternative Drogenpolitik: Entkriminalisierung und Regulierung von Produktion, Handel und Konsum von Kokain

27.08.2018 | von Stephan Suhner

Am 2. Juli 2018 fand in Bern ein Vortragsabend zum Thema Drogenpolitik in Kolumbien und in der Schweiz statt. Unsere beiden Gäste, Luz Piedad Caicedo von der kolumbianischen NGO Corporación Humanas, und Thilo Beck, Suchtexperte bei ARUD in Zürich, legten ihre Sicht auf die Drogenproblematik und ihre Lösungsansätze dar und diskutierten mit dem Publikum. Es wurde an diesem Abend klar, dass die repressive Drogenpolitik gescheitert ist, dass eine drogenfreie Welt eine Illusion ist und es darum geht, den Konsum sozial zu steuern. Unsere beiden ExpertInnen legten dar, dass eine Legalisierung aller psychoaktiven Substanzen, eine kontrollierte, regulierte Zurverfügungstellung von Drogen viel weniger Probleme schafft als das aktuelle Prohibitionsregime. Der vorliegende Monatsbericht gibt den Vortragsabend wieder.

Ask: Luz, du arbeitest mit Frauen zusammen, die selber Koka anbauen und unter dem herrschenden Prohibitionsmodell leiden. Kannst du aus deiner Sicht kurz das so genannte Drogenproblem umreissen?  

Luz: Drogen wie sie heute gehandhabt werden, sind ein grosses Problem für Kolumbien und viele andere Länder, sowohl der Anbau und der Handel wie auch der Konsum. Auch die Schweiz ist stark betroffen, Städte wie Zürich haben rekordhohe Konsumraten. Seit 55 Jahren gibt es Drogenkriege, ausgehend von der Prämisse, dass der als schädlich erachtete Konsum nur mit Kriminalisierung, mit Verboten und Bekämpfung zu überwinden sei. Das ist aber eine sehr vereinfachende und meiner Ansicht nach falsche Lösung, da sie wirkungslos ist. Sowohl der Anbau von Koka und deren Weiterverarbeitung als auch der Konsum von Kokain haben in den 55 Jahren Drogenkrieg zugenommen, wie jüngste Zahlen des UN-Büros für Drogen UNODC einmal mehr zeigen. All die finanziellen und menschlichen Kosten des Drogenkrieges haben also bis heute zu keiner Reduktion des Konsums geführt.

Ich möchte kurz einen historischen Überblick geben: der Kokaanbau in Kolumbien ist eine Reaktion auf die Bekämpfung der Koka in Bolivien und Peru. Die Bekämpfung des Kokaanbaus in diesen beiden Ländern war sehr effektiv, aber der Anbau verschob sich nur nach Kolumbien, die Anbaufläche und das daraus zu gewinnende Kokain reduzierten sich nicht. Wir sprechen bei solchen Vorkommnissen vom Balloneffekt. Kolumbien bot gute Bedingungen, gab es doch schon eine Mafia, die mit dem Anbau und Handel von Marihuana Erfahrung hatte und leicht in das Kokageschäft einsteigen konnte. Derselbe Balloneffekt gibt es auch innerhalb Kolumbiens, die Bekämpfung der Anbaufläche an einem Ort führt zum Anstieg in Nachbarregionen. Heute erleben wir den Anstieg des Kokainkonsums in Kolumbien. Eine Erklärung dafür ist, dass die Konkurrenz von mexikanischen Kartellen grösser geworden ist, dass diese besser sind als die Kolumbianer, und dass es beim Export mehr Repression und Kontrollen gibt, wodurch mehr Ladungen abgefangen werden. Um also den Gewinn zu halten, sehen sich kolumbianische Kartelle gezwungen, im Inland den Konsum zu fördern. Ich möchte mich an dieser Stelle nicht zu stark über die Rolle der USA und den Nutzen den die USA aus der Koka in Kolumbien zog, auslassen. Nur so viel: Die Koka und deren Bekämpfung erlaubte es den USA, den Kampf gegen die Guerilla zu finanzieren, unter dem Argument es seien Drogenbanden. Eine direkte Finanzierung der Aufstandsbekämpfung wäre den USA durch den US-Kongress verboten gewesen.

