Kolumbien-Monatsbericht No. 10
Oktober 2004
Auf Holcims und Nestlés Spuren in Kolumbien
Ein Reisebericht
Von Stephan Suhner
Vom 23. Juli bis zum 8. August 2004
weilte ich zusammen mit dem Dokumentarfilmer und Journalisten
Frank Garbely in Kolumbien, um für zwei Reportagen zu
den Schweizer Firmen Nestlé [1] und
Holcim zu recherchieren. Diese Reise bot mir Gelegenheit,
neue Orte in Kolumbien kennen zu lernen und die Recherchearbeit
zu diesen beiden Firmen zu vertiefen. Der vorliegende Monatsbericht
gibt einige Eindrücke dieser Reise wieder.
Unsere Reise durch Kolumbien führte
uns einerseits zu den drei Produktionsstandorten von Nestlé
in Kolumbien, Bugalagrande in der Nähe von Cali, Dos
Quebradas in Risaralda und Valledupar in Cesar. An den drei
Standorten konnten wir mit Arbeitern und Gewerkschaftern über
die verschiedenen Arbeitskonflikte und Drohungen durch Paramilitärs
sprechen. In Bugalagrande war auch die Verwendung verunreinigter
oder abgelaufener Produkte sowie der abrupte Rückzug
Nestlés aus den Milchkäufen in der Region ein
Thema. Es ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass es weder
in den Fabriken noch am Hauptsitz in Bogotá möglich
war, mit den Verantwortlichen von Nestlé zu sprechen.
Frank konnte nach der Rückkehr in die Schweiz ein kurzes
Interview mit Herrn Duvoisin, Nestlé-Direktor in Kolumbien
bis Juli 2004, führen. In Bezug auf Holcim besuchten
wir deren Zementfabrik in Nobsa und sprachen mit Bewohnern
des Dorfes, die sich gegen die Verbrennung von unbrauchbaren
Landwirtschaftschemikalien im Zementofen wehren. In Bogotá
führten wir längere Gespräche mit der Firmendirektion
und mit Vertretern der Bergbauarbeitergewerkschaft SINTRAMINERCOL
und besuchten ein Gebiet mit Kiesgruben in den südlichen
Armenvierteln Bogotás, wo die lokale Bevölkerung
durch die Abbauaktivitäten der Zementfirmen und durch
Überschwemmungen grossen Gefahren ausgesetzt ist.
Von Donnerstag 29. Juli bis Montag 2. August
besuchten wir die drei Nestlé-Fabriken. In Bugalagrande
standen verschiedene Treffen mit Gewerkschaftern und Arbeitern
der Nestlé-Fabrik sowie mit zwei Milchtransporteuren
und einem Viehzüchter auf dem Programm. Nestlés
Rohstoffpolitik hat dort verschiedenen Sektoren Kopfzerbrechen
bereitet. So erzählten ältere, heute pensionierte
Arbeiter, wie Nestlé in der Anfangszeit der 1950er
Jahre praktisch alle Rohstoffe lokal gekauft habe, ausser
was nicht lokal produziert werden konnte. So hätte es
in der Umgebung viele Hühnerfarmen gegeben, die die Fabrik
für die Bouillonherstellung beliefert hätten. Seit
einigen Jahren würde Nestlé jedoch ein Konzentrat
aus den USA importieren. Durch diese und ähnliche Verlagerungen
sei die lokale Wirtschaft immer wieder empfindlich getroffen
worden. Bei den Milchkäufen gab es in den letzten Jahren
nach Aussagen von Bewohnern Bugalagrandes auch Probleme. Nestlé
habe vorübergehend in der Gegend Frischmilch gekauft
und unter den Bauern grosse Hoffnungen geschürt. Nach
eineinhalb Jahren habe Nestlé aber plötzlich beschlossen,
keine Milch mehr in der Region zu kaufen, womit sie viele
Kleinunternehmer und Viehzüchter in eine wirtschaftliche
Krise gestürzt habe.
