Kolumbien-Monatsbericht
Juni / Juli 2001 No. 6/7 01
Die Pazifikküste im Würgegriff der Interessen
von Bruno Rütsche
Mit einem Interview mit Yolanda Cerón, welche am 19. September 01 um 12.10 Uhr mittags in Tumaco auf offener Strasse von Paramilitärs ermordert wurde!
Überblick
Die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien ASK und ihr Engagement zur Pazifikküste
"Noch ist es möglich zu arbeiten, doch ohne eure Unterstützung geht es nicht!" (Interview mit Yolanda Cerón und P. Guillermo León von der Sozialpastoral Tumaco)
Das Gesetz 70 von 1993 und seine Umsetzung - eine Chronologie
Präsident Pastranas Sicht........
Die kolumbianische Pazifikküste war bis in die 70er Jahre eine völlig vergessene und vernachlässigte Region. Mit einer Bevölkerung von rund einer Million - 90% AfrokolumbianerInnen, 4% Indigenas und 6% MestizInnen - ist dieses feucht-heisse Regenwaldgebiet, das sich von der Grenze Panamas im Norden bis zur ecuatorianischen Grenze im Süden erstreckt, relativ wenig besiedelt. Die soziale Situation der Bevölkerung war und ist bedenklich: Hohe Kindersterblichkeit, fehlende Gesundheitsversorgung, ein völlig ungenügendes bis inexistentes Bildungswesen, fehlende Kommunikationsmöglichkeiten.
Die schwarze und indigene Bevölkerung hat es verstanden, in diesem Regenwaldgebiet eine der Umwelt angepasste landwirtschaftliche Produktion zu entwickeln, die ihrer Kultur und Lebenshaltung entspricht. Zentral ist dabei der tiefe Bezug zur Erde, zum Boden als Grundlage für Ernährung und kulturelle Identität.
Seit anfangs der 90er Jahre ist die Pazifikküste ins Blickfeld verschiedenster Interessen geraten. Vier zentrale Interessen von höchster Bedeutung im Zeitalter der Globalisierung stehen dabei im Vordergrund:
Ausbeutung der Ressourcen: Gold, Mineralien, Erdöl, Holz, radioaktive Substanzen.
Infrastrukturelle Erschliessung: Plan zum Bau einer interozeanischen Landverbindung zwischen Atlantik und Pazifik; Erschliessung mit Strassen einerseits für die Ausbeutung der Ressourcen, andrerseits für den Export und Import von Gütern ins Landesinnere aus dem Pazifikraum; Bau von Wasserkraftwerken; Aus- und Neubau von Hochleistungshäfen; Errichtung von "freien Produktionszonen", wo zollfrei produziert werden kann.
Erforschung und Nutzung der Biodiversität. Die Pazifikküste weist weltweit eine der höchsten Artenvielfalt an tierischem und pflanzlichem Leben auf. Schätzungsweise sind bis heute nur wenige Prozent dieser Artenvielfalt bekannt. Die pharmazeutische Industrie, die Bio- und Gentechnologie setzen auf die Erforschung und Erschliessung der noch unbekannten Arten und wollen sich deren Vermarktung durch Patentrechte garantieren.
Agroindustrie: In grossem Stil sollen vor allem im Süden der Pazifikküste Ölpalmenplantagen entstehen, in anderen Gebieten soll der Regenwald Weideland für Vieh Platz machen und Strände für den Tourismus erschlossen werden. So soll der Standortvorteil - aufgrund der Erschliessung der Region - genutzt werden.
Zu diesen offenen Interessen käme noch ein wichtiger 5. Punkt: Drogen- und Waffenhandel sowie Schmuggel. Die Pazifikküste spielt für diese illegalen Ökonomien, die aber insgesamt von grosser Bedeutung sind, eine zentrale Rolle.
Diese - teils gegensätzlichen - Interessen haben zu einem erbitterten Kampf um die territoriale Kontrolle geführt. Mit der Bekanntgabe der Erschliessungspläne hat auch die Gewalt an der Pazifikküste Einzug gehalten. Schwarze und indigene Organisationen warnten schon vor mehr als zehn Jahren vor einem Genozid, einem Ethnozid und einem Ökozid. Heute müssen wir feststellen, dass die ursprüngliche Bevölkerung zur Zielscheibe von Gewalt und Vertreibung wurde und versucht wird, sie unter völlige Kontrolle zu bringen und gefügig zu machen. Selbstorganisation, Autonomie und die Einforderung des Rechts als Zivilbevölkerung nicht in den bewaffneten Konflikt verwickelt zu werden, stossen bei allen bewaffneten Akteuren - und dazu zählt auch die Armee - auf taube Ohren und wird als vermeintliche Kollaboration mit dem Feind interpretiert. Die zivilen Initiativen sollen abgewürgt oder domestiziert werden.
Auf diesem Hintergrund wird die Doppelstrategie der Regierung verständlich. Während sie einerseits kollektive Landtitel vergibt - und dafür Kredite von der Weltbank entgegen nimmt - fallen gleichzeitig Paramilitärs in die titulierten Gebiete ein, verbreiten Angst und Schrecken und vertreiben die Bevölkerung. Die Botschaft ist klar: Auch wenn die Gebiete tituliert sind, habt ihr unseren Interessen zu dienen! Die Titulierung soll nicht als Aufforderung zur Selbstorganisation, zur Stärkung der Autonomie, zur Entwicklung und Umsetzung eines alternativen, nachhaltigen und mit den kulturellen Werten übereinstimmenden Entwicklungsmodells verstanden werden. Auch die titulierten Gebiete haben sich der Kontrolle und den Interessen der Mächtigen zu unterwerfen.
