07/02/17

Der erste Punkt der Agenda des Friedensabkommens: Erarbeitung einer Gesetzesgrundlage für die integrale Agrarreform

02.07.2017 | Von Stephan Suhner

Die Umsetzung verschiedener Elemente des Abkommens zwischen der Regierung von Präsident Santos und den FARC verzögern sich oder werden verwässert. So auch der erste Punkt der Agenda, hin zu einer neuen kolumbianischen Landwirtschaft. Zur Umsetzung dieses Punktes der Agenda muss ein Gesetz zur Durchführung einer Integralen Agrarreform verabschiedet werden, die die Bodenkonzentration beendet, KleinbäuerInnen und ethnische Gemeinschaften als Rechtssubjekte anerkennt und eine Raumplanung einführt, die Landkonzentration und Vertreibungen beendet. Das Hin und Her bei der Ausarbeitung dieses Gesetzes zeigt exemplarisch die Probleme der Umsetzung des Friedensabkommens auf.    

Die Nationale Landagentur (Agencia Nacional de Tierra, ANT) hat im April 2017 einen Gesetzesvorschlag mit Massnahmen zur sozialen Ordnung des Landbesitzes unterbreitet. Obwohl der Vorschlag einige positive Elemente enthielt, überwog die Kritik seitens der Kleinbauernorganisationen. Er bevorzuge diejenigen Personenkreise, die von der Gewalt und der illegalen Landakkumulation profitiert hätten und schwäche die Möglichkeit der Kleinbauern und -bäuerinnen, Zugang zu Land zu erhalten oder dieses zurückerstattet zu bekommen. Dieser Gesetzesvorschlag verändert Kernelemente des Agrarreformgesetzes 160 von 1994 und fördert Elemente die im Gesetz über die Sonderzonen für die soziale und wirtschaftliche ländliche Entwicklung (Zonas de Interés de Desarrollo Rural Económico y Social ZIDRES[1]) ebenfalls enthalten sind. In dem Sinne vertieft er auch die Verschlechterungen, die der erste Punkt der Agenda in den Nachverhandlungen nach dem abgelehnten Plebiszit erfahren hat.[2] Es stellt sich für kritische Beobachter die Frage, ob die Regierung mit diesem Gesetzesprojekt tatsächlich Staatsland für die Verminderung der Besitzkonzentration einsetzen will, oder ob sie eine neue Welle der Vertreibungen und des Landraubes beabsichtigt.

Das Konzept der Agrarreform geht auf 1960 zurück, als unter der damaligen Regierung der Nationalen Front das Agrarreformgesetz 135 von 1961 ausgearbeitet wurde. Nach der Gewaltperiode der „Violencia“ kam die damalige Regierung der Nationalen Front zum Schluss, dass ein Teil der Gewalt durch fehlenden Zugang zu Land verursacht worden war. Mit einer Landumverteilung sollte diese Gewaltursache behoben werden. Die Gewalt  ab den 1980er Jahren hat viele der bescheidenen Fortschritte des Gesetzes 135 zunichte gemacht und die Situation von Landvertreibung und Besitzkonzentration verschärft. Das Gesetz 160 von 1994 war der zweite Versuch, die stossend ungerechte Landbesitzverteilung gerechter zu machen, wobei stark auf Marktmechanismen abgestellt wurde. Das heisst, landlose Bauern erhalten eine Subvention des Staates, um auf dem Bodenmarkt Land zu kaufen. Wiewohl auch die Resultate dieser Agrarreform bescheiden waren, blieb das Gesetz 160 doch bis jetzt die Grundlage der Agrarreform, und dass mit einem Gesetz zur Umsetzung des ersten Punktes der Agenda wesentliche Bestimmung dieses Gesetzes ausgehebelt werden sollen, liess bei bäuerlichen und linken Sektoren die Alarmglocken klingeln.

Parlamentarier des Polo Democrático und der Grünen Partei sowie Vertreter von Bauern- und ethnischen Organisationen gelangten deshalb am 18. April 2017 mit einem Brief an die Kommission zur Nachverfolgung, Förderung und Überwachung der Umsetzung des Endabkommens (Comisión de Seguimiento, Impulso y Verificación a la Implementación del Acuerdo Final CSIVI) und beklagten, dass der Gesetzesvorschlag verfassungswidrig sei und dem Geist des Abkommens vom 24. November zuwider laufe[3]. Die CSIVI ist mit je drei Vertretern von Regierung und FARC besetzt und hat unter anderem die Aufgabe, darüber zu wachen, dass die Gesetze zur Umsetzung des Abkommens mit diesem übereinstimmen. Das heisst, dass innerhalb des Fast Track die Regierung einen Gesetzesvorschlag an das CSIVI leitet, und wenn dieses das Gesetz im Einklang mit dem Abkommen erachtet, wird es zur Verabschiedung an den Kongress weitergeleitet.

