Regelmässige Informationen zu Kolumbien der:
Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien
 


Züruck Home

Kolumbien-Monatsbericht No. 10
Oktober 2003

10 Jahre nach dem Erlass des Gesetzes 70:
Die Schwarzengemeinschaften: Von der verkannten Minderheit zum politischen Subjekt

von Bruno Rütsche

Vor mehr als zehn Jahren, am 27. August 1993, wurde das Gesetz 70 vom damaligen Präsidenten Gaviria ratifiziert. Dieses Gesetz anerkennt die Schwarzengemeinschaften als ethnische Gruppe, regelt ihre Rechte und ermöglicht die kollektive Titulierung von Land, das von den Schwarzengemeinschaften bewohnt wird. Seither hat in ganz Kolumbien bei der schwarzen Bevölkerung ein rascher Bewusstseins- und Organisationsprozess stattgefunden. Die Schwarzengemeinschaften an der Pazifikküste haben die Landtitulierung erreicht und versuchen ihr traditionelles Territorium vor dem Zugriff durch fremde Interessenvertreter zu schützen. Doch der Krieg trifft die schwarze Bevölkerung besonders hart. - Der Versuch einer Bilanz.

Die Erfolge...

Die Schwarzengemeinschaften werden sichtbar

Nur wenn wir unsere Realität kennen und unser kulturelles Erbe wertschätzen, können wir grösseren Einfluss auf die Prozesse zum Aufbau einer Nation ausüben, die alle miteinschliesst. Diese Aussage einer afrokolumbianischen Führungsperson fasst treffend zusammen, was Teil der immensen Anstrengungen der schwarzen Bevölkerung in den letzten zehn Jahren war: Sich mit der eigenen Geschichte und Realität und mit dem eigenen kulturellen Hintergrund auseinander zu setzen, die im Gesetz 70 verankerten Möglichkeiten auszuschöpfen, sich als soziales und politisches Subjekt und als Verhandlungspartner gegenüber dem Staat und der Gesellschaft zu etablieren. Über 2000 Gemeinschaftsräte und über 300 ethnisch-territoriale Organisationen auf lokaler und regionaler Ebene sind in den letzten Jahren entstanden. In einer 1. Nationalen Afrokolumbianischen Konferenz im November 2002 wurde in einem gemeinsamen Prozess ein Nationaler Entwicklungsplan der afrokolumbianischen Gemeinschaften für 2002 bis 2006 und eine Soziale Agenda definiert. Darin wird u.a. ein besserer Zugang zur ethnischen Bildung und zu öffentlichen Universitäten, soziale Investitionen im Bereich der Bildung, dem Wohnungsbau und der Gesundheit, die Konsultation der Schwarzengemeinschaften bei Investitionen von multinationalen Unternehmen und Grossprojekten und der Schutz vor den bewaffneten Akteuren gefordert.

Die Schwarzengemeinschaften in den Städten - insbesondere in Cali, Medellín und Bogotá, wo ein beachtlicher Prozentsatz Schwarze leben - versuchen sich ebenfalls zu organisieren und als ethnisch-territoriale Einheiten zu konstituieren und anerkannt zu werden.

Auch der Zahlenstreit des Nationalen Amtes für Statistik DANE und den Schwarzenorganisationen verdeutlicht das gewachsene Selbstbewusstsein der Schwarzen: Das DANE gibt die Zahl der AfrokolumbianerInnen aufgrund der Volkszählung von 1993 mit 503'000 an, während die Schwarzenorganisationen von 10,5 Mio. AfrokolumbianerInnen sprechen, was 26% der Gesamtbevölkerung entspricht.

Landtitulierung

Ein grosser Erfolg ist die Titulierung von rund 5 Mio. Hektar Land an der Pazifikküste. Um diese kollektiven Landtitel einzufordern, muss sich ein Gemeinschaftsrat - consejo comunitario - bilden, welcher das zu titulierende Gebiet und die dort lebende Bevölkerung erfasst. Diesem Gemeinschaftsrat obliegt es auch, einen nachhaltigen, umweltverträglichen Nutzungsplan und die interne Reglementierung auszuarbeiten. Allein die Bildung dieser Gemeinschaftsräte bedeutete für die bisher wenig organisierten Schwarzengemeinschaften eine grosse Anstrengung und ein wichtiger Erfolg. Auch wenn noch vieles zu tun ist - vor allem im Bereich der gemeinsamen Ausarbeitung und Umsetzung von Plänen zur nachhaltigen Nutzung und bei der internen Reglementierung - so gilt es doch, das Erreichte zu sehen und zu würdigen. Die Schwarzengemeinschaften sind sich heute der Bedeutung ihres Territoriums für ihr soziales, wirtschaftliches und kulturelles Überleben bewusst und versuchen sich gegen Grossprojekte, die Beschlagnahmung ihrer Gebiete und Vertreibung zu wehren.

