09/29/17

Vom Gewehr in der Hand zur Macht des Befehlsstabes Die Geschichte des Quintin Lame im Cauca

29.09.2017 | von Stephan Suhner

Aus Anlass des 30-Jahr-Jubiläums der Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien haben wir verschiedene Diskussionsabende und Vorträge rund um das Thema Frieden organisiert. Dazu haben wir Maria Deisy Quistial als Kampagnengast eingeladen. Deisy war früher Kämpferin der indigenen Guerilla Quintín Lame im Cauca, hat am Friedensprozess 1990 teilgenommen und arbeitet heute mit der Stiftung Sol y Tierra. Eines ihrer grossen Anliegen ist die Aufarbeitung der Erlebnisse der Frauen in der Guerilla, und die Begleitung der heute zu demobilisierenden Kämpferinnen. Dazu reist sie im Land umher, teilt ihre Erfahrungen und war auch in Havanna.

Ask: Deisy, kannst Du uns die Ursprünge der indigenen Guerillabewegung Quintín Lame erklären?

Wir Indigenen im Cauca haben 1971 mit der Rückgewinnung unserer Ländereien begonnen, mit der Befreiung der Mutter Erde. Der Staat hat unsere Landkämpfe sehr schnell militarisiert, es gab viele Drohungen und Tote. Allein bis 1978 wurden 50 Gemeinschaftsmitglieder von den Pájaros (eine paramilitärische Gruppe) ermordet. Unsere Ältesten kamen dann zum Schluss, dass wir uns verteidigen müssen, da sich niemand sonst für uns einsetzte. Deshalb wurde beschlossen, eine bewaffnete Bewegung zu gründen, mehr im Sinne einer Selbstverteidigung als für eine offensive Kriegsführung. Lange haben wir vor allem über einen passenden Namen nachgedacht, und kamen schliesslich auf den indigenen Führer Quintín Lame, der schon in den 1930er Jahren für die indigenen Rechte und die Landrückgewinnung kämpfte. Deshalb tauften wir unsere Bewegung „Movimiento Armado Quintín Lame“. Waffen sind nicht nur dazu da, Stimmen zum Schweigen zu bringen, sie können sich auch Gehör und Respekt verschaffen. Wir waren überzeugt, etwas Gerechtes zu tun, uns gegen Massaker und gegen Unrecht zu wehren und einen Kampf um Land zurück zu gewinnen zu führen. Ich war damals sehr jung, als ich zur Guerilla kam, erst 17-jährig. Ich hatte das Unrecht am eigenen Leib erfahren, wurden doch meine Eltern für drei Jahre inhaftiert, weil sie sich weigerten, eine besetzte Finca zu verlassen. 

Ask: Wann wurde das Quintín Lame gegründet?

In die Öffentlichkeit getreten ist das Quintín Lame am 4. Januar 1985 mit der Einnahme von Santander de Quilichao. Wir beschlossen diese Aktion aus Protest gegen die Ermordung des indigenen Pfarrers Alvaro Ulcué Chocué, und wegen der gewaltsamen Räumung der Hacienda López Adentro in Caloto. Natürlich entstand die Bewegung schon ein paar Jahre früher, war aber nicht öffentlich bekannt. Wir waren im Untergrund, um die 25 zurückgewonnen Haciendas zu verteidigen. Wir haben uns allmählich bewaffnet, ausgebildet und für den Kampf trainiert. Dabei hat uns im militärischen Teil das M-19 unterstützt, bei der Ausbildung und auch mit Waffen. Ein Teil der Waffen stammten vom Überfall auf die grosse Kaserne Cantón Norte in Bogotá. Politisch blieben wir aber unabhängig.

Ask: Wie hast Du selber die Einnahme von Santander de Quilichao erlebt?