Angriffe auf Kernelemente der Agrarreform

Der erste Gesetzesvorschlag der Regierung war in mehrfacher Hinsicht widersprüchlich und widersprach dem Geist des Friedensabkommens. Ein wiederkehrendes Thema ist das staatliche Brachland, die sogenannten baldíos: diese Landreserven dienen gemäss der Verfassung dazu, Landlosen und Kleinbauern und –bäuerinnen mit zu wenig Land Land zuzuteilen. Die kolumbianischen Regierungen entwerfen aber fortlaufend Ideen, wie baldíos unbeschränkt an Reiche und an das Agrobusiness verteilt werden können. Im Gesetzesprojekt vom April geschah dies unter anderem durch eine Abänderung des Konzepts der landwirtschaftlichen Familienbetriebseinheit (Unidad Agrícola Familiar, UAF), einem der zentralen Pfeiler des Gesetzes 160 von 1994. Die UAF soll durch die ländliche Produktionseinheit (Unidad de Producción Rural, UPR) ersetzt respektive ergänzt werden und das Verbot der Akkumulierung der UAF respektive neu UPR aufgehoben werden. Zudem wird nicht mehr von Familien, sondern von Nutzniessern gesprochen[4].

Die UAF beruht unter anderem auf agroökologischen Kriterien des Bodens: eine UAF muss so gross sein, dass eine kleinbäuerliche Familie davon leben kann und Überschüsse zum Sparen und Investieren erarbeiten kann. 1994 wurde definiert, welchen Ertrag in Mindestlöhnen gerechnet eine UAF erbringen muss, und man ging von vier Monatsmindestlöhnen aus, zwei für den Konsum der Kleinbauernfamilie, zwei für die Kapitalisierung und Investition in die Produktionssteigerung. Das Gesetz 160 hielt ebenfalls fest, dass dieser Betrag alles sechs Jahre überprüft werden solle. Diese Überprüfung und eine allfällige Anpassung fanden aber nie statt, und der Ertrag von vier Mindestlöhnen entspricht nicht der heutigen Realität. So leben in einer wirtschaftlichen Basiseinheit wie sie die UAF darstellt mindestens drei familiäre Arbeitskräfte und ein Lohnarbeiter, das heisst dass vier Mindestlöhne alleine schon für die Entlohnung respektive den Konsum aufgewendet werden müssen.

Eine Studie im Auftrag des kolumbianischen Präsidialamtes von 2012 zeigte auf, dass eine UAF mindestens sechs Mindestlöhne Ertrag abwerfen müsste, und spätere Untersuchungen zeigten, dass eine UAF die weniger als acht Mindestlöhne erwirtschaften kann, langfristig nicht nachhaltig ist. Dies kann auch durch den Wert des minimal notwendigen standardisierten urbanen Einkaufskorbes erklärt werden (canasta familiar basica), der 2016 etwa 3,15 Millionen Pesos betrug. Für eine Kleinbauernfamilie wird von einem etwas tieferen Wert von 2,3 Millionen Pesos ausgegangen, was etwas mehr als 3 Mindestlöhnen entspricht; dazu kommt ein Mindestlohn für eine externe Arbeitskraft. Das Gesetzesprojekt will nun die UAF auf 2 Mindestlöhne beschränken und durch die Figur der UPR ergänzen. Das bedeutet: potentielle Nutzniesser der Agrarreform können sich nur noch eine wesentlich kleinere UAF kostenlos zuteilen lassen, die in der Praxis kaum eine Aufstiegschance bietet. Nur auf diese kleinere Fläche können sie einen formellen Landtitel erhalten. Darüber hinaus können sie Land nur im Nutzungsrecht, z.B. über Pacht erhalten, wenn sie gewisse Bedingungen erfüllen, dies dann in der Form einer UPR, das heisst die beiden Formen können koexistieren.

