Kolumbien-Monatsbericht No. 03
Juni 2003
Mehr soziale Gerechtigkeit dank neoliberalen
Reformen?
von Stephan Suhner
Die Regierung Uribe hat sich in sozialer
und wirtschaftlicher Hinsicht mit ihrem Entwicklungsplan Hacia
un Estado comunitario hehre Ziele vorgenommen. Doch sind diese
Ziele mit den vorgeschlagenen Massnahmen erreichbar?
Will sie die Regierung Uribe überhaupt erreichen? Linke
Stimmen erwarten das pure Gegenteil.
Schöne Rhetorik...
Präsident Uribes neoliberales Traumgebilde
ist der kommunitäre Staat: dieses Gebilde sollte die
Bevölkerung an der Erreichung der sozialen Ziele
teilnehmen lassen, die vorhandenen Mittel effizient und sparsam
einsetzen und die Autonomie der Regionen fördern. Korruption
und Koexistenz mit der Gewalt sollen im neuen Staat nicht
mehr geduldet werden. Der Wirtschaft soll wieder zu anständigem
Wachstum verholfen werden, um so Arbeitsplätze im formellen
Sektor zu schaffen und die Armut zu bekämpfen. Der Entwicklungsplan[1]
nennt drei Hauptgründe für das schwache Wachstum
der letzten Jahre: die Verschärfung der internen
Konfliktes (dieser kostet Kolumbien nach Regierungsangaben
2% Wachstum jährlich), die Schieflage der öffentlichen
Finanzen und die schlechten externen Bedingungen. Dementsprechend
hat die Wachstumsstrategie zwei Pfeiler: die Wiederherstellung
der öffentlichen Ordnung durch die Strategie der demokratischen
Sicherheit (siehe Monatsbericht November 2002) und die Sanierung
der öffentlichen Finanzen durch eine ganze Serie von
grösstenteils mit dem Internationalen Währungsfonds
abgesprochenen Reformen.
Von Uribes ehrgeizigem Reformprogramm sind
wesentliche Teile wie die Arbeits- und Rentenreform schon
vom Kongress verabschiedet worden sind. Weitere Reformschritte
sind längerfristig angelegt, so beispielsweise der Umbau
des Staates (Fusion oder Auflösung von verschiedenen
Ministerien und Verwaltungseinheiten, Reduktion der Anzahl
Staatsangestellter, Neuordnung des öffentlichen Beschaffungswesens
etc). Zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums erachtet die
Regierung private (ausländische) Investitionen als
sehr wichtig, und um diese zu fördern, sind Reformen
der Gesetzgebungen im Bergbaubereich, bei den öffentlichen
Dienstleistungen und in der Telekommunikation vorgesehen.
Mit diesen Reformen sollen jedoch zudem auch der eklatante
Rückstand in der Infrastruktur behoben und den Bürgern
bessere und günstigere Dienstleistungen geboten werden.
Kritisiert wird im Entwicklungsplan auch der rasche Anstieg
der Sozialausgaben in den 90er Jahren, ohne dass dieser zu
einer wesentlichen sozialen Verbesserung geführt habe.
Die Sozialpolitik der Regierung stehe deshalb vor der Herausforderung,
die Effizienz der Sozialausgaben durch die Fokalisierung auf
die Bedürftigsten zu steigern.
...erschütternde Realität
Was auf dem Papier gut tönt, sieht in
die kolumbianische Wirklichkeit umgesetzt jedoch ganz anders
aus. So möchte wohl niemand bestreiten, dass es an allen
Ecken und Enden Reformbedarf gibt, sowohl im Pensionssystem
wie im Gesundheitswesen als auch bei den öffentlichen
Dienstleistungen. Ebenso ist es notwendig, den Staat durch
Reformen effizienter, bürgernäher und kundenfreundlicher
zu gestalten. Das eben erwähnte Reformpaket verfolgt
jedoch ganz andere Ziele. Seit dem Wahlkampf wird von verschiedener
Seite denunziert, dass Uribe ein hartgesottener Neoliberaler
sei und das Land durch ihn dem ausländischen Kapital
und den Multis noch mehr geöffnet werde. Viele dieser
Befürchtungen haben sich schon bestätigt. Da Uribe
für seinen Erfolg auf Militär- und Finanzhilfe vor
allem der USA angewiesen ist, ist er an sich relativ leicht
erpressbar, kommt den Interessen der USA und des ausländischen
Kapitals aber auch relativ bereitwillig entgegen. So hat seine
Regierung als Gegenleistung für Militärhilfe oder
ungewisse Handelserleichterungen für Kolumbien schmerzhafte
Zugeständnisse gemacht. Im Tausch gegen die Andinen Zollpräferenzen
hat Uribe ein Dekret verabschiedet, das es der kolumbianischen
Pharmaindustrie während fünf Jahren verbietet, neue
Generikas herzustellen! Nach dieser Massnahme haben gewisse
Markenmedikamente Preissteigerungen von über 100% erfahren.
