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Kolumbien-Monatsbericht No. 05
Mai 2005

Mit europäischen ParlamentarierInnen in Kolumbien

Ein Erlebnisbericht von Regula Erazo

Hintergrund

Seit 1999 existiert im Caritasnetz eine offiziell von Caritas Internationalis anerkannte Arbeitsgruppe zu Kolumbien (Grupo de Trabajo Colombia, GTC). Diese Gruppe hat sich zur Aufgabe gemacht, das „Na­tionale Sekretariat der Sozialpastoral in Kolumbien (SNPS) in seiner Lobbyarbeit zu Menschenrechten zu unterstützen und zu begleiten und in den eigenen Ländern Lobbyaktivitäten voranzutreiben“.[1]

Im Oktober 2004 lancierte das SNPS zusammen mit dem GTC eine nationale und internationale Kam­pagne mit dem Titel: "La Paz es posible en Colombia - Der Friede in Kolumbien ist möglich." Mit Hilfe von Plakaten, Bulletins, Werbespots im Radio und TV und Dokumentationsmaterial nimmt das SNPS öffentlich Stellung für die Opfer des internen Konfliktes und der humanitären Krise.

Das SNPS arbeitet mit beim Zusammenschluss von zivilen Organisationen[2], die sich für die Umsetzung der im Sommer 2003 getroffenen Vereinbarungen von London einsetzen.[3]

Die Reise

Unter der Koordination von Caritas Europa fand vom 24. Februar bis 3. März 2005 eine Reise für Par­lamentarierInnen aus den europäischen Mitgliedstaaten des GTC statt, welche von einer Person der je­weiligen nationalen Caritas begleitet wurden.

Aus der Schweiz nahm Ruedi Baumann, Ex-Parlamentarier der grünen Partei, teil.[4] Von Seiten Caritas Schweiz reiste ich als Begleiterin und Übersetzerin mit.

Ziel der Reise war zum einen das Stärken des SNPS in seiner Lobbyarbeit und seinem öffentlichen Auftreten in Kolumbien; zum andern sollten sich die Teilnehmenden ein eigenes Bild der Menschenrechtslage und der humanitären Krise machen, um von ihrer Parlamentstätigkeit her verstärkte Lobbyarbeit in ihren Ländern voranzutreiben.

Allgemeines

Meine Übersetzungstätigkeit erlaubte mir nicht, Gesprächsnotizen zu machen. Ein offizieller Bericht liegt noch nicht vor.

Im Folgenden werde ich abgestützt auf meine Erinnerungen einige persönliche Bemerkungen, Fragen, Eindrücke, und Befürchtungen wiedergeben.

Das SNPS hat sich bemüht, ein Reiseprogramm zusammen zu stellen, das den Besuchenden ein breites Bild ermöglichte. Das SNPS liess die ExponentInnen jeweils respektvoll selber zu Worte kommen und intervenierte nie. Trotzdem ermöglichte die Auswahl der Treffen, sich ein Bild über die Rolle und die Aufgabe des SNPS zu machen. So löste bei den ParlamentarierInnen der Besuch in den Regionen bei internen Vertriebenen und den Indigenen viele Emotionen und grosse Betroffenheit aus. Dies gab einen guten Boden für die anschliessenden Treffen in den verschiedenen Büros und Empfangsräumen in Bo­gotá.

Vom SNPS als offizieller Besuch angemeldet, fiel dieser unter das staatliche Sicherheitsprogramm. Für uns hiess dies: Wir durften keinen unbeaufsichtigten Schritt tun. Wir wurden ständig von 15 uniformierten und bewaffneten Polizisten und neun DAS-Leuten[5] eskortiert. Unser Bus hatte in ganz Bogotá Vortritt; der Verkehr wurde bei unserm Vorbeifahren so zu sagen lahm gelegt. Mir war dies höchst unangenehm und eigenartigerweise fühlte ich mich unsicherer denn je. Es erstaunte mich, dass die PassantInnen von unserm für meine Begriffe aggressiven Auftreten kaum Notiz nahmen.

