02/27/18

Fünf Stimmen aus der Guajira: Gescheiterte Umsiedlungen, enttäuschte Gemeinschaften und eine geschundene Umwelt

27.02.2018 | Von Stephan Suhner und Ann-Seline Fankhauser

Anfang November 2017 besuchten wir während vier Tagen von Umsiedlungen betroffene Gemeinschaften in der Guajira und sprachen mit sozialen Führungspersonen und AnwohnerInnen der Mine El Cerrejón. Fünf Personen kommen in diesem Monatsbericht zu Wort und legen Zeugnis ab über enttäuschte Hoffnungen, gescheiterte Umsiedlungen, gespaltene und entwurzelte Gemeinschaften und eine geschundene Umwelt. In krassem Gegensatz dazu steht das Bild, das Cerrejón von sich selbst und von den Gemeinschaften in seinem Einflussbereich zeichnet.

Jairo Fuentes ist seit rund acht Jahren der Gouverneur der Wayuu-Gemeinschaft Tamaquito II. Nach langen internen Diskussionen hatte die Gemeinschaft beschlossen, sich umsiedeln zu lassen, da die Mine immer näher kam und die Umweltverschmutzung immer weiter zunahm. Zudem waren umliegende Dörfer, mit denen sie im Austausch standen, umgesiedelt respektive zerstört worden, vor allem Tabaco. Jairo war schon mehrfach in der Schweiz.

Ask!: Cerrejón stellt Tamaquito als die erfolgreichste Umsiedlung dar. Wie siehst du heute die Situation?

Jairo: Wir haben Fortschritte erzielt, aber es geht sehr langsam vorwärts. Wir wollen endgültig nicht mehr länger von Cerrejón abhängen und wieder ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben führen. Wir hatten mit Cerrejón vereinbart, dass sie uns Bussen nach der Tradition der Wayuus bezahlen, wenn sie Vertragsbestimmungen nicht erfüllen. Diese Bussen tun Cerrejón aber nicht weh, sie bezahlen einfach, was für uns keine Lösung ist. Wenn es so weiter geht, überlegen wir uns aus Protest bald an den Ursprungsort zurückzukehren. In letzter Zeit gab es weitere Probleme: die Verfügung, die es zur Gründung unseres Resguardo braucht, wurde immer noch nicht erlassen. Uns als indigenes Reservat organisieren zu können, ist sehr wichtig, denn es gibt uns finanzielle und politische Unabhängigkeit und Verwaltungsautonomie. Und nun tauchte ein Landbesitzer auf, der geltend macht, dass alles Land in der Gegend ihm gehöre, auch das auf dem unsere Gemeinschaft lebt. Zudem kam eine Richterin unangemeldet mit mehreren Fahrzeugen und Begleitpersonen in unsere Gemeinschaft, um eine Inspektion vorzunehmen. Wir dachten zuerst an Diebe und haben sie festgesetzt. Es geht nicht an, dass fremde Personen einfach so unser Territorium betreten, Cerrejón weiss das. Es ist ein weiteres Beispiel der Respektlosigkeit und der Geringschätzung unserer Kultur durch das Bergbauunternehmen.  

Ask!: Im Film La buena vida und bei deinem Besuch an der Glencore Generalversammlung 2014 war die Wasserversorgung ein grosses Thema. Wie sieht es damit aus?

Jairo: Die Trinkwasserversorgung funktioniert nun, die bisherigen Testresultate des Wassers sind befriedigend, aber es müssen noch ein paar weitere Labortests gemacht werden. Was uns Sorgen macht ist, dass die Aufbereitungsanlage hohe Kosten verursacht, die wir als Gemeinschaft nicht bezahlen können. Bis jetzt haben wir mit Cerrejón dafür noch keine Lösung gefunden.

Beim Bau einer Leitung, um Flusswasser für die Bewässerung in die Gemeinschaft zu pumpen, gab es ebenfalls Probleme. Da sich Cerrejón mit Roche und anderen Gemeinschaften nicht einigen konnte, um die Leitung über deren Gebiet zu führen, musste mit einer Drittpartei neu verhandelt werden und so konnten die Bauarbeiten erst vor kurzem beginnen. Zum Glück hat es ausgiebig geregnet, so konnten wir endlich mehr anbauen, wir haben 23 Hektaren Mais ausgesät. Für unser grosses integriertes landwirtschaftliches Projekt von 40 Hektaren brauchen wir aber eine zuverlässige Bewässerung. 34 Familien werden darin arbeiten können.