Für die Landlosen oder armen Kleinbauern bedeutet dies aber, dass ihr finanzielles und wirtschaftliches Risiko, wenn sie überhaupt mehr Land als eine UAF bekommen können, massiv steigt. Und im Extremfall bedeutet es für bisherige Nutzniesser der Agrarreform, dass ihre auf Staatsland geschaffene UAF verkleinert wird und sie auf dem Rest ihres bisherigen Landes Pachtzins bezahlen müssen, was viele Nutzniesser der Agrarreform in den Bankrott treiben könnte[5].            

Die scheinbar harmlose Begriffsänderung von Familienbetriebseinheit zu ländlicher Produktionseinheit hat weitreichende Konsequenzen, einerseits werden die agroökologischen Bedingungen gestrichen, andererseits werden die Konzepte der Familie und der kleinbäuerlichen Landwirtschaft durch den technischen Begriff UPR eliminiert, was ein direkter Schlag gegen die Kultur der Campesinos ist. Kleinbauernorganisationen betonten immer wieder, dass der „Campesino“ mehr als nur eine wirtschaftliche Produktionsform ist, sondern auch ein kultureller Ausdruck des Landlebens sowie ein Rechtssubjekt.

Wenn es der Regierung aber nicht gelingt, die Kontrolle über das staatliche Brachland wieder herzustellen, wird es schwierig sein, den im Friedensabkommen vorgesehenen Bodenfonds einzurichten. Im Friedensabkommen vom Spätherbst 2016 steht, dass für die Integrale Agrarreform in den ersten zehn Jahren nach Inkrafttreten des Abkommens drei Millionen Hektaren umverteilt werden müssen, wozu der Staat mindestens 1,2 Millionen Hektaren Staatsland zurückgewinnen müsste, dass illegal angeeignet worden war. Der Vorschlag setzt sich aber über die Verfassungsbestimmung hinweg, dass baldíos hauptsächlich dazu zu verwenden sind, armen Bevölkerungsschichten Zugang zu Land zu verschaffen, in dem er die unbeschränkte Zuteilung von Land auch an wohlhabende Personen (zwar gegen Bezahlung und nicht gratis wie für Landlose) erlaubt und festhält, das baldios auch für Projekte von öffentlichem Nutzen und sozialen Interesse zugeteilt werden können, wie beispielsweise Bergbauprojekte oder Erdölförderung.

Die ewige Bevorzugung der Grossgrundbesitzer

Schliesslich erfuhr dieser Gesetzesvorschlag so viel Kritik, dass er zurückgezogen wurde und die Regierung beschloss, die Materie zweizuteilen, in ein Dekret mit dringenden Elementen für die Umsetzung der Integralen Agrarreform  und in ein durch den Kongress zu erlassendes Gesetz mit den kontroverseren Elementen. Daraufhin folgte ein verwirrendes Hin und Her. Am 14. Mai 2017 verkündeten die FARC dann, sie hätten sich mit der Regierung in der CSIVI auf den Entwurf eines Dekretes für die Umsetzung der Integralen Agrarreform geeinigt. Mit dem Entwurf dieses Dekretes soll die Integrale Agrarreform im Sinne und Geist des Friedensabkommens rasch umgesetzt werden können, und es nimmt Vorschläge eines Gesetzesprojektes der Kleinbauernbewegungen auf bezüglich Zugang zu und Demokratisierung von Landbesitz. Es verhindert die Annullierung des Gesetzes 160 und schafft den Landfonds sowie ergänzende Mechanismen wie Kredite und Subventionen. Ebenso werden ein einheitliches Vorgehen für die Formalisierung des kleinen und mittleren Grundbesitzes festgelegt sowie bestehende Mechanismen wie die Rückgewinnung von staatlichem Brachland und die Besitzrechtserlöschung gestärkt, um damit den Landfonds äufnen zu können[6].