Willkürliche Einkaufs- und Landwirtschaftspolitik
Nestlés
José*, einen Transporteur, trafen
wir vor seinem bescheidenen Geschäft, einer einfachen
Autowaschanlage. Er schilderte uns seine Erfahrung mit Nestlé:
„Eines Tages wurde ich von der Nestlé kontaktiert
und gefragt, ob ich ihnen Bauern vermitteln könne, die
bereit seien, Milch an Nestlé zu verkaufen. Die Bauern
hatten in der Regel Verkaufsabsprachen mit anderen Firmen,
so dass es nicht immer leicht war, sie dazu zu bringen, nun
Nestlé zu beliefern. Nestlé machte jedoch verschiedene
Versprechungen: Sie werde Produktionsmittel bereit stellen,
günstige Kredite vergeben usw. Das gute Angebot von Nestlé
hat die Leute schliesslich überzeugt. Es kam grosser
Optimismus auf, die Bauern vergrösserten die Herden und
investierten in Weiden und Ställe. Nach etwa eineinhalb
Jahren teilte Nestlé plötzlich mit, dass es keine
Arbeit mehr gebe, da sie keine Milch mehr in der Umgebung
kaufen werde. Während der Dauer der Zusammenarbeit war
Nestlé eine korrekte Arbeitgeberin, was z.B. die Bezahlung
anbelangt, aber sie hatte ihre Versprechen in keinem Punkt
eingehalten.“
Jairo*, ein weiterer Milchtransporteur, erzählte
uns folgendes: „Nachdem ich von Nestlé das Angebot
erhielt, für sie Milchkannen von entlegeneren Bauernhöfen
einzusammeln, kaufte ich einen Lastwagen. Einen schriftlichen
Vertrag mit Nestlé hatte ich zwar nicht, aber eine
konkrete mündliche Vereinbarung. Plötzlich teilte
Nestlé mit, dass sie keine Milch mehr abkaufen werde
und sie meine Transporte nicht mehr brauche. Eine Erklärung
dafür erhielt ich nicht. Den Lastwagen habe ich aber
noch nicht abbezahlt, erst knapp die Hälfte, und so habe
ich nun beträchtliche finanzielle Schwierigkeiten. Mein
Glück ist, dass ich das Fahrzeug bei der Feuerwehr von
Bugalagrande auf Kredit relativ günstig kaufen konnte.
Sie haben für meine Situation Verständnis und akzeptieren,
dass ich die Raten nicht jeden Monat bezahlen kann. So komme
ich mit Gelegenheitstransporten durch. Wenn ich das Fahrzeug
bei einem offiziellen Händler gekauft hätte, wüsste
ich nun nicht, was ich tun würde.“ *
Nach den Gesprächen mit den beiden Transporteuren
begaben wir uns zur Hacienda El Danubio, wo uns Luis Fernando
Arias, der Schwager des vor kurzem verstorbenen Besitzers
Eduardo Escobar, empfing. Herr Arias schildert die Situation
auf dem modernen Viehzuchtbetrieb wie folgt: „Vor einigen
Jahren plante Nestlé, in der Region grössere Mengen
Frischmilch zu kaufen. Mein Schwager wurde von Nestlé
angefragt, ob er auf seinem Viehzuchtbetrieb eine grosse Milchsammelstation
einrichten und betreiben könne, in der die Milch der
umliegenden Bauernhöfen gesammelt und gekühlt zwischengelagert
werden kann. Mein Schwager stieg auf dieses Geschäft
ein und schloss mit Nestlé einen Vertrag über
fünf Jahre ab. Mein Schwager hat im Jahr 2001 umfangreiche
Investitionen getätigt für Installationen, um die
Milch aus den Behältern der Bauern zu pumpen, sie herunterzukühlen
und in Tanks zu lagern. Zudem wurde ein grosszügiges
Labor eingerichtet, um Nestlé die optimale Qualität
zu garantieren. Die Lebensmittelkontrollbehörde INVIMA
hat die ganze Anlage als ausgesprochen hygienisch zertifiziert.
Weiter hatte Don Eduardo auch einen mobilen Tankwagen gekauft,
um die Milch gekühlt der Nestlé–Fabrik zu
liefern. Zudem hat mein Schwager Don Eduardo – wie viele
andere Viehzüchter der Region auch – den Viehbestand
erhöht, um die Nachfrage Nestlés befriedigen zu
können. Plötzlich, vor ein paar Monaten, hat dann
Nestlé den Vertrag für beendet erklärt. Sie
werde keine Milch mehr kaufen. Nestlé hat uns keine
Entschädigung gezahlt und auch keine Alternativen angeboten.
Wir haben von Nestlé keine Erklärung
erhalten, sie haben sich einfach vom Vertrag zurückgezogen.
Wir unsererseits sind absolut sicher, den Anforderungen Nestlés
punkto Milchmenge, Qualität und Liefertermine vollumfänglich
entsprochen zu haben. Wir haben uns absolut nichts zu Schulden
kommen lassen. Wir können darüber nur spekulieren,
weshalb Nestlé auf illegale Weise diesen Vertrag aufgelöst
hat. Interne Probleme bei Nestlé, eine Veränderung
am Markt oder ein Managementwechsel können Ursache dieses
abrupten Wechsels gewesen sein. Wir sind jedoch der Ansicht,
dass Politikänderungen Nestlés Drittpersonen nicht
in dieser Art und Weise betreffen sollten.