Es war unsere erste Kriegshandlung, und logischerweise macht der Krieg Angst. Wir waren alle sehr nervös. Wir hatten einen Lastwagen konfisziert, um damit nach Santander zu fahren. Die Aktion sollte um 4.15 Uhr in der Früh beginnen, aber anscheinend gingen nicht all unsere Uhren gleich. Auf jeden Fall, als der erste Schuss fiel, erschrak ich gewaltig. Aber ich glaube, die Polizisten im Städtchen waren genauso nervös wie wir. Wir waren ja beides Brüder und Schwestern des Volkes, so schossen wir nur in die Luft. Meine Aufgabe war es, Gefangene zu befreien, was nicht gelungen ist. Militärisch war die Aktion mehr symbolisch, aber politisch war die Wirkung gewaltig. Plötzlich hatten die Indigenen jemanden, der sie verteidigt. Das hat uns Respekt verschafft, gab eine Verschnaufpause, die Angriffe auf die Indigenen z.B. bei den Landbesetzungen gingen zurück.

Ask: Vielfach hat man durch die Medien den Eindruck bekommen, Guerilleros seien blutrünstige Monster. Wie hast Du das Leben in der Guerilla erlebt?

Die Guerilla vom Quintin Lame war wie gesagt vielleicht etwas atypisch, wir strebten nicht nach der Macht, sondern wollten unsere sozialen Prozesse und die Landrückgewinnung schützen und stärken. Wir kamen aus den Gemeinschaften, waren nur mit Erlaubnis der Gemeinschaften an den verschiedenen Orten präsent, und wurden von den Gemeinschaften auch geschützt, so beispielsweise vor der herannahenden Armee gewarnt. Wenn es ruhiger war, gingen wir auch nach Hause. Ich z.B. habe in der Zeit beim Quintin Lame meine Kinder bekommen. Auch gab es bei uns keinen Zwang zu bleiben, wenn jemand das Quintín Lame verlassen wollte, konnte er das tun.

Ask: Das öffentliche Leben des Quintín Lame war ja relativ kurz, nur fünf Jahre. Was hat dazu geführt, dass Ihr Euch so schnell wieder eingegliedert habt?

Es waren zwei Gründe: einerseits hatten wir die Ziele, die sich das Quintín Lame setzte, erreicht. Die sozialen Prozesse waren gestärkt, da wir sehr viel in die Bildung und Befähigung der indigenen Gemeinschaften investierten. Und wir hatten Respekt erlangt, die Übergriffe auf uns haben abgenommen. Trotz unserer Verankerung in der Gemeinschaft gab es einige Probleme, Leute über die wir die Kontrolle verloren hatten. Der bewaffnete Konflikt hat die Gemeinschaft auch beeinträchtigt. Daher hatten unsere Ältesten beschlossen, dass wir an den Friedensverhandlungen teilnehmen sollten. Das gab lange interne Diskussionen, aber schliesslich haben wir uns dazu durchgerungen, an den Friedensverhandlungen teilzunehmen und schlussendlich die Waffen abzugeben.

Ask: Wie hast Du selber den Friedensprozess erlebt?

Es gibt wie zwei Ebenen, die der Organisation und der Verhandlungen als solches, und die persönliche Situation. Zuerst zum Verhandlungsergebnis: wir haben einiges erreicht für die Gemeinschaften, beispielsweise Schulen, Strassen, Ambulanzen. Das heisst wir suchten konkrete Lösungen für konkrete Probleme in unserer Region. Aber es gab klar auch Punkte, die die Regierung nicht erfüllt hat. So wurde zugesichert, dass mit dem Friedensschluss das indigene Territorium entmilitarisiert würde, was jedoch nicht geschah. Im Dezember 1991 geschah dasMassaker von El Nilo, zehn Jahre später dasjenige im Naya. Im Moment der Unterzeichnung des Abkommens haben wir alle geweint, wir waren uns sehr unsicher bei diesem Schritt, ja verängstigt. Wir sahen ja, wie es dem M-19 erging, erlebten die Ermordung von Carlos Pizarro. Das waren schlechte Vorzeichen!