In einem weiteren Communiqué vom 21. Mai denunzierten die FARC, dass entgegen der Einigung, die im CSIVI getroffen worden war und die im Communiqué Nr. 2 vom 14. Mai verkündet worden war, die Regierung am 20. Mai einen Entwurf des Dekretes veröffentlichte, der andere Punkte als die zuvor vereinbarten enthielt und eine Gefahr für die Demokratisierung des Landbesitzes und für die Lösung der Agrarfrage darstelle. Entgegen dem Geist des Friedensabkommens würden nun die Grossgrundbesitzer mit Besitzrechten über Land begünstigt und die Teilhabe der KleinbäuerInnen und Gemeinschaften würde eingeschränkt[7]. Das heisst umstrittene Elemente des ersten Gesetzesvorschlages wurden von der Regierung am CSIVI vorbei wieder in den Vorschlag eingearbeitet. Auch Grossgrundbesitzer sollen Nutzniesser der Zuteilung von Land aus dem Landfonds oder der Titelvergabe über Staatsland sein können. Die möglichen Nutzniesser der Landzuteilungen werden in drei Gruppen unterteilt: diejenigen die ein Vermögen bis maximal 150 Mindestlöhne haben, bekommen Land gratis zugeteilt, diejenigen mit einem Vermögen zwischen 150 und 500 Mindestlöhnen müssen einen Teil bezahlen, diejenigen mit mehr als 500 Mindestlöhnen müssen das zugeteilte Land bezahlen. Trotzdem schmälert dies wiederum die Chance auf Zugang zu Land für die arme Landbevölkerung und die FARC beschwerten sich in einem offenen Brief, dass die Regierung die Einigung, die im CSIVI gefunden worden war, missachte[8].    

Die indigenen Organisationen in der Mesa Permanente de Concertación de los Pueblos y Organizaciones Indígenas con el Gobierno Nacional MPC denunzierten daraufhin den mangelnden Willen der Parteien im CSIVI bei der Umsetzung des Abkommens, kritisierten dass die Regierung sie nur ungenügend und nicht bezüglich aller Normen konsultiere und erklärten, dass sie die Konsultationen mit der Regierung vorübergehend aussetzen. Sie würden auf keinen Fall ein Dekret akzeptieren, das Grossgrundbesitzer bevorteile[9]. Nach intensiven Dialogen zwischen den FARC und den Regierungsvertretern im CSIVI konnte dann doch eine Einigung gefunden werden, um schwere negative Folgen für die Umsetzung des Friedensprozesses zu verhindern. Mit dem Communiqué Nr. 4 des CSIVI – FARC verkünden die FARC am 23. Mai 2017, dass eine Einigung mit der Regierung getroffen werden konnte über das Dekret, das den Landfonds schafft und Massnahmen zur Demokratisierung des Landbesitzes vorsieht. Gleichzeitig beklagen die FARC aber auch die Schwierigkeiten die es gab, sich zu einigen, und die den mangelnden Willen seitens der Regierung offen legen[10]. Am 29. Mai 2017 hat Präsident Santos verschiedene Dekrete unterzeichnet, unter anderem über die zeitliche Verlängerung der Übergangszonen, sowie über die Erstellung eines Inventars aller Güter der FARC, kurz bevor die Fast-Track-Regel auslief. Ebenso wurde das Dekret 902 vom 29. Mai 2017 unterzeichnet, “mit dem Massnahmen getroffen werden, um die Umsetzung der Integralen Agrarreform zu erleichtern, wie sie im Schlussabkommen in Bezug auf die Landfrage vorgesehen ist, insbesondere das Vorgehen für den Zugang und die Formalisierung von Landbesitz und der Landfonds“[11].  

Dient das endgültige Gesetz dem Friedensaufbau?

Das Dekret 902 vom 29. Mai 2017 wurde durch die ethnische Kommission (Comisión Etnica) gutgeheissen und nahm die Mahnungen der Experten auf, die Verfassung zu achten, d.h. einen direkten materiellen Bezug zum Schlussabkommen zwischen den FARC und der Regierung zu wahren, keine anderen Aspekte als die im Schlussabkommen vorgesehenen aufzugreifen und nicht über die für eine Implementierung des Schlussabkommens unabdingbaren Punkte hinauszugehen. Das Dekret beabsichtigt also, die Integrale Agrarreform zu ermöglichen und richtet sich an landwirtschaftliche ArbeiterInnen und will den Zugang zu Land nur für Personen sicherstellen, die es aufgrund ihrer sozioökonomischen Bedingungen wirklich gratis oder teilweise unentgeltlich benötigen.