Wir überlegen uns nun rechtliche Schritte
gegen Nestlé, oder eine aussergerichtliche Einigung
wegen diesem Vertragsbruch. Damit können wir vielleicht
einen Teil der getätigten Investitionen zurückgewinnen.
Wie ihr gesehen habt, stehen die Einrichtungen alle still,
und wir haben den Viehbestand reduzieren müssen. Früher
gab es hier viel mehr Leben, wir beschäftigten über
fünfzig Arbeiter, heute nur noch um die 20. Wir können
den ökonomischen und finanziellen Schaden verkraften,
aber viele Kleinbauern stehen vor dem Ruin; viele Familien
lebten von der Arbeit, die wir ihnen geben konnten. Zudem
schuf unser Betrieb auch viele indirekte Arbeitsplätze.
Nun ist alles kaputt gemacht durch diesen unverständlichen
Entscheid der Nestlé. Der plötzliche Stopp der
Milchkäufe ist für die ganze Region gravierend,
da viele Personen von den Milchlieferungen und von den angebotenen
Arbeitsplätzen abhängig waren. Nestlé ist
der einzige grössere Arbeitgeber in der Umgebung, und
sollte Nestlé z.B. die Fabrik schliessen, hätte
dies verheerende Konsequenzen, eine Verarmung der ganzen Region,
mehr Gewalt und sozialen Zerfall. “
Herr Duvoisin sagte dazu gegenüber dem
Westschweizer Fernsehen TSR, dass sie in der Region Bugalagrande
mit etwa 160 Bauern Abnahmeverträge und mit einem Unternehmen
einen Vertrag zur Milchlagerung gehabt hätten. Die Verträge
mit den Bauern seien über mehrere Monate aufgekündigt
worden und Nestlé habe geholfen, neue Käufer zu
finden. Der Vertrag mit dem Unternehmer sei bis zum Ablauf
weitergeführt worden. Von einer widerrechtlichen Kündigung
könne keine Rede sein[2].
Entlassungen, die unter die Haut gehen
Am 2. Tag konnten wir mit mehreren ehemaligen
Nestlé-Arbeitern sprechen, die im Dezember 2002 entlassen
wurden, vermutlich als Repressalie gegen die Gewerkschaft,
die von Nestlé beschuldigt wird, Klagen über abgelaufenes
Milchpulver in Umlauf gebracht und damit das Geschäft
geschädigt zu haben. Die Entlassungen erfolgten in zwei
Blöcken, einige am 13., die anderen am 17. Dezember 2002.
Übereinstimmend schilderten die betroffenen Arbeiter,
wie sie an jenem Tag einzeln zum Personalchef gerufen wurden
und dieser ihnen das Kündigungsschreiben mit dem Satz
unter die Nase hielt: „Ab morgen arbeitest du nicht
mehr hier, unterzeichne deine Kündigung.“ Viele
der betroffenen Arbeiter waren weit über 10 Jahre bei
Nestlé tätig und wurden ohne konkreten Kündigungsgrund
fristlos entlassen, wie dies durch das Gesetzt Nr. 50 von
1990 leider erlaubt wird. Generell schilderten uns die Arbeiter,
wie sie sich durch diese überraschende Entlassung massiv
verunsichert, ja wertlos und verstossen fühlten. Kaum
einer hat wieder eine vergleichbare feste Stelle gefunden.
Einige halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser,
andere versuchen kleine Geschäfte aufzubauen, von Hähnchenmast
bis zu Bustransporten. Die Familien waren durch die finanziellen
Einbussen massiven Spannungen unterworfen, einige mussten
sich wegen psychischen Problemen in Behandlung begeben. Nebst
diesen Gemeinsamkeiten schilderte aber jeder auch sein ganz
persönliches Schicksal. So kämpfte Alberto dagegen,
dass man seine Tochter mitten im Schuljahr von der Schule
werfen wollte, da Nestlé über den Gesamtarbeitsvertrag
die Schule mitfinanzierte, und dies nun dahin fiel. Die Tochter
von Carlos konnte ihr Universitätsstudium nicht aufnehmen,
Pablo hatte kaum das Geld, um den gebrochenen Arm seines Sohnes
operieren zu lassen. Carlos, der über 20 Jahre bei Nestlé
arbeitete und deshalb eine hohe Abgangsentschädigung
erhielt, wurde nachher erpresst und musste einen Grossteil
der Abgangsentschädigung einer Bande bezahlen. Andrés
hatte eine krebskranke Mutter und deshalb bei Nestlé
wegen den teuren Behandlungskosten Schulden. Er dachte, dass
dies der Entlassungsgrund sei und wollte mit Nestlé
über den Rückzahlungsmodus verhandeln. Nestlé
sagte jedoch, dass es nichts damit zu tun habe und sie ihn
sowieso entlassen würden.*
Am Freitag Nachmittag fuhren wir weiter nach
Pereira, wo im Vorort Dos Quebradas eine weitere Nestlé–Fabrik,
die Biskuitherstellerin La Rosa steht. Die Fahrt war sehr
reizvoll, entlang von ausgedehnten Zuckerrohrfeldern und immer
den Nevado del Tolima vor Augen. Auf halber Wegstrecke kamen
wir am grössten Weinhersteller, Grajales, vorbei und
kauften am Strassenrand herrliche Trauben. Wenige Kilometer
vor Pereira kamen wir dann unvermittelt in die Kaffeeanbauzone.