Die Bildung für unsere Jugendlichen funktioniert gut. In einem Projekt zu traditioneller Medizin und Heilpflanzen haben die Alten ihr Wissen an die Jungen weitergegeben und dadurch unsere Kultur wieder gestärkt. Es wurde auch ein Heilpflanzengarten angelegt und einige Jugendliche haben sogar einen Forschungswettbewerb gewonnen.

Stellungnahme Cerrejón: Tamaquito machte grosse Fortschritte, wir haben ein gutes Verhältnis zur Gemeinschaft. Das Wort wird respektiert, und wenn nötig haben wir die traditionellen Bussen bezahlt. Tamaquito geniesst exzellente Bedingungen und hat beispielsweise mehr Wasser zur Verfügung als die meisten anderen Gemeinschaften. Cerrejón unterstützt die Bildung eines Resguardo nach Kräften. Der neu aufgetauchte Landbesitzer stellt juristisch kein Problem dar, es handelt sich um alte Ansprüche; Cerrejón schaute die Besitzverhältnisse 30 Jahre zurück an, auch mit der Landbehörde, und alles war in Ordnung. Wegen den Kosten der Wasseraufbereitung: die Gemeinschaft hatte diese Anlage bewusst gewählt, und nicht einen Anschluss an die Wasserversorgung der Stadt Barrancas, nun müssen sie halt die Folgekosten tragen. Tamaquito liess sich freiwillig umsiedeln und haben auch das Landstück selbst gewählt, obwohl klar war, dass es wenig Wasser gibt.         

Yoe Arregocés ist eine der wichtigen Führungspersonen der afrokolumbianischen Gemeinschaft Roche, die seit 1998 mit Cerrejón über ihr Schicksal verhandelt. Yoe gehört den Gründungsfamilien der Gemeinschaft an, und hat die ganzen Verhandlungen mit Cerrejón wesentlich mitgeprägt. Er wurde mehrfach bedroht und massiv diffamiert, zwischenzeitlich hatte er auch seine Führungsrolle eingebüsst, ist jetzt aber wieder Präsident der JAC (Junta de Acción Comunal) von Roche.           

Ask!: Yoe, wir kennen uns schon seit gut zehn Jahren, 2009 bist du auf Speaking-Tour in der Schweiz gewesen und hast über die bevorstehende Umsiedlung gesprochen. Was ist daraus geworden?

Yoe: Heute sehen wir, wie sich viele damalige Befürchtungen bestätigt haben. Wir müssen diese Umsiedlungen heute als gescheitert bezeichnen, es wurden damit keine nachhaltigen, neuen Gemeinschaften geschaffen. Unter anderem haben wir ja 2009 Cerrejón gebeten, uns zu konsultieren, auf unsere Vorschläge einzugehen. Dabei ging es um die Konstruktionsweise der Häuser, die Menge Land pro Familie und so weiter. Cerrejón hat aber stur seine Pläne durchgesetzt. Dieser Widerstand hat mir verschiedene Todesdrohungen und eine Diffamierungskampagne von Cerrejón eingebracht. Wie ihr sehen könnt, werden heute viele Häuser quasi totalsaniert, nachdem wir jahrelang darüber geklagt haben, dass es gefährliche Risse gibt und es reinregnet. Die einkommensgenerierenden Projekte funktionieren immer noch nicht, oder funktionierten nur, solange Cerrejón diese unterstützte. Beispiel dafür sind ein Restaurant, wohin Cerrejón die Arbeiter als Gäste brachte, Transportdienstleistungen die Cerrejón bezahlte, und der Anbau verschiedener landwirtschaftlicher Produkte. Selbsttragende Projekte gibt es aber bis heute keine.

Ask!: Ihr habt euch ja als afrokolumbianischer Gemeinschaftsrat organisiert und eine tutela gewonnen, so dass Cerrejón euch jetzt konsultieren muss. Wird das umgesetzt?