Die Regierung ist aber auch ausserordentlich
gut bestückt mit Personen, die vor einem guten halben
Jahr noch als Anwälte oder Manager die Interessen von
Multis verteidigten: Der Innenminister, Fernando Londoño
Hoyos, vertrat Multis in Verfahren gegen den kolumbianischen
Staat; Luz Estela Arango, Vizearbeitsministerin, war
Anwältin der Nestlé und ihre Direktionskollegin
im Arbeitsministerium, Ludmila Flores Malagón,
war vorher Personalchefin bei Nestlé, während
der Vizelandwirtschaftsminister vorher bei Syngenta arbeitete.
Anwälte namhafter Multis haben entscheidenden Einfluss
auf die kolumbianische Gesetzgebung (z.B. das neue Bergbaugesetz)
und auf die Verhandlungsstrategie Kolumbiens in Bezug auf
die Amerikanische Freihandelszone ALCA.
Andere wichtige Kabinettsmitglieder wie der
kürzlich tödlich verunglückte Sozial- und Arbeitsminister
Juan Luís Londoño hatten schon unter Gaviria
ähnliche Reformen durchgesetzt wie die heutigen. Uribe
selbst war mit seiner Bewegung "Demokratischer Liberalismus"
ein Verfechter neoliberaler Reformen wie der Gesetze Nr. 50
und Nr. 100 (neoliberal Arbeits- und Sozialreformen), die
für das kolumbianische Volk einschneidende Konsequenzen
hatten und als Gouverneur von Antioquia hat er sich 1997 mit
der Privatisierung von Aquantioquia hervorgetan. Mittels Unterhalts-
und Betriebsverträgen wurde die Wasserversorgung von
39 Gemeinden unter für die Gemeinden ungünstigen
Bedingungen privaten Investoren übergeben: Kurz
nach der Privatisierung kam es zu massiven Tariferhöhungen,
da die privaten Investoren nicht genug hohe Gewinne einfahren
konnten. Uribe nahm die Klage ungenügender Rentabilität
nach der Privatisierung von ehemals öffentlichen Dienstleistungen
und die Drohungen mit dem Rückzug aus dem Land sehr ernst:
Nach nur 15 Tagen im Amt rechtfertigte der Infrastrukturminister
Luis Ernesto Mejía hohe Tarifanpassungen bei der Stromversorgung
und erhöhte die maximal erlaubte Gewinnquote für
die privaten Betreiber von 9 auf 16%, mit dem Argument, so
langfristig die Qualität und Deckung sichern zu können.
Mit dem Gesetz 142 von 1994 wurde der Grundstein für
die Privatisierung von Dienstleistungsinfrastrukturen gelegt.
Gleichzeitig wurde aber auch ein Solidaritätsfonds eingeführt,
wonach die wohlhabenderen Bevölkerungssektoren sowie
die Industrie den Strom- und Wasserkonsum der Armen subventionieren.
Da jedoch zuwenig Leute einen Beitrag an die Subvention bezahlen,
hat dieser Fonds schon ein Defizit von 672 Milliarden Pesos
angehäuft. Das Beispiel des Trinkwassers illustriert
das Problem: in 84% der Gemeinden gibt es niemanden, der zum
Solidaritätsfonds beiträgt, 89% der Konsumenten
sind subventionsberechtigt und 61% des Wasserkonsums müssen
gemäss geltenden Bestimmungen subventioniert werden.
Deshalb wird erwogen, die Subventionen zu reduzieren und auf
die Bedürftigsten zu fokalisieren. Zusammen mit den Tariferhöhungen
wird dies jedoch die Bevölkerung weiter verarmen lassen.
Eine neuere Studie hat ergeben, dass die Haushalte im Grossraum
Medellín zwischen 1995 und 2001 im Schnitt eine 48%ige
Einkommensreduktion hinnehmen mussten, während die Rechnungen
für öffentliche Dienstleistungen von 5% auf 33%
der Haushaltsbudgets stiegen[2]. Uribe betreibt
mit diesen Massnahmen eine einseitige Politik zugunsten privater
Investoren, ohne auf die soziale Lage der Bevölkerung
Rücksicht zu nehmen und ohne dass dadurch die Qualität
und die Deckung der Dienstleistungen wesentlich verbessert
würden.
