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Kolumbien-Monatsbericht No.05
Mai 2003

Multinationale Unternehmen und Menschenrechte in Kolumbien
Das Beispiel Nestlé

Von Stephan Suhner

Vom 30. März bis zum 5. April 2003 befand sich auf Einladung der ASK und weiterer Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Gewerkschaften eine kolumbianische Delegation in der Schweiz: Adriana und Paula von der Menschenrechtsorganisation Siempreviva und Maria von der Lebensmittelgewerkschaft SINALTRAINAL* und Angestellte bei Nestlé. Siempreviva ist eine NGO, die sich speziell dem Recht auf Nahrung aus indigener Perspektive widmet, und dazu Themen wie den Plan Colombia, Megaprojekte und ausländische Investitionen untersucht. Am 2. April 2003 begleitete uns auch der bekannte Menschenrechtsverteidiger Alirio Uribe, der in der Schweiz weilte, um den prestigeträchtigen Menschenrechtspreis Martin Ennals in Empfang zu nehmen.

Allgemeine Ziele des Aufenthaltes in der Schweiz waren, die Situation der durch multinationale Unternehmen begangenen Menschenrechtsverletzungen bekannt zu machen, Unterstützung für das Projekt eines Observatoriums für multinationale Unternehmen und Menschenrechte zu suchen und Kontakte zu sozialen Organisationen der Schweiz zu knüpfen. Speziell ging es auch darum, über die andauernden Konflikte und die Verletzung der Arbeitsrechte bei Nestlé de Colombia zu informieren. So standen Kontakte mit der Internationalen Lebensmittel­gewerkschaft IUL und mit Schweizer Gewerkschaften ebenso auf dem Programm wie ein Treffen mit Schweizer NGOs. Ein interess­anter Meinungsaustausch fand auch bei einem Treffen mit Vertretern des Departements für Auswärtige Angelegenheiten EDA und dem Staatssekretariat für Wirtschaft SECO statt. Nebst zahlreichen Pressekontakten und öffentlichen Vorträgen stand eine kleine Demonstration vor der Aktionärsversammlung der Nestlé im Vordergrund unserer diesbezüglichen Aktivitäten.

Nestlé in Kolumbien - unlautere Gewinne?

Seit 1948 ist Nestlé in Kolumbien mit eigenen Fabriken vertreten, in denen bald auch Betriebsgewerkschaften entstanden, die sich 1982 gegen den Widerstand der Nestlé S.A. zur Gewerkschaft SINALTRAINAL zusammenschlossen. In einem langen gewerkschaftlichen Kampf erreichten sie die heute relativ guten Arbeitsbedingungen bei Nestlé. Diese Errungenschaften bezahlte die Gewerkschaft jedoch mit massiver Repression und Verfolgung. Einige ihrer Mitglieder kamen ums Leben, wobei keiner dieser Fälle gerichtlich aufgeklärt wurde.

Nestlé erwirtschaftete 2002 7,56 Milliarden Franken Gewinn und ist damit eines der rentabelsten "Schweizer" Unternehmen. In Kolumbien wird Nestlé jedoch von Politikern, Nichtregierungsorganisationen und SINALTRAINAL beschuldigt, die Umwelt zu verschmutzen, verunreinigte oder abgelaufene Rohstoffe zu verwenden, den Milchpreis massiv zu drücken sowie Arbeits- und Gewerkschaftsrechte zu missachten. Kolumbien ist kein Einzelfall: Nestlé hat ein weltweites, aggressives Kostenreduktionsprogramm lanciert, mit dem sie bis 2006 5,5 Milliarden Franken sparen will. Das Problem liegt v.a. darin, dass die Umsetzung dieses Spar­programms im Kontext des kolumbianischen Konfliktes gravierendere Folge für die Gewerkschaft hat als in anderen Ländern. Nestlé scheint sich dieses Problems jedoch nicht bewusst zu sein und verweigert ein Gespräch mit Vertretern der kolumbianischen Gewerkschaft in Vevey mit dem Argument, dass es sich um einen normalen Arbeitskonflikt handelt, wie er in jeder ihrer 500 Fabriken vorkommen könne. Ich habe mich mit Maria über die aktuelle Situation bei Nestlé de Colombia unterhalten1.