Reiseprogramm und Eindrücke

1. Tag

Empfang in der Bischofskonferenz und Gespräch mit

·Erzbischof von Bogotá, Pedro Rubiano, Präsident der Bischofskonferenz

·Erzbischof von Tunja, Luis Augusto Castro, Vizepräsident der Bischofskonferenz

·Monseñor Fabián Marulanda, Generalsekretär der Bischofskonferenz

·Bischof von Barrancabermeja, Jaime Prieto, Präsident der Sozialpastoral

·Erzbischof von Popayán, Ivan Marín, Mitglied der Kommission für Sozialpastoral

Referat über den Hintergrund des kolumbianischen Konfliktes und der aktuellen Situation mit

·Jaime Zuluaga, Profesor des Institutes für Politik und Internationale Beziehungen der Natio­naluniversität

·Carlos Chica, Koordinator des Bereichs "Menschliche Entwicklung“ des PNUD[6] und Mitautor des Buches "El Conflicto, Callejón con Salida"

Der erste Tag mit dem Besuch in der Bischofskonferenz erlaubte den ParlamentarierInnen erst einmal die Kirchenstrukturen zu verstehen und die offizielle Kirchensicht kennen zu lernen. Die Bischöfe erzählten von ihrer langjährigen Tradition der Vermittlung und Versöhnung in der kolumbianischen Geschichte. Sie betonten, dass die Kirche weiterhin eine wichtige Rolle und eine grosse Glaubwürdigkeit in Kolumbien einnehme. Dies erfordere von ihnen allen ein klares Engagement für die Benachteiligten so wie ein Eintreten für ihre Rechte.

Der konzentrierte, klar strukturierte geschichtliche Abriss des sozialen und bewaffneten Konfliktes in Kolumbien durch die beiden Fachpersonen gab einen guten Boden und Hintergrund für all die kommenden Gespräche.

2. Tag

Die Gruppe teilte sich auf. Gruppe 1 reiste nach Barranquilla, um sich mit den Indigenen der Sierra Nevada zu treffen. Gruppe 2 reiste nach Florencia, um sich mit intern Vertriebenen zu treffen. Beide Gruppen trafen sich an den Orten mit regionalen und lokalen Behörden, NGO's und Kirchenleuten.

Ich war in der Gruppe, die nach Florencia reiste. Nach einer ausführlichen Vorstellung der Pastoralarbeit und einem Besuch in zwei Vertriebenenlagern trafen wir Frauen und Männer aus der Region "San Vicente de Caguan"[7] . Sie erzählten uns über tägliche Kämpfe zwischen der Guerilla und dem Militär und wie sehr sie unter den Auflagen der Paramilitärs litten. Allen stand der Schrecken und das viele Leid ins Gesicht geschrieben. Nun versuchen sie, in Florencia in ein Flüchtlingsprogramm aufgenommen zu werden. Dies ist gar nicht so einfach. Die schwerfällige Bürokratie, die grosse Nachfrage und die Kriterien verunmöglichen eine rasche und konkrete Hilfe. Die Sozialpastoral nimmt sich oft ihrer an, obwohl sie kaum Ressourcen dafür hat.

Im Anschluss an dieses bewegende Treffen fand eine Grossveranstaltung mit sämtlichen, lokalen Funk­tionären statt, die uns das allgemein bekannte Staatsprogramm von Uribe präsentierten. Der Polizeichef erklärte uns auf die Frage nach der Art und dem Mittel der Besprühungen, dass Glyphosat nicht schädlich sei, wie allgemein behauptet werde; im Gegenteil, ihm hätte so ein Sprühregen sogar noch gut getan. Der Militärkommandant jonglierte mit den Zahlen. Seiner Meinung nach verdienten höchstens ein Viertel der angemeldeten Vertriebenen diese Bezeichnung. Die andern seien Kokapflücker aus anderen Landregio­nen, die nach der Ernte keine Arbeit mehr fänden. Mir wurde immer elender bei all diesen Aussagen.

3. Tag

Gruppe 1 nach Cúcuta: Thema Demobilisierung der paramilitärischen Gruppen

Gruppe 2 nach Quibdó: Thema Ethnische Minderheiten, interne Vertriebene und Megaprojekte

Durch die Schlechtwetterlage verzögerte sich der Abflug nach Quibdó um vier Stunden. Das schon oh­nehin konzentrierte Programm musste nochmals Kürzungen erfahren. Wir besuchten die Siedlung der Vertriebenen aus Bellavista und jener aus Bojayá. Ihre Lage ist sehr prekär. Wäre da nicht die engagierte Sozialpastoral, wären sie vollkommen vergessen von etwelchen Hilfsprogrammen. Mich beeindruckten ihre Organisation und ihr Kampf, sich für ihre Rechte einzusetzen. Vom Ortsbischof erhalten sie grosse und konsequente Unterstützung. Doch scheinen die wirtschaftlichen Interessen durch die Megaprojekte über allen menschlichen und ethischen Grundprinzipien zu stehen. Interessanterweise erhielten wir in Quibdó keinen Staatsschutz. Der Bischof lehnte diesen ab mit der Begründung, dieser stünde im Wider­spruch zum Arbeitsansatz der Ortskirche.