In Pereira erhielten wir denn auch zuerst einen hochspannenden
Vortrag von Aurelio Suarez von Unidad Cafetera über die
internationale und kolumbianische Kaffeepolitik. Die Wiedergabe
dieser exzellenten Analyse würde aber diesen Rahmen sprengen;
wir werden das Interview separat publizieren.
Am Samstag morgen erhielten wir dann einen
Einblick in die Probleme der Fabrik La Rosa. Einerseits stehen
für November und Dezember 2004 auch in La Rosa Verhandlungen
zur Erneuerung des GAV an, und die Gewerkschaft befürchtet
Schlimmes. So sagt Nestlé nach Aussagen der lokalen
Gewerkschaftsvertreter, La Rosa sei die am wenigsten rentable
Fabrik der Gruppe, obwohl sie z.B. die tiefsten Löhne
der drei Fabriken zahlt. Wegen dieser von der Firmenleitung
geltend gemachten mangelnden Rentabilität würden
auch praktisch nie alle Produktionslinien laufen, oder höchstens
vorübergehend, unter Zuhilfenahme von Temporärarbeitern.
Viele Arbeiten würden auch ausgegliedert. Die Arbeiter
befürchten nun, dass Nestlé massive Kürzungen
am Gesamtarbeitsvertrag fordern werde, und sonst allenfalls
zu ähnlichen Massnahmen wie bei Cicolac in Valledupar
greifen könnte, wo allen Arbeitern eine vorzeitige Entlassung
aufgezwungen wurde. Zudem zirkulieren Gerüchte, wonach
La Rosa in ein Joint Venture mit General Mills eingebracht
werden soll.
Weiter informierte uns der Arbeitsmediziner
Dr. Velásquez über die Ergebnisse einer Untersuchung,
die er ursprünglich im Auftrag des Arbeitsministeriums
durchführte. Dazu arbeitete Dr. Velásquez ein
Jahr lang in der Fabrik. Seine Ergebnisse sind alarmierend.
Etwa 80% der Belegschaft leide an Beschwerden, die durch die
Arbeit verursacht würden. Die Arbeitsplätze seien
alles andere als ergonomisch, kleine ArbeiterInnen müssten
sich extrem strecken, grosse dauernd mit gebeugtem Rücken
arbeiten, und viele ArbeiterInnen müssten sehr unnatürliche
(Dreh-)Bewegungen machen. Zudem sei sicher auch der Arbeitsrhythmus
an den Fliessbändern zu hoch, weil diese schneller eingestellt
wurden, respektive immer weniger Leute die selbe Arbeit verrichten
müssen. Am häufigsten sind Probleme der Wirbelsäule
und im Schulter-/Nackenbereich, aber auch in den Handgelenken.
Zudem leiden relativ viele an Gehörschäden. Zudem
ist die körperliche Verfassung einer Mehrheit der Arbeiterinnen
schlecht, was die Anfälligkeit für Arbeitskrankheiten
zusätzlich erhöht. Gemäss den Aussagen von
Dr. Velásquez habe La Rosa die notwendigen Massnahmen,
um diese „Epidemie“ an Arbeitskrankheiten zu beheben,
noch nicht ausreichend ergriffen, obwohl auch hohe krankheitsbedingte
Abwesenheiten die Produktion beeinträchtigten. Zudem
sei seine Arbeit dann vom Auftraggeber zurückgewiesen
worden, da das Resultat nicht den „Erwartungen“
entsprochen habe, und man habe ihn gebeten, in seiner Studie
zu einem „günstigeren Resultat“ zu kommen.
Nestlé in Vevey nahm zu diesem Bericht dahingehend
Stellung, dass er nicht auf wissenschaftlichen Kriterien beruhe
und das Ministerium einen neuen Bericht durch jemand anderen
habe erstellen lassen. Auch Nestlé habe eine Studie
erstellt, aus der hervorgehe, dass nur 14 Personen gelegentliche
Beschwerden hätten.