Das soziale Observatorium zu multinationalen Firmen, Megaprojekten und Menschenrechten

Das Observatorium beruht auf einer Idee der Gewerkschaft SINALTRAINAL, wurde anlässlich der Konferenz zu multinationalen Unternehmen (MNU) und Menschenrechten von Anfang Dezember 2002 in Bogotá lanciert und wird momentan von folgenden Organisationen mitgetragen: SINALTRAINAL, Corporación Siempreviva, Anwaltskollektiv José Alvear Restrepo, Nationales Gewerkschaftsinstitut CED-INS und die Bergbaugewerkschaft SINTRAMINERCOL. Dieses Projekt befindet sich zur Zeit in einer Phase der Bekanntmachung, weitere soziale Organisationen wie Indigene und Kleinbauernorganisationen sowie weitere Gewerkschaften zeigten ihr Interesse an einer Mitarbeit. Durch die Zusammenarbeit zwischen Basis­organisationen einerseits und Menschenrechtsorganisationen und AkademikerInnen andererseits soll der gegenseitige Wissenstransfer intensiviert werden, was zu einer Stärkung der sozialen Organisationen führen wird. Diese sollen ein Bewusstsein dafür entwickeln, welche ihrer Rechte durch Investitionen von MNU verletzt werden, und wie sie sich dagegen wehren können. Das Observatorium ist deshalb als permanenter sozialer Prozess ausgerichtet, der die Aktivitäten der MNU beobachtet und die Gemeinschaften in ihrem zivilen Widerstand stärkt.

In einer ersten Phase geht es darum, gemeinsam mit den betroffenen Organisationen und Gemeinschaften vertiefte Untersuchungen zu Menschenrechtsverletzungen durchzuführen, die durch Megaprojekte und MNU verursacht werden, um die bisher verstreuten Anstrengungen und Forschungsarbeiten zu koordinieren und zu systematisieren. Diese Untersuchungen erfolgen sowohl nach wirtschaftlichen Sektoren (Bergbau, Erdöl, Biodiversität, Dienstleitungen, etc.) wie auch nach Regionen. Mittels Kommunikations- und Bildungsstrategien soll das erarbeitete Wissen national und international bekannt gemacht, die Gemeinschaften in ihren Widerstandsformen sowie die internationale Solidarität durch konkrete Partnerschaften gestärkt werden. Im Laufe des Prozesses sollen auch Vorschläge erarbeitet werden, wie die Präsenz der MNU in Kolumbien zum Nutzen des Landes und der betroffenen Gemeinschaften reglamentiert werden kann, und nicht zuletzt sollen juristische Massnahmen gegen MNU eingeleitet werden, die in Kolumbien Menschenrechte verletzen.

Interview mit Maria von SINALTRAINAL

Maria, worin bestehen eigentlich die Probleme bei Nestlé de Colombia heute?

Nestlé hat bei einem Treffen mit der Gewerkschaft erklärt, was ihre Geschäftsstrategie für Lateinamerika ist: 50%ige Reduktion der Löhne, Restrukturierung der Produktionsabläufe, Auslagerung gewisser Arbeiten und Produktionsschritte an Jobbörsen und Temporärbüros, Frühpensionierung "alter und unrentabler" Mitarbeiter, etc. Mit diesen Massnahmen will Nestlé erreichen, dass sie mit ihren Produkten den ersten oder zweiten Platz auf den Märkten erreicht und ihre Profite massiv steigern kann. In Bezug auf die drei Fabriken in Kolumbien behauptet Nestlé, sie seien nicht rentabel und droht damit, diese zu schliessen, wenn wir nicht in Massnahmen einwilligen, die die Produktionskosten massiv senken. Nestlé benutzt die normalen Erneuerungsverhandlungen der Gesamt­arbeits­verträge, um diese Strategie durchzusetzen. In der Fabrik Cicolac in Valledupar begannen die Verhandlungen im März 2002, nachdem wir im Februar unseren Forderungskatalog präsentierten. Bis jetzt war eine einvernehmliche Lösung nicht möglich. Vielmehr setzt Nestlé ihre Forderungen unter massiver Druckausübung unilateral durch, während die Gewerkschaftsmitglieder entweder entlassen oder beispielsweise von Paramilitärs bedroht werden. In den beiden anderen Fabriken in Dos Quebradas (Risaralda) und Bugalagrande (im Valle) hat Nestlé vor Ablauf des gültigen Gesamtarbeitsvertrages die Arbeiter zu Neuver­handlungen aufgerufen. Unter massivem Druck - Drohung mit Entlassungen oder Schliessung von Produktionszweigen oder gar ganzen Fabriken - hat Nestlé wesentliche Ziele erreicht. Die Verhandlungen beschränkten sich auf wirtschaftliche Fragen (Lohnerhöhung und ähnliches); gewerkschafts- und arbeitspolitische Fragen wurden nicht erörtert. Bis jetzt gab es normalerweise eine Lohnerhöhung im Umfang der Inflation plus ein Prozentpunkt extra; dieser wurde nun gestrichen. Ebenso hat Nestlé ein wichtiges Element der Arbeitsplatzstabilität gestrichen, nämlich die Bestimmung, dass höchstens 31% der Belegschaft befristete Angestellte sein dürfen.