Schwarze und indigene Organisationen setzen auf die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft. Vom internationalen Druck erhoffen sie sich den notwendigen Rückhalt, die noch vorhandenen Spielräume offen zu halten und ihre legitimen Rechte einfordern zu können.
Die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien ASK und ihr Engagement zur Pazifikküste
Seit Bekanntwerden der gigantischen Erschliessungspläne für die Pazifikküste, hat die ASK dieses Gebiet zu einem Schwerpunkt gemacht, Beziehungen zu indigenen und Schwarzenorganisationen aufgebaut, diese bei Informationsreisen in Europa unterstützt und die Situation hier bekannt gemacht. Die ASK unterstützte 1993 mit einer Unterschriftenkampagne und einem Besuch bei dem kolumbianischen Botschafter die Verabschiedung des Gesetzes 70 von 1993 und hat dessen Umsetzung kritisch begleitet. Unzählige Protestbriefe wegen Menschenrechtsverletzungen und illegalem Holzschlag wurden an die kolumbianischen Behörden gerichtet.
Seit 1996 versuchten wir gezielt fünf Schweizerstädte, Mitglieder des Klimabündnisses, für eine Partnerschaft mit der kolumbianischen Pazifikküste zu gewinnen. Wir realisierten eine Ausstellung zur Pazifikküste und dem Klimabündnis, die bereits an mehreren Orten zum Einsatz kam. Beispielhaft sollte das Projekt der Sozialpastoral von Tumaco von den Schweizerstädten unterstützt werden. Weit mehr als um Geld ging und geht es uns aber um die Mobilisierung von Öffentlichkeit für die - auch vom Klimaaspekt her - dramatische Situation der Bevölkerung an der Pazifikküste. Hier die zuständigen Behörden für dieses Anliegen zu gewinnen, ist eine schwierige Aufgabe. Trotz empfindlichen Dämpfern, haben wir noch nicht aufgegeben.
"Noch ist es möglich zu arbeiten, doch ohne eure Unterstützung geht es nicht!"
Interview mit Yolanda Cerón und P. Guillermo León von der Sozialpastoral Tumaco
Yolanda Cerón und P. Guillermo arbeiten seit vielen Jahren in der Diözese Tumaco. Yolanda ist Koordinatorin der Sozialpastoral, welche vor acht Jahren geschaffen wurde, um die Organisationsprozesse der indigenen und afrokolumbianischen Gemeinschaften zu begleiten. Yolanda und P. Guillermo weilten auf Einladung verschiedener europäischer NGO in Europa, so auch in der Schweiz.
Was war der Grund eurer Reise und welches ist eure Aufgabe innerhalb der Sozialpastoral von Tumaco?
Yolanda Cerón (YC): Wir haben die Einladung zu dieser Informationsreise angenommen, weil die Situation in der Region von Tumaco in Kolumbien wie im Ausland wenig bekannt ist. Wir sehen aber nach wie vor Möglichkeiten zu arbeiten, doch benötigen wir dazu dringend Solidarität und Unterstützung auch auf internationaler Ebene. Nur dann ist es möglich, die Gewalt etwas im Zaun zu halten, Präventionsarbeit zu leisten und die Gemeinschaften weiter zu begleiten. Tatsächlich hat die internationale Unterstützung bisher verhindern können, dass die paramilitärischen Gruppen ihre Ziele vollumfänglich erreichen konnten. Darum beruht unsere Hoffnung auf den Gruppen und NGO, die wir in Deutschland und der Schweiz kennen lernten. Wir hoffen, dass sie weiterhin Druck ausüben und so mithelfen, der Gewalt Einhalt zu gebieten oder ihr vorzubeugen.
P. Guillermo (PG): Mit der paramilitärischen Präsenz in Tumaco hat sich die Situation dramatisch verschärft. Die Leute klagen aus Angst vor Repressalien die Verbrechen der Paramilitärs nicht an. Zeugen haben Angst auszusagen, da sie sonst selber zu Opfern werden. Wir möchten diese Situation hier in Europa bekannt machen und anklagen, denn nur der internationale Druck zeigt in Kolumbien Wirkung.
Wovon lebt die Bevölkerung?
PG.: Es gibt mehrere Einkommensquellen der Bevölkerung. Die Menschen leben vorwiegend vom Fischfang, Kakao-, Kokosnuss- und Kochbananenanbau und vom Holzschlag. In den städtischen Zentren arbeiten viele im Bausektor, doch dieser befindet sich aufgrund der Gewaltsituation in der Krise. In den Dörfern und auch in Tumaco selber schlagen sich die meisten im sog. informellen Sektor durch. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch. Tumaco hat auch unter den Folgen der Zerschlagung des Cali-Kartells gelitten. Viele Jugendliche kehrten von Cali nach Tumaco zurück, bildeten hier Jugendbanden und verübten Überfälle. Dazu kam, dass die Kokos- und Kakaoplantagen von einer Krankheit befallen wurden. Die Bauern erhielten keinerlei Unterstützung von den Behörden, um die Krankheit zu bekämpfen. Dies ist mit ein Grund, dass immer mehr Bauern die einzige Überlebensmöglichkeit im Kokaanbau sehen.
Wie ist die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung?
YC: 90% der Bevölkerung sind AfrokolumbianerInnen, 4% Indigenas und 6% Mestizen. Durch die paramilitärische Invasion und den Zustrom von Vertriebenen vor allem aus dem Dep. Putumayo, wächst der Anteil der Mestizen.
PG: Die schwarze Bevölkerung von Tumaco kommt ursprünglich von Barbacoas. Dieser Ort wurde um 1640 mit Sklaven gegründet, die zur Ausbeutung einer Goldmine hergebracht wurden.