Unsichere Zukunft für die Arbeiter in
Valledupar
Am Samstag Nachmittag besuchten wir noch
eine malerisch gelegene Kaffeefinca, bevor es dann am Abend
nach Bogotá zurück ging. Gleich am Sonntag Morgen
flogen wir weiter nach Valledupar, dem dritten Standort Nestlés
in Kolumbien. Eine Bruthitze von gegen 40 Grad Celsius erwartete
uns, als Alfonso Barón uns am Flughafen empfing. Er
ist das letzte Gewerkschaftsmitglied von SINALTRAINAL bei
Nestlé, nachdem im September 2003 praktisch alle gut
180 Arbeiter bei Cicolac einer „freiwilligen“
vorzeitigen Beendigung des Arbeitsverhältnisses bei CICOLAC
zugestimmt hatten. Nestlé köderte sie gemäss
Aussagen von Betroffenen damit, ihnen die volle bisher gültige
Entschädigung mit einem 30%igen Zuschlag auszubezahlen
und ihnen alle Schulden zu erlassen (z.B. aus dem Wohnbaufonds,
wegen Gesundheitsleistungen etc.). Wer diesem Paket nicht
zustimme, werde ebenfalls entlassen, aber gemäss neuem
Recht mit einer deutlich geringeren Entschädigung und
ohne Schuldenerlass. So haben schlussendlich alle unterschrieben,
ausser Alfonso von Gewerkschaftsvorstand. Die bisherigen Arbeiter
wurden durch Temporärarbeiter ersetzt, die über
Adecco angeheuert wurden und zu einem Mindestlohn arbeiteten.
Die Gewerkschaft bei diesem Nestlé–Betrieb wurde
damit praktisch zerschlagen. Cicolac produziert heute als
Joint Venture zwischen Nestlé International und der
neuseeländischen Fonterra unter dem Namen Dairy Partners
Americas Manufacturing Colombia. Alfonso erklärte uns,
dass er zwar immer noch angestellt sei und seinen Lohn beziehe,
dass es ihm aber verboten sei, die Fabrik zu betreten oder
mit den heutigen Angestellten zu reden. Er habe einen „Arbeitsplatz“
in einer Garage erhalten, wo ein Werkzeugpult steht, der gelernte
Mechaniker aber keinerlei Arbeiten zu erledigen hat. Alfonso
vermutet, dass man ihn durch Untätigkeit weich klopfen
wolle, damit er auch kündige.
Ein Arbeiter, der schon unter Cicolac beschäftigt
war, und der nach der „freiwilligen“ Entlassung
vom 17. September 2003 wieder eingestellt wurde, um als Vorarbeiter
die neuen Arbeitskräfte zu instruieren, erzählte
uns über die Arbeitsbedingungen bei DPA Manufacturing
Colombia. Die gegen 200 Temporärangestellten hätten
Anfangs September 2003 zu arbeiten begonnen, um die Tätigkeiten
zu erlernen, die sie dann ab dem 18. September 2003 ausführen
mussten. Sie erhielten zu Beginn alle den Mindestlohn von
332'000 Pesos (etwa 150 Franken). Im Februar 2004 habe es
deswegen unter der Belegschaft Proteste gegeben. Zwei Jugendliche,
die mehr Lohn verlangt hätten, seien entlassen worden;
danach habe das Unternehmen aber drei Lohnstufen eingeführt:
450'000 Pesos für die grosse Mehrheit und 580'000 und
620'000 Pesos für etwas qualifiziertere Arbeiter. Mit
dem offiziellen Start des Joint Ventures DPA hätten nun
alle Temporärarbeiter unbefristete Arbeitsverträge
erhalten, die Löhne seien aber wieder um ein paar Tausend
Pesos gesenkt worden. Es gebe keinen Gesamtarbeitsvertrag,
sondern lediglich ein sogenanntes Kollektivabkommen, das aber
nur wenige Vorteile biete. Die tiefen Löhne würden
nicht ausreichen, um eine Familie zu ernähren, weshalb
die neue Belegschaft hauptsächlich aus jungen, ledigen
Schul- und Technikumabgängern bestehen würde, die
noch bei den Eltern lebten. Zudem sei es verboten worden,
sich gewerkschaftlich zu organisieren. Aus Angst vor Entlassungen
würden sich nun auch tatsächlich alle ruhig verhalten,
trotz verbreiteter Unzufriedenheit.