Allerdings hat die Landtitulierung die Auseinandersetzungen um das Territorium nicht gelöst, teilweise sogar noch verschärft. Sie ist aber trotzdem eine wichtige Voraussetzung und Möglichkeit zur Verteidigung des kollektiven Landes vor dem Zugriff nationaler und internationaler Konzerne.

Das Selbstbewusstsein der schwarzen Bevölkerung, das Bewusstsein, mit ein Teil Kolumbiens zu sein, ein Recht auf Mitbestimmung zu haben, das Recht zu haben, Anders zu sein und als ethnische Gruppe respektiert und gewürdigt zu werden - dieses Bewusstsein ist gewachsen. Dies vor allem aufgrund der Anstrengungen der Schwarzengemeinschaften selber - aber auch als Folge des Gesetzes 70 von 1993, welches der schwarzen Bevölkerung die Grundlage für die Einforderung ihrer Rechte gab.

Organisation und Aufbau nationaler und internationaler Netzwerke

Einige Schwarzengemeinschaften haben zusammen mit nichtstaatlichen Organisationen NGO nationale und internationale Netzwerke aufgebaut. Sie informieren diese kontinuierlich über ihre Anstrengungen und Erfolge und klagen Übergriffe der bewaffneten Akteure gegen die Gemeinschaften an. Besonders zu erwähnen sind hier die Equipe der Sozialpastoral der Diözese Quibdó, welche seit mehr als 20 Jahren Organisationen der Indigenas und der Schwarzengemeinschaften begleitet und in ihrem Autonomieprozess unterstützt. Trotz der massiven Verschlechterung der Situation, der Präsenz der bewaffneten Akteure - Guerilla auf der einen Seite, Paramilitärs und Armee auf der anderen - des Drucks durch Grossprojekte und Infrastrukturpläne und der Vertreibung ganzer Gemeinschaften, ist es dank der Begleitung und der nationalen und internationalen Vernetzung gelungen, den Widerstand und die Autonomie der Indigena- und Schwarzenorganisationen aufrecht zu erhalten und zu stärken.

Mit ein vordringliches Ziel der Schwarzengemeinschaften und ihrer Begleitorganisationen ist es, sich der dauerhaften Vertreibung zu widersetzen und wenn immer möglich die gemeinsame Rückkehr in Würde und mit Garantien in die Wege zu leiten. Durch solche kollektiven Rückkehrprozesse haben die Schwarzengemeinschaften nicht nur den bewaffneten Akteuren die Stirn geboten, sondern auch deutlich gemacht, dass sie sich ihr Land nicht durch die Interessen von Investoren, durch Macht und Habgier wegnehmen lassen. Für sie ist klar, dass ihr soziales und ethnisch-kulturelles Überleben eng mit ihrem traditionellen Territorium verknüpft ist.

Beispielhaft ist der Rückkehrprozess der Vertriebenen des Cacarica-Flusses. Nach mehr als drei Jahren in einem Flüchtlingslager in Turbo kehrten sie unter Begleitung von Justicia y Paz und Freiwilligen der internationalen Friedensbrigaden PBI an den Cacarica-Fluss zurück. Trotz des schier unmenschlichen Drucks auf die Rückkehrgemeinschaft, den ständigen Kontrollen, den Übergriffen der bewaffneten Akteure - meist Paramilitärs und Armee - der gezielten Verleumdung und eigentlicher Diffamierungskampagnen, harren bis heute viele der RückkehrerInnen aus. Wie lange noch, dies ist eine offene Frage. Vor Kurzem sah sich die Rückkehrsiedlung Esperanza en Dios gezwungen, aufgrund des Druckes der Paramilitärs Zuflucht in der Rückkehrsiedlung Nueva Vida zu suchen. Zudem läuft gegen Justicia y Paz, welche die Rückkehrgemeinschaft begleitet, eine massive Einschüchterungs- und Diffamierungskampagne.