4. Tag

Treffen mit Vertretern von UNO-Institutionen: Alfredo Witschi-Cestari, UNDP; Roberto Meier UNHCR (UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge) und Michael Frühling, Direktor des permanenten Büros des UNO-Hochkommissariats für Menschenrechte in Kolumbien

Besuch bei Francisco Santos, Vizepräsident von Kolumbien

Treffen mit Vertretern der Zivilgesellschaft:

·Nestor Eugenio Ramirez: Bürgermeister von Manizales und Präsident der Föderation Kolum­bianischer Gemeinden

·Gilberto Toro: Direktor der Föderation kolumbianischer Gemeinden

·Roberto Ortegón Yañez: Präsident der nationalen Planungskommission DNP

·Mario Gómez Jiménez: Direktor der Stiftung "Restrepo Barco"

·Luis Carlos Villegas: Präsident der nationalen Vereinigung der Unternehmer in Kolumbien (ANDI)

Die strukturierte und analytische Darstellung der UNO-Vertreter erlaubte uns, die in den Regionen erhaltenen Eindrücke in grösseren Zusammenhängen zu verstehen. Der UNO-Auftrag in Kolumbien ist sehr wichtig und darf auf keinen Fall wegfallen, steht aber durch die Haltung der Regierung Uribe, welche den internen bewaffneten Konflikt und die humanitäre Krise leugnet, auf dem Spiel.

Der Besuch beim Vizepräsidenten Santos glich mehr einem schlechten Theater als einem offiziellen Be­such. Erst mal liess er die Gruppe 15 Minuten warten, um dann, nach einer Begrüssungszeremonie gleich wieder raus zu gehen und einen Handyanruf zu erledigen, was weitere 10 Minuten Wartezeit mit sich brachte. Dementsprechend war anschliessend die Stimmung. Inhaltlich lehnte Santos jede staatliche Verantwortung für eine nationale Unruhe ab. Europa gehöre u.a. zu den Schuldigen für diese Unruhe, denn mit seinen Subventionen der Landwirtschaft mache es die kolumbianischen Bauern konkurrenzun­fähig.

Die Vertreter der Zivilgesellschaft zeigten auf eindrückliche Art und Weise auf, welche wirtschaftlichen Verluste mit dem internen Konflikt verbunden sind. Ihr Interesse liegt vor allem daran, Kolumbien zu einem Land zu machen, wo leicht und gerne investiert wird.

5. Tag

- Frühstück mit Volmar Antonio Pérez, Defensor del Pueblo (Ombudsmann)

- Gespräch mit UNICEF-Direktor Manuel Manrique

- Treffen mit Alianza de Organizaciones Sociales y Afines

- Mittagessen mit Senator Carlos Gaviria

- Besuch beim Nuntius Monseñor Beniamino Stella / Besuch bei SUIPPCOL[8]

- Treffen mit dem Friedensbeauftragten Luis Carlos Restrepo

Die Worte des Ombudsmannes lösten bei mir Enttäuschung aus. Er schien vollkommen unvorbereitet gewesen zu sein, oder ihn interessierte seine Darstellung wenig. Weder inhaltlich noch strategisch wurden prägnante Aussagen gemacht. Seine Aufgabe ist schwierig: Vom Staat zur Kontrolle des Staates eingesetzt.

Umso mehr brillierte Manuel Manrique mit seinem Referat. Auf professionelle Art und Weise stellte er das Problem der Kinderrekrutierung, der Kindersoldaten und der Resozialisierung ehemaliger Kindersoldaten dar. Die dargelegten Zahlen sind erschütternd. [9]

Die Alianza de Organizaciones Sociales y Afines kam mit zirka 20 VertreterInnen. Die knapp berechnete Zeit für dieses Treffen erlaubte weder einen vertieften Dialog noch eine klare Übersicht über die breit abgestützte Koalition dieser Allianz. Das Treffen glich einem Streiflicht einer allzu wichtigen Angele­genheit. Ich blieb mit einem schalen Nachgeschmack zurück, denn ich hätte mir mehr Zeit, mehr Tiefe und mehr unterstützendes Verständnis gewünscht.