Erfolgreich war, wie wir uns in die Verfassungsgebende Versammlung einbringen konnten. Wir hatten dort drei Repräsentanten und konnten unsere Rechte sichern. Auch politisch ist uns einiges gelungen, wir waren gut verankert, hatten eine solide Basis, unsere Leute waren politisch geschult und verhandlungsstark. So konnten wir bei Wahlen Erfolge verbuchen, bis hin zum indigenen Gouverneur vom Departement Cauca, Floro Tunubala. Nur wenige von uns sind nach der Waffenniederlegung vom Weg abgekommen. Die meisten von uns hatten ja in Gemeinschaften gearbeitet und kehrten dorthin zurück, als Lehrer, im Gesundheitsbereich oder auch in der Landwirtschaft. So konnten wir die Angst und Vorurteile gegenüber der Guerilla schnell überwinden, zeigen dass, wir arbeitsam sind, eine Bereicherung für die Gesellschaft sind und keine Gefahr darstellen. Wir entstanden aus den Gemeinschaften und kehrten dorthin zurück.

Ask: Und persönlich? 

Ich fühlte mich unter den ehemaligen Mitkämpfern des Quintín Lame gut aufgehoben, wir blieben zusammen, so waren wir stark. Wir hatten im Gegensatz zu anderen Guerillas auch nicht das Problem, das unsere ehemaligen Kämpfer reihenweise umgebracht worden wären, weil wir in die Gemeinschaften zurückkehrten und dort arbeiteten. Wir waren weniger exponiert als das M-19 oder die Patriotische Union. Der Anfang war schwierig, wir hatten nichts ausser der Erde unter den Fingernägeln. Wir haben dann auch ein grösseres Landstück erkämpft, auf dem verschiedene ehemalige Kämpfer nun leben, u.a. auch ich mit meiner Familie. Das Land mussten wir in 15 Jahren abbezahlen, habe es nicht geschenkt bekommen, und wir arbeiten hart dafür. Es gab aber auch schwierige Elemente bei der Wiedereingliederung, vor allem für uns Kämpferinnen. Wir haben das zu Beginn niemandem erzählt, was unsere Vergangenheit war, weil wir uns schämten, oder aus Angst. Ich habe dann irgendwann begonnen, darüber zu reden. Wir haben im Jahr 2000 das Netzwerk ehemaliger Guerillakämpferinnen gegründet. Dort haben wir gelernt, zu unserer Vergangenheit zu stehen, auch des Beitrages den wir leisteten, bewusst zu werden. Viele Junge wissen heute gar nicht mehr, wie es zu den sozialen und politischen Fortschritten für die Indigenen im Cauca gekommen ist. Mir hat dieser Prozess enorm geholfen, andere Frauen tun sich aber bis heute schwer damit, öffentlich dazu zu stehen.

Wie gesagt hat uns geholfen, dass wir in der Widereingliederung vereint blieben, uns dann auch in der Fundación Sol y Tierra organisiert haben. Wir haben dort ein Haus, in dem wir uns treffen. Vielen anderen Guerillamitgliedern ist es weniger gut ergangen, sie leiden unter der Einsamkeit, haben ihren Weg nicht wirklich gefunden. Viele sind bis heute unsichtbar geblieben. Das Netzwerk ehemaliger Guerilleras versucht ihre Erfahrungen an heutige zu demobilisierende Guerilleras weiterzugeben, damit diese nicht dieselben schmerzhaften Erfahrungen machen müssen. Ich bin zum Beispiel in den Caquetá gegangen, und habe dort insbesondere mit indigenen Kämpferinnen der FARC gesprochen, wir bieten ihnen auch psychologische Unterstützung und Ratschläge bei der Rückkehr ins Zivilleben an. Ebenso war ich in Havanna, wo wir unsere Erfahrungen ebenfalls geteilt hatten, und wo wir einen Aufruf zum Frieden machten.

Ask: Wie ist heute die Beziehung der Indigenen des Cauca zu den FARC, die daran sind, sich in eine Partei zu verwandeln?