Yoe: Cerrejón versucht, die consultas mit möglichst wenig Aufwand durchzuführen, versucht vieles selbst zu bestimmen, wie der Ablauf sein soll, oder wer teilnehmen darf. Dabei ist das Urteil klar, alle die seit 1997 ihren Besitz in Roche verkauft haben, müssen an der consulta teilnehmen können. Cerrejón will aber nur die 25 Familien konsultieren, die 2010 umgesiedelt wurden, die andere Gruppe entgegen dem Urteil jedoch nicht. Schon für die Vorkonsultation wurden verschiedene Personen nicht berücksichtigt, so z.B. Roberto Martinez, der wesentlich dazu beigetragen hat, dass wir als Afrogemeinschaft anerkannt wurden und uns als Gemeinschaftsrat konstituieren konnten. Auch führt Cerrejón weiterhin verschiedene (Bau-) Arbeiten in den Gemeinschaften durch, ohne uns zu konsultieren  

Das andere Problem ist, dass Cerrejón die Verantwortung für die Gemeinschaft, für die Infrastruktur, an die Gemeinde Barrancas übergeben hat. Dazu haben sie mit dem Bürgermeister, ohne uns zu konsultieren oder uns darüber zu informieren, Mitte September 2016 eine Übereinkunft getroffen. Wir wissen nicht, wer nachher unsere Probleme löst, wer für uns zuständig ist, wenn z.B. der Bürgermeister Eigeninteressen verfolgt, oder kein Geld für Unterhaltsarbeiten hat. 

Rosa Galván ist eine neue Führungsperson im umgesiedelten Chancleta. Wir haben sie auf  der Reise im November 2017 das erste Mal getroffen. Sie überzeugte mit ihrem Elan und ihrer stringenten Erzählweise.

Ask!: Rosa, du bist eine neue, junge Führungsperson in Chancleta. Wie siehst du diese Umsiedlungen, wo liegen die grössten Herausforderungen?

Rosa: Die Umsiedlung von Chancleta wurde uns aufgezwungen, wir hatten keine wirkliche Mitsprache. Cerrejón setzte viele für uns fundamentale Punkte einfach nach eigenem Gutdünken durch. Die Umsiedlung war nicht kollektiv, es wurden individuelle Verträge abgeschlossen, was unserer Kultur wiederspricht und zu Spaltungen in der Gemeinschaft führte. Vielleicht sehen die Häuser schön aus, wir haben Strom und eine gute Infrastruktur[1] aber das macht daraus noch kein kulturell lebendiges Dorf, wenn sie unsere Traditionen nicht respektieren. Zu Beginn, nach dem Umzug an den neuen Ort, wurden wir intensiv begleitet und unterstützt von Cerrejón, es gab Subventionszahlungen. Aber danach liess das schnell nach, heute sind wir nicht autonom und haben kaum Einkommen. Viele Versprechen wurden nicht eingehalten, wie 24 Stunden fliessend Wasser, landwirtschaftliche Projekte, die, gemäss Cerrejón, die ganze Guajira begeistern würden. Die Familien erhielten recht viel Geld, ein Bankkonto, aber niemand brachte ihnen bei, wie man damit umgeht. Die Lebenskosten sind höher als am alten Ort, für alles müssen wir jetzt bezahlen. Zum Beispiel gibt es sehr hohe Stromrechnungen. Wir haben wenig Land pro Familie – nur eine Hektare – und keine Bewässerung. Es gibt Familien die Hunger leiden. Zudem haben wir keinen Platz für neue Familien, wenn unsere Kinder heiraten. Erste Familien sind weggezogen nach Barrancas (nächstgelegenes Städtchen) und haben die Häuser in den Umsiedlungen vermietet.