Was bedeutet es, dass die Koka illegal ist? Was passiert mit Produkten, die illegal sind, von den Personen aber begehrt werden? Die erfolglose Alkoholprohibition in den USA bietet viel Anschauungsmaterial! Immer mehr US-Bundesstaaten legalisieren den Konsum von Marihuana, aber über Jahrzehnte haben die USA den Marihuanaanbau in Kolumbien bekämpft. Das Kokablatt und Kokain werden heute verfolgt und bekämpft, trotzdem wird es von vielen Personen angebaut und es gibt viele Konsumenten. Sind Bauern und Bäuerinnen die Koka anbauen Kriminelle? Wir von Humanas denken nein. Es sind schlicht Campesinos, die in abgelegenen Regionen leben, ohne Strassen, wo Lebensmittel anbauen mit hohen Kosten verbunden ist und die Vermarktung schwierig ist. Mit dem Anbau von Yuca, Bananen oder Reis verdienst du kaum Geld, die Böden sind wenig ertragreich. Die Koka wächst auf diesen Böden aber gut und ermöglicht bis zu drei Ernten im Jahr. Der Anbau ist einfach, körperlich nicht anstrengend und auch für Frauen gut zu erledigen. Die Blätter lassen sich lagern und leicht zu Kokapaste verarbeiten, dafür braucht es keine komplizierten Einrichtungen. Mit einem Kilo Kokapaste in meiner Tasche kann ich einfach zum Markt gehen, zu Fuss, mit dem Pferd oder in einem Boot. Es ist das einzige Agrarprodukt das ich ohne grosse körperliche Anstrengung auf den Markt bringen kann und dafür sogar gut bezahlt werde. Dazu ein Beispiel: Für ein Kilo Reis bekommst du auf dem Markt 2‘500 Pesos (weniger als 1 Franken), für ein Kilo Kokapaste 1‘950‘000 Pesos. Koka ist also das rentabelste und erfolgreichste Produkt!

Es gibt mit dem Kokaanbau aber auch Probleme, vor allem viel Gewalt. Nicht weil die Campesinos Kriminelle oder Verbrecher wären, sondern wegen der Illegalität des Produktes. Ein Streit über das Kokageschäft, der Diebstahl von Kokapaste oder Kokain kann nicht bei der Polizei angezeigt und auf dem Rechtsweg gelöst werden, es wird zur Abschreckung weiterer Diebstähle mit brutaler Gewalt gelöst. Die illegalen Märkte werden mit Gewalt kontrolliert. Aber auch die Drogenbekämpfung erfolgt gewaltsam und führt zu weiterer Gewalt, viele Kokabauern und kleine Fische des Drogenhandels sitzen im Gefängnis. Auch die Besprühung aus der Luft mit Glyphosat, einem wahrscheinlich krebserregenden Totalherbizid, ist eine Form von Gewalt. Auf jeden Fall verursacht Glyphosat für Leute, die damit in Kontakt kommen, verschiedene Gesundheitsprobleme. Durch die Besprühungen aus der Luft werden Flüsse und Böden verschmutzt. Nicht nur die Kokabüsche werden besprüht, auch Nahrungspflanzungen und Quellgebiete. Die Gebiete, in denen Koka angebaut wird oder die Verarbeitung und der Transport erfolgt, sind durch verschiedene bewaffnete Gruppen hart umkämpft, wegen den Geldern die gewonnen werden können. Der Transport des Kokains führt aber auch zu starker Korruption, da grosse Ladungen nicht unbemerkt transportiert und verschifft werden können. Das heisst dass Armeekontrollen und die Polizei geschmiert werden müssen. Zusammenfassend kann man also sagen, dass der Kokaanbau für Kleinbauern und Bäuerinnen viele Vorteile hat, aber auch eine ganze Kette von Schwierigkeiten und Problemen mit sich bringt. Die Lösungen sehen wir in einer Abkehr vom rein repressiven Kampf gegen Drogen hin zu einer menschenrechtsbasierten Politik mit einem Fokus auf die öffentliche Gesundheit und den fairen Handel.

Ask: Thilo Beck, wie sieht das Drogenproblem aus Schweizer Sicht aus und wo liegen mögliche Lösungsansätze?