Holcim von mehreren Seiten unter Beschuss
Mehrere Tage verbrachten wir auch auf den
Spuren der Geschäftstätigkeit von Holcim. Durch
Vertreter der Bergbaugewerkschaft SINTRAMINERCOL wurden wir
auf drei mögliche Problembereiche hingewiesen: Einerseits
habe Holcim beabsichtigt, in ihrem Zementofen in Nobsa hochgiftige
landwirtschaftliche Chemikalien zu verbrennen, was jedoch
dank der entschiedenen Proteste der lokalen Bevölkerung
habe vermieden werden können. Weiter hätten die
Anwälte von Holcim und anderen Firmen, die Anwaltskanzlei
Martínez & Córdoba Asociados, die neue Bergbaugesetzgebung
geschrieben und diese Gesetzgebung dann auch noch reglementiert,[3]
was einen massiven Interessenkonflikt darstelle und klar durch
die kolumbianischen Gesetze verboten sei. Obwohl der Gesetzesentwurf
in öffentlichen Foren und im Kongress ausführlich
debattiert worden sei, hätten die Lobbyisten der Firmen
im letzten Moment wesentliche Artikel abgeändert oder
erst neu eingebracht, so dass sie fast unbemerkt angenommen
wurden. Holcim stellte im Gespräch energisch in Abrede,
den Gesetzgebungsprozess in irgendeiner Form beeinflusst zu
haben. Als dritten Problembereich stellte Francisco Ramírez,
der Präsident von SINTRAMINERCOL, grosse Kiesgruben im
Süden von Bogotá, in den Armenvierteln von Ciudad
Bolivar, dar. Holcim beutet dort zusammen mit der mexikanischen
Zementfirma CEMEX und mit dem kolumbianischen Unternehmen
Fundación San Antonio, Sand und Kies als Zuschlagstoffe
für den Beton aus. Mitten im Wohngebiet seien riesige
Gruben ausgehoben worden, die bei einem Hochwasser des Río
Tunjuelo im Mai 2002 überflutet worden seien und den
umliegenden Bewohnern grosse Probleme bereitet hätten.
Zusammen mit Menschenrechtsorganisationen beobachtet SINTRAMINERCOL
auch aufmerksam die Menschenrechtssituation in Ciudad Bolivar.
SINTRAMINERCOL ist daran, eine Karte zu erarbeiten, wo sie
alle Morde einzeichnet. Auf der Karte erscheinen diese Morde
dann wie ein Kreis um diese Kiesgruben. Zudem hätten
gemäss Aussagen der lokalen Bevölkerung die Paramilitärs
die Bevölkerung zu Versammlungen einberufen und ihnen
dort mitgeteilt, dass sie „hier sind, um die Sicherheit
der Firmen sicherzustellen.“ Die Nachforschungen der
NGOs über diese Situation laufen noch weiter, und handfeste
Beweise für eine Zusammenarbeit der betroffenen Firmen
mit Paramilitärs (z.B. Finanzierung) gibt es nicht.
Am Mittwoch 27. Juli 2004 fuhren wir in Begleitung
von Francisco Ramírez, einer Studentin, die ihre Diplomarbeit
über die Verschmutzung der „Baggerseen“ schreibt,
sowie eines Anwohners eines betroffenen Viertels früh
morgens in den Süden Bogotás. Um einen Überblick
zu gewinnen, fuhren wir eine steile Strasse den Hügel
hoch, wobei die Häuser immer ärmlicher wurden und
wir zuletzt vor ein paar Karton- und Plastikhütten anhielten,
die von Vertriebenen erst vor wenigen Tagen errichtet worden
waren. Das Panorama war eigenartig: Die drei grossen Seen,
die nach der Überschwemmung der Kiesgruben entstanden,
glitzerten in der Morgensonne. Wenn man nicht wüsste,
wie übel diese Seen riechen und welche Schäden sie
anrichten, könnte man denken, es sei für die Bewohner
ein willkommenes Erholungsgebiet. Auffallend war auch, wie
alle Hänge ringsherum grosse Einschnitte aufwiesen, wo
ebenfalls Baumaterialien abgebaut werden: Steine und Lehm
für Ziegel. Oscar, unser Begleiter vom Viertel „Kennedy“
erklärte, dass sehr unsachgemäss abgebaut werde
und die Abbautätigkeit die Hänge destabilisiere.
Es sei zu befürchten, dass bei starken Regenfällen
diese instabilen Hänge ins Rutschen kämen und so
ganze Siedlungsgebiete mitreissen könnten. Francisco
ergänzte das Panorama um eine weitere besorgniserregende
Entwicklung: Firmen wie Holcim hätten es geschafft, im
Bergbaukodex einen Artikel einzufügen, der den Abbau
im Siedlungsgebiet gestattet und es ermöglicht, Häuser
und Überbauungen zu enteignen, indem man die Bergbauaktivitäten
als von öffentlichem Interesse und allgemeinem Nutzen
deklariert. Anstatt diese widerrechtliche Aktivitäten
endlich zu stoppen, sei geplant, einen „parque minero“
zu errichten, der mehrere Überbauungen umfassen würde.
Der Paramilitärische Druck auf die Bevölkerung lasse
sich auch damit erklären. Die Häuser und Hütten
sollten so möglichst billig enteignet werden.
Nach diesem schaurigen Panorama begaben wir
uns in die beiden meistbetroffenen Viertel, Kennedy und Yaqui.