Eine der grössten Herausforderungen bleibt das Trinkwasser. Hier in Chancleta und vor allem in Patilla gibt es häufig kein Leitungswasser, und wenn Wasser aus der Leitung kommt, ist es ungeniessbar. Das Wasser ist extrem salzig, mineralienhaltig und stinkt. Wir fürchten deshalb um unsere Gesundheit. Seit Monaten verhandeln wir mit Cerrejón über eine Lösung, über eine Untersuchung der Wasserqualität und eine bessere Reinigung des Wassers. Es gab dann eine Vereinbarung mit Cerrejón, dass ein Monat lang die Tanks nicht gereinigt und Proben vom Wasser und den Ablagerungen in den Tanks genommen würden, und Cerrejón uns während dieser Zeit mit Trinkwasser in Tanklastern versorgt. Bereits am Tag nach der Einigung über das Vorgehen, schickte Cerrejón aber Arbeiter vorbei, die den grossen Wassertank reinigten, womit die Beweise zerstört wurden. Wir haben versucht die Arbeiter davon abzuhalten und diese verjagt. Cerrejón bestraft uns nun damit, dass keine Tanklastwagen mit Trinkwasser mehr in die Gemeinschaften geschickt werden, und wir eine Anzeige wegen Beschädigung von fremdem Eigentum am Hals haben. Das ist ein weiteres Beispiel, wie Cerrejón über unsere Köpfe hinweg handelt, statt mit uns zu reden. Dabei wollen wir mit Cerrejón einen ehrlichen Dialog, der zu Lösungen führt, stossen damit aber nicht auf offene Ohren. Deshalb haben wir als Gemeinschaft beschlossen, keine Arbeiten durch Cerrejón mehr zuzulassen, bis das Unternehmen ehrlich einen guten Willen an den Tag legt.

Stellungnahme Cerrejón: Die Umsiedlungen gehören zur Gemeinde Barrancas, sie gehören nicht Cerrejón, weshalb logischerweise die Gemeinde die Verantwortung übernehmen muss. Wichtig ist, dass die Infrastruktur funktioniert. Wir sind uns bewusst, dass das Wasser nicht die gewünschte Qualität hat, dazu müssen keine weiteren Proben entnommen werden. Wir wollen an einer Lösung arbeiten, aber die Führungspersonen, vor allem Rosa Galván, verhindern das. In Patilla konnten wir die Tanks und Leitungen von den Ablagerungen befreien, in Roche und Chancleta wurde das verhindert. Häufig wollen Bewohner in den Umsiedlungen nicht, dass wir Verbesserungen und Reparaturen vornehmen, häufig werden sogar die von uns beauftragten Arbeiter tätlich angegriffen. In manchen Gemeinschaften dominieren Privat- und Gruppeninteressen über den Gemeinsinn, oder die Leute wollen alles selber bestimmen, auch technische Aspekte. In Patilla und Las Casitas können wir kollektive Projekte durchführen, in Roche und Chancleta ist es schwieriger. Wir arbeiten stark an landwirtschaftlichen Projekten. In den Gemeinschaften gibt es afrostämmige Elemente, es sind aber keine offiziell anerkannten Schwarzengemeinschaften (comunidades afro), weshalb auch nicht alles mit ihnen konsultiert werden muss.         

Inés Pérez und ihr Vater wurden bei der gewaltsamen Enteignung von Tabaco am 9. August 2001 verletzt. Sie ist die Nichte von José Julio Perez, dem langjährigen Führer des Widerstandes. José Julio war mit dem Anwalt Armando Pérez 2008 in der Schweiz. Im Herbst 2008 hat José Julio dann einen etwas unglücklichen Vertrag mit Cerrejón unterzeichnet, der bis heute die Grundlage für den Wiederaufbau der Gemeinschaft ist. Dieser Vertrag hatte aber zu neuen Konflikten in der Gemeinschaft geführt. Mit Inés hat nun die neue Generation die Geschicke der Gemeinschaft in die Hand genommen.

Ask!: Ines, bald sind zehn Jahre vergangen, seit die Gemeinschaft von Tabaco mit Cerrejón ein Abkommen abschloss, um endlich die vertriebene und zerstreute Gemeinschaft wieder aufzubauen. Wo steht die Umsetzung heute?