Was bedeutet diese Situation des Arbeitskonfliktes in rechtlicher Hinsicht?

Ein Gesamtarbeitsvertrag hat eine Gültigkeit von zwei Jahren, danach muss ein neuer ausgehandelt werden, ausser beide Seiten stimmen der Verlängerung zu. Kommt es innerhalb der vorgesehenen Verhandlungsfristen zu keiner Einigung, kann die Gewerkschaft einen Streik ausrufen, oder aber auch ein Arbeitsschieds­gericht verlangen. Wegen massiven Drohungen in Valledupar hatten wir auf den Streik verzichtet und uns für das Schiedsgericht entschieden. Dessen Resultat ist aber ungewiss, zumal eine ehemalige Anwältin der Nestlé Vizearbeitsministerin und die ehemalige Personalchefin bei Cicolac nun als Regionaldirektorin u.a. für Valledupar zuständig sind. Ein Beispiel: Im Juli 2002 haben einige Arbeiter bei Cicolac den Eingang blockiert, um den Temporärangestellten den Zugang zu verwehren, da Nestlé mit diesen die entlassenen Arbeiter ersetzen wollte. Eine lokale Beamtin des Arbeitsministeriums kam dann, um den angeblichen Streik zu verifizieren. Sie stellte fest, dass kein Produktionsausfall vorlag und der Streik somit nicht illegal war. Trotzdem wurde in Bogotá eine Verfügung erlassen, dass der Streik illegal gewesen sei. Dies erlaubte es Nestlé, ganz "legal" Arbeiter zu entlassen. Das verletzte unsere Arbeitsrechte massiv. Ebenso ist es eine Rechtsverletzung, wenn Nestlé den Gesamtarbeitsvertrag bei Cicolac nicht mehr anerkennt und ihre eigenen Vorstellungen durchsetzt. Solange keine Einigung zustande kommt, gilt nämlich der alte Vertrag weiter, und Gesamtarbeitsverträge haben Gesetzescharakter.

Aber Nestlé betont ja immer ihre Gesprächbereitschaft, und wie ich gehört habe, war der für Lateinamerika zuständige Generaldirektor vor kurzem in Kolumbien!

Ja, es stimmt, der Generaldirektor kam nach Kolumbien. Er hat aber nicht zu einem besseren Verhältnis beigetragen, sondern eigentlich den Druck nur weiter erhöht. Er hat gesagt, die Firma sei daran interessiert, in Kolumbien zu bleiben und Milch zu produzieren, aber die Kosten seien zu hoch. Nestlé sei verhandlungsbereit, aber nur innerhalb der Vorgaben der Firma. Ansonsten könnten sie auch anderswo produzieren. Das ist für uns kein guter Start für Verhandlungen. Ausserdem versuchte er, die Arbeiter gegen die Gewerkschaftsführung auszuspielen, aber zum Glück hat die Belegschaft im Sinne der Gewerkschaftsführung geantwortet.

Anscheinend wurden bei Nestlé de Colombia immer wieder abgelaufene oder verunreinigte Produkte konfisziert. Was kannst Du uns dazu sagen?

Immer wieder mussten in letzter Zeit Produkte und Rohstoffe der Nestlé beanstandet werden, und das Nationale Institut für Lebensmittelkontrollen INVIMA hat schon Kaffee, Teigwaren, Getreideprodukte, etc. beschlagnahmt. Nestlé verweigerte den Gesundheitsbehörden auch schon den Zutritt, nachdem beispielsweise die Gewerk­schaft Verunreinigungen kritisierte. Besonders stossend war aber, dass Nestlé in flagranti erwischt wurde, wie sie importiertes, abgelaufenes Milchpulver mit neuen Produktionsdaten neu etikettierte. Dies wurde vom Sicherheitsdepartement DAS aufgedeckt, in der Presse publiziert und im Parlament verurteilt. Trotzdem wird nun die Gewerkschaft dafür verantwortlich gemacht, und Nestlé rechtfertigt damit weitere Entlassungen.