...und die soziale Situation
YC: Ich arbeite seit mehr als 20 Jahren in dieser Region. Der Wandel in dieser Zeit ist frappant. Früher versorgten sich die Gemeinschaften praktisch selber und mussten nur wenige Artikel zukaufen. Durch den Einzug von Firmen zur Ausbeutung der Rohstoffe und den Holzschlag verloren die Bauern ihr Land, wurden wirtschaftlich abhängig und auch ihre Ernährungssicherheit ist nicht mehr gewährleistet. Wir haben daher fest darauf hingearbeitet, die Ernährungssicherheit für die Schwarzengemeinschaften wieder zurück zu gewinnen. Diese landwirtschaftlichen Produktionsprojekte haben aber aufgrund des Imports von billigen Agrarprodukten einen sehr schweren Stand. Die Kleinbauern sind nicht konkurrenzfähig.
Die industrielle Ausbeutung der Rohstoffe hat nicht nur die traditionelle Landwirtschaft der Schwarzengemeinschaften zerstört, sondern auch ihr soziales und wirtschaftliches System und ihre Kultur. Ihr soziales Gefüge wurde geschwächt und sie wurden verletzbarer für Einflüsse von aussen und sind der Vertreibung schutzlos ausgeliefert.
Die Situation in der Region Tumaco hat sich in den letzten Monaten dramatisch zugespitzt. Welche Interessen stehen dahinter und wie ist die aktuelle Lage?
PG: Tatsächlich hat sich die Lage verschärft. Dies muss im Rahmen der Umsetzung des Plan Colombia gesehen werden. Die Sozialpastoral der Diözese Sibundoy und Mocoa hat einen Bericht veröffentlicht, wonach 1752 Hektar Kulturland, 3972 Wies- und Waldland und 800 Hektar Kokapflanzungen mit chemischen Mitteln besprüht wurden. Tausende von Vögeln, wild lebenden Tieren und Nutzvieh sind aufgrund der Besprühungen verendet. Die betroffene Bevölkerung leidet unter Hautausschlägen, Infektionskrankheiten und Durchfallerkrankungen. Die paramilitärischen Organisationen wurden verstärkt und die selektiven Morde wie auch die Massaker durch Paramilitärs und auch Übergriffe der FARC-Guerilla haben zugenommen. Die Paramilitärs kontrollieren die wichtigsten urbanen Zentren des Dep. Putumayo. Die Bilanz des Plan Colombia ist absolut negativ.
Die Paramilitärs kamen in der gleichen Woche im September 2000 nach Tumaco, in der die Besprühungen anfingen. Unternehmer, Händler und Reiche Tumacos haben die Präsenz von kriminellen Jugendbanden, des organisierten Verbrechens und des Drogenhandels zum Vorwand genommen, paramilitärische Gruppen zur "sozialen Säuberung" anzuheuern. Diese Paramilitärs aus dem Norden des Landes, wo das Hauptquartier der Paramilitärs ist, wurden über eine Militärbasis in Tumaco in die Stadt gebracht. Zuerst brachten sie Kleinkriminelle und Bettler, dann soziale Führungsleute um. Die Sozialpastoral ist die einzige Institution in Tumaco, die diese Verbrechen anklagen und publik machen kann.
Im Dezember 2000 installierten die Paramilitärs einen festen Stützpunkt am Fluss Mira mit 200 Mann. Am 24. März 2001 griffen sie den Ort El Llorente an. Es kam zu Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung, 30 Personen wurden gefesselt und sollten umgebracht werden. Das Eingreifen der FARC-Guerilla verhinderte dies und es kam zu stundenlangen Gefechten. Bis heute ist unklar, wie viele Menschen getötet, verschleppt oder vertrieben wurden. Die Leute schweigen aus Angst.
Ende Mai 2001 startete die Armee die Operation Tsunami, angeblich um gegen die Paramilitärs, die Guerilla und die Drogenhändler vorzugehen. Wirkliches Ziel aber war die Guerilla im Gebiet von Barbacoas. Die Paramilitärs geniessen nach wie vor völlige Bewegungsfreiheit. Die Bevölkerung von Tumaco weiss, wer zu den Paramilitärs gehört, nur die Armee, die Polizei und die Sicherheitsdienste scheinen dies nicht zu wissen.
YC: Der kolumbianischen Pazifikküste kommt im Kontext der Globalisierung und der Durchsetzung des neoliberalen Wirtschaftsmodells eine wichtige geostrategische und geopolitische Bedeutung für ganz Südamerika zu. Die Pazifikküste birgt enorme potentielle Ressourcen: Wasser und Wasserkraft, Erdöl- und Mineralienvorkommen, Biodiversität, Erschliessung neuer Verbindungswege. Die Pazifikküste erfüllt zudem eine Brückenfunktion für das Landesinnere von Kolumbien. Durch ihre Erschliessung öffnet sich das Land gegenüber den Ländern des Pazifiks. Auf diesem Hintergrund sind zahlreiche Megaprojekte geplant, so z.B. der Bau einer neuen interozeanischen Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik, Erschliessung durch Strassen und der Bau von Häfen. Es bestehen Projekte zur Ausbeutung der Biodiversität für die Pharmaindustrie und die Biotechnologie. In unserer Region sollen riesige Ölpalmenplantagen entlang der Strasse von Pasto nach Tumaco entstehen. Zur Zeit werden hier auf 25'000 Hektaren Land Ölpalmen angepflanzt. Aus dem "sozialen Teil" des Plan Colombia soll der Anbau auf 50'000 Hektaren verdoppelt werden.