Thilo Beck: Wie schon Luz gesagt hat, ist der Drogenkrieg gescheitert, ich kann dem nur beipflichten. 1912 wurde auf der Haager Konferenz ein Verbot von Drogen ausgesprochen, ohne jegliche sachliche Logik. Aus meiner Sicht als Psychiater und Suchtexperte ist das Verbot von psychoaktiven Substanzen sinnlos. Der Mensch hat immer psychoaktive Substanzen konsumiert, meist ohne Probleme. Verbote von psychoaktiven Substanzen haben eine lange Geschichte. Nehmen wir das Beispiel Tabak, einer Pflanze die ebenfalls aus Südamerika kommt. Zu Beginn war Tabak verboten, im Osmanischen Reich stand auf Rauchen die Todesstrafe. In Bern drohten Rauchern in der frühen Neuzeit hohe Geldstrafen, und wer nicht bezahlen konnte, musste vier Tage lang in einer Art Pranger, einem Schandkragen, zur Schau gestellt durch die Gassen laufen. Trotzdem wurde kräftig geraucht! Während des Alkoholverbotes in den USA wurde mehr Alkohol als je davor und danach getrunken, und in jener Zeit entstand die US-Mafia. Verbote schaffen immer kriminelle Substrukturen, die den Staat unterwandern. Illegale Substanzen verschaffen enorme Gewinne, die aber weder Steuern bezahlen noch sinnvoll investiert werden. Wie gesagt, psychoaktive Substanzen lassen sich nicht verbieten, das funktioniert nie. Begründet werden die Verbote mit eigentlich unbegründeten Ängsten und moralisierenden Argumenten, dass beispielsweise die Menschheit daran zu Grunde gehe. Dabei kann die Mehrheit der Menschen mit psychoaktiven Substanzen gut umgehen und hört auf, wenn es zu viel wird. Nur etwa 20 Prozent der Menschen können nicht kontrolliert damit umgehen, entweder genetisch bedingt oder beispielsweise durch Prägungen in der Kindheit. Ihnen muss man helfen, nicht sie kriminalisieren.

Nicht die Substanz macht krank, sondern die Umstände des Konsums, die Begleitumstände. Nehmen wir das Beispiel Heroin und das Bild des Junkies, der körperlich völlig kaputt ist. Das Heroin ist aber nicht das Problem, es ist eigentliche eine gute, gesunde Substanz, wenn sie korrekt und rein konsumiert wird. Unsauberer, gestreckter Stoff und unhygienische Konsumbedingungen sind das Problem. Der Schwarzmarkt ist das Problem, die Mafia hat kein Interesse an Konsumentenberatung, Jugendschutz etc. Die Suchthilfe, die Berater können unter Illegalität viel schlechter an die Konsumenten gelangen, da sich diese verstecken, als wenn der Konsum legal wäre. Daher begannen wir Experten, uns auch politisch aktiv zu betätigen, da wir merkten, dass die Probleme nicht den Substanzen geschuldet sind, sondern den Umständen des Konsums und das Handels. Deshalb setzen wir uns für eine regulierte, kontrollierte Legalisierung aller Substanzen ein. Es macht keinen Sinn, gewisse Substanzen zu verbieten, ein Verbot verschlimmert nur alles, bereitet mehr Probleme als eine regulierte Abgabe der Substanzen. Dabei muss mit einem falschen Bild aufgeräumt werden: Regulierung bedeutet nicht, dass Drogen auf der Strasse verteilt werden oder für jedermann am Kiosk erhältlich sind. Vielmehr können so Instrumente entwickelt werden, wie der Konsument kontrolliert erreicht werden kann. Geschäfte können Lizenzen für den Verkauf erhalten, wenn sie gut ausgebildetes Personal haben und qualitativ hochwertige Produkte verkaufen. Drogen sollten nicht zu einfach erhältlich sein, durch eingeschränkte Öffnungszeiten oder eher abgelegene Verkaufsstellen kann die Verfügbarkeit gesteuert werden. Selbstverständlich wären dabei Werbeverbote und ein ausgebauter Jugendschutz. Weil der Konsum legal wäre, könnten sich sozial akzeptierte Konsumregeln etablieren. Konsum in gesellschaftlichem Rahmen ist weniger heikel als illegalisierter, versteckter Konsum. Dies umzusetzen, ist momentan noch sehr schwierig, weil es ideologische Barrieren und nicht begründete Ängste gibt. Die gegenwertige Welle an Cannabislegalisierung könnte uns aber helfen, Bewegung in das Thema zu bringen und zu zeigen, dass eine Regulierung von Drogen nicht zum Untergang der bisherigen Welt führt. Die Legalisierung von Cannabis in gewissen US-Bundestaaten führte bei den Mafias schon zu Anpassungen, Kartelle in Südamerika produzieren mehr Heroin, um auf der Opiatwelle mitreiten zu können. Die legale Produktion von Drogen könnte auch besteuert werden, was ebenfalls zu einer besseren Welt beitragen könnte. In unserem Jahresbericht der Arud haben wir dargelegt, was für Vorteile ein regulierter Markt gegenüber einem illegalen Markt bietet.