Das vorgesehene Arbeitsmittagessen mit Senatoren und Parlamentsvertretern kam nicht zustande, da über das Gesetz Justicia y Paz - Gerechtigkeit und Friede debattiert wurde.

Einzig Senator Gaviria, Soziologe, Philosoph und Publizist verliess unseretwegen die Debatte. Mit kon­sequenter linker Sicht und gradliniger Logik stellte er seine Sicht der Dinge dar. Mit grösster Wahr­scheinlichkeit wird er an den kommenden Präsidentschaftswahlen kandidieren; weniger um Präsident zu werden, als um eine öffentliche Diskussion auszulösen.

Ruedi Baumann zog ein Treffen mit den SUIPPCOL-Koordinatoren Irma und Diego dem Nuntiusbesuch vor. In einer lockeren Atmosphäre erzählten Irma und Diego von den Fortschritten und Schwierigkeiten dieses Programms, während Ruedi Baumann sein Verständnis von direkter Demokratie beschrieb. Ich glaube, dieses Treffen brachte beiden Seiten interessante Erkenntnisse.

Nach langwierigen Kontrollen im Präsidentschaftspalast kam es zu einem kurzen Treffen mit dem Frie­densbeauftragten Luis Carlos Restrepo. Restrepo ist Psychiater. Aus seiner Sicht muss der Konflikt von der mentalen Ebene aus angegangen werden. Feindbilder sollten abgebaut werden. Neue, dialogfähige und einschliessende Bilder sollten in den kolumbianischen Köpfen entstehen. Ich frage mich: Wie wohl, wenn weder Gerechtigkeit, noch Wahrheit, noch Wiedergutmachung Themen sind.?

6. Tag

·Besuch in der Staatsanwaltschaft bei Edgardo Maya Villazón

·Gespräch mit VertreterInnen der Indigenen Embera Katios

·Mittagessen in den jeweiligen Botschaften

·Treffen mit Präsident Uribe

·Treffen mit der nationalen Versöhnungskommission

Da Edgardo Maya gleich mit seiner persönlichen Geschichte der Entführung und Ermordung seiner Frau ins Gespräch einstieg, löste er grosse Betroffenheit aus und erhielt Gehör bis Sympathie. Uns wurde dargelegt, wie sehr der Staatsanwaltschaft durch das Uribe-Staatsprogramm die Hände gebunden sind, so dass es sich schon fast nach Opferhaltung anhörte. Wenige Tage vor unserer Reise wurde das Massaker in San José de Apartadó verübt.[10] Laut Maya war klar, dass die Täterschaft unter den Militärs gesucht werden müsse. Im gesamten Gespräch gab es für mich mehrere Widersprüchlichkeiten und unklare Botschaften und Aussagen. Oder verstand ich diese kodierte Sprache zu wenig?

Die Indigenen Embera Katios besetzten seit mehreren Wochen das Hauptgebäude des Nationalen Dach­verbandes der Indigenaorganisationen ONIC und forderten einen Dialog mit dem Staat über die Mega­projekte der Staudämme. Sie stellten uns ihre Probleme mit einer perfekt ausgearbeiteten Power-Point-Präsentation auf Englisch vor. Es mutete etwasseltsam an, die bunt geschmückte, weisse Embera Frau im feinen Hotel-Salon mit dieser Art von Präsentation zu erleben. Doch gleichzeitig glaube ich, dass die in­ternationalen Beziehungen ihnen helfen, sich Gehör zu verschaffen.

An diesem Tag fanden die Botschaftstreffen statt. Ruedi Baumann und ich waren im Hause des Schwei­zerbotschafters Thomas Kupfer zum Mittagessen eingeladen. Mit dabei waren der Botschaftssekretär, der Koordinator der Humanitären Hilfe und ein Revisor aus der Schweiz. Wir wurden von Frau Kupfer traumhaft bedient und verwöhnt. Unsere Gespräche drehten sich um die Situation in Kolumbien, die Rolle der Schweiz und die Friedensbemühungen allgemein und im Speziellen durch SUIPPCOL. Mir schien, dass die offizielle Schweiz eine differenzierte Haltung der Situation gegenüber einnimmt, und dass sie bemüht ist, sich aktiv an den verschiedensten Interventionsmöglichkeiten zu beteiligen.