Die Ressourcen, das Entwicklungspotential und die Wirtschaftsinteressen machen die Pazifikküste zu einem Schauplatz des Kampfes um die territoriale Kontrolle, was auch die bewaffneten Akteure auf den Plan ruft. Um diese Megaprojekte umsetzen zu können, sehen sich die Investoren gezwungen, die ansässige Bevölkerung zu vertreiben. Wir klagen daher den Plan Colombia an, der Umsetzung dieser Interessen zu dienen. Hinter der angeblichen Drogenbekämpfung steht letztlich das Interesse, diese Megaprojekte durchzusetzen. In einigen Gebieten der Pazifikküste soll die Bevölkerung vertrieben, in anderen unter Kontrolle gebracht werden. So z.B. versucht man dort, wo Ölpalmenplantagen geplant sind, die Bevölkerung für diese Projekte zu gewinnen. Man verspricht ihnen Arbeit, Einkommen und Mitteilhaberschaft. Dies ist eine Lüge. Die Anstrengungen der Bevölkerung das Land zu titulieren, auf dem Ölpalmenplantagen geplant sind, scheiterten bisher am Widerstand der Unternehmen. Der Plan Colombia bedeutet eine Unterstützung der Ölpalmunternehmen, ist gegen die Interessen der ursprünglichen Bevölkerung und ihre traditionelle Landwirtschaft gerichtet und ist ein Kriegsprojekt.
Was bedeutet dies für eure Arbeit? Wie geht ihr mit dieser Situation um?
YC: Die Bevölkerung ist vor Angst gelähmt. Die Menschen befürchten, das jedwelcher Organisationsversuch, jeder Ansatz zur Einforderung ihrer legitimen Rechte stigmatisiert, als subversiv bezeichnet und dementsprechend verfolgt wird. Padre Guillermo und ich wurden als Anstifter für Streiks und Protestaktionen gebrandmarkt und dies löst bei der Bevölkerung grosse Angst aus. Die noch wenig organisierten Gemeinschaften sind derart eingeschüchtert, dass die Arbeit praktisch zum Erliegen kommt. Zudem mussten viele engagierte Führungskräfte die Region aufgrund der Drohungen verlassen, was wiederum negative Auswirkungen auf die gesamte Arbeit hat.
Auch die Produktionsprojekte sind aufgrund der wirtschaftlichen Öffnung nur äusserst schwer umsetzbar und positive Resultate sind schwierig zu erreichen. Trotzdem sind die Schulung der Bauern und die Anstrengungen zur Verbesserung der traditionellen Produktion wichtig.
PG: Man könnte sagen, dass bis 1993 die Region von Tumaco eine Friedensinsel war. Doch mit dem Gesetz 70 von 1993 kam es zu einer Konfrontation zwischen den Interessen der Ölpalmunternehmen und der ursprünglichen Bevölkerung um das Land. Doch diese Auseinandersetzung wurde nicht derart gewaltsam geführt wie heute.
Diese neue Situation bewog die Diözese Tumaco dazu, im Jahr 1993 die Sozialpastoral zu schaffen mit dem Schwerpunkt, die Schwarzengemeinschaften bei der Umsetzung des Gesetzes 70 zu unterstützen und zu begleiten. Bereits in dieser Zeit war die Guerilla in diesem Gebiet präsent, doch konnten wir die Arbeit insgesamt ungehindert durchführen. Mit der Ankunft der Paramilitärs im September 2000 hat sich dies schlagartig geändert: Es gibt einen offenen Kampf um die territoriale Kontrolle zwischen Paramilitärs und der Guerilla. Dies muss die Sozialpastoral dazu führen, ihre Arbeit an der Generalversammlung Ende dieses Jahres neu zu überdenken. Die Situation ist kritisch, wir werden von allen Seiten - Guerilla und Paramilitärs wie auch den staatlichen Sicherheitsdiensten - beobachtet.
Ihr habt bei der Titulierung bedeutende Erfolge verbuchen können, so die Vergabe eines kollektiven Landtitels über 95'000 Hektar Land an die ACAPA, einer Organisation schwarzer Bauernfamilien am Patía-Fluss und seinem Zuflussgebiet.
YC: Wir haben unsere Begleitarbeit auf die Schwarzenorganisation ACAPA (Vereinigung der Bauern des Patía-Flusses und seiner Zuflüsse) beschränkt. Wir haben sie während des gesamten Prozesses zur Einreichung des Titulierungsgesuches begleitet und unterstützt. Die Gemeinschaften müssen in ihren Gesuchen Angaben über die jetzige Besitzstruktur und Nutzung machen und auch Pläne der künftigen Nutzung vorlegen. Nach einem langen Hin und Her wurde uns im Mai 2000 der kollektive Landtitel über 95'000 Hektar Land übergeben, einschliesslich eines Gebietes von Mangrovenwäldern. Bis zuletzt wollten die staatlichen Behörden die Mangrovengebiete von der Titulierung ausschliessen. Schliesslich erreichten wir als erste Gemeinschaft, dass diese für die ökologische Integrität des gesamten Gebietes wichtigen Mangrovenwälder mit eingeschlossen wurden.