Unter Oscars Führung sahen wir einige beschädigte
Häuser an. Die beiden Viertel entstanden ab den 60er
Jahren und wurden inzwischen legalisiert. Nebst den eigentlichen
Kiesgruben führten auch Stollen in den Berghang hinein,
um Material abzubauen, d.h. bis unter die Häuser. Durch
die Überschwemmung dringt nun das Wasser über diese
Stollen in den Untergrund und weicht diesen auf, weshalb er
sich zu senken begonnen hat. Zudem dringt die Feuchtigkeit
vom Boden her in die Häuser ein und es entstehen Risse.
Einige Häuser sind einsturzgefährdet. Zudem arbeiten
grosse Maschinen in unmittelbarer Nähe der Häuser;
die Vibrationen führen zu zusätzlichen Rissen. Die
Bewohner hatten schon verschiedentlich verlangt, dass die
Zementfirmen die Maschinen abschalten oder zumindest verschieben.
Das einzige, was die Firmen getan hätten, sei eine hohe
Mauer zu bauen, damit die Anwohner das Unheil nicht mehr sehen,
beschweren sich die Bewohner. Immerhin sei das extrem verschmutze
Wasser in den drei Seen behandelt worden, so dass die Geruchsbelastung
und die Mückenplage abgenommen habe. Die grösste
Gefahr droht den direkten Anwohnern und auch den Hundertausenden
von Bewohnern weiter unten von einem erneuten Hochwasser:
Die Tatsache, dass das Hochwasser vom Mai 2002 in die grossen
Kiesgruben strömen konnte, hat schlimmere Überschwemmungen
in den Wohnquartieren verhindert. Dieser Puffer ist nun aber
mit Wasser gefüllt. Ein erneutes Hochwasser wie im Mai
2002 würde also ungehemmt in die Wohnviertel strömen
und könnte grossen Schaden anrichten.
Die Mitverantwortung für die Naturkatastrophe
wird hin und her geschoben
Im weiteren Gespräch mit betroffenen
Anwohnern – u.a. konnten wir zwei Gemeindeversammlungen
beiwohnen, an denen über die Probleme und Lösungsmöglichkeiten
diskutiert wurde – und mit Vertretern von Holcim wurde
klar, dass über die Schuldfrage und Verantwortung einerseits
und über die Lösungsmöglichkeiten andererseits
kaum in einem Punkt Einvernehmen herrscht. Die Bewohner wollen
insbesondere, dass die Firmen ihre weiteren Aktivitäten
einstellen, und sehen in ihrer Ohnmacht auch in den Firmen
die Hauptschuldigen. Die Pläne der Firmen, um diese Probleme
zu lösen, lehnen sie ab oder misstrauen ihnen. Als wir
Holcim mit den Eindrücken aus Ciudad Bolívar konfrontierten,
stellten sie die Dinge deutlich anders dar. Holcim sieht sich
primär selbst auch als Geschädigter. Seit über
50 Jahren würde an jener Stelle Sand und Kies abgebaut
und Holcim verfüge seit über 30 Jahren über
eine gültige Abbaubewilligung. Damals sei die Umgebung
noch gar nicht besiedelt gewesen, und nur durch die fehlende
Stadtplanung der Regierung seien ringsherum Wohnquartiere
entstanden. Das Hochwasser sei in seiner Dimension einmalig
gewesen, und Holcim habe auf Geheiss des Umweltamtes von Bogotá
den reissenden Fluss mit den eigenen Maschinen in ihre Kiesgruben
umgeleitet, um weitere Überschwemmungen in Wohnquartieren
zu verhindern. Eigentlich müsste Holcim vom Staat Schadenersatz
verlangen. Sie seien aber bereit, aktiv an einer Lösung
mitzuarbeiten. Die Direktionssekretärin zog schöne
Pläne hervor, die die Sanierung Schritt für Schritt
erklärten. Einerseits soll weit oben im Páramo,
wo die Hochwasser entstehen, ein Staubecken gebaut werden,
das bei intensiven Niederschlägen als Ausgleichsbecken
funktionieren kann. Zudem soll der Fluss Tunjuelo entlang
der Hauptverkehrsachse in einen Kanal umgeleitet werden. Danach
könnten – so die Pläne von Holcim –
die drei Seen langsam leergepumpt werden. Dies müsse
langsam geschehen, da sonst die durchtränkten Uferböschungen
abzurutschen drohten. Danach werde Holcim das Gelände
renaturalisieren, den ursprünglichen Flussverlauf wieder
herstellen und den Materialausbau damit beenden. Dieses Gelände
werde dann der Stadt Bogotá übergeben, die darauf
einen Park mit Bibliotheken usw. erstellen könne.