Inés: Das Abkommen von 2008 ist immer noch die Grundlage für die geplante Wiederansiedlung auf der Hacienda La Cruz. Es gib einen Verhandlungstisch, um die vielen Differenzen, die wir haben, zu lösen. Cerrejón will 198 Hektaren von La Cruz übergeben, der Rest soll dem Umweltschutz dienen. Wir brauchen aber die ganzen gut 400 Hektaren, und auch das ist noch wenig Land. Denn unsere Gemeinschaft ist über die Jahre gewachsen, es sind neue Familien entstanden. Tabaco besteht heute aus über 800 Familien, und da kommt auch gleich der nächste Streitpunkt: wer bestimmt, wer zu Tabaco gehört? Wir beharren darauf, dass wir als Gemeinschaft autonom die Volkszählung durchführen können. Das Abkommen erfüllt auch die Bedingungen für eine umfassende Wiedergutmachung nicht, die Entschädigungszahlungen waren lächerlich. Wir haben das Gefühl, dass Cerrejón absichtlich die Verhandlungen verzögert. Einerseits wollen sie den Fall schnell und billig abschliessen, anderseits verfolgen sie eine Zermürbungstaktik. Carlos Franco von Cerrejón hat uns letzthin beschimpft, wir sollten endlich aufhören, von Cerrejón zu leben. Was für eine Frechheit, dabei lebt Cerrejón vom Reichtum, der unter unserer Gemeinschaft liegt!

Ask!: Wie könnt ihr als Gemeinschaft diese Verhandlungen führen, wenn die Mitglieder so zerstreut leben?

Inés: Das ist tatsächlich ein grosses Problem, denn viele Gemeinschaftsmitglieder sind sehr arm und können für Versammlungen nicht aus Venezuela oder Valledupar oder von noch weiter anreisen. Manchmal, für wichtige Versammlungen, bitten wir Cerrejón, Busse zu bezahlen. In jedem Bus müssen wir jedoch einen „Aufpasser“ mitschicken, damit nicht plötzlich Cerrejón seine Leute mitfahren lässt und so den Tabaqueños falsche Ideen in den Kopf setzt. Häufig kommen die versprochenen Busse auch einfach nicht. Wir Führungspersonen haben auch ein wahnsinniges Pensum, in dem wir halt selber dorthin reisen, wo unsere Leute leben. Positiv ist, dass viele Mitglieder, die sich von der Gemeinschaft abgewandt hatten, nun zurückkommen. Viele Personen, die bei der Red de desarrollo mitmachten, haben mittlerweile gemerkt, dass diese Projekte nicht funktionieren, und dass sich Cerrejón nur um sie kümmert, wenn er etwas braucht. Das gibt uns die notwendige Kraft, weiterzumachen, denn sonst sind unsere Bedingungen schlecht. Ich habe in letzter Zeit verschiedene Drohungen bekommen, per Telefon, oder ich werde auf der Strasse gefolgt, mein Haus wird observiert. Vielen weiteren Führungspersonen von Tabaco und von anderen Gemeinschaften geht es genauso. Das hat einschneidende Konsequenzen, auch für unser Familienleben. Meine Kinder leiden darunter und haben Angst mit mir zusammen auf die Strasse zu gehen. Wir sind deshalb auch daran, weitere juristische Schritte zu prüfen und zu unternehmen. Schon bei der Vertreibung aus Tabaco waren viele Paramilitärs und bewaffnete Zivilpersonen beteiligt, später gab es weitere solche Vorfälle, z.B. bei der Vertreibung von Tomás Ustate, dem letzten Bewohner von Roche. Wir wollen deshalb den Fall von Tabaco vor die Übergangsjustiz bringen.

Stellungnahme Cerrejón: Es wurden viele Fortschritte mit Tabaco erreicht. An einem Arbeitstisch wurde zum Beispiel ein Plan für den physischen Wiederaufbau Tabacos erarbeitet; die Arbeiten sollten 2018 beginnen können. Aber nun sollen Punkte aus dem Abkommen von 2008 wieder geändert werden. José Julio hatte die 198 Hektaren in La Cruz akzeptiert, nun werden wieder über 400 Hektaren gefordert. Inés kommt häufig nicht an Versammlungen und verhindert Fortschritte. Ihr Mandat ist abgelaufen, es bräuchte Neuwahlen. José Julio ist eine bessere Führungsperson, mit ihm und Raul de Luques ist es einfacher. Es besteht Uneinigkeit mit Inés, wer zur Gemeinschaft gehören soll.        