Internationaler Druck ist grundlegend für die Unterstützung der Schwarzengemeinschaften in ihrem Kampf um die Respektierung ihrer Rechte und der Einforderung des Gesetzes 70 von 1993. Dies zeigen auch die Anstrengungen der ASK auf (siehe unten).

...und die Schwierigkeiten

Begrenzte Autonomie

Das Gesetz 70 bildet eine wichtige Basis für den Kampf der Schwarzengemeinschaften um ihre traditionellen Siedlungsgebiete. Aber es hat auch grosse Mängel: So können Ufergebiete am Meer nicht tituliert werden. Die Folge: Praktisch das gesamte Ufergebiet der Pazifikküste befindet sich in den Händen Privater, viele davon mit engen Verbindungen zum Drogenhandel. Der kollektive Landtitel bezieht sich nur auf die Oberfläche. Werden im Untergrund des titulierten Landes Bodenschätze gefunden oder sind Infrastrukturvorhaben von nationaler Bedeutung geplant, so haben diese Vorrang. Auch ist die kollektive Landtitulierung nur für traditionell von Schwarzengemeinschaften bewohnte Gebiete entlang von Flussläufen vorgesehen, nicht aber für städtische Gemeinschaften. Viele im Gesetz 70 vorgesehene Rechte sind nicht umgesetzt worden. Den aktuellen Entwicklungsplan der Regierung Uribe betrachten die Schwarzengemeinschaften als gegen die Autonomie ihrer Territorien gerichtet. Uribe ist fest entschlossen, Infrastrukturprojekte auch gegen den Widerstand der lokalen Bevölkerung und über deren Landtitel hinweg zu realisieren. Die historisch ansässigen indigenen und afrokolumbianischen Gemeinschaften werden dabei als Entwicklungshindernisse gesehen, die es zu beseitigen gilt.

Gewalt, Krieg und Vertreibung

Die Erschliessungspläne der kolumbianischen Pazifikküste sind Teil des Vorhabens, die strategische geografische Lage Kolumbiens auszunutzen, um das Land zu einer gewaltigen Drehscheibe des globalen Handels zu machen und gleichzeitig die enormen Bodenschätze und den natürlichen Reichtum der Pazifikküste auszubeuten. 1986 wurden die ersten Pläne präsentiert, welche u.a. den Bau von Superhäfen, neuer Strassenverbindungen und als Kernelement eine neue interozeanische Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik - als Ersatz für den veralteteten Panamakanal - vorsehen. Absicht dieser Erschliessungspläne ist auch die Ausbeutung der meist noch unangetasteten Bodenschätze und Holzvorkommen des tropischen Regenwaldes an der Pazifikküste.

Diese wirtschaftlichen Interessen brachten den Krieg an die Pazifikküste. 1992 begann das Eindringen der Paramilitärs entlang der Strasse Medellín - Quibdó und auch die Guerilla begann Präsenz zu markieren. 1996 kam es zu grossen gemeinsamen Aktionen von Paramilitärs und der Armee, die zu Massakern an der Bevölkerung und zur Vertreibung von Zehntausenden von AfrokolumbianerInnen führten. Der paramilitärische Einfall folgte exakt der Route der zu bauenden Strassen und Kanäle. Karten mit zukünftigen Erschliessungsprojekten decken sich mit den Orten, in denen es zu Massakern und Vertreibung kam.

Aber auch der forcierte Anbau von Ölpalmen, die Ausbreitung der Kokaplantagen, die Ausbeutung von Gold-, Platin- und anderen Metallvorkommen wie auch die bekannten, aber noch ungenutzten Erdölvorkommen in der Region tragen mit zur Gewalt bei. Während sich die bewaffneten Akteure die Kontrolle über diese wirtschaftlich lukrativen Gebiete streitig machen, wird die Bevölkerung systematisch vertrieben, um die Investitionsgebiete von potentiellem Widerstand und Entwicklungshindernissen zu säubern. So folgte der Landtitulierung der paramilitärische Einmarsch und die Vertreibung oft auf dem Fuss. Die Vertreibung trifft die afrokolumbianische Bevölkerung besonders hart: Von den rund 3 Mio. internen Flüchtlingen sind rund 1,2 Mio. AfrokolumbianerInnen.