Dieses grosszügige Sanierungsangebot
Holcims und der bereitwillige Verzicht auf den weiteren Materialabbau
erstaunen doch etwas. Etwas früher im Gespräch hatte
nämlich Holcim noch betont, wie wichtig diese Kiesgruben
seien, da Ciudad Bolívar der einzige Ort in Bogotá
sei, wo Rohstoffe für Baumaterial gewonnen werden könnten.
Sonst müsste man es von den mehr als 200 km entfernten
Llanos herbeischaffen, was wirtschaftlich unmöglich sei.
Die NGOs und Bürgerinitiativen widersprechen diesen Darstellungen
Holcims denn auch scharf und halten nicht viel von schönen
Plänen des Schweizer Unternehmens. So stimme es nicht,
dass es nur an der momentanen Abbaustelle Baumaterialien gebe.
Man könne Baumaterialien sehr gut in der Nähe Bogotás
gewinnen, ohne bewohnte Gebiete in Mitleidenschaft zu ziehen.
Ebenso sei es zynisch, wenn Holcim jegliche Verantwortung
an der Überschwemmung von sich weise. Es treffe zwar
zu, dass die Behörden durch Planungsfehler und Schlamperei
an der Misere mitverantwortlich seien. Gerade die Umweltbehörde
Bogotás, das DAMA, habe aber verschiedentlich Verstösse
der drei Firmen gegen Abbauvorschriften gerügt. Das Hochwasser
von Mai 2002 sei zwar ein Jahrhundertereignis gewesen, es
sei aber davon auszugehen, dass derartige Extremereignisse
häufiger würden. Erschwerend sei dazu gekommen,
dass der Flusslauf des Tunjuelo durch die Abbauaktivitäten
stark sedimentiert gewesen sei und die Firmen zudem den mäandrierenden
Flusslauf begradigt hätten, um mehr Raum für den
Kiesabbau zu gewinnen, was die Bremswirkung der Mäander
zerstört habe. Zudem hätten die Firmen den Mindestabstand
zwischen Kiesgrube und Flussbett missachtet, was dann dazu
geführt habe, dass in einem ersten Schritt ein Damm bei
der Kiesgrube der Fundación San Antonio gebrochen sei.
Richtig sei, dass wegen den anhaltenden Niederschlägen
Holcim den Fluss auf Befehl der Umweltbehörde in ihre
Kiesgrube abgeleitet habe. Trotzdem trage Holcim eine Mitverantwortung.
Wenn nun Holcim offeriere, einen Kanal zu bauen, um den Fluss
umzuleiten, so sei dies nicht uneigennützig, sondern
erlaube ihr, weiter Material abzubauen. Und zudem würden
die Pläne eines „Parque Minero“ klar gegen
das Versprechen Holcim sprechen, den Abbau beenden zu wollen.
Die betroffene Bevölkerung setzt nun stark auf die neue
Stadtregierung von Lucho Garzón und hofft, die unter
früheren Administrationen weit gediehenen Pläne
Holcims in ihrem Sinne ändern zu können.
Bis hierher konnte erst ein Überblick
über die Problematik gegeben werden. Viele Dokumente
warten noch auf die Auswertung, um Verantwortlichkeiten klarer
zu benennen. Die Bevölkerung hat in der Zeit seit dem
Besuch in Ciudad Bolívar weiter für die Rettung
ihrer Viertel gekämpft. Die ASK wird versuchen, einen
Beitrag zu leisten, damit nach dieser von Schweizer Wirtschaftsinteressen
mitverursachten Naturkatastrophe endlich eine für die
betroffene Bevölkerung befriedigende Lösung gefunden
werden kann.
Aus Platzgründen wird an dieser Stelle
darauf verzichtet, auf die Frage der Chemikalienverbrennung
im Zementofen in Nobsa einzugehen. Dieses gut recherchierte
Thema wird Gegenstand eines separaten, demnächst auf
unserer Homepage erscheinenden Berichtes sein.
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[1] Die Reportage zu Nestlé ist am
Sonntag, 17. Oktober 2004 in der Sendung Mise au Point des
Westschweizer Fernsehens TSR1 ausgestrahlt werden. Sie kann
im Internet unter www.miseaupoint.ch
unter Archives angeschaut werden.
* Name aus Sicherheitsgründen geändert.
[2] Wir werden versuchen,
in dieser Frage weitere Informationen zu erhalten, wie die
Verträge der Bauern mit Nestlé genau aussahen
und wie sie von Nestlé beendet wurden.
* Namen aus Sicherheitsgründen geändert.
[3] In Kolumbien ist es üblich,
dass ein Gesetz die betreffende Materie im Groben regelt,
und dass die betroffene Behörde in einem Dekret die genau
Anwendung des Gesetzes festlegt.
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