Señora Eneida, genannt La Negra, ist ein typisches Beispiel für Familien, deren Rechte immer wieder unberücksichtigt blieben. Eneida stammt ursprünglich aus Manatial, zog dann aber nach Roche, von wo sie wieder weg musste, und dann nach Patilla. Heute betreibt sie ein Restaurant in der Nähe der Mine La Caipa. Bis heute wurden ihre Ansprüche nie wirklich berücksichtigt, weshalb sie weiterhin einen recht einsamen Kampf führt.

Ask: Señora Eneida, vor kurzem wurden Sie mit Ihren Tieren von einem Landstück vertrieben, das sie mehrere Jahre nutzen konnten. Was ist passiert?

Eneida: Ich habe seit jeher Vieh gehalten. Cerrejón hat mir nie Angebote gemacht, die für mich eine reale Lösung gewesen wären. Ich konnte aber auf einem Landstück, das Cerrejón gehört, mein Vieh halten, Koppeln für die Tiere errichten und ein Haus errichten. Ich habe für dieses Land Pacht bezahlt, auch die Grundstücksteuer. Cerrejón bestreitet das und behauptet nun, ich hätte das Land besetzt. Die Abmachung mit Cerrejón war, dass sie mich drei Monate im Voraus informieren, wenn sie das Land wieder brauchen. Am 25. September 2017 kamen sie aber und sagten, dass sie das Grundstück zwangsräumen werden. Drei Tage später war es soweit, sie zerstörten die Einrichtungen und verluden die Tiere auf Lastwagen und brachten sie weg. Es schmerzt mich heute noch, wie grob sie die Tiere behandelt haben. Wie hätte ich in drei Tagen ein Landstück für die Tiere finden sollen? Die von Cerrejón angebotenen Alternativen waren schlecht, zu wenig Futter und Wasser, oder es waren schon andere Tiere dort. Ich habe bei der Räumung viele Tiere verloren, unter anderem 35 Ziegen. Seither kann ich auch die Milch nicht nutzen, da ich keinen Zugang zu meinen Tieren habe. Ich mache mir grosse Sorgen, denn es ist dieselbe Finca, auf die auch das Vieh von Tomás Ustate gebracht worden war, wo es wenig Futter und zu wenig Wasser gibt. Von Tomás sind ja viele Rinder dort verendet.

Hier wo ich das Restaurant betreibe, habe ich auch etwas Land urbar gemacht und pflanze etwas an. Auch hier spricht Cerrejón von Invasion fremden Eigentums. Um von Cerrejón irgendwas zu bekommen, müsse ich zuerst diese angebliche Invasion und das Haus räumen, aber wo soll ich denn hin? Ich habe weder für Manantial noch für Roche faire Entschädigungen bekommen, und bei den letzten Verhandlungen über Patilla war ich auch in der Gruppe, die am wenigsten bekam, da ich ja nicht gebürtig aus Patilla bin. Cerrejón hat mich und meine Familie entwurzelt und nun sprechen sie uns alle Rechte ab. Zudem habe ich keinen Strom mehr, aber auch hier weigert sich Cerrejón, mir bei einer Lösung zu helfen.

Stellungnahme Cerrejón: Señora Eneida und ihre Familie sind Teil des Verhandlungsprozesses nach dem Urteil des Verfassungsgerichtes T-256, das Consultas mit den Gemeinschaften anordnet. Eneida und ihre Familie sind mit dem Verhandlungsresultat nicht einverstanden und gingen vor Gericht. Das Restaurant von Señora Eneida ist nicht betroffen, aber daneben hat sie ein Landstück von Cerrejón besetzt. Das Landstück, wo sie das Vieh hielt, war ein Comodato, und sie wusste seit drei Jahren, dass sie es räumen muss. Zudem gingen immer wieder Tiere vom Comodato weg, Cerrejón half jeweils, diese Tiere zu suchen, obwohl Eneida für deren Kontrolle zuständig ist. Muss ein Comodato geräumt werden, darf der Nutzniesser Zäune, Baumaterial etc., das er nutzte, mitnehmen, wie es effektiv im Falle von Eneida geschah. Cerrejón würde gerne mit einem neuen Comodato helfen, aber das geht nicht solange Eneida ein Landstück von Cerrejón besetzt. Zudem hat der Schwiegersohn eine Finca, worauf die Tiere gebracht werden können. Für die Stromversorgung ist nicht Cerrejón zuständig, das ist Sache der Gemeinde und des Elektrizitätsversorger Electricaribe. Das Problem ist, dass Diebe die Kabel gestohlen haben, weil fast niemand mehr dort wohnt.   