Ask: Die Schweiz war ja in den 1990er Jahren führend bei einer liberaleren Drogenpolitik, mit der Heroinabgabe, sauberen Spritzen, der Viersäulenpolitik. Wo steht die Schweiz heute?                      

T.B.: Die damalige schnelle Entwicklung war ja nur wegen den unhaltbaren Zuständen der offenen Drogenszene möglich, mit Hunderten Todesfällen, die einen grossen Druck erzeugten, etwas zu tun. Sonst ist die Schweiz ja nicht so offen und reformfreudig. Leider gab es dann kaum eine Weiterentwicklung, wir blieben bei der Heroinabgabe stehen. Die medizinische Heroinabgabe war ja auch eine Art Regulierung, wir hätten damals Heroin geradesogut allgemein regulieren können, nicht auf der medizinischen Schiene. Und wir hätten es auf Cannabis, Kokain und weitere Substanzen ausdehnen können. Dass es dazu nicht gekommen ist, ist schade.

Ask: Luz, gab es in der letzten Zeit gewisse Fortschritte bei der Drogenbekämpfung in Kolumbien, z.B. mit dem Friedensabkommen, der freiwilligen Substitution, dem Verbot der Glyphosatbesprühungen?

Luz: Ja, unter Präsident Santos gab es wichtige konzeptionelle Wechsel in Bezug auf die Drogenbekämpfung. Santos sagte auf dem internationalen Parkett klar, dass der Drogenkrieg gescheitert sei, das war eine bedeutsame Haltungsänderung der Regierung. Santos sagte auch, er können den kolumbianischen Campesinos nicht erklären, wieso er die Koka gewaltsam bekämpfen müsse, während die USA Cannabis legalisieren. Das Gesundheitsministerium verbot Besprühungen aus der Luft wegen den damit verbundenen gesundheitlichen Risiken. Ein Punkt des Friedensabkommens sah eine Lösung für das Drogenproblem durch die Substitution der illegalen Pflanzungen vor. Das waren wichtige Ansätze für eine weniger repressive Drogenpolitik, ein bedeutsamer Perspektivenwechsel. Vieles davon waren aber lediglich Ankündigungen, ohne konkrete Umsetzung. Die Substitutionsprogramme haben z.B. grosse Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Zudem dürften die Fortschritte mit dem neu gewählten Präsidenten Iván Duque wieder zu Ende sein. Seine Partei will die Probleme Kolumbiens mit mehr Krieg lösen, die Besprühung aus der Luft wieder aufnehmen, höhere Gefängnisstrafen für Drogendelikte einführen. Wir werden mit Duque wohl mehrere Schritte zurück machen, befürchte ich.

Ask: Luz, wie sähe denn für dich eine ideale Lösung des Drogenproblems aus kolumbianischer, aus Anbau- und Handelssicht aus?   

Luz: Eine Legalisierung der Vermarktung von Kokain wäre für uns die beste Lösung, das würde die Gewaltspirale durchbrechen und auch viele der Probleme lösen, die Thilo bezüglich des Konsums angesprochen hat. Es gibt aber internationale Abkommen, die die Prohibition festschreiben und schnelle Veränderungen in der Drogenpolitik verhindern. Länder wie die Schweiz können diese Debatte aber vorantreiben, mutigere Schritte hin zur Legalisierung machen und so schwächer positionierten Ländern den Weg bereiten, um auch in diese Richtung gehen zu können. Für Kolumbien mit dem Drogenstigma ist es schwieriger, solche Schritte zu unternehmen, als für die Schweiz. Eine schnellere Lösung, die nicht so fest im Konflikt mit den Antidrogenkonventionen steht wäre, das Kokablatt nicht zu bekämpfen und auszurotten, sondern die legalen Verwendungszwecke zu stärken, also verschiedene Nahrungsmittel, Tee, Getränke und Heilmittel zu produzieren. Die pharmazeutische Industrie könnte aus dem Kokablatt z.B. Schmerzmittel herstellen. Ideal wäre aber, die Prohibition von Anbau, Produktion, Handel und Konsum aufzuheben.