Klar gab und gibt es gewisse Spannungen mit den FARC, z.B. bezüglich unserer Autonomie und unserer Forderung nach Entmilitarisierung der indigenen Territorien. Mit dem Friedensabkommen gibt es auch neue Spannungen, teilweise von der Regierung mitverursacht. So will die Regierung in Erfüllung des Abkommens von Havanna sogenannte Kleinbauernreservate (Zonas de Reserva Campesina) einrichten, die zum Teil aber an heiligen Orten der indigenen Gebiete zu liegen kämen. Und viele Indigene sind bei den FARC. Wir bereiten uns auch auf die Rückkehr von indigenen Kämpfern in die Gemeinschaften vor, und überlegen uns, wie wir das gestalten, mit was für Strafen sie rechnen müssen. Wir können uns Gemeinschaftsarbeit vorstellen, es wird aber auch starke spirituelle Komponenten haben. Es wird eine Herausforderung sein, die ehemaligen FARC-KämpferInnen wieder in die Gemeinschaften einzugliedern. Manche sind im Kampf überheblich geworden, gewöhnten sich an die Macht des Gewehres. Bei uns müssen sie erst das Vertrauen erarbeiten, nicht einfach weil sie bei den FARC waren werden sie einen Befehlsstab bekommen und Gouverneur eines Cabildos werden.    

Ask: Wie siehst Du die heute aktuelle Lage, herrscht bald Frieden in Kolumbien?

Das glaube ich nicht. Obwohl ja gemäss der Regierung der Konflikt vorbei ist, gibt es bei uns sehr viele bewaffnete Personen und Gruppen, die Armee ist sehr stark präsent, aber auch illegale bewaffnete Gruppen oder unbekannte Personen. Beispielsweise rund um die Übergangszonen der FARC, da ist die Armee präsent, aber weiter rund herum, gibt es viele Unbekannte, Personen die nicht aus der Gegend sind, die bewaffnet sind. Wenn der Konflikt fertig ist, warum dann so viele Bewaffnete?

Dann sind ja auch all die Drohungen und über 30 Ermordete seit dem Friedenschluss allein im Cauca! Es gibt in unserer Wahrnehmung, gerade im Cauca, mehr Gewalt als vor dem Abkommen. Diese Akteure ermorden jemanden hier, jemanden dort, keine Massaker wie früher, sondern einzelne Personen, was weniger Aufsehen erregt. So sieht es nicht nach Systematik aus, aber für uns ist ganz klar, dass es systematisch ist, sie eliminieren die Köpfe der sozialen Bewegungen. Auch die Landprobleme, die Plünderung der natürlichen Ressourcen gehen weiter.                            

Ask: Was hast Du Dir von dieser Reise in die Schweiz erhofft, und wie ist es Dir ergangen?

Ich bin sehr froh, konnte ich hierher kommen, vor verschiedenen Publika sprechen, mit NGOs, interessierten BürgerInnen, mit der Schweizer Regierung. Wir brauchen weiterhin solidarische Menschen, die hinschauen. Es gibt so viele Themen, wo die Regierung Abkommen nicht erfüllt und wir Garanten und Beobachter brauchen. Die Schweizer Regierung, die sich ja stark für den Frieden in Kolumbien einsetzt, kann da eine wichtige Rolle spielen.

Wir haben konkrete Forderungen an die kolumbianische Regierung, die trotz dem Friedensabkommen mit den FARC noch überhaupt nicht erfüllt sind, die zum Teil seit 1991 offen sind. Dazu gehören nach wie vor die Entmilitarisierung der indigenen Territorien, ein Ende der Drohungen, Übergriffe und juristischen Verfolgungsmassnahmen gegen soziale Führungspersonen, die freiwillige Substitution der Drogenpflanzungen, die vorgängige, informierte und freie Zustimmung sowie die Verteidigung und Sicherung unserer Territorien. 

Ganz persönlich bin ich auch einfach sehr dankbar, dass die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien mir diese Möglichkeit geboten hat, hierher zu kommen. Es waren für mich sehr wertvolle Erfahrungen, neue Leute kennen zu lernen, vor mir unbekanntem Publikum zu reden. Dann waren aber auch die Landschaften, die Seen und Flüsse und der erste gefallene Schnee überwältigend für mich. Für uns Indigene ist die Natur sehr wichtig, ist voller Leben und Spiritualität. Auch in diesem Sinne fühlte ich mich hier in der Natur sehr aufgehoben. Herzlichen Dank für alles!

Ask: Ganz herzlichen Dank an Dich, Deisy! Wir wünschen Dir und den indigenen Organisationen des Cauca alles Gute für die Zukunft!

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com