Maria, ich danke dir für dieses Gespräch.

Eindrücke von der Aktionärsversammlung

Am 3. April 2003 fand im Palais de Beaulieu in Lausanne die Aktionärsversammlung der Nestlé S.A. statt, wo deren "Glanzresultat" präsentiert wurde. Eine Gruppe von Demonstranten der ATTAC, der GBI und anderer kleiner Solidaritätsgruppen versuchte, mit Transparenten und unserer Petition an diesem Glanz zu kratzen. Die Demonstration mit 25 Teilnehmern verlief friedlich, das Polizeiaufgebot war aber sehr gross. Viele Aktionäre verhielten sich sehr feindlich, wollten die Petition nicht in Empfang nehmen oder beschimpften uns sogar. Einige lasen die Petition aber inter­essiert und schienen sich sogar einige Gedanken dazu zu machen.

Ich wurde von der Gewerkschaft Bau und Industrie bevollmächtigt, an der Ver­samm­lung teilzunehmen und zu Kolumbien zu reden. Als dann nach längerer Selbst­darstellung von Rainer E. Gut den Redewilligen das Wort erteilt wurde, sprach als erstes Sophie de Rivaz von der kritischen Aktionärsgruppe ACTARES, die von der ASK über die Vorfälle in Kolumbien informiert worden war. ACTARES sei über den lang andauernden Arbeitskonflikt und über den fehlenden Schutz für Gewerk­schafter in Kolumbien besorgt. Unverständlich sei auch die Verwendung abgelaufe­ner Produkte durch Nestlé in Kolumbien. Im Vorwort des Nachhaltigkeitsberichtes betone Nestlé die Prinzipien der Offenheit, Transparenz und ein offenes Ohr für die Angestellten. ACTARES verlange eine Erklärung der Nestlé, wie sie derartige Prinzi­pien verkünde, aber gleichzeitig einer kolumbianischen Gewerkschafts­delegation ein Treffen in Vevey verweigere. Die Situation in Kolumbien verdiene von Nestlé mehr Offenheit und ein Ohr für die Arbeiter.

Nach einer ersten Antwort von Carlos E. Represas, Generaldirektor für Latein­amerika, ergriff ich das Wort, und kam nochmals auf die Gesprächsverweigerung der Nestlé zurück. Ich legte dar, weshalb in unseren Augen der Arbeitskonflikt in Kolumbien das Niveau eines normalen Arbeitskonfliktes übertreffe. Da Nestlé die Schuld an tiefen Milchpreisen der Gewerkschaft zuschob, wird diese in Valledupar, das praktisch vollständig von Paramilitärs kontrolliert wird, massiv bedroht. In einem Klima der Intoleranz und vor dem Hintergrund verschiedener sich verschärfender sozialer, politischer und bewaffneter Konflikte sei ein derart langer Arbeitskonflikt für eine Gewerkschaft ein grosses Risiko. Wir hatten die Hoffnung, dass ein Gespräch in Vevey Missverständnisse klären und verlorenes Vertrauen wieder herstellen könnte. Deshalb erbat ich nochmals ein Gespräch für Vertreter von SINALTRAINAL in Vevey. Ebenso verwies ich darauf, dass trotz weiterlaufender Gespräche eine Lösung immer noch weit entfernt sei, und thematisierte das Problem der Neuetiket­tierung der abgelaufenen Milch. Gleichzeitig stellte ich aber klar, dass es uns nicht darum geht, Nestlé einfach anzuschwärzen, noch sie aus Kolumbien zu vertreiben, da sie bisher ein relativ guter Arbeitgeber gewesen sei. Wir würden jedoch nicht verstehen, wie ein weltweites Unternehmen mit derartigen Gewinnen in einem Land mit einer tiefen sozialen Krise und geprägt von hohem Gewaltniveau auf derart aggressive Weise Kostenoptimierung betreiben muss. Wir würden das Verhalten Nestlés in Kolumbien deshalb als konfliktfördernd erachten.