Ask: Ist es in Kolumbien heute praktisch möglich, das Kokablatt legal zu nutzen, als Nahrungs- und Heilpflanze, oder gibt es Gesetze die dagegen sprechen? Könnte es zu Konkurrenz um die Verwendung des Kokablattes und damit zu Gewalt seitens der Drogenhändler gegen die legale Produktion kommen?

Luz: Bolivien ist ein gutes Beispiel dafür, wie Koka legal genutzt werden kann, mit sozialer Kontrolle und unter staatlicher Aufsicht. Klar, der legale Konsum von Kokablättern ist in Bolivien viel verbreiteter als in Kolumbien. Aber wie Morales es erreichte, das Kokablatt zu legalisieren, hat Vorbildcharakter. Die Mafia ist zurückgegangen, ebenso die illegale Verwendung de Blätter. Kolumbien könnte eine ähnliche Strategie auch versuchen.

Ask: Herr Beck, welchen Spielraum hat die Schweiz, um die von Luz angeregte Vorreiterrolle zu übernehmen, um z.B. Kokain zu legalisieren, solange sich auf UNO-Ebene, bei den internationalen Konventionen, keine Änderung abzeichnet? Wie mutig müsste da die Schweiz sein?

T.B.: Ein Alleingang ist recht schwierig. Am ehesten wäre es bei Cannabis möglich, da alles in der Schweiz abgewickelt werden kann: Anbau, Produktion und Handel. Kokain kann nicht in der Schweiz produziert respektive das Kokablatt angebaut werden, es käme weiterhin aus Südamerika und dann wäre ein Alleingang schwieriger. Mir scheinen die Rolle und die Vorstösse der Global Commission on Drugs sehr wichtig. Darin sind verschiedene ehemalige Regierungsmitglieder, u.a. auch Ruth Dreifuss, vertreten. Darunter sind viele VertreterInnen aus Anbau- und Produktionsländern, die argumentieren und Forderungen stellen ausgehend vom Leidensdruck ihrer Länder. Es gibt in der GCD auch Konsumentenländer. Die GCD ist eine wichtige Stimme, ihre Mitglieder haben Gewicht, sind Meinungsmacher. Ich denke, die Veränderungen müssen von den betroffenen Ländern kommen. Wenn mehr betroffene Länder zusammen stehen und Veränderungen anstreben, kann es vorwärts gehen. Die Global Commission hat die Länder klar aufgefordert, den gesetzlichen Spielraum auszureizen, die Grauzonen für Experimente zu nutzen, die nicht gleich verboten werden können. Wichtig ist, dass wir weitere Erleichterungen für die Betroffenen erreichen können.

Publikumsfrage: Wäre es denkbar, dass Kokain fairtrademässig, als Pilotversuch, produziert würde, dass ein Produzentenland und eine Konsumland zusammenspannen, um so einen kontrollierten Markt mit einem guten Produkt beliefern zu können?

T.B.: Ja, das ist eine super Idee, so müsste es laufen. Bauern werden unterstützt, um ein gutes, sicheres Produkt herzustellen und es wird zusammengearbeitet, um auch hier einen verantwortungsvollen Konsum zu ermöglichen. Solange es aber Staaten wie Russland oder die USA gibt, die auf Repression und Prohibition setzen und Sanktionen verhängen können, ist es schwierig umzusetzen. In den USA ist auf föderaler Ebene Cannabis ja immer noch verboten und die Zentralregierung verbietet den Banken, Geschäftsbeziehungen mit Cannabispflanzern einzugehen. Das heisst Produzenten in den Bundesstaaten in denen Cannabisanbau und Handel legal sind, können keine Bankbeziehungen haben. Auf diese Weise können einflussreiche Player wie die US-Regierung sinnvolle Initiativen wirkungsvoll unterbinden.