Die grosse Herausforderung ist jetzt die Festigung und Stärkung der internen Organisation der ACAPA, der Aufbau legitimer, von der Bevölkerung anerkannter Strukturen und die Ausarbeitung eines nachhaltigen Nutzungsplanes. Es muss bestimmt werden, welche Gebiete den Familien zur Nutzung überlassen werden, welche gemeinschaftlich genutzt werden und welche als Landreserven oder zur schonenden, nachhaltigen Nutzung bestimmt werden sollen. Es gilt auch die unkontrollierte Ausbeutung von Holz oder der Naidí-Palme zur Gewinnung von Palmherz für den Export in den Griff zu bekommen, zu denen die Familien aufgrund fehlender wirtschaftlicher Alternativen Zuflucht gesucht haben. Die Gemeinschaften stehen vor der grossen Aufgabe, selber Regelungen für die nachhaltige Nutzung ihres Gebietes auszuarbeiten. Dies kann nicht auswärtigen Experten überlassen werden, denn die Leute haben ein grosses Wissen über die angepasste Nutzung ihres Landes. Es gilt diesen Wissensschatz der Leute zu sammeln, zu artikulieren und in Regelungen, die von allen getragen werden, umzusetzen. Nur so können die Gemeinschaften tatsächlich die Kontrolle über ihre Gebiete ausüben und eine selbstbestimmte, ihrer Kultur und ihrer Produktionsweise angepasste Entwicklung vorantreiben und umsetzen.
Das Gebiet der ACAPA hat gewisse Vorteile. Es ist schwer zugänglich und der Boden ist nicht für den Ölpalmenanbau geeignet. Dadurch ist es für die Unternehmer nicht sehr interessant. Wir haben Angst, dass sich der Disput um die territoriale Kontrolle zwischen Guerilla und Paramilitärs in dieses Gebiet verlagert. Dafür gibt es bereits einige bedrohliche Anzeichen. Wir hoffen, dass die bewaffneten Akteure die Autonomie der Schwarzengemeinschaften respektieren werden, dass sie den Aufbau von alternativen Entwicklungsmodellen von der Basis her nicht behindern oder gar zerstören. Wir hoffen, dass es uns gelingen wird, diesen Prozess einer autonomen, auf die Kultur und die traditionelle Produktionsweisen abgestimmten Entwicklung weiter zu stärken, zu festigen und den Schwarzengemeinschaften mindestens in dieser Ecke Kolumbiens eine friedliche Alternative zu ermöglichen.
Yolanda und Padre Guillermo, ich danke euch für dieses Gespräch.
Das Gesetz 70 von 1993 und seine Umsetzung - eine Chronologie
1991
In der Verfassunggebenden Versammlung sind die Schwarzen als wichtige ethnische Minderheit (10,5 Mio.) nicht vertreten. Sie schicken eine Million Protesttelegramme und verlangen von der neuen Verfassung die Verankerung ihrer Rechte als eigenständige Ethnie.4. Juli 1991
In der neuen Verfassung wird der Übergangsartikel 55 aufgenommen und der Kongress beauftragt, innert zwei Jahren ein Gesetz zur Reglementierung der Rechte der Schwarzengemeinschaften auszuarbeiten.Mai 1993
Die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien reicht zusammen mit Vertretern von Hilfswerken beim kolumbianischen Botschafter in der Schweiz eine von rund 1100 Personen unterzeichnete Erklärung ein. Darin wird die Verabschiedung eines Gesetzes zur Regelung der Rechte der Schwarzengemeinschaften und der sofortige widerrechtliche Stopp des Holzschlags durch die Unternehmen Pizano S.A. und Madarién S.A. gefordert. Die Schwarzenorganisationen veranstalten eine Grosskundgebung in Bogotá.18. Juni 1993
Am letzten Sessionstag verabschiedet der Kongress das Gesetz 70 zur Regelung der Rechte der Schwarzengemeinschaften.27. August 1993
Präsident Gaviria ratifiziert das Gesetz 70 in Quibdó, der Hauptstadt des Dep. Chocó.November 1996
Mehr als drei Jahre nach Verabschiedung des Gesetzes 70 werden in der Gemeinde Riosucio, Dep. Chocó die ersten kollektiven Landtitel an Schwarzengemeinschaften vergeben.Dezember 1996 bis März 1997
In einer gross angelegten kombinierten Aktion von Armee und Paramilitärs werden über 30'000 Menschen aus dem ländlichen Gebiet der Gemeinde Riosucio, den Flüssen Salaqui, Cacarica und anderer Flüsse vertrieben. Einem Teil wird von den Vertreibern befohlen, sich nach Turbo zu begeben, wo sie von der Polizei in Empfang genommen werden. Ein anderer Teil - rund 12'000 Personen - werden von der FARC angehalten, nach Mutatá zu fliehen und dort die Strasse Medellín-Turbo zu besetzen. Die flüchtenden Familien werden von der Armee in Pavarandó gewaltsam aufgehalten und in einem provisorischen Flüchtlingslager unter völlig unhaltbaren humanitären Bedingungen zusammengepfercht. Das Lager gleicht einem Konzentrationslager und wird von Armee und Paramilitärs bewacht. Weitere Gruppen von Flüchtlingen suchen nach tagelangem Marsch durch den Regenwald in Panama Zuflucht, werden aber nach wenigen Tagen in Verletzung des Rechts auf Asyl im Rahmen einer Vereinbarung zwischen Panama und Kolumbien gewaltsam in Armeehubschraubern nach Bahía Cupica deportiert, wo sie in einem Flüchtlingslager untergebracht werden. Eine grosse Gruppe von Flüchtlingen sucht Schutz in Quibdó.Januar 1998
Die Flüchtlinge des Lagers von Pavarandó kehren, begleitet von religiösen und humanitären Organisationen, in ihre Region zurück und bilden die Friedensgemeinschaften San Francisco de Asis und verlangen von den bewaffneten Akteuren die Respektierung ihrer Autonomie.11. Februar 1998