Als zweites Beispiel soll noch auf die Rentenreform
eingegangen werden. Mit dem Gesetz Nr. 100 von 1993 wurden
wesentliche Neuerungen im Rentensystem eingeführt. War
bisher das staatliche Sozialversicherungsinstitut ISS
allein zuständig für die Renten, wurde mit dem Gesetz
100 die Möglichkeit für private Pensionsfonds (AFP)
geschaffen. Während das Gesetz versprach, zwischen dem
ISS und den privaten Fonds einen gesunden Wettbewerb zu schaffen
und die Deckung zu erhöhen, zielte man effektiv darauf
ab, das ISS zu zerstören. Die Fonds wurden mit allerlei
Vorteilen und Garantien ausgestattet und entwickelten sich
zu einem der wesentlichsten Instrumente des Booms des Finanzsektors.
Junge Arbeiter wurden angehalten, zu einer AFP zu wechseln,
während ältere Arbeiter dem ISS belassen wurde.
Das ISS arbeitet nach dem Generationen-Umlageverfahren - und
hat heute schon ein Missverhältnis zwischen Beitragszahlern
und Empfängern - während bei den AFP nach dem Kapitaldeckungsverfahren
gerechnet wird und diese dank den meist jungen Mitgliedern
über enorme Reserven verfügen. Trotz einer wesentlich
längeren Beitragspflicht bei einer AFP als beim ISS kann
der Arbeiter nach 40 Jahren und 1150 Beitragswochen nur mit
40% eines Mindestlohnes in Pension gehen. Der Staat gab gegenüber
den AFP jedoch eine Mindestrentengarantie ab, d.h. er schiesst
die 60%, die einem Pensionär für die Rente im Umfang
eines Mindestlohnes fehlen, ein, und subventioniert damit
mit horrenden Beträgen ein rein privates Geschäft.
Gleichzeitig rechtfertigt die Regierung Sparmassnahmen wie
die Erhöhung der Beitragsdauer und der Abgabesätze
mit dem enormen Defizit der sich auflaufenden Pensionen beim
ISS. Die Regierung arbeitet aber bewusst mit falschen Zahlen
und unrealistischen Annahmen über die Alters- und zukünftige
Beschäftigungsstruktur, um das Finanzierungsproblem des
ISS zu dramatisieren und dessen Liquidation zu rechtfertigen.
Der Regierung ist nicht wirklich an der Rettung der Renten
gelegen, sondern am Ausbau des Geschäfts für den
Finanzsektor: deshalb ist sie auch bestrebt, die Spezialregelungen
von Arbeitern der ECOPETROL und der Lehrer aufzuheben und
diese den privaten Fonds zuführen zu können, ein
weiteres Milliardengeschäft für Private!
Die verschiedenen Reformen verstecken hinter
einer sozialen Rhetorik einen massiven Sozialabbau und weitere
Begünstigungen des ausländischen Kapitals und der
privaten Investoren. Zu vielen Privatisierungen, denen
mit diesen Reformen der Weg geebnet wird, haben sich die kolumbianischen
Regierungen gegenüber dem IWF oder im Plan Colombia verpflichtet.
Die Reformmassnahmen im Sozialbereich wurden ebenfalls der
Weltbank und dem IWF entliehen. So empfiehlt die Weltbank
in ihren Bericht zur Armut in Kolumbien, Reformen durchzuführen,
die die Sozialprogramme besser fokalisieren. Entwicklungsminister
und Ex-Chef der kolumbianischen Bankiervereinigung Jorge Umberto
Botero, hat daraus ein Regierungsprogramm gebastelt: assistenzialistische
Politik für die Ärmsten und weniger Subventionen
für weniger Nutzniesser. Zudem kritisieren linke Kreise
einen neuen neoliberalen Gleichheits- und Gerechtigkeitsfimmel,
der sich in der Nivellierung der Armut gegen unten ausdrückt.
Die Regierung wirft den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern
vor, durch ihre Privilegien die Schaffung neuer Arbeitsplätze
zu verhindern. So werden durch die Reformen den Arbeitern
wesentliche Errungenschaften weggenommen oder ihnen neue Abgaben
aufgebürdet, um damit z.B. Arbeitslose zu subventionieren
oder Programme zugunsten der Ärmsten zu finanzieren.