Autonomie und Widerstand stärken

Konfrontiert mit dieser völlig neuen Kriegssituation haben die indigenen und Schwarzengemeinschaften der Pazifikküste ihre Organisations-, Autonomie- und Widerstandsprozesse verstärkt. Sie sind sich bewusst, dass es für sie keine Alternative gibt, als in ihren traditionellen Gebieten ihre Lebensprojekte beharrlich und trotz aller Hindernisse weiter zu verfolgen. Dies geschieht meist still und ohne Aufsehen zu erregen. Sie haben Strategien entwickelt, um sich der definitiven Vertreibung zu widersetzen und fordern die Respektierung ihres Rechtes ein, als Zivilbevölkerung nicht in die bewaffneten Auseinandersetzungen verwickelt zu werden. Sie klagen die Übergriffe aller bewaffneten Akteure gleichermassen an, machen aber auch auf die hinter den gewaltsamen Aktionen stehenden wirtschaftlichen Interessen aufmerksam. Internationale Unterstützung der indigenen und Schwarzengemeinschaften ist wichtig und notwendig, auch wenn selbst sie im kolumbianischen Kontext keine Garantie bietet. Zu hoffen ist, dass sich vermehrt Umweltorganisationen oder Klimabündnisstädte für ein Engagement zugunsten der traditionellen Bevölkerung der kolumbianischen Pazifikküste und ihres Kampfes um ihr Überleben in einer intakten Umwelt gewinnen lassen. Denn der pazifische Regenwald ist nicht nur eine der wichtigsten Lungen der Erde, sondern auch eines der Gebiete mit der grössten Artenvielfalt.

Die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien ASK und der Autonomieprozess der Schwarzengemeinschaften

Als gegen Ende der 80er Jahre der Plan 2000 zur Erschliessung der kolumbianischen Pazifikküste bekannt wurde, hat die ASK dieses Gebiet zu einem Schwerpunkt gemacht, Beziehungen zu indigenen und Schwarzenorganisationen aufgebaut, diese bei Informationsreisen in Europa unterstützt und die Situation hier bekannt gemacht. Die ASK unterstützte 1993 mit einer Unterschriftenkampagne und einem Besuch bei dem kolumbianischen Botschafter die Verabschiedung des Gesetzes 70 von 1993 und hat dessen Umsetzung kritisch begleitet. Unzählige Protestbriefe wegen Menschenrechtsverletzungen und illegalem Holzschlag wurden von der ASK an die kolumbianischen Behörden gerichtet.

Das Klimabündnis - eine mögliche Brücke zwischen Schweizer Städten und der Pazifikküste

Die Situation an der kolumbianischen Pazifikküste zeigt mit aller Deutlichkeit auf, dass Klimaschutz nur über den Schutz und die Stärkung der traditionellen Bevölkerung in den Regenwaldgebieten erreicht werden kann. Sie ist der beste Garant für die Bewahrung des ökologischen Gleichgewichts, der Artenvielfalt und einer nachhaltigen, nicht zerstörerischen Nutzung der Ressourcen. Das Klimabündnis der europäischen Städte mit den indigenen Völkern der Regenwälder zum Erhalt der Erdatmosphäre verfolgt genau diese Zielsetzung. In diesem Klimabündnis verpflichten sich die europäischen Mitgliederstädte zur Reduktion des Energieverbrauchs und zur Verringerung des motorisierten Verkehrs, gleichzeitig aber auch, die Interessen der amazonischen Indianervölker an der Erhaltung des tropischen Regenwaldes, ihrer Lebensgrundlage, durch die Titulierung und die nachhaltige Nutzung der indianischen Territorien zu unterstützen. Durch die Verteidigung der Wälder und Flüsse tragen sie dazu bei, dass unsere Erdatmosphäre für die zukünftigen Generationen als grundlegende Bedingung für menschliches Leben erhalten bleibt.

Rund 20 Schweizer Städte sind dem Klimabündnis beigetreten. Seit 1996 hat die ASK versucht, gezielt einzelne Klimabündnisstädte für eine Partnerschaft mit den indigenen und Schwarzengemeinschaften der Pazifikküste zu gewinnen. Dazu wurde eine Ausstellung zum Klimabündnis und der Pazifikküste realisiert. Einzelne Städte konnten für die Unterstützung eines Projektes gewonnen werden, doch sind wir vom Ziel einer wirklichen Partnerschaft - welche auch ein inhaltliches und politisches Engagement verlangt - noch weit entfernt. Die ASK will dieses Ziel aber weiter verfolgen.

  top

Züruck Home