Das Dekret hält fest, es brauche ein System, mit dem die Nutzniesser schnell registriert werden können, das Registro de Sujetos de Ordenamiento (RESO). RESO soll eine Übersicht über den Zugang zu und die Nutzung des Landes sowie eine Priorisierung der Nutzniesser ermöglichen. Ebenso wird der Bodenfonds geschaffen und Landzugangsformen der direkten Zuteilung und eine integrale Subvention für Boden geschaffen, mit einem einheitlichen Verfahren das zu Plänen für die soziale Ordnung des Landbesitzes führen soll. Frauen erhalten bei der Agrarreform spezielle Berücksichtigung. Grundstücke, die aus dem Landfonds zugeteilt wurden, können während sieben Jahren weder verkauft, noch verschenkt noch gepfändet werden. Land aus dem Landfonds wird zuerst an die verletzlichsten Bevölkerungsgruppen verteilt, erst danach an andere anspruchsberechtigte Gruppen. Ebenso wird die Wichtigkeit der staatlichen Begleitung und Unterstützung der Agrarreform bekräftigt, mit Subventionen, technischer Unterstützung etc. Das definierte einheitliche Verfahren (Procedimiento Unico) soll helfen, ungerechtfertigte Verzögerungen zu verhindern. Nach einer Dekade der Stigmatisierung werden die Kleinbauernreservate (Zonas de Reserva Campesina) rehabilitiert, als wichtiges Instrument zur Ordnung des ländlichen Raumes und um die kleinbäuerliche Wirtschaft zu stabilisieren und zu fördern.

Negative Punkte des Dekretes sind insbesondere das Fehlen von klaren Instrumenten und Mechanismen, mit denen der Landfonds alimentiert werden soll, z.B. bezüglich nicht effizient genutzter Latifundien oder extensiver Viehzucht auf marktnahen, guten Böden. Weiter gibt es keine klare Priorität für die Rückgewinnung von illegal angeeignetem staatlichem Brachland, wie die Erlöschung des Besitzrechts. Es ist daher möglich, dass um Mittel für den Landfonds zu generieren, gutes Land an kommerzielle Landwirtschaftsbetriebe verkauft oder verpachtet wird, um damit anderes, qualitativ schlechteres Land zu Marktpreisen für den Landfonds zu kaufen. Zudem gibt es für die Gegner einer Landumverteilung immer noch viele Möglichkeiten, die Effektivität der Agrarreform auszubremsen, so zum Beispiel mit einer neuen Möglichkeit einer Nichtigkeitsklage gegen Massnahmen der Agrarreform. Etwas zwiespältig ist auch die ethnische Komponente des Dekretes, wo den indigenen Anliegen viel Raum eingeräumt wird, die AfrokolumbianerInnen aber praktisch mit keinem Wort erwähnt werden. Die Sanierung und Erweiterung der indigenen Reservate (Resguardos) könnte zu vermehrten Konflikten zwischen indigenen und kleinbäuerlichen Gemeinschaften führen, da frühere Landzuteilungen der Agrarreform an KleinbäuerInnen rückgängig gemacht werden könnten, wenn dies zur Vergrösserung der Resguardos notwendig sein sollte. Problematisch ist dies insbesondere, da damit zwei verletzliche Gruppen gegeneinander ausgespielt werden[12].

Fazit

Eine gerechte Landverteilung und die Förderung der kleinbäuerlichen Wirtschaft sind eines der historischen Kernanliegen der FARC und würden auch die sozialen Konflikte Kolumbiens entschärfen helfen. Zudem bedeutet für Friedensaktivisten und Sozialbewegungen Frieden auch, dass nicht nur die Waffen schweigen, sondern dass die Gesellschaft mehr Mitspracherecht hat und sozial gerechter und demokratischer wird. Die Landbevölkerung gehörte in der Geschichte Kolumbiens immer zu den Verlierern, weshalb es endlich Not tun würde, sie ganz spezifisch zu stärken. Die Campesinos sollen endlich befähigt werden, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, und nicht am Gängelband der Grossgrundbesitzer oder Vertrieben in unwirtliche Gebiete ihr Dasein fristen müssen. Ob das nun verabschiedete Dekret die historischen Probleme der kolumbianischen Landfrage lösen kann, bleibt fraglich. Zwar wurden einige sehr problematische Elemente des ersten Vorschlages entfernt. Gleichzeitig fehlen aber klare Instrumente, um die ungerechte Landverteilung anzupacken. Um wirklich Frieden auf dem Land zu schaffen, muss es dem Staat möglich sein, und muss dieser den Willen haben, illegal angeeignetes und/oder schlecht genutztes Land zu enteignen und an Landlose und KleinbäerInnen zu verteilen. Die Kleinbauern brauchen gutes Land nahe bei den urbanen Märkten, nicht am Rand der frontera agricola, in abgelegenen Kolonisationsgebieten. V.a. müssen ethnische und kleibäuerliche Organisationen aber endlich ohne Angst um ihr Leben sich in die Debatte über die zukünftige ländliche Entwicklung einbringen und für den Zugang zu Land mit friedlichen Mitteln kämpfen können.