Nach den minutiösen Kontrollen beim Eintritt in den Präsidentenpalast trafen wir uns pünktlich um drei Uhr nachmittags mit Präsident Uribe und drei Begleitpersonen. Uribe begrüsste jeden einzeln mit einem Händeschütteln und wollte erst mal etwas über unsere Erfahrungen und Eindrücke hören. Die Gruppe hatte sich gut vorbereitet und die Themen verteilt. So entstand eine breite Palette von Themenkreisen. Bei der Frage nach der Menschenrechtssituation empörte sich Uribe, stand auf, stiess dabei seinen Stuhl um und wollte wütend den Saal verlassen. Die besänftigenden Worte von Monseñor Hector Fabio Henao hinderten ihn am Weggehen. Er präsentierte der Gruppe DIE offiziellen Zahlen zu den intern Vertriebenen, den eingeschulten Kindern, der Landverteilung usw. Eine einzige Erfolgsrechnung! Laut seiner Aussage sind alle andern uns vorgelegten Zahlen manipuliert. Auf die Frage, wie er die Rolle der Kirche sehe, wurde es plötzlich still im Saal. In einem fliessenden Englisch liess er uns wissen, dass er und sein Volk katholisch seien, und dass diese Tatsache der Grundstein zu einer neuen Ära sei, denn die Grundwerte der gemeinsamen Religion müssten neu aufgelebt werden. Seine ausholende Rede über die Kirche verbreitete eine andächtige Stimmung. Mir wurde plötzlich klar, dass dieser Mann mit mentalen Kräften die Leute einzunehmen versteht. Und dass dies bei einem leidenden Volk, wie dem kolumbianischen, gut ankommen muss. Es ist empfänglich für eine Vaterfigur wie Uribe. Und er setzt seine Fähigkeit gezielt ein. Damit wurde mir seine Popularität verständlicher.

Anschliessend an das Treffen erhielten wir eine Führung durch den Präsidentenpalast mit all seinen Sehenswürdigkeiten. Speziell zu erwähnen ist die Fotogalerie von Uribe, wo er auf beiden Seiten eines ca. 25 Meter langen Ganges in den verschiedensten Lebenssituationen abgebildet dargestellt ist.

Einmal mehr (wie oft hatten wir in diesen Tagen diese Strecke zurückgelegt?) ging's mit dem Bus, dem Blaulicht und unsern Schutzmännern durch ganz Bogotá hindurch zum Sitz der Bischofskonferenz, wo wir ziemlich erschöpft und müde uns der Versöhnungskommission zuwendeten. Diese Kommission gründete sich 1994 als eine der ersten interdisziplinären Zusammenschlüsse zum Thema der Versöhnung. Sie nimmt eine wichtige Rolle in den Annäherungsgesprächen zwischen dem Staat und den bewaffneten Gruppen ein.

7. Tag

- Frühstück mit dem Botschafter der europäischen Kommission

- Pressekonferenz

Die EU präsentierte sich brillant mit Hochglanz-Broschüren und interessanten Zahlen. Es ist schwindel­erregend, welche Summen in Kolumbien eingesetzt werden - allerdings scheint es mit der Koordination nicht allzu gut zu klappen.

Zur Pressekonferenz kamen mehrere regionale und nationale Fernsehsender und Zeitungen. Die ParlamentarierInnengruppe äusserte sich klar über ihre Beobachtungen der Widersprüche in Sachen Erhebung von Zahlen und die jeweiligen damit verbundenen Aussagen. Die ParlamentarierInnen äusserten ihre Be­troffenheit, ausgelöst durch die Begegnungen mit internen Vertriebenen. Sie glaubten, die Ursachen des Konfliktes Kolumbiens besser nachvollziehen zu können. Sie kritisierten die massiven Menschenrechts­verletzungen und appellierten für eine konkrete und nachhaltige Verbesserung. Sie stellten sich dezidiert hinter die Kirche und dankten ihr für ihr Engagement und den ermöglichten Einblick. Und alle, unisono, versprachen, ihren Möglichkeiten entsprechend das Anliegen zur Verbesserung der kolumbianischen Si­tuation in ihre Parlamente zu tragen.

Schlussworte

Mir ist bewusst, dass der vorliegende Bericht unvollständig ist. Zum einen lässt der Platz keine ausführlichere Darstellung zu. Zum andern besteht meine Absicht nicht in einer analytischen Lagebeschreibung, sondern in einem Erlebnisbericht. Diese Reise bedeutete für mich ein Wechselbad von Stimmungen. Schon bald kristallisierten sich die Grundaussagen der drei Gruppen Staat, Zivilgesellschaft, Betroffene, heraus. Stets standen sie im Widerspruch zu einander. Das kann ja noch angehen. Was mich beunruhigt, ist die Frage: Wo können sich ihre Meinungen, ihre Sichtweisen und ihre Einflussnahme treffen? Wo gibt es gemeinsame Interessen, die ein Vorwärts ermöglichen? Wie weit unterstütze auch ich in meiner Haltung und Tätigkeit eine Verfestigung der Ab- und Ausgrenzung? Fragen, die mich unruhig und auch unsicher machen.