Represas antwortete auf unsere Interventionen, dass Nestlé seit bald 60 Jahren in Kolumbien aktiv sei, immer Gewerkschaften gehabt habe und immer in gutem Glauben mit diesen verhandelt habe. Zeichen dafür sei ja, dass sie im Falle der CICOLAC schon seit 13 Monaten mit SINALTRAINAL verhandeln. Ausserdem verwies er auf den überdurchschnittlich hohen Grad gewerkschaftlicher Organisa­tion, nämlich 47% bei Nestlé de Colombia allgemein, und 76% bei CICOLAC im Besonderen, während die Konkurrenz meistens gar keine Gewerkschaften dulde. Die Verhandlungen bei CICOLAC sollten dazu führen, die Produktionskosten zu senken und die Fabrik so wirtschaftlich gangbar zu machen. Ein wesentliches Problem für Nestlé sei, dass SINALTRAINAL keine reine Betriebsgewerkschaft von Nestlé sei, sondern auch Arbeiter bei Coca Cola und verschiedenen nationalen Lebensmittelfabriken vertrete. So sei beispielsweise der Präsident von SINAL­TRAINAL Angestellter bei Coca Cola. Dies erkläre mit Leichtigkeit, weshalb Nestlé von dieser Gewerkschaft so wenig Verständnis für notwendige Massnahmen erhalte, die ja nur die wirtschaftliche Zukunft der Fabrik garantieren sollen.

Weiter legte Represas dar, dass es juristisch unmöglich sei, über ein kolumbia­nisches Unternehmen mit einer kolumbianischen Gewerkschaft in der Schweiz zu verhandeln. Diese Verhandlungen müssten in Kolumbien geführt werden, da sie auf die dortigen gesetzlichen Besonderheiten abgestimmt sein müssten, und nur der Generaldirektor von Nestlé de Colombia autorisiert sei, Verträge und Abkommen auszuhandeln und zu unterzeichnen. Nestlé sei aber weiterhin gesprächsbereit, und es liege ihr viel daran, die Verhandlungen zu einem Abschluss zu bringen, der sowohl die soziale Harmonie als auch die Rentabilität der Fabrik garantiere. Er sei nach Kolumbien gegangen und habe sich mit den Arbeitnehmervertretern getroffen, um sie davon zu überzeugen, bei der Suche nach Lösungen mitzuhelfen, und habe auch von der Nestléführung in Kolumbien Nachgiebigkeit verlangt. Er sei dabei bei den Arbeitern auf viel Verständnis gestossen. Nestlé trage seit bald 60 Jahren zur sozialen und wirtschaftlichen Stabilität Kolumbiens bei, und habe dieses Land in den schwierigsten Momenten seiner Geschichte begleitet. Wegen des bewaffneten Konfliktes sei es in Kolumbien schwieriger als in anderen Ländern, Geschäfte zu tätigen, aber Nestlé habe sich immer um strikte Neutralität bemüht. Es gebe tat­sächlich ein Sicherheitsproblem in Valledupar, und dies sei mit ein Grund gewesen, warum er dorthin gereist sei.

Represas ging dann auch auf die Frage der Milchpulver ein. Nestlé versorge sich im Wesentlichen mit kolumbianischer Frischmilch und habe 4500 Molkereien als Lieferanten. Dabei hätte Nestlé den Kauf von Frischmilch von 48 Millionen Litern im Jahre 1996 auf 187 Millionen Liter im Jahr 2002 erhöht. Gleichzeitig sei der Import von Pulvermilch zurück gegangen, nämlich von 7463 Tonnen im Jahre 2001 auf 5740 Tonnen im Jahre 2002. Diese Importe dienten hauptsächlich der Herstellung von Exportprodukten und sollten mithelfen, die Wettbewerbsfähigkeit der kolumbiani­schen Exportindustrie zu stärken. Im Jahr 2002 seien auch 1005 Tonnen Milchpulver aus Uruguay importiert worden. Dabei habe es tatsächlich ein Problem gegeben: auf den Importdokumenten sei das korrekte Produktions- und Verfalldatum angegeben gewesen. Auf den Aussenverpackungen der 25kg-Säcke sei jedoch ein falsches Verfalldatum aufgedruckt gewesen. Nestlé habe deshalb die äussere Verpackung gewechselt und dabei das korrekte Verfalldatum aufgedruckt. Es sei klar ein Fehler gewesen, die zuständigen kolumbianischen Behörden darüber nicht informiert zu haben. Unabhängige Experten wie auch die kolumbianischen Gesundheitsbehörden hätten jedoch bestätigt, dass dieses Milchpulver in einwandfreiem Zustand gewesen sei und für die Konsumenten nie ein Risiko bestanden habe.