Präsident Samper vergibt an die ACIA, die Vereinigung der bäuerlichen Schwarzengemeinschaften des Mittelabschnittes des Atratoflusses, einen kollektiven Landtitel über rund 700'000 Hektar Land.15. Dezember 1999
Den rund 3'500 in Flüchtlingslagern in Turbo untergebrachten Vertriebenen wird ein kollektiver Landtitel über 103'004 Hektar Land übergeben. Während der Zeit ihrer Vertreibung wurden Teile des Gebietes industriell abgeholzt und wertvolle Baumbestände zum Verschwinden gebracht.28. Februar 2000
Eine erste Gruppe der Vertriebenen aus dem Cacarica-Gebiet kehrt zurück und beginnt mit dem Aufbau der Siedlungen Esperanza en Dios und Nueva Vida.28. Mai 2000
Die ACAPA - die schwarze Bauernorganisation des Patía-Flusses - erhält einen kollektiven Landtitel über 94'500 Hektaren, mit eingeschlossen erstmals ein Mangrovenwaldgebiet.1. März 2001
Abschluss des Rückkehrprozesses der Vertriebenen des Cacarica-Flusses. Auch die in Bahía Cupica untergebrachten Vertriebenen kehrten zurück.21. Mai 2001
Präsident Pastrana hält in Riosucio im Dep. Chocó eine Rede anlässlich des 150. Jahrestages der Abschaffung der Sklaverei in Kolumbien und vergibt 38 kollektive Landtitel über rund 1,6 Mio. Hektaren Land in den Dep. Chocó und Antioquia.Bilanz Juni 2001
Seit der Verabschiedung des Gesetzes 70 im Jahr 1993 sind rund 2,7 Mio. Hektar Land den Schwarzengemeinschaften als kollektiver Besitz überschrieben worden. Insgesamt sollen rund 5 Mio. Hektar Land den Schwarzengemeinschaften überschrieben werden. Die Regierung möchte dies bis 2003 erreichen. Die Weltbank unterstützt die Landtitulierungen mit einem Kredit von 15 Mio. US$.
Diskurs und Realität: Auszüge aus der Rede von Präsident Pastrana anlässlich des 150. Jahrestages der Abschaffung der Sklaverei in Kolumbien
Riosucio, Chocó, 21. Mai 2001
"Ich bin sehr glücklich, heute in Riosucio zu sein und dies um so mehr, als wir die gute Nachricht von der kollektiven Titulierung des Landes der Schwarzengemeinschaften des unteren Abschnitts des Atrato-Flusses, welche die Folgen von Gewalt und Vertreibung erlitten, bringen.
Ich bin doppelt glücklich, denn diese Möglichkeit in den Chocó zu kommen und mich mit Mitbürgern zu treffen, die neuen Grund haben, sich an ihr Land zu klammern, fällt mit der Feier eines historischen Datums für das ganze Land zusammen.
Genau vor 150 Jahren, am 21. Mai 1851, erliess Präsident José Hilario López das Gesetz zur endgültigen Abschaffung der Sklaverei in Kolumbien. Dies ist ein erinnerungswürdiges Ereignis, dem zu gedenken und das hervor zu heben es sich heute lohnt, denn von da weg wurde in unserem Land die Möglichkeit, dass ein Mensch Recht über einen anderen ausübt, eliminiert.
(...) Alle Kolumbianer erreichten eine besondere Würde, die es um jeden Preis zu wahren gilt: Zu wissen, dass es unter uns vor dem Gesetz keine Unterschiede gibt und wir alle die gleichen Rechte und Pflichten haben.
Viele von ihnen, liebe Freunde, sind Nachfahren von Männern und Frauen, welche die Härte der Sklaverei erlitten, die hart auf den Feldern und in den Minen unter der Herrschaft anderer arbeiteten.
Heute, 150 Jahre später, noch inmitten der Schwierigkeiten, können wir mit Überzeugung sagen, dass ihr Besitzer eures Lebens und vor allem, dass ihr von diesem Moment an Besitzer eures Bodens seid.
Ihr gehört einer starken und mutigen Rasse an: Der Rasse von Admiral Padilla und María Isabel Urrutia, der Rasse von hervorragenden Menschen wie Manuel, Juan und Delia Zapata Olivella (...) und von vielen Männern und Frauen, die Kolumbien in der Kultur, dem Sport und allen Themen des nationalen Lebens zum Leuchten brachten.
Ihr müsst euch stolz fühlen und Kolumbien hat euch viel zu danken.
An diesem besonderen Datum, das Gedächtnis und den Segen von San Pedro Claver anrufend, den heiligen Patron jener, die die Sklaverei in unserem Land erlitten, bitte ich Gott, dass er uns Kolumbianern die Weisheit gibt, die Freiheit, die vor 150 Jahren Wirklichkeit wurde, zu nutzen und alle als gleichwertig zu betrachten, unabhängig von Hautfarbe, Glaube und Ideologie.
Uns alle hier vereint ein doppeltes Band: Wir sind Menschen und wir sind Kolumbianer. Wenn dies nur die wenigen Gewalttätigen begreifen würden, die unser Land heimsuchen. Weder Kolumbien noch der Chocó würden im Schmerz von Elend und Vertreibung leben.
(...) Hier in Riosucio haben wir eine erste Allianz zwischen dem Staat und der Gemeinschaft erlebt, welche die Rückkehr der Vertriebenen in die erklärte Friedensgemeinschaft San Francisco de Asis ermöglichte.
(...) Ich möchte heute eine Botschaft der Hoffnung an die Gemeinschaft des Cacarica-Flusses senden, die nach vier Jahren der Vertreibung die Rückkehr auf ihr Land begonnen haben. Mehr denn je muss heute der Cacarica ein fünffarbiger Regenbogen sein: Wahrheit, Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit.
Ihr seid nicht allein und ich hoffe sehr bald in den Cacarica gehen zu können, um mit euch in euren vom Solidaritätsnetz erstellten Häusern die Freude zu teilen, die wir heute mit diesen Landtiteln teilen.