Das ist nichts anderes als Nivellierung der Armut gegen
unten: den Arbeitern wird ihr bescheidenes Einkommen gekürzt,
um es an die Mittellosen zu transferieren, ohne dass die absolute
Armut dadurch reduziert würde und der Staat seine Verantwortung
wahrnehmen würde, produktive Arbeitsplätze zu schaffen.
Interview mit Héctor Mondragón[3]
ASK:
Héctor, wie siehst du die Wirtschaftspolitik der Regierung
Uribe?
Héctor:
Uribe erbte von Pastrana einen finanziell schwer angeschlagenen
Staatshaushalt. Gleichzeitig benötigt der Krieg aber
grosse Geldmittel. Um das Funktionieren des Staates in dieser
Situation garantieren zu können, setzt Uribe auf
die Verschuldung und auf die Erhöhung der verschiedenen
Steuern. Es wurde als grosser Erfolg gefeiert, dass die Wirtschaftsequipe
im Dezember 2002 eine Neuverschuldung des Zentralstaates im
Umfang von 16 Milliarden US$ aushandeln konnte. Dabei wurde
jedoch geflissentlich übersehen, dass die Verschuldung
jetzt schon ein kritisches Ausmass erreicht hat: die Regierung
wird 85% der neuen Kredite dazu verwenden, alte Kredite zurückzubezahlen,
und 82% der Steuereinnahmen werden benötigt, um
die interne und externe Verschuldung zu finanzieren. Die Aussenschuld
beträgt mittlerweile 63% des BIP. Die internationalen
Geldgeber - Wektbank, IWF, Interamerikanische Entwicklungsbank
- haben sich beeilt, diesen neuen Kreditrahmen zu füllen.
Diese Grosszügigkeit bedeutet auch eine politische
Entscheidung, die militärischen Pläne der Regierung
Uribe zu unterstützen und eine gewisse Stabilität
des Regimes sicherzustellen.
ASK: Du
hast es erwähnt, Uribe will mit einer Steuerreform verschiedene
Steuern erhöhen und hat unter anderem die Mehrwertsteuer
auch auf bisher steuerbefreite Produkte des täglichen
Bedarfs ausgedehnt....
Héctor:
Ja, tatsächlich. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer
hat auch schon zu einer saftigen Preissteigerung des
Familienwarenkorbes geführt. In ihrer demagogischen Art
und Weise gibt die Regierung die Schuld an diesem Preisanstieg
den "Spekulanten" und falschen Steuerverrechnungen.
Begonnen hat diese Flut neuer Steuern mit einer Sonderkriegssteuer
von 1,2 % auf grosse Vermögen. Ursprünglich war
vorgesehen, diese Steuer nur einmalig zu erheben. Jetzt spricht
aber die Regierung davon, diese in der Halbzeit in zwei Jahren
nochmals zu erheben, falls der Krieg dies notwendig erscheinen
lässt.
ASK: Sind
denn die Reichen bereit, so tief in die Tasche zu greifen,
um einen Krieg zu finanzieren, der gar nicht so erfolgsversprechend
verläuft wie sich wohl viele erhofft haben?
Héctor: Effektiv pokert Uribe sehr
hoch! Um zu gewinnen, braucht er einen raschen militärischen
Sieg über die Guerilla, was in der kolumbianischen Situation
bedeutet, alles auf eine Karte zu setzen. Das Risiko, dass
Uribe verliert, ist hoch. Andererseits hat Uribe den Unternehmern
aber auch grosszügige Entschädigungen gewährt.
Mit der vor kurzem verabschiedeten Arbeitsreform sparen die
Arbeitgeber in ihrer Gesamtheit die respektable Summe von
2,8 Milliarden US$ pro Jahr, natürlich auf Kosten der
Arbeiter. Diese Massnahme wird mit der Notwendigkeit,
neue Arbeitsplätze zu schaffen, gerechtfertigt. Aber
während diese Massnahme den Arbeitgebern ermöglicht,
den Arbeiter während längeren Arbeitstagen
zu beschäftigen ohne ihm Zuschläge bezahlen zu müssen,
entlässt die Regierung auf einen Schlag 10'000 Angestellte
und wird 30'000 Stellen, deren bisherige Inhaber pensioniert
werden, nicht wieder besetzen. Vom Ausgang des von Uribe angestrengten
Referendum hängt es ab, ob in den nächsten Jahren
noch weitere Staatsangestellte entlassen werden.