Publikumsfrage: Wie steht es in Kolumbien mit den Möglichkeiten, die Bevölkerung über die Probleme des Drogenkrieges, über Konsumverhalten und so weiter aufzuklären, wenn der Bildungsgrad zum Teil so niedrig ist oder dumme Argumente in der Politik wie die Gefahr des Sozialismus oder dass man wegen Sexualaufklärung homosexuell wird, die Bevölkerung überzeugen?

Luz: Ja, die Sensibilisierung ist in Kolumbien sehr nötig, aber schwierig, da häufig falsche Informationen zirkulieren und sehr stark an die Ängste der Leute appelliert wird. In Kolumbien kennt man in erster Linie den Konsum von Basuco durch Leute, die auf der Strasse leben. Das ist das einseitige Bild, das viele Kolumbianer vom „Drogenkonsument“ haben und das macht Angst, das soll den eigenen Kindern nicht passieren. Zudem ist die Politik repressiv, wegen kleinen Vergehen verbringen die Leute viele Jahre im Gefängnis. Wir von Humanas vertreten überall wo wir können die Meinung, dass Bauern und Bäuerinnen die Koka anbauen keine Kriminelle sind, sondern aus wirtschaftlicher Not oder weil es keine gangbaren legalen Alternativen gibt, Koka anbauen. Oder dass Frauen die Kokain verkaufen oder es als Mula transportieren ebenfalls keine Verbrecherinnen sind, sondern dies auch aus einer Notlage heraus tun, um die Familie zu unterstützen, und keinesfalls lange Haftstrafen verdient haben. Mit diesen Messages versuchen wir langsam das Bild zu korrigieren und ein Umdenken auszulösen. Es braucht aber viel Informationsarbeit und einen langen Atem.

Publikumsfrage: Was für Forschungsergebnisse gibt es über die gesundheitlichen Auswirkungen des regelmässigen Drogenkonsums? Gibt es zuverlässige und zugängliche Infos?

T.B: Ja, das frustriert mich ja gerade, die Informationen sind vorhanden, werden aber immer noch viel zu wenig gehört. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen, dass der Drogenkonsum für die meisten Menschen nicht problematisch ist, und dass der Drogenkrieg nicht sachlich sondern politisch begründet ist. Die Informationen für eine andere Drogenpolitik sind also da, werden aber nicht wahrgenommen. Die wissenschaftlichen Argumente haben wenig Gewicht, es wird vielmehr auf die Moral, den Glauben und die Angst gehört.

Publikumsfrage: Ist die wissenschaftliche Meinung wirklich so klar und eindeutig?

T.B.: Für mich schon (lacht). Die Spaltung die in der Gesellschaft sichtbar ist, geht natürlich auch durch die wissenschaftliche Gemeinschaft. Aber diejenigen die eine andere Sichtweise haben, sind auch noch durch das ideologische Denken geprägt. Langsam findet ein Umdenken aber statt. Vielleicht sagt Ihnen der Name Karl Hardt etwas, ein afroamerikanischer Mediziner, der viel über Drogenkonsum und Drogenpolitik geforscht hat. Er stellte fest, dass in Amerika die Verbote der Substanzen immer über die Diskriminierungsschiene laufen, also Gruppen die sozial schlechter gestellt sind damit unterdrückt oder kontrolliert werden sollen. Dementsprechend sitzen vor allem Schwarze wegen Drogendelikten in den Gefängnissen.

Nochmals ein Kommentar zur „Gefährlichkeit“ der Drogen: Heroin beispielsweise ist verhältnismässig ungefährlich, Alkohol hat ein höheres Schadenspotential. Wenn ich sauberes Heroin richtig einsetze und konsumiere, kann ich damit alt werden. Klar, eine Überdosis ist gefährlich und kann zum Tod führen. Es gibt aber viele Professoren und weltbekannte Chirurgen, die seit Jahrzehnten Opiatabhängig sind und damit keine Probleme haben.

Publikumsfrage: Ich habe gehört, Zürich sei die Stadt mit dem höchsten Kokainkonsum. Stimmt das, und was wird gegen den hohen Konsum unternommen?