Die Arbeit der Regierung war unermüdlich und hier sehen wir die guten Resultate, insbesondere das Programm zur Nutzung der natürlichen Ressourcen, das vom Umweltministerium und der Agrarbehörde INCORA entwickelt und von der Weltbank mitfinanziert wurde.
(...) Die kollektive Titulierung des Landes der Schwarzengemeinschaften ist zu einer wirklichen Alternative zur Vorbeugung von Vertreibung und zur Rückkehr der vertriebenen Schwarzenbevölkerung geworden. Zudem ist es eine Strategie zum Schutz der Umwelt, für den sozialen Schutz und zur friedlichen Lösung von Konflikten in den Gemeinschaften selber.
Wir sind heute hier um zu bestätigen, dass die kolumbianische Regierung sämtliche Abkommen und Verpflichtungen gegenüber den Schwarzengemeinschaften erfüllt hat.
Durch INCORA ist das Ziel der Titulierung von 5 Mio. Hektaren Land an der Pazifikküste zu 54% durch die Vergabe von 64 Titeln erreicht und 70% von 91 weiteren eingereichten Gesuchen sind weit voran geschritten.
So können wir heute sagen, dass bis jetzt mittels dieses Programms gegen 29'000 Familien, mehr als 120'000 Kolumbianer, durch die Titulierung von insgesamt gegen 2,7 Mio. Hektaren Land begünstigt wurden.
Insgesamt übergeben wir heute 38 Landtitel über mehr als 1,6 Mio. Hektaren Land, wodurch 18'000 Familien der Schwarzengemeinschaften des Chocó und Antioquias zu Besitzern ihres Bodens werden.
(...) Liebe Freunde von Riosucio:
Jetzt habt ihr endlich eine rechtliche Basis, um euer Land zu schützen und eure Rechte einzufordern! Zudem haben die Schwarzengemeinschaften mit der kollektiven Titulierung ihre internen Regierungsformen gestärkt und gelernt, Teilhaber ihrer eigenen Entwicklung zu sein. In diesem Sinne ist es notwendig, die rechtliche Kompetenz und Handlungsfähigkeit der Gemeinschaftsräte als neue rechtliche Träger dieser besonderen Gesetzgebung zu stärken. Wisst, dass wir weiter arbeiten werden! In den kommenden drei Jahren von 2001 - 2003 wird die Politik der kollektiven Titulierung für die Schwarzengemeinschaften durch das Umweltministerium und INCORA weiter geführt werden, bis das Ziel von 5 Mio. Hektaren tituliertem Land erreicht ist.
Die Durchführung dieser 2. Phase des Titulierungsprozesses werden wir mit der Konkretisierung eines Kredits der Weltbank über 15 Mio. US$ ermöglichen.
(...) Zudem unterstützen wir zusammen mit der Stiftung Equilibrio und Mitteln des UNO-Entwicklungsprogrammes die Ausarbeitung einer Strategie zur Kommerzialisierung von landwirtschaftlichen Produkten in Urabá, Antioquia.
(...) Ich bin hierher gekommen, damit ihr, Freunde von Riosucio, wisst, dass wir in unsere Wachsamkeit nicht nachlassen werden. Ich möchte, dass ihr die Gewissheit habt, dass wir weiterhin für euch und mit euch arbeiten werden, bis sich der Rückkehrprozess der Vertriebenen in Sicherheit und gangbare Produktionsprojekte konsolidiert haben.
(...) Vielen Dank!"
...und die Realität
Massaker im Oberlauf des Naya-Flusses
In der Karwoche (ab dem 10. April 2001) drang eine Gruppe von mehreren Hundert Paramilitärs in den Oberlauf des Naya-Flusses ein, trieb die Bevölkerung von Weilern und Dörfern zusammen und ermordete gezielt aufgrund einer Liste Personen, denen sie Zusammenarbeit mit der Guerilla vorwarfen. Einem Teil der Opfer wurden mit Motorsägen bei lebendigem Leib die Gliedmassen abgetrennt und die Leichen in die Flüsse geworfen. Die Zahl der Toten ist ungewiss. Offiziell wurde die Ermordung von über 50 Personen zugegeben, andere Quellen sprechen von über 100 Getöteten.
(Quellen: Semana, 7. Mai 01; Anklage verschiedener NGO vom 15. April 01; Anklage des CSPP vom 23. April 2001)
Vertreibung der Bevölkerung des Alto Baudó
Der 23. Mai 2001 war für die Schwarzengemeinschaften des Alto Baudó ein Tag der Freude. Sie konnten fünf kollektive Landtitel über 174'000 Hektar Land entgegen nehmen. Wenige Tage später, am 4. Juni 01, dringt ein Kommando der Paramilitärs in die Region ein und gibt der Bevölkerung 24 Stunden Zeit, die Region zu verlassen. Wer bleibt, werde ermordet. Die Paramilitärs weisen die Bevölkerung an, nach Quibdó in die Hauptstadt des Dep. Chocó zu gehen. Seit dem 6. Juni sind über 1'000 Vertriebene in Quibdó angekommen. Insgesamt befinden sich über 4'000 Menschen auf der Flucht.