Dies ist nach Auskunft von Personen, die schon seit Jahren an die Aktionärsver­sammlung gehen, das erste Mal, dass Nestlé irgend einen Fehler zugebe. Die Antwort befriedigt trotzdem nicht, erklärt sie doch nicht, warum nebst dem Verfalldatum auch die Angabe des Produktionsortes geändert wurde, und zwar wurde ein kolumbianischer Produktionsort aufgedruckt. Insgesamt waren die Antworten von Represas unbefriedigend. So wurde nie verlangt, in Vevey konkrete Verhandlungen über die Arbeitsbedingungen und den Gesamtarbeitsvertrag zu führen. Es wäre darum gegangen, auf höchster Ebene die in Kolumbien bestehen­den Probleme zu erörtern und eventuell den Verhandlungen neuen Schwung zu geben. Es scheint, dass Nestlé im Hinblick auf die Aktionärsver­sammlung ihre Gesprächsverweigerung in eine juristische Hülse verpackt hat. Wie es die Vertreterin von ACTARES aber ausdrückte, wiederspricht es dem Prinzip des offenen Ohrs für die Arbeiter, diese nicht zu empfangen. Auch ist nach Angaben der Gewerkschaft der Verhandlungswille der Nestlé nicht so gross, wie es Nestlé darstellt. Die Verhandlungen finden unter massivem Druck statt, und die "Lösungsangebote" der Firmenleitungen werden von der Gewerkschaft eher als Drohungen aufgefasst. Represas war ja auch an der Aktionärsversammlung zwar diplomatisch, aber klar in seiner Aussage, dass Nestlé die Produktion in Kolumbien aufgeben und zum reinen Importeur werden müsse, wenn die Produktionskosten nicht gesenkt und die Fabriken dadurch wieder konkurrenzfähig werden . SINALTRAINAL ist jedoch überzeugt, dass die Fabriken in Kolumbien sehr wohl rentabel sind. Da mich die Antwort von Represas nicht befriedigte, ergriff ich noch ein zweites Mal das Wort, wurde zu Beginn aber massiv ausgepfiffen und ausgebuht. Gab es bei meiner ersten Intervention noch verhaltenen Applaus, war es nach der zweiten Intervention komplett still. Trotzdem hat es sich gelohnt, vor über 2000 Personen darlegen zu können, wie die Situation bei Nestlé de Colombia ist. Der Druck nimmt klar zu: nebst Actares und mir hat auch ein Kleinaktionär das Wort ergriffen und Nestlé u.a. wegen Kolumbien kritisiert und dabei die von uns lancierte Petition1 und die Demonstration vor dem Gebäude erwähnt.

Wir werden deshalb versuchen, in den nächsten Wochen den Druck auf Nestlé weiter zu erhöhen und schliessen auch rechtliche Schritte - z.B. eine Klage beim SECO gestützt auf die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen - nicht aus. Anschliessend finden Sie eine von uns lancierte Petition, mit der Bitte, diese zu unterschreiben und an uns zurückzusenden.

Der grösste Nahrungsmittelkonzern der Welt, das Schweizer Unternehmen Nestlé, ist hochrentabel: bei Verkäufen von über 90 Milliarden Franken machte Nestlé 2002 einen Nettogewinn von 7.56 Milliarden Franken. Wie werden solche Gewinne erzielt? In Kolumbien beispielsweise führen die Geschäftspraktiken von Nestlé zur Verletzung von Gewerkschafts- und Arbeitsrechten, zu Umweltverschmutzung und fragwürdiger Produktqualität und zur Verschärfung der sozialen Spannungen.

Seit Februar 2002 gibt es in der Nestlé-Fabrik Cicolac in Valledupar keinen Gesamtarbeitsvertrag mehr: nachdem der bestehende Vertrag abgelaufen war, weigerte sich Nestlé, einen neuen auszuhandeln und beharrt auf der einseitigen Durchsetzung eines wesentlich reduzierten Vertrages, wodurch viele der errungenen Rechte der Arbeiter und Arbeiterinnen verloren gingen.