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[1] Siehe dazu den Monatsbericht Nr. 11/2015,  http://www.askonline.ch/publikationen/monatsberichte/jahrgang-2015/land-fuer-kleinbauern-und-kleinbaeuerinnen-oder-fuer-investorinnen/

[2] Siehe dazu unseren Artikel Das neue Friedensabkommen - ein Rückschritt für die kleinbäuerliche Landwirtschaft, 30. November 2016, in: http://www.askonline.ch/themen/friedensfoerderung/friedensverhandlungen/das-neue-friedensabkommen-ein-rueckschritt-fuer-die-kleinbaeuerliche-landwirtschaft/

[3] http://www.coljuristas.org/wp-content/uploads/2017/04/Reacciones-Borrador-PL-ordenamiento-social-de-la-propiedad-y-tierras-rurales.pdf

[4] Verdad Abierta, El proyecto que ataca el ‘alma’ de la reforma agraria integral, 20. April 2017, in: http://www.verdadabierta.com/procesos-de-paz/farc/6611-el-proyecto-que-ataca-el-alma-de-la-reforma-agraria-integral

[5] Camilo González Posso, Los tales campesinos no existen, 17. April 2017, in: http://www.indepaz.org.co/7433/los-tales-campesinos-no-existiran/

[6] CSIVI - FARC, Comunicado No. 2, Avanza implementación normativa de la Reforma Rural Integral con el proyecto de decreto que crea el fondo de tierras y procedimientos de acceso y formalización de la tierra, sometido a consulta previa, 14. Mai 2017, in: http://prensarural.org/spip/spip.php?article21506

[7] CSIVI – FARC, COMUNICADO 3 | Gobierno nacional le hace trampa a la democratización de la tierra pactada en el Acuerdo Final de Paz. https://twitter.com/CSIVIFARC/status/866333834467565570/photo/1?ref_src=twsrc%5Etfw&ref_url=http%3A%2F%2Fwww.telesurtv.net%2Fnews%2FFARC-EP-acusa-al-Gobierno-colombiano-de-traicionar-pacto-de-paz-20170522-0001.html

[8] Soledad Betancur, Grandes propietarios serán sujetos de acceso a la formalización de tierras.  ¿Más de lo mismo?, 23. Mai 2017, in: http://www.ipc.org.co/agenciadeprensa/index.php/2017/05/23/grandes-propietarios-seran-sujetos-de-acceso-a-la-formalizacion-de-tierra-mas-de-lo-mismo/

[9] Mesa de Concertación de los Pueblos Indigenas, Indigenas: en riesgo implementación del acuerdo de Paz, 21. Mai 2017, in: https://www.proclamadelcauca.com/2017/05/indigenas-en-riesgo-implementacion-de-acuerdo-de-paz.html

[10] Telsurtv, Avanza acuerdo de tierras entre Gobierno colombiano y FARC-EP, 25. Mai 2017, in: http://www.telesurtv.net/news/Avanza-acuerdo-de-tierras-entre-Gobierno-colombiano-y-FARC-EP-20170525-0041.html; Sputnik News, Gobierno de Colombia y las FARC avanzan en acuerdo para lograr la delimitación de tierras, 25. Mai 2017, in: https://mundo.sputniknews.com/americalatina/201705251069446741-america-latina-bogota-guerrilla/

[11] Radio Caracol, Tierras, bienes de las Farc y otros decretos de Santos antes de perder las facultades, 30. Mai 2017, in: http://caracol.com.co/radio/2017/05/30/politica/1496131972_425269.html; Das ganze Dekret ist hier abrufbar: http://es.presidencia.gov.co/normativa/normativa/DECRETO%20902%20DEL%2029%20DE%20MAYO%20DE%202017.pdf  

[12] Carlos Duarte, Universidad Javeriana, Rogue-One: Las Farc, el 902 y La Reforma Rural Integral, 21. Juni 2017, in: http://lasillavacia.com/silla-llena/red-rural/historia/rogue-one-las-farc-el-902-y-la-reforma-rural-integral-61446

Aktuell

08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

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Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com