ASK: Was
hat das mit dem Referendum zu tun?
Héctor: Für
Alvaro Uribe hat das Referendum eine grosse Bedeutung, würde
es ihm doch dazu dienen, die sozialen Proteste und die Volksbewegung
zu unterdrücken. Mit dem Referendum sollen reaktionäre
Massnahmen und Vorgaben des IWF in der Verfassung festgeschrieben
werden. Wird dieses Referendum angenommen, ist Kolumbien das
erste Land, das die Befehle des IWF in den Verfassungsrang
hebt! Das Referendum ist teilweise von der neoliberalen Maxime
geprägt, wonach das Land nicht funktioniert, weil die
Armen und die Mittelschicht zu viel verdienen. Deshalb werden
mit dem Referendum die Löhne und Renten eingefroren,
um mehr Mittel für den Schuldendienst zu haben. Damit
werden aber nicht nur die Armen geschädigt, sondern die
ganze Bevölkerung, da die Kaufkraft abnimmt, und damit
der Konsum, die Investitionen und das Wirtschaftswachstum
allgemein. Dies wird zu noch mehr Arbeitslosigkeit führen.....
ASK: Wird
dieses Referendum angenommen?
Héctor: Das ist im Moment noch schwierig
zu sagen. Eine breite Volksbewegung - Gewerkschaften, Kleinbauern,
NGOs, linke Parteien usw. - kämpfen gemeinsam für
die Stimmenthaltung. Es ist das erste Mal, dass eine so breite
soziale Allianz sich in einem politischen Thema vereint. Egal
ob die Stimmenthaltung schlussendlich siegt, die Sozialbewegung
wird auf jeden Fall gewinnen, da dieser gemeinsame Kampf ein
wesentliches Element auf dem Weg der Einheit und der Stärkung
ist. Problematisch ist am Referendum, dass viele Fragen für
die einfachen Bürger nur schwer verständlich sind,
oder dass sie auch sehr verfänglich verfasst sind, respektive
mit einer unlauteren Einleitung der Regierung versehen. Dazu
ein fiktive Frage, um dieses Problem zu veranschaulichen.
Einleitung: "Wenn sie wollen, dass ihre Mutter nicht
stirbt, stimmen sie deshalb folgender Frage zu?" Dann
erst kommt die eigentliche Frage. Wer will schon, dass seine
Mutter stirbt....
ASK: Gibt
es im Zusammenhang mit dem Referendum noch weitere kritische
Punkte?
Héctor: Ja, das Referendum ist ein
wichtiges Element für den Umbau des Staates, um ihn den
neoliberalen Erfordernissen anzupassen. Das Referendum
ist voll von Schlagwörtern wie Kampf der Korruption,
dem Klientelismus und der bürokratischen Verschwendung.
Unter anderem sollen die Personerías, eine Art Ombudsstelle,
abgeschafft werden, da ihre Kontrollfunktion von anderen Institutionen
auch übernommen werden könne. Die Personerías
waren jedoch bisher die Institution, die nicht nur den Bürgern
im Falle von Menschenrechtsverletzung effiziente Beschwerdemöglichkeiten
gaben, sondern auch die vielfach zweifelhaft vorgenommen Privatisierungen
kontrollierten. Werden diese Ombudsstellen abgeschafft,
bedeutet das freie Bahn für die Privatisierung städtischer
Betriebe und der Grundversorgung mit Strom, Wasser, Telekommunikation.
ASK: Héctor,
vielen Dank für das Gespräch!
[1] Departamento Nacional de Planeación:
Bases del Plan Nacional de Desarrollo. Hacia el Estado Comunitario.
Bogotá, November 2002.
[2] In Kolumbien ist die Bevölkerung
je nach Wohnlage in sechs soziale Schichten eingeteilt, 1
die tiefste, 6 die höchste. Energie- und Wasserpreise
etc. hängen von dieser sozialen Schicht ab. Die Schichten
1 - 3 erhalten bisher einen Teil ihres als Grundkonsum definierten
Verbrauchs subventioniert. Diese Subventionen sollen nun auf
die Schichten 1 und 2 reduziert und der bisherige Grundkonsum
ebenfalls verringert werden. Effektiv würden die Vergünstigungen
dadurch massiv reduziert und kämen weniger Haushalten
zu Gute.
[3] Héctor Mondragón ist Ökonom
und Berater verschiedener sozialer Organisationen in Kolumbien.
Das Interview wurde am 5. Februar 2003 in Bern geführt.
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