Das Ziel der Reise war, europäische ParlamentarierInnen für das Anliegen und die Aufgabe des SNPS zu gewinnen. Mir scheint, dieses Ziel wurde vollumfänglich erreicht. In derSchlussrunde kamen Stimmen zum Tragen, die andeuten, dass diese Erlebnisse in Kolumbien wahrscheinlich nicht so schnell vergessen werden. Dazu trug auch der entstandene Gruppengeist seinen Teil dazu bei. Und nicht zuletzt liegt es an uns Begleitpersonen und Mitgliedern des GTC, die gewonnene Sensibilität aufrecht zu erhalten und die ParlamentarierInnen für unsere Anliegen "warm" zu halten.

Teilnehmende: 10 ParlamentarierInnen aus 9 Länder und verschiedenen Parteien

Frankreich: Yolanda Boyar; Denis Badre
Italien: Giovanni Bianchi
Spanien: Adolfo Gonzalez
Schottland: Tom Clarke
Deutschland: Dorothee Friedrich
England: John Battle
Schweden: Kent Olsson
Norwegen Bjorn: Jakobsen
Schweiz: Ruedi Baumann

Dazu kamen acht Begleitpersonen und zusätzlich noch zwei VertreterInnen der Caritas Europa, eine Vertreterin der Caritas Internationalis, Mons. Héctor Fabio Henao, Direktor des SNPS und eine Assistentin.
Anzahl Teilnehmende: 23 Personen

Auszug aus dem Reisebericht von Ruedi Baumann

Den Drogenanbau will die Regierung mit Härte auf der Ebene des Anbaus und Handels bekämpfen. Offenbar finden nach wie vor fast täglich Sprühflüge statt, um die Kokaanpflanzungen zu zerstören. Angesichts des Grösse des Landes und der riesigen Urwaldflächen meines Erachtens ein schier unlösbares Problem. Eigentlich müsste die Drogenproblematik bei uns, bei den Konsumenten in den USA und Europa gelöst werden, beispielsweise durch den kontrollierten Anbau und Handel von Drogen. Allerdings ist diesbezüglich hier in absehbarer Zukunft weder in der europäischen Parlamentariergruppe, noch in der politischen Öffentlichkeit mit Zustimmung zu rechnen. Präsident Uribe macht auch nicht ganz zu unrecht die westliche Agrarpolitik mit ihren Exportsubventionen dafür verantwortlich, dass die Campesinos in Kolumbien mit der Nahrungsmittelproduktion keine Chance hätten. Dass die Schweiz auch mit ihrem Bankgeheimnis nach wie vor ein Imageproblem hat, kam bei den Gesprächen rund um die Drogengelder mit Regierungsleuten klar zum Ausdruck.

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[1] Mitglieder dieser Gruppe sind Caritas Schweden, Norwegen, Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland, Schweiz, Holland, England, Irland, Schottland und USA.

[2] Alianza de organizaciones sociales y a fines

[3] Siehe auch Monatsbericht März 2005: Die Geberkonferenz von Cartagena - Konnte die Zivilgesellschaft Schlimmeres verhindern?; www.askonline.ch

[4] Zum selben Zeitpunkt fand die erste Parlamentssession 05 statt, was Caritas Schweiz daran hinderte, eine aktive ParlamentarierIn für die Reise a zu gewinnen.

[5] DAS Departamento de administracion y seguridad - ein direkt dem Präsidenten unterstellter Sicherheitsdienst

[6] PNUD Programa de Naciones Unidas para el Desarrollo - UNO Entwicklungsprogramm UNDP

[7] Region, die bis zum Abbruch der Friedensverhandlungen zwischen der Regierung Pastrana und der FARC-EP im Februar 2003 von der FARC-Guerrilla verwaltet wurde.

[8] Friedensförderungsprogramm der Schweiz

[9] Nachlesbar in der offiziellen UNICEF-Broschüre

[10] Siehe Monatsbericht April 2005, Krieg den Friedensgemeinden!; www.askonline.ch

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