T.B: Zürich ist eine Partystadt, viele Personen kommen von ausserhalb, auch aus dem Ausland, und konsumieren in Zürich Kokain. Im Kokainrapport der WOZ steht die Zahl von 1,7 Kilogramm, die täglich konsumiert werden. Das ist nicht wenig. Man muss damit aber pragmatisch umgehen, es ist eine Tatsache und lässt sich nicht einfach so ändern. Wir müssen als Gesellschaft bestmöglich damit leben, insbesondere die Konsumenten nicht kriminalisieren und die möglichen negativen Folgen des Konsums mindern. Die Frage ist, was die Schweiz dazu beitragen kann, dass in den Produzentenländern der Druck und die Kriminalisierung abnehmen, v.a. auf die schwächsten Glieder der Kette. Das ist die grössere Herausforderung als das Management des Konsums in der Schweiz.

Ask: An einem Podium am vergangenen Donnerstag hat der Autor des WOZ-Kokainrapports die Bedeutung der Menge von 1,7 Kilogramm relativiert. Es handle sich dabei nicht um Hunderttausende Konsumenten, sondern um einige Hundert bis 2000.

T.B.: Man weiss das schlicht nicht. Vielen Konsumenten kennen wir nicht. Viele Leute sagen nicht, dass sie konsumieren, nicht mal bei Befragungen, weshalb es eine grosse Dunkelziffer gibt. Die Zahl als solche ist aber auch gar nicht so wichtig, ob es ein paar Hundert oder viele Tausend, 5 oder 20 Prozent der Bevölkerung sind. Drogen- und konkret auch Kokainkonsum ist einfach sehr häufig, das ist eine Tatsache. Und alle sozialen Schichten konsumieren, es ist nicht auf spezifische Schichten oder Gruppen beschränkt, sondern durchzieht die ganze Gesellschaft.

Publikumsfrage: Aber was tut die Stadt Zürich gegen den exzessiven Kokainkonsum?

T.B.: Ich bin der Meinung, Konsum lässt sich nicht verbieten. Wir sind erwachsene Menschen, jeder soll entscheiden, was er wie konsumiert. Wenn man vorschreiben will, was wie konsumiert werden darf, gibt es eben illegale Subkulturen, und das ist die schlechtere Lösung. Wir können es nicht ändern, dass psychoaktive Substanzen konsumiert werden, die Frage ist nur wie wir den Konsum bestmöglich begleiten und gestalten.

Publikumsfrage: Meine Frage war nicht, was hypothetisch getan werden könnte, sondern was heute effektiv getan wird?

T.B.: Was gemacht wird, ist die alte Verbotspolitik, man kann schon die Polizei schicken, und das wird auch gemacht. Hinter vorgehaltener Hand sagt die Polizei aber, dass es sinnlos sei, Konsumenten zu jagen, dass es wenig bringt. Offiziell dürfen sie das aber nicht sagen, denn die Polizei hat einen politischen Auftrag und die Politik fordert nun mal immer noch Repression und Verbote.

Publikumsfrage: Wie steht es um die geteilte Verantwortung des Drogenproblems, dass nicht nur entweder die armen Produzentenländer oder die Konsumenten im reichen Norden Schuld sind?

T.B.: Das ist ein bekanntes Problem, lässt sich aber wegen der herrschenden Verbotspolitik nicht wirklich angehen. Deshalb heisst es, man dürfe sich beispielsweise nicht einmischen. Das sind aber bloss Ausreden. Es braucht generell eine globale Sichtweise, globale Lösungsansätze. Wir werden ja beim Konsum durch die südamerikanischen Kartelle konditioniert, sie bestimmen was für Waren auf den Markt kommen, wieviel und zu welchen Preisen. Sie diktieren quasi die Marktbedingungen. Produzenten- und Konsumentenländer müssen gemeinsam vorgehen, um eine effektive Lösung zu finden.

Ask: Am erwähnten Podium in Zürich war die Einstiegsfrage, warum viele Konsumenten ein hohes Bewusstsein über Biogemüse oder Fairtradeprodukte haben, sich bei Kokain aber einen Deut um die Herstellungsbedingungen und die schädlichen Folgen kümmern. Würde eine Aufklärung, ein Konsumentenbewusstsein zu einem Rückgang des Konsums führen? Lassen sich Drogenkonsumenten überhaupt dahingehend sensibilisieren?