In einer Mitteilung schreibt die Diözese von Quibdó: "Als Hirten dieser derart zu Opfern gemachten Bevölkerung können wir die schmerzliche Wahrheit - auch wenn diese für einige Sektoren der Gesellschaft unbequem sein sollte - nicht verschweigen. Diese Art von Aktionen sind nur möglich, weil die paramilitärischen Gruppen in den urbanen Zentren von Quibdó, Istmina, Bahía Solano und Buenaventura seit mehreren Jahren sich völlig frei bewegen und ihre Finanzquellen und Logistik sichern können, in vielen Fällen dank der Unterlassung, der Toleranz und der Zustimmung von einigen staatlichen Institutionen. Dies erlaubt ihnen, ihre Aktionen in völliger Straflosigkeit zu organisieren und durchzuführen. Diese Realität kontrastiert mit dem angekündigten Willen des kolumbianischen Staates, den Paramilitarismus und seine Finanziers in Kolumbien frontal zu bekämpfen."
(Quelle: Kommuniqué der Diözese von Quibdó und Istmina vom 11. Juni 2001)
Übergriffe gegen die Friedensgemeinschaften San Francisco de Asis
Am 7. Juni 2001 informierte das Forschungs- und Bildungsinstitut der Jesuiten CINEP über Übergriffe und Drohungen gegen die Friedensgemeinschaften San Francisco de Asis. Darin wurde die FARC-Guerilla angeklagt, die Autonomie der Friedensgemeinschaften nicht zu respektieren, Führungsleute bedroht und 14 Personen zwischen März 2000 und Januar 2001 ermordet zu haben.
Die paramilitärischen Verbände der AUC werden im Bericht beschuldigt, seit Dezember 1996 eine totale Kontrolle über den Atrato-Fluss auszuüben und die Bevölkerung einer wirtschaftlichen Blockade zu unterwerfen, was zu Versorgungsproblemen mit Lebensmitteln und lebenswichtigen Gütern geführt hat. Die Gemeinschaften werden erpresst und in elf Fällen wurden Güter der Gemeinschaften von Paramilitärs gestohlen. Seit April 1999 haben die Paramilitärs 21 Bauern der Friedensgemeinschaften ermordet. In den meisten Fällen hatten desertierte und zu den Paramilitärs übergelaufene Guerilleros diese als vermeintliche Sympathisanten der Guerilla bezeichnet. Weiter wurden Jugendliche von den Paramilitärs rekrutiert. Die Paramilitärs suchen die Bevölkerung so zu terrorisieren, dass sie die Region verlassen.
Obwohl die wirtschaftliche und militärische Blockade durch die Paramilitärs seit ihrem Beginn im Jahre 1996 wiederholt angeklagt worden ist, hat die Armee nichts dagegen unternommen, im Gegenteil zeigte sie sich apathisch und unberührt gegenüber den schweren humanitären Folgen für die Gemeinschaften.
Das CINEP warnt in seinem Bericht vor einer erneuten massiven Vertreibung und hält fest: "Dies kontrastiert mit der jüngsten Übergabe von kollektiven Landtitel an die Schwarzengemeinschaften des Bajo Atrato am 21. Mai 2001 durch Präsident Pastrana. (...) Die Tausenden von Bauern und Bäuerinnen der Friedensgemeinschaften wollen unter keinen Umständen die Geschichte des Leidens und der Bedürftigkeit während ihrer Flucht und ihrer Unterbringung im Flüchtlingslager in Pavarandó und in Riosucio wiederholen. Die damalige Flucht war die Folge einer dem aktuellen Kontext sehr ähnlichen Situation: Im Februar 1997 bombardierte die Luftwaffe Orte am Fluss Salaquí und die Paramilitärs drangen in das gesamte Gebiet des unteren Atrato-Flusses ein."
(Quelle: Bulletin des CINEP vom 7. Juni 2001)
Übergriffe der Paramilitärs auf die Rückkehr-Gemeinschaften im Cacarica
Seit Ende Mai 2001 kam es zu mehreren Übergriffen paramilitärischer Verbände auf die Rückkehr-Gemeinschaften am Cacarica-Fluss. Dabei drangen rund 200 schwerbewaffnete Paramilitärs in das Gebiet der Cacarica-RückkehrerInnen ein, schüchterten die BewohnerInnen ein, hielten einzelne zurück und verlangten die Vorweisung der Personalausweise. Sie machten sich über die kollektive Produktionsweise der Bauern lustig und meinten wiederholt: "Ihr müsst Koka anbauen, das bringt Geld!" Weiter erklärten sie der Bevölkerung, sie kämen, um diese Zone zurück zu gewinnen und hinter ihnen käme die Armee. "Wir bringen den Fortschritt. Dieses Land gehört uns, wir werden bleiben, ob es euch gefällt oder nicht." Ein anderer Bewaffneter meinte: "Früher kamen wir als Brutale, jetzt haben wir Kurse absolviert und bringen den Fortschritt und die Entwicklung für die Gemeinschaft." Es scheint, dass auch Berufssoldaten der 17. Armeebrigade, deren Abzeichen nur teilweise von den AUC-Armbinden verdeckt wurden, an der paramilitärischen Operation beteiligt waren.
Diese paramilitärische Einfall in die Rückkehr-Gemeinschaft des Cacarica ist eine äusserst schwere Verletzung ihrer mit dem Staat ausgehandelten Normen von Autonomie und der Respektierung ihres Lebensprojektes und Territoriums, worin ausdrücklich Bewaffneten der Zutritt untersagt ist. Die Peace Brigades International PBI, staatliche Beamte und kirchliche Begleitpersonen wurden Zeugen dieses massiven paramilitärischen Einfalls in die beiden Rückkehr-Gemeinden Nueva Vida und Esperanza en Dios.
Auch hier liegt das Fazit auf der Hand: Autonome, von der Zivilbevölkerung lancierte Initiativen haben keinen Platz und werden mit allen Mitteln zu verhindern versucht oder abgewürgt.
(Quellen: verschiedene Anklagen von Justicia y Paz und Zeitungsberichte)