Im Zusammenhang mit dem Arbeitskonflikt hat Nestlé im Oktober 2002 mehrere Gewerkschaftsführer und Arbeiter der Fabrik Cicolac entlassen. Anstatt auf eine Lösung des Konflikts hinzuarbeiten, setzt Nestlé auf Repression.

Nestlé importiert in grossen Mengen Milchpulver aus Argentinien und Uruguay, obwohl die kolumbianischen Milchbauern genug Frischmilch produzieren. So kann Nestlé unter Ausnutzung von Import- und Exportsubventionen massiv Kosten sparen und den Milchpreis gegenüber den kolumbianischen Produzenten drücken.

In den vergangenen Monaten wurden immer wieder verunreinigte Nestlé-Produkte blockiert. Der neuste Skandal: über 300 Tonnen abgelaufenes Milchpulver wurde von kolumbianischen Behörden beschlagnahmt - das abgelaufene Milchpulver war mit neuem Verfalldatum markiert worden. Mit solchen Praktiken verstösst Nestlé nicht nur gegen die eigenen Unternehmensgrundsätze, sondern auch gegen kolumbianische Gesetze, welche sowohl Etikettenfälschungen als auch Wiederverwertung von abgelaufenen Produkten verbieten. Auch mit der Entsorgung ihrer Abwässer verletzt Nestlé kolumbianische Umweltnormen. Solche Geschäftspraktiken gefährden die Gesundheit der Bevölkerung.

In ihren Unternehmensgrundsätzen hält Nestlé fest, dass sie im Bereich Menschenrechte ein Vorbild sein wolle und Wert auf eine soziale Entwicklung in den Regionen, wo sie tätig ist, lege. Im Zusammenhang mit dem Arbeitskonflikt in Valledupar ist es jedoch zu Morddrohungen gegen Gewerkschaftsmitglieder gekommen, ohne dass sich Nestlé klar von diesen Drohungen distanziert hätte. Ihre auf Gewinnmaximierung ausgelegte Geschäftspolitik in Kolumbien erhöht die bestehenden sozialen Spannungen in einem von Bürgerkrieg geplagten Land.

Als eine Gewerkschaftsdelegation aufgrund der verfahrenen Situation in Kolumbien im Oktober 2002 das Gespräch mit Vertretern von Nestlé International in der Schweiz suchte,verweigerte Nestlé das Gespräch trotz einer Intervention von Seiten des Eidg. Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Im März 2003 verweigerte Nestlé ein solches Gespräch ein zweites Mal. Auch diese Dialogverweigerung steht im Widerspruch zu den Unternehmensgrundsätzen, worin von offener Kommunikation und Einbezug der Mitarbeitenden auf allen Ebenen die Rede ist.

Wir fordern deshalb von Nestlé:

- Dass sie die bisherigen Arbeits- und Gewerkschaftsrechte in all ihren Fabriken in Kolumbien respektiert, von einseitigen Massnahmen zur Beschränkung derselben absieht und die entlassenen Gewerkschafter wieder einstellt,

- Dass sie die kolumbianischen Gesetze in den Bereichen Umweltschutz und Sicherheit der Nahrungsmittel einhält,

- Dass sie ihre eigenen Unternehmensgrundsätze und dabei insbesondere ihre Grundsätze über ihre Beziehungen zur Gewerkschaft, zu Menschenrechten und im Bereich der Umwelt und Produktqualität, unter besonderer Berücksichtigung der Konfliktsituation Kolumbiens, vollumfänglich erfüllt,

- Dass sie öffentlich jegliche Gewaltausübung oder Drohung gegen Gewerkschaftsmitglieder und Nestléarbeiter/-innen verurteilt und die demokratische Legitimation der Gewerkschaft innerhalb der Sozialpartnerschaft anerkennt.

Name
Adresse
Ort
Unterschrift

Bitte einsenden an: Kampagnen-Koordination, Postfach 520, 3000 Bern 9.
Infos: www.colonialismo.ch

*Die Namen wurden aus Sicherheitsgründen geändert.

1Ausführliche Informationen zu Nestlé in Kolumbien finden Sie auf unserer Homepage www.askonline.ch oder können bei askbern@tiscalinet.ch oder 031 311 40 20 angefordert werden.

1Am Ende dieses Berichtes auf den Seiten 7 und 8 finden Sie die erwähnte Petition, die Sie abtrennen, unterzeichnen und an die angegebene Adresse senden können.

 

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