T.B.: Als Psychiater kann ich sagen, dass Menschen ihr Verhalten nur ändern, wenn sie eine Alternative haben. Kokainkonsumenten müssten also die Möglichkeit haben, ein besseres, fairer hergestelltes Produkt kaufen zu können. Auch wenn sie dafür einen höheren Preis bezahlen müssten, würden sie das vermutlich tun. Aber eben, weil es sich um eine illegale Substanz handelt, lässt sich das heute nicht lösen.

Luz: Massnahmen, die zu Schuldgefühlen führen, die Schuld zuweisen, sind kompliziert und führen zu nichts Positivem. Nötig für eine Änderung wäre zum Beispiel, dass viele Menschen zugeben, dass ihnen die Substanz gefällt und sie legale und qualitativ gute Drogen konsumieren möchten, oder dass die Konsumenten mit problematischem Konsumverhalten dem Staat sagen, dass sie vom Staat Unterstützung zur Schadensminderung erwarten. Es kann also nicht darum gehen, den Produzenten oder Konsumenten die Schuld zuzuweisen, sondern anzuerkennen, dass die Probleme mit einem verkehrten Prohibitionsschema zu tun haben.

Eine Abschlussfrage seitens der ask: wir sind hier rund 40 interessierte Personen, einige möchten sich vielleicht weiter engagieren für eine sinnvollere Drogenpolitik. Was wäre aus eurer Sicht nötig und sinnvoll, um sich zu engagieren?

T.B.: Die Politik funktioniert im Moment nicht, der top-down-Ansatz. Wir haben keine Regierung, die gescheit überlegt und strategisch sinnvoll vorgeht. Das heisst es braucht den bottom-up-Ansatz, dass die Zivilgesellschaft Druck macht, sich ausdrückt und engagiert. Verschiedene Städte machen das im Moment bei Cannabis. Sie sagen, Bern macht nicht vorwärts und versteht unsere Probleme nicht. Die Städte wollen vorwärts machen und die Probleme anders angehen. Diese zivilgesellschaftliche Innovationskraft brauchen wir, wir müssen weitermachen. Ich fühle mich manchmal wie Sisyphus, da ich immer wieder dasselbe sage. Irgendwann wird es aber zu einer Änderung in der Drogenpolitik kommen, da bin ich mir sicher. Wir dürfen einfach nicht aufgeben!

Luz: Für euch Schweizer sehe ich folgende mögliche Rollen. Es geht darum, gegenüber dem Thema offen und neugierig zu sein, um mehr über die Problematik zu erfahren. Es geht darum, die verschiedenen Konsumformen zu verstehen, Vergleiche zu ziehen. Kokainkonsum und seine Folgen mit Alkoholkonsum und dessen Folgen zu vergleichen, oder zu überlegen, was die Folgen wären, wenn Alkohol plötzlich wieder verboten wäre. Überlegt euch, wie viele Personen ihr kennt, die Kokain konsumieren, die aber normal weiter arbeiten, die eine Familie haben, die ihr Haus nicht verlieren, und wie viele Personen einen problematischen Konsum haben. Und überlegt euch, wie viele Personen ihr kennt, die Alkohol trinken, arbeiten, zur Familie schauen, und wie viele Personen alkoholkrank sind, ein problematisches Konsummuster haben. Diese Überlegungen können die Angst vor einer anderen Art mit Drogen umzugehen nehmen. Mit Cannabis haben wir Fortschritte gemacht, und erreichten die Legalisierung oder zumindest Erleichterungen in verschiedenen US-Bundesstaaten, in Uruguay, für medizinische Zwecke auch in Kolumbien, weil die Cannabiskonsumenten sagten, wir sind keine Delinquenten, wir sind nicht krank, und wir wollen weiter konsumieren. Wir müssen zu dem was wir wollen, zu unseren Bedürfnissen stehen, um zu Veränderungen zu kommen.

Ask: Ich danke euch für diese Schlussvoten, wir werden seitens der ask! das Thema sicher weiter verfolgen und uns für eine andere Drogenpolitik einsetzen.

Weiterführende Links:

https://arud.ch/

http://www.humanas.org.co/alfa/pg.php?pa=16

http://www.globalcommissionondrugs.org/about-usmission-and-history/

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