Fazit der ask!

Die besuchten Gemeinschaften und die Personen, mit denen wir gesprochen haben, hinterliessen uns einen traurigen Eindruck. Das positivste war, dass es dank der ausgiebigen Niederschläge sehr grün war und die Leute anbauen konnten. Die einkommensgenerierenden Projekte kommen aber kaum vom Fleck und sind nicht nachhaltig. Cerrejón ging es nie darum, den umgesiedelten Personen das Einkommen vollumfänglich zu ersetzen, sondern nur einen Beitrag dazu zu leisten. Die umgesiedelten Gemeinschaften sind nicht wirklich lebensfähig, haben viel von ihrer Kultur verloren. Sie haben auch zu wenig Platz, um wachsen zu können, um neue Familien zu gründen. Es ist erstaunlich, wie stark die Schilderungen der Gemeinschaften und Führungspersonen und die Sichtweise des Cerrejón auseinandergehen.

Tamaquito ist immer noch das „erfolgreichste“ Beispiel, dank der Entschlossenheit und der Stärke der Gemeinschaft. Trotzdem ist Jairo Fuentes wütend auf Cerrejón und verbittert, droht die Gemeinschaft mit einer Rückkehr an den alten Ort. Cerrejón hingegen fragte uns mit sichtlichem Stolz, ob wir die grossen Fortschritte in Tamaquito gesehen hätten. Weiter fällt auf, dass nie irgendetwas das Verschulden von Cerrejón ist, alle Probleme waren nicht vorhersehbar, sind Folgen der freien Entscheidungen der Gemeinschaften, oder es sind die Gemeinschaften und deren Führungspersonen, die Cerrejón daran hindern, die Probleme zu beheben. Häufig sind es auch staatliche Behörden, die Probleme verursachen oder zumindest zu Verzögerungen beitragen. Wir waren sehr besorgt darüber, dass Cerrejón uns gegenüber im Gespräch über mehrere Führungspersonen schlecht sprach, ihnen die Legitimation absprach oder sie als Störenfriede, als Hindernisse darstellte. Demgegenüber sind Führungspersonen gut, die unkritisch sind, oder die für Cerrejón vorteilhafte Abkommen abgeschlossen haben. Bis 2008 war José Julio Pérez extrem unter Druck von Cerrejón, weil er hartnäckig für eine wirkliche Lösung für Tabaco kämpfte. Cerrejón zeigte uns damals die Leute vom Red de desarrollo, dem Teil der Gemeinschaft, die als Lösung Mikrokreditprojekte akzeptierten. Nachdem José Julio unter grossem Druck einem Abkommen zustimmte, das sich heute als ungenügend erweist, ist er die gute, konstruktive Führungsperson, während heute über Inés Pérez hergezogen wird. Bedenklich sind diese Anschwärzungen durch Cerrejón vor allem, weil all diese Führungspersonen verschiedene Todesdrohungen erhalten haben, auf der Strasse verfolgt und beschattet und ihre Häuser beobachtet werden. Cerrejón erfüllt ihren Slogan des „verantwortungsvollen Bergbaus“ definitiv nicht.  

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[1] Die schlechtesten Häuser weisst Roche auf, die erste Umsiedlung. In den anderen Gemeinschaften gibt es bezüglich der Häuser und der Infrastruktur viel weniger Klagen. Einige Personen sind mit den Häusern und den öffentlichen Gebäuden sogar zufrieden.    

Aktuell

11.09.2018

Calendario Jafeth 2019

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mit wunderschönen Bildern und Texten von kolumbianischen Künstlerinnen und Künstlern. Richtpreis: Fr. 15.--.

30.07.2018

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

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